Dschābir ibn Hayyān

Dschābir ibn Hayyān
Darstellung „Gebers“ in einer lateinischen alchemististischen Sammelhandschrift des 15. Jh., Ashb. 1166, Biblioteca Medicea Laurenziana, Florenz

Abū Mūsā Dschābir ibn Hayyān (arabisch ‏ابو موسى جابر بن حيان‎, DMG Abū Mūsā Ǧābir ibn Ḥayyān, latinisiert Geber, Jeber, Yeber) ist der Name eines in seiner historischen Existenz umstrittenen Autors, der nach arabischer Überlieferung in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts gewirkt haben soll. Als Schüler des sechsten Imams Ǧafār aṣ-Ṣādiq soll Dschābir einer hermetischen Schule vorgestanden, und ein umfangreiches Werk naturphilosophisch-alchemistischer Schriften hinterlassen haben.

Inhaltsverzeichnis

Das „Corpus Gabirianum“ und der “Pseudo-Geber“

Die Wiederentdeckung Ǧābirs für die Wissenschaftsgeschichte der Chemie und Alchemie wurde im 19. Jahrhundert durch Hermann Kopp eingeleitet, der allerdings keinen eigenen Zugang zu den arabischen Ǧābir-Texten besaß und trotz eigener Zweifel an der Echtheit einiger der von ihm untersuchten lateinischen Schriften noch keine kritische Unterscheidung vornahm. Infolge der Richtigstellungen insbesondere von Berthelot, Kraus und Newman wird in der Forschung heute unterschieden zwischen dem Corpus Gabirianum (auch Ǧābir-Corpus, in englischsprachiger Literatur Corpus Jabirianum) der arabischen Schriften, denen auch mindestens drei lateinische Übersetzungen zugeordnet werden können (Liber de septuaginta, Liber misericordiae, Liber triginta verborum)[1], und dem erst spätmittelalterlichen lateinischen Corpus Geberi oder Pseudo-Gebers, das im 13./14. Jahrhundert wahrscheinlich in Italien entstand und in keiner engeren inhaltlichen Beziehung zum Corpus Ǧābirianum steht, aber aufgrund der irrigen Zuschreibung an Ǧābir ibn Ḥayyān die Geschichte der Naturwissenschaften und ihrer technischen Instrumente nachhaltig durcheinandergebracht hat.

Unter den lateinischen Schriften kann für deren geschichtlich wichtigste, die wahrscheinlich von einem Petrus de Tarento verfasste Summa perfectionis magisterii und die darauf beruhenden, aber von verschiedenen anderen Autoren stammenden Schriften De investigatione perfectionis, De inventione veritatis und Liber fornacum sowie für das Testamentum Geberi regis Indiae aufgrund der Forschungen Newmans die Zuordnung zum spätmittelalterlichen Corpus Pseudo-Gebers als gesichert gelten, während für weitere lateinische Überlieferung die Beziehung zu möglichen Vorlagen im arabischen Corpus Gabirianum zum Teil noch klärungsbedürftig und die Geschichte der europäischen volkssprachlichen Übertragungen aus dem Lateinischen noch weitgehend unerforscht ist.

Die Entstehungsgeschichte und Zuschreibung des arabischen Corpus Gabirianum, für das Kraus rund 3000 arabische Schriften und Miszellen nachweist, ist demgegenüber strittig geblieben. Nach dem Befund von Kraus, der in weiten Teilen der Forschung Zustimmung gefunden hat, ist auch das arabische Corpus insgesamt als ein pseudepigraphisches anzusehen und erst in einem ismailitisch geprägten Milieu nicht vor dem Ende des 9. Jahrhunderts entstanden. Als Verfasser eines Teils (rund 500) dieser Schriften vermutet Kraus dabei al-Ḥasan ibn an-Naikd, da dessen Freund Abū Sulaimān as-Siǧistāni († nach 981) berichtet, dass dieser eigene Bücher als Schriften Ǧābir ibn Ḥayyāns ausgegeben und damit bei alchemiebegeisterten Lesern „eine anständige Summe Geldes verdient“ habe [2].

Dieser Auffassung wurde seither besonders nachdrücklich von Fuat Sezgin widersprochen, der die arabischen Schriften weiterhin im Wesentlichen einem einzigen Verfasser, dem Ǧābir ibn Ḥayyān der arabischen Überlieferung zuschreibt, der vor 725 geboren und um 812 gestorben sei. Eine vermittelnde Position nimmt unter anderem Hossein Nasr ein, der an der Historizität Ǧābirs und seiner Datierung ins 8. Jahrhundert (laut Nasr ca. 721–ca. 815) festhält und innerhalb des Corpus Gabirianum eine Unterscheidung zwischen authentischen Schriften dieses Autors und späteren pseudepigraphischen Erzeugnissen einer ismailitischen Bruderschaft befürwortet.

Einzelnachweise

  1. Vgl. Robert Halleux: Les textes alchimiques, Brepols, Turnhout 1979 (= Typologie des sources du moyen âge occidental, 32), S. 25-26
  2. Zitiert nach Manfred Ullmann: Die Natur- und Geheimwissenschaften im Islam. Brill, Leiden [u.a.] 1972, S. 203f.

Literatur

  • Marcellin Berthelot: La chimie au moyen âge. Impr. Nationale, Paris 1893
  • Syed Nomanul Haq: Names, Natures and Things: The Alchemist Jābir ibn Ḥayyān and his Kitāb al-Aḥjār. Kluwer, Dodrecht [u.a.] 1994 (= Boston Studies in the Philosophy of Science, 158), ISBN 0-7923-2587-7
  • Guido Jüttner: Art. Ǧābir-Corpus (Geber) und Ps. Geber (latinus), in: Lexikon des Mittelalters, Band IV (1988), Sp. 1071f. und 1154
  • Hermann Kopp: Geschichte der Chemie. Erster Theil Vieweg und Sohn, Braunschweig 1843
  • Hermann Kopp: Beiträge zur Geschichte der Chemie. Drittes Stück: Ansichten über die Aufgabe der Chemie und über die Grundbestandtheile der Körper bei den bedeutenderen Chemikern von Geber bis G. E. Stahl. Vieweg und Sohn, Braunschweig 1875
  • Paul Kraus: Jābir ibn Ḥayyān. Contribution à l'histoire des idées scientifiques dans l'Islam. Kairo 1942-1943 (= Mémoires présentés à l'Institut d'Égypte, 44-45)
  • Seyyed Hossein Nasr: Science and Civilisation in Islam. Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 1968, ISBN 0-946621-11-X
  • William R. Newman: The Summa perfectionis of Pseudo-Geber: A Critical Edition, Translation, and Study. Brill, Leiden [u.a.] 1991 (= Collection des travaux de l'Académie Internationale d'Histoire des Sciences, 35), ISBN 90-04-09464-4
  • Martin Plessner: Ǧābir ibn Ḥayyān und die Zeit der Entstehung der arabischen Ǧābir-Schriften. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 115 (1965), S. 23-65
  • Fuad Sezgin: Das Problem des Ǧābir ibn Ḥayyān im Lichte neu gefundener Handschriften. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 114 (1964), S. 255-268
  • Fuad Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums, Band IV, Brill, Leiden [u.a.] 1976
  • Manfred Ullmann: Die Natur- und Geheimwissenschaften im Islam. Brill, Leiden [u.a.] 1972, S. 198ff.

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