Gidal

Gidal

Tim N. Gidal (eigentlich Ignatz Nachum Gidalewitsch, * 1909 in München;† 4. Oktober 1996 in Jerusalem) war ein deutsch-israelischer Fotojournalist und Hochschullehrer. Er gilt als einer der Pioniere des modernen Fotojournalismus.

Inhaltsverzeichnis

Leben

1929 begann Gidal mit seinen Fotoreportagen, seine erste Reportage „Servus Kumpel“ über eine Gruppe Obdachloser erschien in der Münchner Illustrierten Presse.[1] Zeitgleich zu seinem Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Nationalökonomie arbeitete er als Fotojournalist. Nach der Beendigung seines Studiums, das er in seiner Heimatstadt, Berlin und Basel absolvierte, promovierte Gidal denn auch an der Universität in Basel „über das Verhältnis von Bildberichtserstattung und Presse“.[2]

Gidal fotografierte vornehmlich mit einer Leica,[3] die sich durch ihre Handlichkeit für dokumentarische Zwecke besonders eignete. Außerdem verwandte er lichtstarke Apparate vom Typ Ermanox und ab 1930 auch eine 4 x 4 cm Rollei.[1]

1934 dokumentierte Gidal in Luzern den 13. Internationalen Psychoanalytischen Kongress, dessen Schirmherrschaft Ernest Jones innehatte und auf dem u.a. Melanie Klein referierte.[4]

Bevor er 1936 nach Palästina emigrierte, bereiste Gidal es zweimal ausführlich.[5] 1932 entstand dabei die Reportage "Araber gegen Juden - Das Problem Palästina",[6] die zu seinen bekanntesten fotojournalistischen Werken zählt. Zur gleichen Zeit entstand dort sein Dokumentarfilm „Erez Israel im Aufbau“ im Auftrag der Palästina-Filmstelle der Zionistischen Vereinigung für Deutschland.[7]

Gidal nahm gemeinsam mit seinem Bruder Georg eine Reportage namens „Freiwilliger Arbeitsdienst“ auf.[8] Die Brüder veröffentlichten u.a. in der Arbeiter Illustrierte Zeitung, stellten aber die Zusammenarbeit ein, nachdem ihre Fotografien mit ihres Erachtens manipulierenden Bildunterschriften versehen worden sind.[9]

Nach seiner Emigration nach Palästina (1936-1938) war Gidal bis 1940 neben Felix H. Man und Kurt Hübschmann führender Fotograf bei der Londoner Picture Post. 1938 wurde Gidals erste Farbreportage in der Pariser Marie Claire veröffentlicht. Im Zweiten Weltkrieg diente er ab 1942 dann als Chefreporter in der 8. Britischen Armee. 62 seiner Fotografien erschienen in der Parade, dem offiziellen Armee-Magazin.[1] Von 1947[2] bis 1955 hatte Gidal den Lehrstuhl für Visuelle Kommunikation an der New Yorker The New School for Social Research inne.[1] Gemeinsam mit seiner Frau Sonia hat Gidal zwischen 1955 und 1970 insgesamt 23 Kinderbücher bei Pantheon Books veröffentlicht, die als Serie Kinder aus verschiedenen Ländern in Wort und Bild vorstellten. Zehn dieser Bände sind auch auf deutsch erschienen.[10]

1970 ging Gidal zurück nach Israel und wurde dort 1971 Dozent an der Hebräischen Universität Jerusalem. Im Jahr 1983 wurde ihm für sein Schaffen der Dr.-Erich-Salomon-Preis von der Deutschen Gesellschaft für Photographie verliehen.

Andere Veröffentlichungsorte seiner Arbeiten waren u.a. das amerikanische Magazin Life sowie die Münchner Illustrierte Zeitung, Berliner Illustrirte Zeitung, Die Woche und die Jüdische Rundschau.

Gidal war Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie und fellow der Royal Photographic Society.[1]

1989 übergab Gidal seinen fotografischen Vorlass von circa 3.000 Bildmedien dem Salomon Ludwig Steinheim Institut für deutsch-jüdische Geschichtein Duisburg.[2]

Maurice Berger kontrastiert in seinem Essay zu dem Foto „The Night of the Cabbalist“ (Palästina 1935) die Arbeitsweise Gidals mit der von André Kertész und Henri Cartier-Bresson. Gidal sei intuitiver und weniger systematisch beim Erstellen seiner Bilder vorgegangen. Er wäre weder auf Mission gewesen, noch hätte er eine Agenda besessen. Der Fotograf äußerte sich folgendermaßen: „I leave it to the object to express itself with the assistance of my camera.“ (Ich überlasse es dem Objekt sich selbst auszudrücken, meine Kamera assistiert nur.) sowie: „The viewer can take what he sees, if he sees, or leave it.“ (Der Betrachter kann das mitnehmen, was er sieht, wenn er denn sieht, oder es auch sein lassen.)[5]

Werke

  • Nachum Gidal, Bertha Badt-Strauß, Jüdische Kinder in Erez Israel: Ein Fotobuch, Brandus, Berlin 1936.
  • Tim N. Gidal, Deutschland, Beginn des modernen Photojournalismus, Bibliothek der Photographie, Bd. 1, Bucher, Luzern, Frankfurt/Main 1972. ISBN 3-7658-0152-6
  • Tim N. Gidal (Hrsg.), Ewiges Jerusalem: 1850 - 1910, Bucher, Luzern, Frankfurt/Main 1980. ISBN 3-7658-0342-1
  • Tim N. Gidal, Das Heilige Land: Photographien aus Palästina von 1850 bis 1948, Bucher, Luzern, Frankfurt/Main 1985. ISBN 3-7658-0429
  • Tim N. Gidal, Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik, Bertelsmann, Gütersloh 1988. ISBN 3-570-07690-3
  • Tim N. Gidal, Die Freudianer auf dem 13. Internationalen Psychoanalytischen Kongress 1934 in Luzern, Verlag Internationale Psychoanalyse, München, Wien 1990. ISBN 3-621-26518-X
  • Tim N. Gidal, Chronisten des Lebens. Die moderne Fotoreportage, Edition q, Berlin 1993. ISBN 3-86124-237-0
  • Nachum T. Gidal, Begegnung mit Karl Valentin, Piper, München, Zürich 1995. ISBN 3-492-12038-5
  • Nachum Tim Gidal, Jerusalem: in 3000 years = Jerusalem, Könemann, Köln 1995. ISBN 3-89508-055-1

Literatur

  • Tim N. Gidal in DGPh Intern 1/79, S. 32.
  • Tim Gidal: Ein Augenzeuge berichtet in: Der Bildjournalist, Heft 1/2, 1967, S. 34.
  • Jörg E. Jakobs, Ulrich Tillmann (Hrsg.), Fotozeitung, Gallery without a Gallerist, Köln 1980.
  • Thomas Kempas, Gabriele Saure (Hrsg.), Photo-Sequenzen. Reportagen. Bildgeschichten. Serien aus dem Ullstein-Bilderdienst von 1925 bis 1944, Haus am Waldsee, Berlin 1992.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c d e [Tim N. Gidal, Modern Photojournalism. Origin and Evolution, 1910-1933, New York 1973, Collier Books, S. 92]
  2. a b c Gidal-Bildarchiv auf der Website des Salomon Ludwig Steinheim Institutes.
  3. Olaf Kunde, Geschichte des Fotojournalismus, GRIN Verlag, 2007, S. 72.
  4. Beschreibung zu Tim N. Gidal, Die Freudianer auf dem 13. Internationalen Psychoanalytischen Kongress 1934 in Luzern, Verlag Internationale Psychoanalyse, München, Wien 1990.
  5. a b Maurice Berger u.a., Masterworks of the Jewish Museum, New York 2004, S. 54. auf englisch als Erläuterung zu Gidals Fotografie „Night of the Cabbalist“ 1935 des Jewish Museums.
  6. Olaf Kunde, Geschichte des Fotojournalismus, S. 74.
  7. Details zur Dokumentation auf cineholocaust.de
  8. Olaf Kunde, Geschichte des Fotojournalismus, S. 75.
  9. Olaf Kunde, Geschichte des Fotojournalismus, S. 75 f.
  10. Virtuelle Ausstellung „Mein Dorf in ...“ der Photobibliothek.ch

Wikimedia Foundation.

Игры ⚽ Нужно решить контрольную?

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • GIDAL, TIM — (Ignaz Nachum Gidalewitsch; 1909–1996), photographer. Gidal was born into an Orthodox family of Russian immigrants in Munich. From 1929 he was among the pioneers of modern photojournalism and became one of its leading historians. Based in… …   Encyclopedia of Judaism

  • Nachum T. Gidal — Tim N. Gidal (eigentlich Ignatz Nachum Gidalewitsch, * 1909 in München;† 4. Oktober 1996 in Jerusalem) war ein deutsch israelischer Fotojournalist und Hochschullehrer. Er gilt als einer der Pioniere des modernen Fotojournalismus.… …   Deutsch Wikipedia

  • Nachum Tim Gidal — Tim N. Gidal (eigentlich Ignatz Nachum Gidalewitsch, * 1909 in München;† 4. Oktober 1996 in Jerusalem) war ein deutsch israelischer Fotojournalist und Hochschullehrer. Er gilt als einer der Pioniere des modernen Fotojournalismus.… …   Deutsch Wikipedia

  • Naḥûm Tim Gidāl — Tim N. Gidal (eigentlich Ignatz Nachum Gidalewitsch, * 1909 in München;† 4. Oktober 1996 in Jerusalem) war ein deutsch israelischer Fotojournalist und Hochschullehrer. Er gilt als einer der Pioniere des modernen Fotojournalismus.… …   Deutsch Wikipedia

  • Tim Gidal — Tim N. Gidal (eigentlich Ignatz Nachum Gidalewitsch, * 1909 in München;† 4. Oktober 1996 in Jerusalem) war ein deutsch israelischer Fotojournalist und Hochschullehrer. Er gilt als einer der Pioniere des modernen Fotojournalismus.… …   Deutsch Wikipedia

  • Tim N. Gidal — (eigentlich Ignatz Nachum Gidalewitsch, * 1909 in München; † 4. Oktober 1996 in Jerusalem) war ein deutsch israelischer Fotojournalist und Hochschullehrer. Er gilt als einer der Pioniere des modernen Fotojournalismus. Inhaltsverzeichnis 1 Leben 2 …   Deutsch Wikipedia

  • Ignatz Nachum Gidalewitsch — Tim N. Gidal (eigentlich Ignatz Nachum Gidalewitsch, * 1909 in München;† 4. Oktober 1996 in Jerusalem) war ein deutsch israelischer Fotojournalist und Hochschullehrer. Er gilt als einer der Pioniere des modernen Fotojournalismus.… …   Deutsch Wikipedia

  • Salomon Ludwig Steinheim-Institut — Ehemaliges Rabbinerhaus Essen Das im April 1986 gegründete Salomon Ludwig Steinheim Institut für deutsch jüdische Geschichte e. V. (benannt nach dem jüdischen Mediziner, Religionsphilosophen und Gelehrten Salomon Ludwig Steinheim) erforscht die… …   Deutsch Wikipedia

  • avant-garde cinema —    The British avant garde film movement surfaced in the late 1960s when it was stimulated by the London Film Makers’ Co operative (LFMC) and by American influences such as Stan Brakhage, Kenneth Anger and Andy Warhol. Key figures in Britain… …   Encyclopedia of contemporary British culture

  • PHOTOGRAPHY — The first photographer known to be of Jewish birth was solomon nunes carvalho , an American who in 1853–54 served as artist photographer with John C. Frémont s expedition to the Far West. However, the 19th century did not produce many… …   Encyclopedia of Judaism

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”