- Hertha Hafer
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Hertha Hafer (* 6. Mai 1913 als Hertha Seekatz im Westerwald; † 19. Oktober 2007 in Mainz) war eine Mainzer Pharmazeutin und Apothekerin. Sie war die Erfinderin der blend-a-med-Zahncreme. Während Hafers Grundlagenforschungen zur Mundhöhlen-Biologie und Zahnkariesentwicklung bis heute wegweisend sind, ist ihre Theorie zur Phosphatstörung als Ursache für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung umstritten.
Inhaltsverzeichnis
Jugend und Ausbildung
Hertha Seekatz galt als hochbegabtes Kind und konnte schon mit vier Jahren fließend lesen; 1931 bestand sie das Abitur. Anschließend begann sie für zwei Jahre eine Ausbildung zur Apothekerin, ehe sie 1937 heiratete und eine Tochter bekam. Ihr Ehemann wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eingezogen und fiel an der Ostfront. Noch während des Krieges ging sie nach Frankfurt am Main, um Pharmazie zu studieren. Als ihre Frankfurter Wohnung den Bomben zum Opfer fiel, verließ sie die Stadt und setzte ihr Studium in Marburg fort, wo sie es 1945 abschloss.
Blend-a-med
Nach dem Krieg stieß sie auf die Bedeutung des Fluorids in der Wasserversorgung zum Schutz vor Zahnkaries und anderen Schädigungen der Zähne. Sie nutzte die Bibliotheken der amerikanischen Besatzungsmacht, um ihre Kenntnisse auf diesem Feld zu vertiefen. Entgegen der Behauptung, von ihr stamme die erste Fluorid-Zahncreme,[1] glaubte sie, dass "Fluor nur wirksam ist, wenn bestimmte Anwendungsmethoden und exakte Dosierungen eingehalten werden."[2] "Fluoridhaltige Zahnpflegemittel," so schreibt sie weiter, "haben keine Wirkung und das Council on Dental Therapeutics der American Dental Association hat kürzlich Zahnpflegemittel mit anorganischen Fluorverbindungen zur Karies-Prophylaxe auf Grund der bisher negativ verlaufenen Versuche endgültig abgelehnt." Unter ihrem damaligen Namen "Hertha Hesse" reichte sie am 15. November 1948 ein Patent für ein "Zahnpflegemittel" ein,[3] das sie am 9. Februar 1949 um ein weiteres Patent, "Verfahren zum Herstellen von Zahn- und Mundpflegemitteln" [4] ergänzte. Mit dem Ergebnis ihrer Forschung trat sie an die Mainzer Blendax-Werke heran, die schon vor dem Krieg europaweiter Marktführer für Zahncreme waren. Blendax produzierte Hafers Zahncreme ab 1951 unter dem Namen blend-a-med, unter dem sie bis heute auf dem Markt ist. Die von Hertha Hafer für Blendax patentierten Zahn- und Mundpflegemittel enthielten als antibakterielle Wirkstoffe chlorierte Diarylalkane.[5][6] Bis 1960 arbeitete Hafer in der Blend-a-med-Forschung, ihre Grundlagenforschung auf dem Feld der Mundhöhlen-Biologie ist bis heute wegweisend. So erforschte sie die Ursachen und Entwicklung von Zahnkaries. In Kooperation mit einem Universitätsprofessor publizierte sie hierzu ein Fachbuch und gehörte am 7. November 1953 in Konstanz als einzige Frau zu den Gründungsmitgliedern der internationalen Forschungsorganisation European Organisation for Caries Research (ORCA).
1951 heiratete sie den Chemiker Herbert Hafer (1921–1991), Sohn des Steiffwerke-Direktors Johann Hafer aus Giengen an der Brenz und Else Geismann, Tochter des Fürther Brauereibesitzers Johann Geismann. 1960 verließ sie Blendax und erwarb eine Apotheke in Mainz, die sie 20 Jahre lang betrieb.
ADD-Forschung
1963 adoptierte sie zusammen mit ihrem Mann einen 15 Monate alten Jungen. Bei dessen Einschulung stellte sich heraus, dass er außer Stande schien, dem Unterricht zu folgen. Auch sonst wurde er zum konzentrationsschwachen und aggressiven Problemkind. Die Hafers konsultierten deshalb zahlreiche Ärzte und Spezialisten, doch verschiedene Medikamentenbehandlungen führten nur zu teils drastischen Verschlechterungen des Gesundheitszustands des Adoptivsohnes.
Nachdem Hafer sich mir den Ernährungstheorien des Amerikaners Ben F. Feingold beschäftigt hatte, führte sie das ADD-Krankheitsbild in erster Linie auf ein Übermaß an Phosphaten in der Nahrung zurück. Diese nahrungsbedingten Störungen hätten nach Hafers Ansicht Mitte des 20. Jahrhunderts aufgrund veränderter Ernährungsgewohnheiten massiv zugenommen. Ihre Erkenntnisse und praktische Ratschläge für eine phosphatarme Ernährung trug sie im Buch Die Heimliche Droge – Nahrungsphosphat zusammen, das nach einer Besprechung im Magazin Stern zum Bestseller wurde.
1990 erweiterte sie ihre Forschungsergebnisse um die These, dass die Phosphatempfindlichkeit vererbbar sei und besonders schlanke Menschen betreffe. Bei diesen Menschen würden die Nahrungs-Phosphate den Hormonhaushalt des vegetativen Nervensystems, besonders im Stirnhirn, stören.
Kritik
Hertha Hafers Theorie, eine strikte Anwendung des vorgestellten Ernährungsplans solle den ADD-Betroffenen und ihren Familien zu einem normalen Leben verhelfen, ist bis heute heftig umstritten. Der nach Erfahrungen mit ihrem Adoptivsohn aufgestellte Plan verbietet über phosphathaltige Nahrungsmittel hinaus unter anderem Zucker, Zitrussäure, Obstsäure, Lecithin, Milch und Kakao, begünstigt jedoch tierische Fette und Cholesterin.[7][8][9]
Da der menschliche Körper im Schnitt täglich 600 bis 1200 Milligramm Phosphat mit der Nahrung aufnimmt und bei einem Defizit diese Substanz den Knochen entnimmt, wo es als Kalziumphosphat gespeichert ist, bezeichnen viele die Hafer-Diät als gefährlich und für die Ernährung eines Kindes völlig ungeeignet.
Die letzten Jahre
1982 zog Hafer mit ihrem Mann in die Schweiz, wo Herbert Hafer 1991 verstarb. 1992 kehrte Hertha Hafer nach Deutschland zurück und zog in Mainz in ein Seniorenheim, wo sie 2007 verstarb.
Literatur
- Die heimliche Droge – Nahrungsphosphat
- Nahrungsphosphat als Ursache für Verhaltensstörungen und Jugendkriminalität; Heidelberg, Kriminalistik-Verlag, 1978
Weblinks
- Literatur von und über Hertha Hafer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek und auf anderen Websites
- Geschichte der Blend-a-med-Zahncreme
- Biographie Hertha Hafers (englisch)
- Gesellschaft für Präventive Zahnheilkunde
- Die Hafer-Diät
Einzelnachweise
- ↑ Duschner H.: "50 Jahre ORCA: European Organization for Caries Research"
- ↑ Hafer H.: "Prophylaktische Mundpflege", Fette und Seifen 54:5 (1952) 282-4
- ↑ "Patentliste", Fette und Seifen 53:11 (1951) S. 716
- ↑ "Patentliste" Fette und Seifen 54:4 (1952) S.236
- ↑ Hafer H.: "Zahn- und Mundpflegemittel", Deutsches Patent DE932928, pat. am 24. April 1951
- ↑ Küspert K., Theobald E., Hafer H: "Zahnpflegemittel" Auslegeschrift DE1030519, Anmeldung 7. März 1953
- ↑ Diätlexikon
- ↑ Abnehmen Lexikon: Hafer-Diät
- ↑ Hafer-Diät
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