- Döhrener Wollwäscherei und -kämmerei
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Die Döhrener Wollwäscherei und -kämmerei, auch Döhrener Wolle oder Wollwäscherei und –kämmerei (W W & K) genannt, in Hannover war die erste deutsche Fabrikationsstätte zur mechanischen Reinigung von Wolle. Die ausgedehnten Werksbauten des 1868 gegründeten Unternehmens befanden sich am Fluss Leine sowie auf der Leineinsel im Stadtteil Döhren. Nach der Betriebsstilllegung 1973 wichen die Bauten weitgehend einer modernen Wohnbebauung.
Inhaltsverzeichnis
Gründung und Produktion
Der Flachspinnereibesitzer George Stelling gründete 1868 in Döhren nahe einer Wassermühle an der Leine eine Wollwäscherei zum Waschen von Wolle. 1872 übernahm eine Aktiengesellschaft sein Unternehmen und richtete zusätzlich eine Wollkämmerei zum Kämmen der Wolle ein. Das Werksgelände wurde im Laufe der Zeit auf 7,5 ha mit Fabrikgebäuden eng bebaut.
Die Fabrikationsstätte reinigte als erstes deutsches Unternehmen Schafwolle aus wollproduzierenden Ländern, wie Australien, Neuseeland, Südafrika. Auch wurde die Wolle zum Weiterverspinnen gekämmt. Die Döhrener Wolle führte das Reinigen und Kämmen in Lohnarbeit für Spinnereien durch. Bis dahin wurden diese Vorstufen zur Garnherstellung in Frankreich ausgeführt.
Die beim Waschen der Rohwolle anfallenden Abfallprodukte wurden in Döhren zu Nebenprodukten weiterverarbeitet. Eine Fettfabrik entzog dem Waschwasser Wollfett, aus dem Wollfettsäuren, Neutralfette und Lanolin für die die Kosmetik- und Pharmaindustrie hergestellt wurde. Die Kalium-Verbindungen in der eingedickten Waschlauge wurden zur Herstellung von Pottasche genutzt.
Wegen der günstigen Lage an der Leine, die ausreichend Wasser zum Waschen der Wolle lieferte, entwickelte sich die Döhrener Wollwäscherei und -kämmerei schnell zum Großbetrieb. Die Waschkessel wurden mit Kohle aus dem Deister befeuert, zur Energiegewinnung trug ein mit Turbinen ausgestattetes Wehr an der Leine bei.
Auf dem wirtschaftlichen Höhepunkt in den 1920er Jahren verarbeiteten die Wäscherei 50 Tonnen Rohwolle und die Kämmerei 90 Tonnen täglich. Die Anlieferung und der Abtransport der Waren erfolgte mit der Eisenbahn.
Beschäftigte
Nach 16 Jahren des Bestehens hatte die Fabrik 1884 bereits 1.000 Mitarbeiter, 1910 waren es doppelt so viele. Fast die Hälfte der Arbeitsplätze hatten Frauen inne. Da in der Gegend nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung standen, wurden sie in wirtschaftlich unterentwickelten Gebieten im südlichen Niedersachsen, unter anderem im Eichsfeld, angeworben. Für die vielen Arbeitskräfte errichtete das Unternehmen zwischen 1872 und 1925 am Werksgelände eine Werkssiedlung mit 250 Wohnungen. Der Bereich der Arbeitersiedlung wurde Döhrener Jammer genannt.
20. Jahrhundert und Niedergang
Bei den Luftangriffen auf Hannover im Zweiten Weltkrieg wurden die Fabrikationsanlagen zu zwei Dritteln zerstört. Nach dem Wiederaufbau war die Produktionsmenge und die Beschäftigtenzahl Mitte der 1950er Jahre wieder auf Vorkriegsniveau. Wegen der aufkommenden synthetischen Fasern befand sich das Unternehmen ab den 1960er Jahren im Abstieg.
Als 1972 eine Münchner Investorengruppe die Aktienmehrheit des Unternehmens erlangte, gab es nur noch 820 Beschäftigte. Die Investoren lösten das Unternehmen auf und veräußerten das Werksgelände mit der gesamten Bebauung für 50 Millionen DM an das Wohnungsunternehmen Neue Heimat. Anschließend wurden fast alle Betriebsgebäude abgerissen. In den 1980er Jahren entstand auf dem Werksgelände im Bereich der Leineinsel eine Neubausiedlung mit etwa 1.0000 Wohneinheiten.
Heute
Durch seine idyllischen Lage an der Leine und auf einer Leineinsel ist die moderne Wohnbebauung heute ein ruhiges Wohnquartier. Der markanteste Überrest der früheren Werksgebäude ist der inzwischen denkmalgeschützte hohe Uhrturm von 1909. Mit Zinnen, Ecktürmen und Wehrgang gilt er als Erkennungszeichen der Döhrener Wolle. Der Turm diente der früheren Werkfeuerwehr als Schlauchturm.
Gegenüber dem Turm besteht noch das frühere Eingangsgebäude mit einem kleinen Pförtnerhaus. Das einstige Turbinenhaus dient heute als Brücke für die Fahrzeugzufahrt zur Wohnbebauung auf der Leineinsel.
Auch die ehemalige Direktorenvilla sowie Teile der erhaltenen Arbeitersiedlung sind als erhaltenswerte Baudenkmale geschützt.
Literatur
- Waldemar R. Röhrbein in: Stadtlexikon Hannover, S. 136
- Christiane Schröder, Sid Auffarth, Manfred Kohler: Kali, Kohle und Kanal - Industriekultur in der Region Hannover, Rostock, 2010, ISBN 978-3-356-01378-8
Weblinks
52.3328749.759722Koordinaten: 52° 19′ 58″ N, 9° 45′ 35″ OKategorien:- Ehemaliges Unternehmen (Hannover)
- Döhren (Hannover)
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