Zentraler Ort

Zentraler Ort

Zentrale Orte sind Orte, in denen Verwaltungs-, Dienstleistungs-, Verkehrs-, Kultur-, Bildungs- und Wirtschaftsfunktionen für ein Umland konzentriert sind. Ein solcher Ort nimmt aufgrund dieser Konzentration eine bedeutende („zentrale“) Stellung für sein Umland ein („Bedeutungsüberschuss“). Zentrale Orte bilden unter sich wiederum oft eine Hierarchie bzw. bauen ein Schema der Funktionsteilung von Zentralität auf. Ein solches Schema ist beispielsweise das System der Zentralen Orte, das auf raumwissenschaftliche Untersuchungen in den 1930er Jahren zurückgeht. Darüber hinaus sind weitere wissenschaftliche Ansätze und Modelle zur Erklärung der Entstehung und Funktion von Zentralität und Zentralen Orten entstanden.

Allgemein gilt: Je größer und bedeutender eine Stadt ist, desto größer ist auch ihr potentieller Einzugsbereich. Das gilt nicht nur für Wirtschaft und Handel, sondern auch für Wanderungen in eine Stadt oder zwischen den Städten (räumliche Mobilität). Verschiedene Wissenschaften befassen sich mit den Mustern und Wahrscheinlichkeiten dieser Abläufe.

In Bezug auf das Verhältnis zwischen der räumlichen Mobilität bzw. dem Wanderungsbereich von Stadtbewohnern und der Zentralitätsstufe ihrer Stadt galt in der Regel: Je größer der Besitz oder je höher der Bildungsgrad einer Person, desto weiter war auch der potentielle Wanderungsbereich und Heiratskreis. Das Besitz- und Bildungsbürgertum von beispielsweise Leipzig hatte Verbindungen nach Dresden, Wittenberg, Berlin, Erfurt und in andere Städte vergleichbarer Zentralität, aber nicht in Kleinstädte wie Wildenfels und Hartenstein bei Zwickau.

Der soziale Aufstieg in Leipzig ist meist Zuwanderern aus Städten mit etwas geringerer Zentralität wie Chemnitz, Schneeberg und Zwickau vorbehalten, die wiederum ihre Aufsteiger unter den Zuwanderern aus den kleineren Städten des Erzgebirges haben. Besitzarme Zuwanderer stammen in der Regel aus der unmittelbaren ländlichen Umgebung. Während der Industriellen Revolution verstärkte sich dieser Zustrom auch in die stadtnahen Dörfer, die dann nach 1890 in die Städte eingemeindet worden sind, wodurch es in Mitteleuropa zur Herausbildung von Großstädten gekommen ist.

So ergeben sich aus der Klassen- und Schichtenzugehörigkeit einer Person und dem Zentralitätsgrad der Siedlung bestimmte Wahrscheinlichkeiten für Wanderungs- und Heiratskontakte in andere Städte, wobei die Wahrscheinlichkeit mit der räumlichen Entfernung und sozialen Distanz stets abnimmt, ebenso zur Landbevölkerung (siehe auch soziale Mobilität).

Durch Fernwanderung von Unterschicht-Bevölkerung, etwa von Anatolien nach Berlin-Kreuzberg, werden diese allgemeinen Gesetzmäßigkeiten scheinbar außer Kraft gesetzt, gelten aber insgesamt gesehen weiter, so z. B. für den sozialen Aufstieg dieser neuen Unterschichten.

Siehe auch

Literatur

  • Walter Christaller: Die zentralen Orte in Süddeutschland: Eine ökonomisch-geographische Untersuchungen über die Gesetzmäßigkeit der Verbreitung und Entwicklung der Siedlungen mit städtischen Funktionen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1968 (Reprografischer Nachdruck der 1. Aufl. Jena 1933)

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