Mumienbraun

Mumienbraun

Mumia (auch Pulvis mumiae, Mumiya, Mumienpulver) ist eine bis in die 1920er Jahre hinein als Heilmittel verwendete Substanz. Sie bestand aus zermahlenen ägyptischen Mumien. Die Substanz war auch unter der Bezeichnung Mumia vera aegyptiaca im Handel und wurde auch von bekannten pharmazeutischen Unternehmen vertrieben. Daneben war sie auch als farbschönes Braun-Pigment (Mumienbraun) Verwendung. Die Verwendung von Mumia ist heute aus ethischen Gründen inakzeptabel.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Mumien wurden durch Grabraub in Ägypten und angrenzenden Landstrichen schon immer aus ihren Aufbewahrungsstätten entfernt. Neben den ‚Königsgräbern‘, also Gräbern hochgestellter Personen mit reichen Grabbeigaben wurden auch riesige Mengen an schlichten Bestattungen gefunden. Daneben fanden sich auch zahlreiche Mumien von den Ägyptern heiligen Tieren, wie Falke oder Katze.

Seit wann diese als Substanz verwendet wurden, ist unbekannt. Mumia soll angeblich vor zweitausend Jahren das erste Mal verwendet worden sein. Man nimmt heute das an, dass ab dem 12. Jahrhundert nach Europa importiert wurden.[1] Im 16. Jahrhundert verboten die Araber den Mumienhandel mit Europa. Sie wollten so verhindern, dass die Europäer ihre Vorfahren „essen“ – damals hatte in Europa fast jede Apotheke ihre Mumie. Viele Mumienhändler haben darauf Gehängte und frisch Gestorbene im Wüstensand vergraben und zu „antiken Mumien“ gemacht.

Auch hat die beginnende Archäologie des 18. und 19. Jahrhundert bestattete Altägypter wieder vermehrt zutage gefördert, und den Markt mit deren sterblichen Überresten versorgt. In den Handel kam Mumia vera in Form eines hellen, schokoladenfarbenen Pulvers im Preis pro Pfund oder Kilo, oder ganze Köpfe nach Stück.[1] 1924 wurde noch Mumia vera aegyptiaca für 12 Goldmark in Deutschland verkauft.[2] Zu dieser Zeit wurde Mumia auch in Europa zunehmend verfemt. Der Kunstwissenschaftler Kurt Wehlte sicherte sich noch Material aus der Moeves'schen Künstlerfarbenfabrik in Berlin, um sie als historisches Dokument in seinem Materialienarchiv (heute Hochschule für Bildende Künste Dresden) auszubewahren – die Restbestände wurden seinerzeit einfach „unrühmlich“[3] verheizt. Er erwähnt ausdrücklich, dass es sich um echte Leichenteile handelte („Man erkannt daran deutlich dicke Arterien und Röhrenknochen“ und „nur halb verfallene Bandagen“[3]), distanziert sich aber von der „pietätlosen Gewinnsucht“[3], diese zu verarbeiten und zu verwenden. Proben historischer medizinischer Mumia befinden sich auch im Frankfurter Naturmuseum Senckenberg.[2]

In welchem Ausmaß bei der Mumifizierung überhaupt Teer zur Verwendung kam, steht allerdings heute in Frage. Nachgewiesen wurde Bitumen in jüngster Zeit eindeutig. Aber auch andere organische Substanzen wie Gummen und Harze könnten teerähnliche Formen angenommen haben.[1]

Außerdem waren Fälschungen aller Art für Mumia vera weit verbreitet. Viele dieser „Mumien“ waren wohl einheimischer Herkunft. So schrieb etwa J. van Beverwijck bereits 1656: „Aber bei uns wird der rechte Balsam (Zedernharz) sehr selten aus Ägypten gebracht, denn das meiste an Fleisch und Knochen stammt von armen Leuten, deren Leichnam der geringeren Kosten wegen nur balsamiert ist mit Asphalt oder Judenleim …“ Bei seinem Landsmann Petrus Baerdt heißt es 1645: „… nennen die dasselbe noch Mumia, ob es etwas besonderes wäre, obgleich es ein Arm oder Bein von einem verfaulten oder gehängten Lazarus oder einem anderen pockigen Bordellbock gewesen sein mag.“ Auch zahlreiche Moorleichen fanden so ihren Weg in die Apotheken. Sogar das Skelett der 1895 entdeckten Moorleiche von Obenaltendorf aus Niedersachsen wurde zu Mumia zermahlen.

Die ganze Mumienforschung wird seitens arabischer und afrikanischer Archäologen heute sehr kritisch beurteilt, und es herrscht Unklarheit, wie und in welchem Umfang die religiösen Vorstellungen der alten Ägypter, die zum Mumienkult geführt haben, beurteilt und berücksichtigt werden sollen[4], die Verwendung der Leichenteile aber kann als Grabschändung bezeichnet werden, der Verzehr ist eine Form des Kannibalismus.

Heil- und Zauberkunde

Die angebliche Heilwirkung wurde auf bei der Mumifizierung verwendeten Teer zurückgeführt. Diesen Teer bezeichnete man als mumiya und man sagte ihm magische und heilende Kräfte nach. Man versuchte das seltene Mumiya aus Mumien zu gewinnen. Es sollte gegen so gut wie jede Krankheit helfen und wurde auch als ein Aphrodisiakum gepriesen. Man schluckte es, rieb es auf die Haut oder tat es direkt auf die Wunde.

Der Frankfurter Arzt Joachim Strüppe gibt 1574 in einem Traktat über den Gebrauch von Mumia 21 Anwendungsbereiche und Krankheiten, darunter Husten, Halsweh, Schwindel, Gichtbrüchigkeit, Herzweh, Zittern, Nierensucht und Kopfschmerzen.[2] Über die Verwendung von angeblichen oder echten ägyptischen Mumien als Heilmittel war in der Oeconomischen Encyclopädie von Johann Georg Krünitz im 18. Jahrhundert zu lesen: „Man rühmt sie sehr, das geronnene Geblüt und die Geschwulst zu zertheilen, und sie soll nicht bloß vermöge ihrer bituminösen und balsamischen Theile, sondern auch vermöge des flüchtigen Salzes wirken. […] Die Tinctur, welche daraus gemacht wird, besitzt die balsamischen Eigenschaften der Mumie; man gibt sie von 12 bis 24 Tropfen. Beym Einkaufe müssen die Droguisten und Apotheker darauf sehen, dass sie große Stücke, die Fleisch haben, und keine bloße Knochen sind, bekommen, und die, wenn man etwas davon auf Kohlen wirft, zwar stark, aber nicht nach Pech riechen. Je schöner und balsamischer der Geruch ist, desto höher schätzt man die Waare.“[5] In Russland wurde die Anwendung von Mumia durch den Schriftsteller Leo Tolstoi als „wachstumsförderndes Remedium“ propagiert.

Malerei

Mumie, auch Mumienbraun ist ein „bestechend schönes“[3] tiefbraunes Pigment. Als Künstlerfarbe findet sich durchgehend ab der Mitte des 16. Jahrhunderts.[1] Es wurde insbesondere in der Ölmalerei geschätzt, wo es in besonderem Umfang in der seinerzeit verbreiteten „altmeisterlichen“ Technik der Braununtermalung verbraucht wurde, in der es von lasierend bis deckend verwendbar war. Daneben war es auch für Schattierung beliebt.

Gegen Ende des 19. Jh. kommt auch Extraktion mit Ammoniak, organischen Lösungsmitteln oder ätherischen Ölen in Gebrauch, um eine Substanz zu gewinnen, die in der Literatur unter der Bezeichnung Mumiin geführt wird.[1]

Literatur

  • Martin Fitzenreiter, Christian E. Loeben (Hrsg.): Die ägyptische Mumie - Ein Phänomen der Kulturgeschichte. In: Internet-Beiträge zur Ägyptologie und Sudanarchäologie. 1, Humboldt-Universität zu Berlin, Seminar für Sudanarchäologie und Ägyptologie, Berlin 1998 (pdf ; IBAES I). 
  • Benno R. Meyer-Hicken: Über die Herkunft der Mumia genannten Substanzen und ihre Anwendung als Heilmittel. Diss. Fachbereich Medizin, Universität Kiel 1978
  • Eintrag Mumie. In: Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei. 4. (Nachdruck) Auflage. Otto Maier Verlag, Ravensburg 1990, ISBN 3-473-48359-1, 1.48 Lexikalisches Verzeichnis von Pigmenten 4 Braune Pigmente, S. 133. 

Einzelnachweise

  1. a b c d e Catarina I. Bothe: 'Der größte Kehricht aller Farben?'. Über Asphalt und seine Verwendung in der Malerei. Zabern, 2000 (1999), ISBN 978-3805325851.  Zit. n. Mumie. Kremer Pigmente. Abgerufen am 23. Februar 2009.
  2. a b c Beatrix Geßler-Löhr: Mumia vera aegyptiaca im Abendland. In: Weg zur Unsterblichkeit - Mumien und Mumifizierung im Alten Ägypten. Naturmuseum Senckenberg, Ausstellung 4, Nr. Loseblattmappe Nr. 8, Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1995 (pdf ; auch Lit. Fitzenreiter, Loeben (Hrsg.): Die ägyptische Mumie. 1998, III. Rezeption und Umfeld, S. 109f. , leicht verändert wiedergegebener Beitrag). 
  3. a b c d Zitat wörtlich Lit. Wehlte: Werkstoffe
  4. Fitzenreiter: Tod und Tabu - Der Tote und die Leiche im kulturellen Kontext Altägyptens und Europas. In: Lit. Fitzenreiter, Loeben (Hrsg.): Die ägyptische Mumie. 1998, I. Einleitung, S. 9–18. 
  5. Eintrag Mumie, die. In: J. G. Krünitz (Hrsg.): Oekonomische Encyklopädie. 96 Mumie bis Mummer, 1773–1858, S. 662 (kruenitz1.uni-trier.de). 

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