Rollwagenbüchlin

Rollwagenbüchlin
Das Rollwagenbüchlin, Titelblatt

Das Rollwagenbüchlin ist eine Schwanksammlung von Jörg Wickram. Die erste Ausgabe erschien 1555 in der Druckerei Knobloch in Straßburg. Der Autor Jörg Wickram war ein unehelicher Patriziersohn aus dem elsässischen Colmar. Seine ersten Werke waren Romane, Erzählungen und Fastnachtsspiele, sie erschienen dort ab 1530. Um 1555 musste er als Protestant seine Heimatstadt verlassen und wurde Stadtschreiber in Burkheim am Kaiserstuhl. Dort veröffentlichte er das Rollwagenbüchlin als sein neuntes (bekanntes) Werk.

Inhaltsverzeichnis

Werk

Das Rollwagenbüchlin ist eine Sammlung von ursprünglich 67 Schwänken. In späteren Ausgaben fügte Wickram weitere Geschichten hinzu, so dass die Sammlung schließlich 111 Kapitel umfasste. Das Buch gehört zur Gattung der frühneuzeitlichen Schwankliteratur; Schwänke sind kurze, derbe, manchmal obszöne Geschichten, deren Wurzeln in der humanistischen Fazetie und dem der Predigtliteratur zugehörenden Exempel liegen. Sie wurden mündlich überliefert. Erste Sammlungen erschienen bereits im Mittelalter, ihre Blüte liegt aber in der Frühen Neuzeit. Wickram nahm sich für seine Zusammenstellung die Sammlung Schimpf und Ernst des Franziskanerpredigers Johannes Pauli zum Vorbild, die 1522 erschien. Er verwendete einige bekannte deutsche Schriftquellen, die meisten Schwänke nahm er aber offenbar aus mündlicher Tradition auf. Die Sprache ist ein Übergangsstadium zwischen Mittel- und Neuhochdeutsch und zeigt Einfluss des elsässischen Dialekts auf.

Wickram widmete das Werk seinem Freund, dem Colmarer Gastwirt Martin Neu, um seine Gäste im Haus und auf Reisen gut zu unterhalten. Der Rollwagen (Pferdewagen) war zu damaliger Zeit ein gängiges Verkehrsmittel, und die Fahrgäste verkürzten sich die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten. Nach den Worten Wickrams sei das Büchlein „von guter kurtzweil wegen an tag geben, niemants zu underweisung noch leer, auch niemandts zu schmach, hon oder spott“.[1] Diese Absicht hält der Autor nur zur Hälfte ein. Zwar enthalten die meisten Schwänke keine explizite Moral, doch mit Hohn und Spott spart der Autor nicht. Das Personal besteht zum großen Teil aus „einfachen Leuten“: Wirte, Handwerker, Bauern, Kaufleute, Landsknechte und deren Frauen treten auf, und über die Dummheit seiner Protagonisten macht sich das Rollwagenbüchlin immer wieder lustig. Eine besonders beliebte Zielscheibe der Belustigung sind die Pfaffen. Sie werden im Rollwagenbüchlin so oft vorgeführt, dass in der Forschung der Sammlung eine antiklerikale Tendenz bescheinigt wird.[2] Insgesamt ist das Büchlein aber vergleichsweise brav. Wickram stellt die herrschende Ordnung nicht in Frage, und die Sprache ist zwar derb, aber die Themen sind relativ harmlos und zum Beispiel im Vergleich zum Wegkürtzer des Martin Montanus meist nicht sonderlich obszön.

Das Rollwagenbüchlin erfuhr zu Wickrams Lebzeiten vier Auflagen und war auch anschließend sehr populär. Bis zum Dreißigjährigen Krieg erschienen 14 Auflagen. In der Romantik wurde Wickram wiederentdeckt, die Themen des Rollwagenbüchlins finden sich im Werk Hebels wieder und lassen sich auch bei den Gebrüdern Grimm nachweisen. Die erste wissenschaftliche Edition erschien 1865, weitere Ausgaben folgten im 20. Jahrhundert. Das Rollwagenbüchlin findet als Quelle für die Kulturgeschichte, Sprache und Verhaltensweisen der Frühen Neuzeit weiterhin Beachtung.

Ausgaben

  • Maßgebliche Ausgaben:
    • Georg Wickrams Werke. Herausgegeben von Johannes Bolte (u. Willy Scheel). 8 Bände, Tübingen 1901-1906. (Bibliothek des literarischen Vereins Stuttgart). Als Nachdruck lieferbar (Olms-Verlag Hildesheim 1974, Hiersemann-Verlag Stuttgart 1974)
    • Wickram, Georg: Sämtliche Werke. Herausgegeben von Hans-Gert Roloff. Bände I – XIII/2, Berlin 1967-2003. (Ausgaben deutscher Literatur des XV. bis XVIII. Jhs.). Verlag Walter de Gruyter Berlin.
  • Weitere Ausgaben:
    • Das Rollwagenbüchlein. Leipzig o.J. [1913], (Insel-Tb 132), weitere Auflagen und Neuausgaben bis 1962
    • Das Rollwagenbüchlein. Hg. von Gerhard Steiner, Berlin/Ost 1957 (Eulenspiegel-Verlag), weitere Auflagen bis 1981
    • Das Rollwagenbüchlin. Nach der Ausgabe von Johannes Bolte, Stuttgart 1968, (Reclam- Universal-Bibliothek Nr.1346), weitere Auflagen bis 1992

Literatur

  • Erich Kleinschmidt: Jörg Wickram. In: Deutsche Dichter der Frühen Neuzeit 1450 – 1600. Ihr Leben und Werk. Hg. von Stephan Füssel. Berlin 1991, S. 494 – 511

Einzelnachweise

  1. Zitiert nach: Das Rollwagenbüchlin. Nach der Ausgabe von Johannes Bolte, Stuttgart 1984, Reclam-Universal-Bibliothek Nr. 1346, ISBN 3-15-001346-1, S. 7.
  2. Elisabeth Endres: Nachwort zum Rollwagenbüchlin, nach der Ausgabe von Johannes Bolte, Stuttgart 1984, Reclam-Universal-Bibliothek Nr. 1346, ISBN 3-15-001346-1, S. 192.

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