Gupta-Tempel

Gupta-Tempel
Tigawa (Madhya Pradesh). Der aus einer geschlossenen und vollkommen schmucklosen Cella (garbagriha) und einer − etwas niedrigeren, ehemals auch seitlich offenen − Säulenvorhalle (mandapa) bestehende Kankali-Devi-Tempel (ca. 420) steht nicht auf einer Plattform, sondern in ebenem Gelände. Die Säulen bestehen jeweils aus einem quadratischen Sockel (ohne Basis), einem oktogonalen Mittelstück, einem runden, topfartigen Element, einem würfelförmigen Blockaufsatz, einer mit Fensternischen (chandrasalas) geschmückten Kämpferplatte und einem Aufsatz aus beinahe vollplastisch gearbeiteten Löwen, die sowohl hoheitliche als auch apotropäische (Unheil abwehrende) Bedeutungen haben können. Bei den seitlich an der Vorhalle angebrachten Reliefplatten handelt es sich um spätere Hinzufügungen.

Der Begriff Gupta-Tempel bezeichnet wird eine Gruppe von etwa 30 steinernen nordindischen Tempelbauten aus der Zeit von etwa 400 bis 600 n. Chr. – der Blütezeit des Gupta-Reichs. Alle Bauten – mit Ausnahme des buddhistischen Tempels Nr. 17 in Sanchi – sind mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Hinduismus zuzuordnen und umfassen sowohl einige in den natürlichen Fels getriebene Höhlentempel als auch die ersten (erhaltenen) freistehenden Steintempel Indiens. Von mehr als der Hälfte der bekannten Gupta-Tempel sind nur noch Fundamentreste und/oder einige wenige Reliefbruchstücke erhalten.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Die im Folgenden genannten Tempelbauten liegen im Wesentlichen im heutigen Bundesstaat Madhya Pradesh, dem ehemaligen Machtzentrum der Gupta-Dynastie, aber auch in anderen Regionen Nordindiens − von Gujarat bis hin nach Bengalen − finden sich einige wenige Bauten, die der Gupta-Zeit zugerechnet werden können.

Kein einziger der Gupta-Tempel liegt heute im Zentrum oder auch nur in der Nähe einer Stadt; vielmehr befinden sich alle in der Nähe kleinerer Dörfer. Ungeklärt ist, ob die Gupta-Tempelstätten − vergleichbar den meist buddhistischen Höhlentempeln (z. B. Ajanta, Ellora, Karli, Bhaja) − von vornherein als reine Wallfahrts- oder Pilgerzentren konzipiert waren, oder ob ehemalige Ansiedlungen − mit wohl aus Holz und Lehm gebauten Behausungen − im Lauf der Jahrhunderte verschwunden sind. Die in der Nähe ansässige Bevölkerung konnte derart solide und aufwendige Bauten weder planen noch finanzieren; dafür kamen nur die jeweiligen Herrscher selbst bzw. deren engste Familienangehörige oder hochgestellte Hofbeamte infrage. Die aufwendige Steinbearbeitung lag in den Händen von spezialisierten, von Ort zu Ort wandernden Handwerkern bzw. Künstlern.

Geschichte

Unter der Herrschaft der seit Beginn des 4. Jahrhunderts in Nordindien regierenden und dem Hinduismus zugewandten Gupta-Dynastie – v. a. unter Chandragupta II. (reg. 376-413), der den Beinamen Vikramaditya (‚Welteroberer’) trug, und seinem Sohn Kumaragupta I. (reg. 414-455) – gab es deutliche Bestrebungen zur Vereinheitlichung der überaus vielfältigen − und potentiell separatistischen − religiösen Vorstellungen in ihrem weiträumigen Herrschaftsgebiet. Wahrscheinlich als integraler Bestandteil ihrer Machtpolitik wurden religiöse Zentren neu geschaffen und bereits bestehende mit neuen Bauten und/oder Skulpturen ausgestattet.

Das im 5. Jahrhundert im Inneren weitgehend gefestigte Großreich der Guptas kam durch seit langem bestehende Handelswege in Kontakt mit außerindischen Kulturen – darunter auch mit dem persischen und dem römischen Kulturkreis. Letztere kannten keine Höhlenarchitektur und errichteten ihre steinernen Tempelbauten freistehend.

Datierung

Keiner der freistehenden Gupta-Tempel ist durch Stifter- oder andere Bauinschriften oder durch Urkunden datiert. Die im Folgenden genannten ungefähren Datierungen beruhen daher allesamt auf bauhistorischen und stilistischen Vergleichen.

Architektur

Die Frühphase der freistehenden Gupta-Tempel (ca. 400-450) ist gekennzeichnet durch kleine Tempelbauten bestehend aus einer geschlossenen Cella (garbagriha = 'Mutterschoßkammer') und einer offenen Säulenvorhalle (mandapa), die sich in ihrer Konzeption und baulichen Gestalt an römischen Kleintempeln zu orientieren scheinen; auf einen Giebel bzw. ein Satteldach wird jedoch verzichtet. Die aus handwerklich perfekt behauenen Steinen erbaute Cella diente zur Aufnahme des Götterbildes bzw. des Lingas und dessen kultischer Verehrung durch die Brahmanen; die vor Witterungseinflüssen schützende Vorhalle diente dem Aufenthalt und der Darbringung von Opfergaben durch Gläubige und Pilger. Beide Bauteile waren mit Steinplatten überdacht, hatten keinerlei Dachaufbauten und standen nicht auf einer − gegenüber dem umgebenden Gelände deutlich erhöhten − Plattform.

Als Baumaterial wurde – wohl in Anlehnung an die früheren Höhlentempel – behauener Naturstein bevorzugt, aber in einigen Fällen wurden auch vor Ort gebrannte Ziegelsteine verwendet, wobei sich bei der Verwendung von Ziegelstein geradezu die Notwendigkeit eines pyramidenförmigen Dachaufbaus ergab, welcher bei den späteren Tempeln in Haustein nachgebildet wurde. Die meisten Ziegelbauten sind jedoch weitgehend zerstört.

Die Tempel der Spätphase (ab ca. 450) lösen sich in hohem Maße von den frühen Bauten und damit auch von außerindischen Vorbildern: die ursprünglich kleine Mandapa-Vorhalle wird regelmäßig durch eine − bereits vor Jahrhunderten zerstörte − umlaufende hölzerne Dachkonstruktionen ersetzt; diese ermöglichte den Gläubigen und Pilgern die gewohnte Umschreitung (pradakshina) des – nunmehr auf einem hohen Sockelpodest stehenden und turmartig aufragenden – Sanktuariums. Zu beiden Seiten der Aufstiegstreppe oder in den Ecken der erhöhten Plattform (jagati) wurden vereinzelt kleinere Nebenschreine errichtet, so dass das – später in Nordindien (vgl. Khajuraho) häufiger zu sehende – 5-teilige Tempelschema (panchayatana) entstand.

Bauschmuck

Während bei den frühen Gupta-Tempeln nur die Säulen der Vorhalle und die Einfassungen der Türportale mit Ornamenten und figürlichen Darstellungen verziert wurden, zeigen die späteren Tempel meist einen reichhaltigeren Bauschmuck, in dem figürliche Reliefs (vgl. Dashavatara-Tempel) oder das Dekor des Pyramidendachs (vgl. Gop) eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Bei vielen Tempeln ragen die steinernen 'Balken' des Türsturzes (Lintel) oft über die seitlichen Türpfosten hinaus (vgl. Nachna) − eine Erinnerung an die traditionelle Holzbauweise und ein charakteristisches Merkmal früher indischer Tempel.

Liste erhaltener Gupta-Tempel

Die im Folgenden genannten Tempelnamen sind zumeist nicht ursprünglich, sondern entweder spätere volkstümliche Bezeichnungen oder aber von Forschern gewählte Nummerierungen. Wegen des Fehlens eines Kultbildes oder Lingams wird heutzutage kaum noch einer der Tempel für kultisch-religiöse Zwecke benutzt.

Gop (Gujarat) − der hochaufragende Kern des Shiva-Tempels (ca. 550) steht auf einer hohen Plattform und war ursprünglich von einem umlaufenden hölzernen Pultdach umgeben, das auf seitlichen Stützpfosten aufruhte und die Besucher sowohl vor Sonne als auch vor Regen schützte; die Löcher zur Aufnahme der Dachsparren sind noch im oberen Teil des − völlig dekorlosen − Turmschafts erkennbar. Das pyramidenförmige Dach ist geschmückt mit einer Vielzahl von Fensternischen (chandrasalas), einem typischen Dekorelement der frühen indischen Tempelbaukunst.

Höhlentempel

  • Udaygiri (ca. 400), mehrere Höhlen stammen aus der Gupta-Zeit − dem Höhlentempel Nr. 1 wurde sogar eine freistehende steinerne Vorhalle (mandapa) vorgebaut.

Steintempel

  • Darra (ca. 400)
  • Sanchi, Tempel Nr. 17 (ca. 400)
  • Tigawa, Kankali Devi-Tempel (ca. 420)
  • Kunda (ca. 425)
  • Nachna, Parvati-Tempel (ca. 460)
  • Bhumara, Shiva-Tempel (ca. 480)
  • Deori (Madhia), Vamana-Tempel (ca. 490)
  • Deogarh, Dashavatara-Tempel (ca. 500)
  • Sakor, Shiva-Tempel (ca. 520)
  • Gop, Shiva-Tempel (ca. 550)

Ziegelsteintempel

  • Bhitarganv (ca. 450)

Bedeutung

Wenngleich der Bau von Höhlentempeln in Indien noch bis ins 10. Jahrhundert hinein fortgeführt wurde, so dokumentieren insbesondere die freistehenden Gupta-Tempel eine Phase der Neuorientierung indischer Tempelbaukunst, wobei möglicherweise Kenntnisse oder mündliche Beschreibungen spätantiker römischer Tempel (z. B. Garni, Armenien) anregend gewirkt haben. Die Säulen mit ihrem mehrstufigen Aufbau zeigen deutliche persische Einflüsse (z. B. Persepolis).

In einigen Regionen Zentralindiens entstanden ab dem 5. Jahrhundert ebenfalls freistehende Tempel, die sich in Teilen ihrer Architektur oder ihres Bauschmucks an Gupta-Tempel anlehnen: z. B. Ramtek (Maharashtra), Kevala-Narasimha-Tempel (ca. 500); Rajim, (Chhattisgarh) Rajivalocana-Tempel (ca. 600).

Siehe auch

Literatur

  • Joanna Gottfried Williams: The Art of Gupta India. Empire and Province. Princeton University Press, Princeton 1982, ISBN 0-691-03988-7
  • Michael W. Meister u. a. (Hrsg.): Encyclopaedia of Indian Temple Architecture. North India – Foundations of North Indian Style. Princeton University Press, Princeton 1988, S. 19ff ISBN 0-691-04053-2
  • George Michell: Der Hindu-Tempel. Baukunst einer Weltreligion. DuMont, Köln 1991, S. 120 ff ISBN 3-7701-2770-6

Weblinks


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