Inferentielle Semantik

Inferentielle Semantik

Inferentielle Semantik bezeichnet eine jüngere Familie von Bedeutungstheorien, die u.a. in der analytischen Sprachphilosophie, Semantik, Philosophie des Geistes, Neurophilosophie und anwendenden Disziplinen diskutiert werden.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung

Ursprung des Konzepts einer inferentiellen Semantik ist die Wittgensteinsche Auffassung, die Bedeutung eines Ausdrucks auf dessen Gebrauch zurückzuführen. Dem war u.a. Wilfrid Sellars gefolgt. Wichtige zeitgenössische Vertreter sind etwa Ned Block und Robert Brandom. Als Vertreter der inferentiellen Semantik grenzt Brandom sich von repräsentationalistischen Positionen ab, die er bei Descartes sowie - in der analytischen Philosophie - bei Carnap und Russell verwirklicht sieht und interpretiert bestimmte Positionen in der neuzeitlichen Philosophie, etwa Spinoza und Hegel, als Vorläufer des Inferentialismus.[1]


Von einigen Philosophen wird die These vertreten, dass eine wahrheitskonditionale Semantik, wie sie von Davidson vorgeschlagen wird, zur inferentiellen Semantik in Gegensatz steht.[2] Jerry Fodor prägte den Ausdruck inferential role semantics als Kampfbegriff, um eine für ihn verfehlte, da nicht-kompositionale Bedeutungstheorie anzugreifen. Jerry Fodor und Ernest Lepore sprechen auch schelmisch von "New Testament Semantics". Sie haben zu zeigen versucht, dass jede inferentielle Semantik auf einen semantischen Holismus verpflichtet. Inferentielle und beweistheoretische Semantiken weisen Berührungspunkte auf.

Brandoms normative Pragmatik

Für Brandom ergibt sich die Bedeutung einer Aussage aus den impliziten Schlussfolgerungen und Prämissen, zu denen sie einen kompetenten Sprecher berechtigt oder verpflichtet. So repräsentiert die Aussage 'Heute ist Mittwoch' nicht einen bestimmten objektiv gegebenen Sachverhalt. Vielmehr ist sie nur verständlich im Rahmen bestimmter sozial geprägter Sprachregeln, nach denen sich beispielsweise als Schlussfolgerung die Aussage 'Morgen ist Donnerstag' ableitet.[3] Mit dem Verweis auf die Regeln des Sprachgebrauchs versucht Brandom daher, die inferentielle Semantik auf einer normativen Sprachpragmatik zu begründen.

Semantik begrifflicher Rollen

Abweichend von Wittgenstein ist in der Semantik begrifflicher Rollen (conceptual role semantics, nachfolgend CRS; auch inferential oder functional role semantics: Semantik inferentieller oder funktionaler Rollen) nicht der Sprachgebrauch der Bezugspunkt, sondern die Funktion und Struktur von Begriffen im Funktionszusammenhang menschlichen Bewusstseins, sofern dieser Zusammenhang formallogisch repräsentierbar ist. Diese Theorie hat ihren Ursprung in Ideen von Gilbert Harman und Hartry Field. Weitere Vertreter sind Ned Block, Paul Horwich, Brian Loar, Colin McGinn, Christopher Peacocke, William Woods, Philip Johnson-Laird.[4] Die CRS behauptet: Die Bedeutung einer Repräsentation (vorliegend z.B. im Vehikel eines sprachlichen Ausdrucks oder eines mentalen Zustands) ist identifizierbar mit der Rolle, welche diese Repräsentation im bewussten Leben (u.a. in Wahrnehmen, Denken und Entscheiden) eines Akteurs spielt oder kontrafaktisch spielen würde.[5] Die Orientierung an funktionalen Rollen impliziert, dass ein Ausdruck seine Bedeutung erst im Zusammenhang eines mentalen Beziehungsgefüges besitzt. Dieses kann, wie die Rede von "Inferenzen" (logischen Folgerungen) akzentuiert, insbesondere an begrifflichen Relationen und logischen Implikationen abgelesen werden.

Einzelnachweise

  1. R. Brandom: Making it Explicit, S. 97 f.
  2. Dorit Bar-On, Claire Horisk, William G. Lycan: Deflationism, meaning and truth-conditions, in: Philosophical Studies 101/1 (2000), S.1-28. Nebst einem Postscript (S. 344-352) auch in: B. Armour-Garb / J.C. Beall (Hgg.): Deflationary Truth, Open Court Press, Chicago and La Salle 2005, S. 321-343.
  3. R. Brandom: Making it Explicit, HUP: Cambridge, Mass. 1998, S. 93 ff.
  4. Nach Block, l.c.
  5. Eng nach Ned Block: Art. Semantics, Conceptual Role, in: The Routledge Encyclopedia of Philosophy

Literatur

  • Ned Block: Holism, Hyper-Analyticity and Hyper-Compositionality, in: Philosophical Issues 3 (1993), 37-72
  • Paul A. Boghossian: Does an Inferential Role Semantics Rest upon a Mistake?, in: Philosophical Issues 3 (1993), 73-88.
  • Paul A. Boghossian: Inferential role semantics and the analytic/synthetic distinction, in: Philosophical Studies 73/2-3 (1994), 109-122.
  • Jerry Fodor / Ernest Lepore: Why Meaning (Probably) Isn't Conceptual Role, in: Mind & Language 6/4 (1991), 328-343.
  • Jerry Fodor / Ernest Lepore: The compositionality papers, Oxford University Press, Oxford 2002, ISBN 0199252165.
  • Jaroslav Peregrin: Pragmatization of Semantics, in: K. Turner (ed.): The Semantics/Pragmatics Interface from Different Points of View, Elsevier, Amsterdam 1999, 419-442. ISBN 9780080430805. Online-Version
  • William J. Rapaport: Holism, Conceptual-Role Semantics, and Syntactic Semantics, in: Minds and Machines 12/1 (2002), 3-59
  • Ted A. Warfield: On a syntactic argument against conceptual role semantics, in: Analysis 53/4 (1993), 298-304

Weblinks


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