- Experimentum Crucis
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Als experimentum crucis (lat. „Kreuzesversuch“) bezeichnet man in der Wissenschaftstheorie ein Experiment, dessen Scheitern die dem Experiment zugrunde liegende Theorie falsifiziert oder überwindet.
Geschichte
Die Bezeichnung geht auf den Philosophen und Staatsmann Francis Bacon zurück. Der Urvater der modernen Wissenschaftstheorie, Karl Popper, erblickte in dem Vorhandensein eines experimentum crucis ein Gütekriterium von wissenschaftlichen Theorien. So hat die seinerzeit hochgepriesene Unwiderlegbarkeit der Theorie Sigmund Freuds die Kritik Poppers auf den Plan gerufen, dass die systematische Unmöglichkeit eines experimentum crucis vielmehr einen entscheidenden Makel darstellt.
Kritik
Die Idee des experimentum crucis wird in der heutigen Wissenschaftstheorie in seiner Bedeutung für wissenschaftlichen Fortschritt angezweifelt.
Die empirisch orientierte Wissenschaftsgeschichte kann zudem zeigen, dass die Entstehung und Durchsetzung einer bestimmten Alternativtheorie zu einem bisherigen Modell an bestimmte geschichtliche Situationen gebunden ist und sich unter Umständen nur langsam trotz unbestreitbarer Überlegenheit durchsetzt. Unter bestimmten geschichtlichen Situationen können sie sich sogar überhaupt nicht durchsetzen, wie wissenschaftliche Erfindungen z.B. im kaiserzeitlichen China zeigen. Generell ist der Erfolg neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse fast in allen Gesellschaften meist dann gut, wenn sie militärisch nutzbar gemacht werden können.
Wissenschaftliche Revolutionen nach Thomas Kuhn können sich meist erst dann durchsetzen, wenn frühere vorherrschende Theorien stark in der Krise sind, einflussreiche Vertreter bisheriger Theorien wegsterben und die neue Theorie in das jeweils aktuelle Weltbild möglichst noch besser hineinpasst.
So fiel die Evolutionstheorie Darwins in eine Zeit allgemeinen gesellschaftlichen Aufbruchs im 19. Jh., in der verschiedene bisher mit Autorität auf der Bibel gelöste wissenschaftliche Fragestellungen aufgrund der autoritätskritischen und dafür wissenschafts- und technikgläubigen Stimmung in der gesamten Gesellschaft auf fruchtbaren Boden fielen. Im Sinne eines Kompetenzkonfliktes in naturwissenschaftlichen Belangen zwischen biblischer Orthodoxie und autonomiesuchender Wissenschaft waren auch nur wenig Wissenschaftler von Ruf bereit, für die heftig opponierende orthodoxe Kraft der anglikanische Kirche mit wissenschaftlichen Gegenargumenten zu kämpfen. Auf Seiten der Befürworter waren zudem wortmächtige Vertreter wie Huxley und Haeckel, die weit mehr für die Popularisierung der Theorien Darwins beitrugen als dieser selbst, und denen auf der Gegenseite ein von vorneherein bei vielen Zeitgenossen als zwar autoritär, aber wenig in naturwissenschaftlichen Dingen kompetent angesehener Bischof Wilberforce gegenüberstand.
Auf der anderen Seite bestanden bereits anfangs des 20. Jahrhunderts Gründe für die Richtigkeit der Theorie der Kontinentaldrift (wenn auch nicht bzgl. des Mechanismus selbst) wie die kaum durch Zufall erklärbaren Kontinententalformen beiderseits des Atlantiks sowie der kontinentübergreifenden Gesteinsformationen und Fauna- und Florenreiche. Aber erst mit der Akzeptanz der Plattentektonik als grundlegende Theorie der Erdgeologie, sozusagen als globalisierte Erdgeschichte, wurde nach Mitte des 20. Jh. Alfred Wegener als Wegbereiter erstmals gewürdigt.
Vor allem in Biologie und Medizin setzten sich neue Theorien erst nach hartem Widerstand von Vertretern der bisherigen Wissenschaften, zum Teil auch unter Inkaufnahme von zahlreichen Todesopfern, durch. Dies kann insbesondere am langen Widerstand gegen wirksame Maßnahmen zur Cholerabekämpfung, solange nur arme Bevölkerungsschichten betroffen waren, (z.B. in Hamburg) und der Ablehnung der Hygiene-Maßnahmen von Professor Semmelweis gegen das Kindbettfieber im Wien des 19. Jahrhundert gezeigt werden.
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