Iskander (Rakete)

Iskander (Rakete)
Iskander auf Basis eines MZKT-7930

Die Iskander ist eine taktische ballistische Boden-Boden-Rakete aus russischer Produktion und gehört zur Klasse der Kurzstreckenraketen (SRBM). Der Nato-Code lautet SS-26 Stone, der GRAU-Index 9K720, eine andere russische Bezeichnung Tender. Die Raketen werden als 9M723 bezeichnet. Das Waffensystem repräsentiert den aktuellen technischen Stand und erreicht damit eine deutlich höhere Zielgenauigkeit als seine Vorgänger.

Inhaltsverzeichnis

Technik

Das System ist auf dem geländegängigen BAZ-6909- / MZKT-7930-LKW untergebracht. Dieses Startfahrzeug trägt die Typenbezeichnung 9P71. Das System ist hochmobil und schnell verlegbar. Es wird eine minimale Reaktionszeit aus voller Fahrt bis zum Raketenstart von unter zehn Minuten erreicht. Jedes Fahrzeug ist mit zwei 9M723-Raketen bestückt, die in einem Abstand von 40 Sekunden gestartet werden können[1]

Die 9M723-Raketen können mit unterschiedlichen Gefechtsköpfen bestückt werden:

  • Splittergefechtskopf
  • Penetrationsgefechtskopf gegen verbunkerte Anlagen
  • Panzerminen zur Fernverminung
  • Fuel-Air-Explosive (FAE)
  • Bomblets (Submunition)
  • Selbstzielsuchende (intelligente) SPBE-D-Submunition zur Panzerbekämpfung (Iskander: 72 Stück, Iskander-E: 54 Stück)

Die russischen Streitkräfte verfügen zusätzlich über den AA-60-Nuklearsprengkopf mit einer selektierbaren Sprengleistung von 10 bis 50 kT. Zudem ist der Einsatz eines speziellen, nicht-nuklearen EMP-Sprengkopfs für die Iskander möglich.

Die Iskander-Rakete wird von einem hochenergetischen Feststofftreibsatz angetrieben, der sie auf eine Marschgeschwindigkeit von 2570 m/s beschleunigt. Die Steuerung erfolgt dann mittels einer Trägheitsnavigationsplattform sowie mit einem GLONASS Satellitennavigationssystem. Mit diesen beiden Systemen wird eine Präzision (CEP) von 30 bis 50 Metern erreicht. Die Kurskorrekturen werden mittels Schubvektordüsen durchgeführt. Optional kann zusätzlich ein optoelektronisches Lenksystem zum Einsatz kommen. Dieses enthält eine digitale Infrarot-Kamera, welche die Rakete im Zielendanflug selbstständig auf einen Punkt zusteuert, der zuvor auf einer digitalen Satellitenkarte markiert wurde. Mit diesem Zusatzsystem wird eine Präzision (CEP) von rund zehn Metern erreicht[2].

Die Iskander-Rakete verfügt über eine ganze Reihe von Systemen zur Überwindung gegnerischer Abwehrmaßnahmen. Als erstes verfügt die Rakete über eine äußerst flache semi-ballistische Flugbahn. Bei der maximalen Einsatzreichweite der Iskander-E (rund 280 Kilometer) beträgt das Apogäum lediglich 50 Kilometer. Eine solch flache Flugbahn erschwert die Zielerfassung durch Suchradare. Während der Schlussphase des Zielanfluges führt die Rakete nach dem Zufallsprinzip mehrere abrupte Ausweichmanöver mit einer Belastung von 25 bis 30g durch. Ebenso werden beim Zielanflug mehrere Täuschkörper ausgestoßen. Auch befindet sich an Bord ein etwa 30 Kilogramm schwerer Störsender, der auf das Feuerleitradar der MIM-104 Patriot abgestimmt ist. Zusätzlich ist die Raketenoberfläche mit einer radarabsorbierenden Schutzschicht versehen.

Varianten der Iskander

Im Herstellerwerk Kolomna KBM in Udmurt werden folgende Ausführungen produziert:

  • Iskander: Version für die russischen Streitkräfte. Mit zwei 9M723-Rakete mit einer Reichweite von 415 Kilometern und einer Nutzlast von 800 Kilogramm.
  • Iskander-M: Version mit verbesserten Raketen. Reichweite 480 Kilometer
  • Iskander-E: Exportversion mit zwei 9M723E-Raketen mit einer verringerten Reichweite von 280 Kilometern sowie einer reduzierten Nutzlast von 480 Kilogramm.[3]
  • Iskander-K: Prototyp mit vier Startbehältern für Marschflugkörper R-500 mit einer Reichweite von 500 Kilometern[4]

Einsatz

Bei den russischen Streitkräften befindet sich zur Zeit ein einzelnes SS-26-Bataillon im Einsatz. Bis zum Jahr 2015 sollen insgesamt 60 Systeme beschafft werden. Auf dem Exportmarkt wird die SS-26 als Gegenstück zum US-amerikanischen System MGM-140 ATACMS (Army Tactical Missile System) vermarktet. Bislang sind keine Exporte bekannt.

Während des Kaukasus-Konflikts 2008 wurden mindestens drei SS-26-Iskander-Raketen gegen Georgien eingesetzt. So schlugen, dem georgischen Innenministerium zufolge, Raketen in Gori und Poti ein. Die dritte Rakete sei nahe der Pipeline nach Supsa eingeschlagen.[5] [6]

Russland kündigte wegen des von den USA in Polen und Tschechien geplanten Raketenabwehrschildes an, Raketen in Kaliningrad aufzustellen. Der russische Präsident Dmitri Medwedew teilte Anfang November 2008 in seiner ersten Rede zur Lage der Nation mit, dass es sich dabei um Kurzstreckenraketen vom Typ Iskander handele, die die angrenzenden NATO-Mitgliedstaaten Litauen und Polen erreichen könnten.[7] Aufgrund ihrer hohen Zielgenauigkeit wären die Systeme prinzipiell in der Lage, die geplanten Raketenabwehrstellungen in Polen auch mit konventionellen Gefechtsköpfen außer Gefecht zu setzen.

Später bot der russische Präsident Medwedew den USA in einem Interview an, auf die Stationierung in Kaliningrad zu verzichten, wenn die USA im Gegenzug ihrerseits auf die Installation des Raketenabwehrsystems verzichten würden.[8] Ende Januar 2009 gab Russland dann bekannt, die Stationierung der Waffe zu stoppen.[9] Nachdem Präsident Barack Obama im September 2009 den Verzicht der Vereinigten Staaten auf die Errichtung des Abwehrschilds in Polen und Tschechien erklärt hatte[10], wurde eine Aufgabe der russischen Stationierungspläne in Kaliningrad erklärt.[11]


System 9M723 Iskander / Tender 9M723E Iskander-E
NATO-Code SS-26 Stone SS-26 Stone
Einführungsjahr 1998 2002
Länge 7,28 m 7,28 m
Rumpfdurchmesser 914 mm 914 mm
Flügelspannweite 1.500 mm 1.500 mm
Gewicht 4.615 kg 3.800 kg
Nutzlast 800 kg 480 kg
Einsatzreichweite 415 km 280 km
Marschgeschwindigkeit 2.570 m/s (?) 2.570 m/s (?)
Treffergenauigkeit (CEP) 10 m 10–30 m

Siehe auch

Quellen

  • Russia's Arms Catalog 2005
  • Landgestützte sowjetische/russische ballistische Lenkwaffen DTIG – Defense Threat Informations Group, Juli 2005
  • Michal Fiszer und Jerzy Gruszczynski: Bolt From the Blue – Russian land-based precision-strike missiles, März 2003

Weblinks

 Commons: Iskander – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. http://9k72.ru/page.php?22
  2. Iskander SS-21 auf www.defense-update.com
  3. http://www.kbm.ru/en/product/ttms/iskander-e
  4. http://www.missilethreat.com/missilesoftheworld/id.162/missile_detail.asp
  5. Kurzstreckenrakete vom Typ SS-26 Iskander abgefeuert auf www.br-online.de
  6. Gori und die Hafenstadt Poti mit einer Rakete vom Typ SS-26 Iskander beschossen auf www.kurier.at
  7. Iskander als optimale Antwort auf US-Raketenschild in Europa auf de.rain.ru
  8. Raketen-Poker zwischen Moskau und Washington
  9. spiegel.de: Russen starten Charmeoffensive, 28. Januar 2009
  10. Spiegel Online: Obama legt Pläne für Raketenschild auf Eis vom 17. September 2009.
  11. Meldung bei spiegel.de

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