Eranos

Eranos

Eranos (griechisch ἔρανος) war im antiken Griechenland ursprünglich (etwa bei Homer oder Pindar) ein Freundschaftsmahl mit einer besonderen „Atmosphäre“, an dessen Kosten sich alle Teilnehmer gleichermaßen beteiligten. Dabei bedeutet „Kosten“ nicht, dass die Teilnehmer dem Gastgeber anteilig Geld zahlten. Vielmehr brachten sie eigene Nahrungsmittel, Köstlichkeiten und Weine mit. Der έρανος im heutigen Griechisch bedeutet spezieller eine konkrete Spendensammlung oder Fundraising-Aktion [1].

In übertragener Bedeutung ist ein Eranos ein geistiges Fest, zu dem die Eingeladenen Eigenes mitbringen, eine Rede zum Beispiel, ein Lied, einen Trunk oder auch und nicht zuletzt die Offenheit, beim gemeinsamen Gespräch in der Runde schöpferisch zu improvisieren (zitiert nach Tilo Schabert).

Bereits Homer benutzte in der Odyssee den Begriff Gastmahl eranos im Gesang 1.226 oder Gesang 11.415. Differenzierend wurde schon zwischen dem reinen Mahl (griechisch Δειπνον) und dem Symposium (griechisch Συμποσιον) unterschieden, wobei sich bei letzteren die Teilnehmer mit Trinken und munteren Unterhaltungen aller Art vergnügten. Das gemeinsame intellektuelle Bestreben ist das Kennzeichen eines Freundschafts- und Gastmahles des Eranos. Der Eranos konnte auch periodisch stattfinden.

Der Eranos hatte gelegentlich auch einen konkreten Zweck: So konnte ein Eranos z.B. eine Geldsammlung sein, die zugunsten einer Person für einen bestimmten Anliegen (Loskauf aus Gefangenschaft oder Sklaverei, Bezahlung einer Geldstrafe) durchgeführt wurde. Das Geld wurde als zinsloses Darlehen gewährt und konnte zurückgefordert werden. Auch bestimmte Formen von Vereinen wurden als Eranos bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Eranos-Tagungen

Von dieser Bedeutung leitet sich die Benennung der seit 1933 in Ascona (Schweiz) am Berg Monte Verità und an den Ufern des Lago Maggiore durchgeführten Eranos-Tagungen ab. Die Eranos-Tagungen wurden von Olga Fröbe-Kapteyn als eine Begegnungsstätte östlicher und westlicher Religion und Geistigkeit geplant und in der Folgezeit berühmt wegen ihrer Diversität und ihrer humanistischen Themen. Philosophen, Wissenschaftler, Studenten disparater Disziplinen leben und essen gemeinsam für acht Tage, was eine förderliche Atmosphäre zum produktiven Diskutieren der gegenseitig vorgetragenen Reden schafft. Carl Gustav Jung sprach auf vielen Eranos-Tagungen. C.G. Jung traf hier auf die Frau von Paul Mellon, die ihren Mann zu Spenden für die Verbreitung jungscher Ideen in den USA bewog.

Eranos-Jahrbücher

Basierend auf den Reden erscheinen die anerkannten Eranos-Jahrbücher (in dt., engl., ital.). So lautete der Titel des 1933-Jahrbuches Yoga und Meditation im Osten und im Westen. C. G. Jung war ein regelmäßiger Teilnehmer, der seine Theorien, wie auch viele andere Redner, maßgeblich in den Eranos-Tagungen durch den Diskurs (z.B. mit Karl Kerényi und Mircea Eliade) entwickelte bzw. weiterentwickelte. Zu diesem Kreis zählten auch Erich Neumann, Gershom Scholem, Adolf Portmann, Herbert Read, und Joseph Campbell. Der letztere kümmerte sich ab 1954 um die Verbreitung von Beiträgen aus den Eranos Jahrbücher in den USA. Bedeutende Redner (auch aus der jüngeren Zeit) waren Erich Neumann, Heinrich Zimmer, Gustav Richard Heyer, Karl Löwith, Henry Corbin, Eric Voegelin, Jean Gebser, Annemarie Schimmel, Jan Assmann und Erwin Schrödinger.

Eranos Vindobonensis

Der Eranos Vindobonensis veranstaltet ebenfalls im Sinne des Eranos-Gedankens bereits seit 1876 Vorträge und Referate am Institut für Klassische Philologie, Mittel- und Neulatein der Universität Wien, die den Wissens- und Erfahrungsaustausch im Gebiet der klassischen Altertumswissenschaften fördern.[2] Der derzeitig amtierende Präsident des Eranos Vindobonensis ist Univ.Prof. Dr. Farouk Grewing.

Quellen

  1. siehe Dictionary
  2. siehe Statuten des Eranos Vindobonensis

Literatur

  • Hans Thomas Hakl: Der verborgene Geist von ERANOS. Unbekannte Begegnungen von Wissenschaft und Esoterik. Eine alternative Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. scientia nova - Verlag Neue Wissenschaft, Bretten 2001. ISBN 3-935164-02-5.
  • Riccardo Bernardini: Jung a Eranos. Il progetto della psicologia complessa. FrancoAngeli, Milano 2011, ISBN 978-88-568-3449-9.
  • Elisabetta Barone, Matthias Riedl, Alexandra Tischel (Hrsg.): Pioniere, Poeten, Professoren. Eranos und der Monte Veritá in der Zivilisationsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Königshausen und Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2252-1.
  • Gian Piero Quaglino, Augusto Romano, Riccardo Bernardini (Hrsg.): Carl Gustav Jung a Eranos 1933-1952, Antigone Edizioni, Torino 2007, ISBN 978-88-95283-13-5.
  • Steven M. Wasserstrom: Religion after religion. Gershom Scholem, Mircea Eliade, and Henry Corbin at Eranos. Princeton Univ. Press, Princeton 1999, ISBN 0-691-00539-7.
  • Tilo Schabert: Une herméneutique intercivilisatrice: L’École d’Eranos, in: Nicolas Weill (Hrsg.): Existe-il une Europe philosophique?, Rennes, Presses Universitaires de Rennes, 2005, 297-302.
  • Eranos, Neue Folge, hg. von T. Schabert, G. Zarone, Vol.1-8, Fink Verlag, München, 1993 ff., Vol. 9 - Königshausen & Neumann, Würzburg, 2002 ff. - Vol. 13: Tilo Schabert, Matthias Riedl (Hrsg.): Die Menschen im Krieg, im Frieden mit der Natur - Humans at War, at Peace with Nature, Königshausen und Neumann, Würzburg 2006 ISBN 3-8260-3392-2.
  • Urs Hafner: Geld und Geist und Zwietracht. Die legendären Eranos-Tagungen stehen vor einer ungewissen Zukunft, in: Neue Zürcher Zeitung, 6. August 2007.

Weblinks


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