Reichsbahnausbesserungswerk Dresden

Reichsbahnausbesserungswerk Dresden

Das Reichsbahnausbesserungswerk Dresden ist ein ehemaliges Ausbesserungswerk im Dresdner Stadtteil Friedrichstadt. Von 1894 an diente es der Instandsetzung von Wagen und zunächst auch Lokomotiven. Nach der politischen Wende 1990 sank der Bedarf an zweiachsigen Güterwagen rapide und das Reichsbahnausbesserungswerk musste Mitte der 1990er Jahre schließen.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Das Ausbesserungswerk befand sich zwischen dem Rangierbahnhof Dresden-Friedrichstadt und dem heutigen Emerich-Ambros-Ufer. Es bestand aus je einer Wagen- und einer Lokomotiv-Reparatur-Werkstatt, die diagonal zur Hauptrichtung der Bahnhofsgleise ausgerichtet waren. So konnten viele Gleise direkt in die Gebäude geführt und ausbesserungswürdige Güterwagen direkt vom Ablaufberg gesammelt sowie dem Ausbesserungswerk zugeführt werden. Daneben entstanden unter anderem eine Schmiede, große Richthallen sowie mehrere Dienst-, Lager- und Verwaltungsgebäude.[1]

Geschichte

Zeitgleich mit dem Bau des Rangierbahnhofs errichteten die Sächsischen Staatsbahnen zwischen dem 6. September 1890 und dem November 1894 das Ausbesserungswerk, damals noch als Werkstättenbahnhof bezeichnet. In den ersten Jahren nach der Inbetriebnahme wurden hier alle in Dresden und Umgebung beheimateten Normal- und Schmalspurlokomotiven sowie alle Wagentypen repariert. Den höchsten Personalbestand seiner Geschichte erreichte das Werk im Jahr 1921 mit 3000 Beschäftigten; damit war dieser Betrieb einer der größten Arbeitgeber im Dresdner Westen.[1]

Nach der Gründung der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft 1924 wurde von den Ausbesserungswerken die Erwirtschaftung größerer Reparationsleistungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs verlangt, die man mit Rationalisierungsmaßnahmen zu erreichen hoffte. Damit einher ging im Dezember 1924 zunächst die Umbenennung der Friedrichstädter „Hauptwerkstatt“ (HW) in „Eisenbahn-Ausbesserungswerk“ (EAW) und 1927 in „Reichsbahn-Ausbesserungswerk“ (Raw). In den ersten Zwischenkriegsjahren waren noch mehrere neue Hallen auf dem Werksgelände gebaut worden. Im Zuge einer Umstrukturierung der mit der Reparatur beschäftigten Reichsbahnbetriebe gab das Dresdner Raw im Jahr 1931 die Zuständigkeit für die Schmalspurausbesserung und im Jahr 1938 für die Lokomotivausbesserung an das Raw Chemnitz ab. Seitdem erfuhren Lokomotiven hier nur noch Schnellausbesserungen.[1]

Mahnmal für die im Raw ermordeten KZ-Häftlinge

Während des Zweiten Weltkriegs wurden im Raw Friedrichstadt zahlreiche Ostarbeiter, aber auch Kriegsgefangene eingesetzt. Von September 1944 bis April 1945 arbeiteten durchschnittlich 500 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Flossenbürg hier, von einem SS-Kommando bewacht.[2] Mindestens 79 Häftlinge starben in Dresden; ein Mahnmal am Emerich-Ambros-Ufer erinnert an sie.[3]

In den ersten Nachkriegsjahren stand die Reparatur aller normalspurigen Lokomotiven und Wagen auf dem Programm. Mitte der 1950er Jahre spezialisierte sich das Werk auf zweiachsige Güterwagen, als Neubauten entstanden hier unter anderem der nach Erwin Kramer benannte Kramer-Wagen in materialschonender Bauart ohne Klappen und Türen sowie ab 1964 der offene Güterwagen Es-u. Von Letzterem wurden bis zum Jahr 1978 25.000 Stück gebaut. Danach erfolgte nur noch die Instandhaltung dieses Typs sowie bauartgleicher Güterwagen. Daneben führte das Raw kleinere Sonderaufträge aus, so im Jahr 1982 den Bau der Elektroakkulokomotive EA02 für die Parkeisenbahn Dresden, nachdem schon Anfang der 1960er Jahre die EA01 hier gebaut worden war. Auch die meisten Wagen der Parkeisenbahn sind hier entstanden.[1]

Eine Zäsur für das Werk war die politische Wende im Osten Deutschlands 1989/90. Der Güterverkehr ging stark zurück und der Bedarf an Güterwagen sank deutlich. Der daraus folgenden Reduzierung des Betriebsbestandes an Güterwagen fielen als erstes die nicht mehr zeitgemäßen zweiachsigen Wagen zum Opfer. Durch die räumlichen Gegebenheiten bedingt war eine Reaktion auf diese geänderten Marktbedingungen kaum möglich. Die Hallen und die Schiebebühnenkonstruktion ließen keine Instandhaltung von Wagen länger als 15 Meter zu.

Das Güterverkehrszentrum Dresden befindet sich heute auf dem Gelände des ehemaligen Ausbesserungswerks

Die Fahrzeuginstandhaltung lief deshalb Anfang der 1990er Jahre aus. Viele der früher gebauten Wagen wurden hier von der Belegschaft zerlegt, bevor das Werk Mitte der 1990er Jahre schloss und ab 1998 zugunsten des geplanten Güterverkehrszentrums abgerissen wurde.[1]

Literatur

  • Kurt Kaiß und Matthias Hengst: Dresdens Eisenbahn: 1894-1994. Alba Publikation, Düsseldorf 1994. ISBN 3-87094-350-5

Einzelnachweise

  1. a b c d e Kaiß/Hengst: Dresdens Eisenbahn, Kapitel: Das Ausbesserungswerk Dresden-Friedrichstadt, Seite 211ff.
  2. International Tracing Service HQ: Catalogue of Camps and Prisons in Germany and German-occupied Territories, Arolsen, 1949, S. 238 und 1950, S. 560; Nachdruck in: Martin Weimann (Hrsg.): Das nationalsozialistische Lagersystem, Frankfurt/Main, 1998.
  3. Wolfgang Benz und Barbara Distel (Hrsg.): Flossenbürg: Das Konzentrationslager Flossenbürg und seine Außenlager, Kapitel Dresden (Reichsbahnausbesserungswerk), Seite 85ff.
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