Inkarrí

Inkarrí

Der Mythos von Inkarri (auch: Inkarrí mit Endbetonung) ist in verschiedenen Versionen bei der quechuasprachigen Bevölkerung im südlichen Andenhochland von Peru verbreitet. Der Name hat sich durch Umformung der spanischen Bezeichnung Inca Rey („Inka-König“) durch Anpassung an die Quechua-Aussprache entwickelt.

Cuzco, Karte von E.G. Squire, um 1860

Der Mythos geht wahrscheinlich auf die dreimalige traumatische Erfahrung der Indianer auf Grund der Hinrichtung eines Inka durch die Spanier zurück: 1533 wurde Inka Atawallpa auf Befehl von Francisco Pizarro in Cajamarca durch die Garrotte getötet, nachdem die Inka die Schlacht von Cajamarca verloren hatten. Der letzte Inka-König Túpac Amaru I. starb 1572 in Cusco auf Geheiß von Francisco de Toledo durch Enthaupten. Nach einem gescheiterten Aufstand wurde der Führer der Aufständischen José Gabriel Condorcanqui (auch bekannt als Túpac Amaru II.) 1781 in Cusco gevierteilt.

Der Kern des Mythos beinhaltet die Prophezeiung des Inka vor seiner Ermordung durch die Spanier, dass er wiederkehren und die Ordnung des Inka-Reiches wiederherstellen werde. Generell wird der Tod des Inka als Enthauptung dargestellt, so wie es auch Waman Puma de Ayala zeichnerisch wiedergegeben hat. Die Körperteile des Inka sollen an verschiedenen Orten begraben sein, wobei sich die Ortsangaben unterscheiden. Meist heißt es, der Kopf sei in Lima oder Spanien, der Rumpf in Cusco begraben. Die Q'ero-Indianer erzählen dagegen, Inkarrí sei in den sagenhaften Ort Paytiti entrückt. Die Körperteile, so heißt es, werden wieder zusammenwachsen und der Inka wiederauferstehen. Es handelt sich somit um einen messianischen Mythos.

Meist erscheint Inkarri als Gründer der Inka-Hauptstadt Cusco, oft im Rahmen eines Wettbewerbs mit einem Gegenspieler. So treffen sich in der Version von Q'ero Inkarri und Qollarri auf dem Pass Raya zwischen den Regionen von Cusco und Puno. Inkarri wirft einen goldenen Stab dorthin, wo er danach die Stadt Cusco gründet. Qollarri wirft seinen Stab in die andere Richtung, an den Titicaca-See, wo er die Stadt Puno gründet. Der goldene Stab taucht in vielen Inkarri-Versionen auf und stammt bereits aus der Zeit vor der Conquista: So kommt er schon in den Ursprungsmythen der Inkas (z. B. bei den Ayar-Brüdern, siehe auch Manco Cápac) sowie im Huarochirí-Manuskript aus dem Ende des 16. Jahrhunderts vor.

Über den Inkarrí-Mythos war den Weißen Jahrhunderte lang nichts bekannt. Dr. Oscar Nuñez del Prado von der Universität San Antonio Abad in Cusco veröffentlichte als erster im Jahre 1955 die Geschichte, die er in der Quechua-Dorfgemeinschaft Q'ero (Provinz Paucartambo, Departement Cusco, Peru) im Rahmen einer ethnologischen Expedition aufgezeichnet hatte. Eine weitere bekannte Version, veröffentlicht 1956, stammt aus Puquio (Provinz Lucanas, Departement Ayacucho, Peru), aufgezeichnet vom Schriftsteller und Sozialwissenschaftler José María Arguedas.

Literatur

  • Cristian Alvarado Leyton: Antonyme Herrschaftsallegorien: Inkarri und Jesus. Zur postkolonialen Mythengeschichte der Patenschaftspatronage im südperuanischen Hochland. In: Historische Anthropologie 16, 2008, S. 167-186
  • Juliane Bambula Diaz und Mario Razzeto: Ketschua-Lyrik. Reclam, Leipzig 1976. 259 S.
  • Thomas Müller und Helga Müller-Herbon: Die Kinder der Mitte. Die Q'ero-Indianer. Lamuv Verlag, Göttingen 1993. ISBN 3889770495

Weblinks


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