Rollenerwartung

Rollenerwartung

Rollenerwartung ist ein soziologischer Begriff aus den Theorien zur sozialen Rolle, der sich einerseits auf das Rollenverhalten, andererseits die Rollenattribute bezieht. Konkret bedeutet dies, dass an den Träger einer sozialen Rolle einerseits Ansprüche an sein Handeln, andererseits aber auch Ansprüche an seine Erscheinung und seine Persönlichkeit gestellt werden.

Inhaltsverzeichnis

Der Ansatz von Dahrendorf

Nach Ralf Dahrendorf sind diese Erwartungen objektiv, d. h. sie sind unabhängig vom Akteur und beziehen sich auf die Position und das damit einhergehende Rollenfeld. Der Inhalt, d. h. die einer Rolle zugeordneten Rollenattribute und -handlungsweisen sind ebenfalls unabhängig vom einzelnen Akteur und werden gesellschaftlich festgelegt. In der Konsequenz bedeutet dies, dass sie nur durch die Gesellschaft, nicht aber durch den Einzelnen verändert werden können. Aus diesem Grund sind die Rollenerwartungen für den Akteur verbindlich.

Arten

Dahrendorf hat verschiedene Arten von Erwartungen mit juristischer Terminologie charakterisiert.

Kann-Erwartung

Als "Kann-Erwartung" bezeichnet er die Erwartung, etwas zu tun, was über das Notwendige hinausgeht. Kann-Erwartungen sind somit die schwächste Form der Erwartung. Man muss sie nicht unbedingt erfüllen, wenn man es aber tut, steigert man sein eigenes Ansehen und erfährt positive soziale Sanktionen.

Soll-Erwartung

Soll-Erwartungen sind nach ihm Pflichten eines Rollenträgers, die nicht unbedingt rechtlich festgelegt sind, aber den "härteren Kern" der Pflichten bezeichnen. Erfüllt man sie nicht, drohen mit Sicherheit negative soziale Sanktionen.

Muss-Erwartung

Muss-Erwartungen sind bei ihm Pflichten eines Rollenträgers, die rechtlich und somit verbindlich festgelegt sind, bei Nichterfüllung droht nicht irgendeine negative soziale Sanktion, sondern Strafe.

Erwartungs-Erwartung

Zu den vorigen Arten kann noch - als "reflexiver Mechanismus", und nicht mehr von Dahrendorf heraus gehoben - das Erwarten des Erwartens gezählt werden: die Annahme eines Handelnden über die Erwartungen, die ein anderer Handelnder über das Tun des ersten hegt oder hegen könnte. Zutreffende Erwartungs-Erwartungen stabilisieren somit eine soziale Beziehung.

Kritik

Dahrendorfs deterministische Sichtweise wurde verschiedentlich kritisiert: Ein Akteur könne sehr wohl mit einem gewissen Grad frei entscheiden, auf welche Weise er eine bestimmte Position ausfüllen möchte, und damit auch die Erwartungen an seine Rolle verändern (siehe dazu auch Rollendistanz. Dahrendorf hielt dem entgegen, dass er nicht vom (ggf. 'freien') Menschen schlechthin ausgehe - für den die Gesellschaft allerdings eine "ärgerliche Tatsache" sei - , sondern mit Hilfe seines Modells des Homo sociologicus theoretisiere.

Literatur

  • Dahrendorf, Ralf: Homo Sociologicus. Köln und Opladen, Westdeutscher Verlag, 1966.

Siehe auch

Erwartung (Soziologie)


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