Wahrschau am Mittelrhein

Wahrschau am Mittelrhein
Das am 13. Januar 2011 auf dem Rhein bei St. Goar nahe der Loreley gekenterte Tankmotorschiff Waldhof

Wahrschau am Mittelrhein bezeichnet das Lotsen des Schiffsverkehrs durch das Mittelrheintal mit Hilfe von Lichtsignalanlagen. Dieser Abschnitt des Rheins ist besonders durch seine engen Kurven und Untiefen für Schiffe sehr gefährlich. Wahrschauen bedeutet in der See- und Binnenschifffahrt „Achtung“ oder „Vorsicht“ gebieten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Kapitäne der Rheinschiffe von speziellen Wahrschaustationen vor Gefahren gewarnt. 1972 wurde auf Lichtsignalanlagen umgerüstet, die von den Signalstellen Bankeck, Betteck und Ochsenturm bedient wurden. Seit 1993 konnten die Signalstellen von einer Zentrale aus gesteuert werden. Die Überwachung an den drei Stationen war aber nach wie vor nötig. Erst mit Inbetriebnahme der Radarüberwachung im Jahr 1997 geschieht beides von der Revierzentrale Oberwesel aus, einer Betriebsstelle des Wasser- und Schifffahrtsamtes Bingen.

Inhaltsverzeichnis

Strecke Oberwesel – Sankt Goar

Auf der Strecke zwischen Oberwesel und Sankt Goar wird seit 1972 der Schiffsverkehr mit Lichtsignalanlagen nach § 12.02 der Rheinschifffahrtspolizeiverordnung (RheinSchPV) geregelt. Diese Regelung ist notwendig, da durch das enge und kurvenreiche Tal kein ausreichender Sichtkontakt für die Schiffe besteht und auch der direkte Sprechfunkverkehr zwischen den Schiffen nicht störungsfrei durchgeführt werden kann. Früher wurden die Schiffer mit Flaggensignalen „gewahrschaut“.

Die fünf Kilometer lange Strecke zwischen Oberwesel und Sankt Goar ist in vier Wahrschauabschnitte unterteilt:

  1. km 550,57 – km 551,30, Ochsenturm Oberwesel bis unterhalb Tauberwerth
  2. km 551,30 – km 552,11, Tauberwerth bis oberhalb Geisenrücken (Felsen in der Flussmitte und Fahrwasserteilung)
  3. km 552,11 – km 554,34, Geisenrücken bis Loreley
  4. km 554,34 – km 555,43, Loreley bis Bankeck in Sankt Goar

Schiffe, die in die Wahrschaustrecke einfahren, müssen sich über Funk bei der Revierzentrale melden. Diese stellt dann entsprechend der Schiffsgröße die Signale für die Bereiche, die die Schiffe durchfahren. Die Bergfahrt meldet sich unterhalb des Bankecks und die Talfahrt oberhalb des Ochsenturms. Vor dem Umfahren des Bankecks und des Bettecks müssen die Bergfahrer gegebenenfalls die Talfahrt abwarten. Die Talfahrt ist in diesem Abschnitt und vorangehend bereits ab Bingen (km 530) nachts nur Fahrzeugen mit Radar erlaubt.

Signalstelle C Am Betteck am linken Bildrand, Blick talwärts

Signalstellen

Die Signalstelle A Am Ochsenturm bei km 550,57 ist nur für die Talfahrt sichtbar und zeigt mit weißem Licht freie Talfahrt oder mit 2 roten Lichtern die Sperrung der Talfahrt.

Die Signalstelle B Am Kammereck bei km 552,80 ist ebenfalls nur für die Talfahrt sichtbar. Weißes Licht zeigt einen Verband von über 110 Meter Länge an, der das Betteck zu Berg passiert, 2 rote Lichter zeigen die Sperrung der Talfahrt an.

Die Signalstelle C Am Betteck bei km 553,61 ist nur für die Bergfahrt sichtbar und zeigt die Talfahrt in den Abschnitten 1 bis 3 an drei Signalfeldern an.

Die Signalstelle D Gegenüber der Loreley (Lützelsteine) bei km 554,34 ist nur für die Bergfahrt sichtbar und zeigt ebenfalls die Talfahrt in den Abschnitten 1 bis 3 an drei Signalfeldern an und hat zusätzlich 2 rote Lichter für die Sperrung der Bergfahrt.

Die Signalstelle E An der Bank bei km 555,43 ist nur für die Bergfahrt sichtbar und zeigt die Talfahrt in den Abschnitten 3 und 4 an zwei Signalfeldern an; sie hat ebenfalls 2 rote Lichter für die Sperrung der Bergfahrt.

Die Signalstellen befinden sich alle am linken Ufer, werden von der Revierzentrale in Oberwesel gesteuert und mit vier Landradarstationen überwacht. Die Zentrale ist über UKW-Kanal 18 erreichbar und rund um die Uhr besetzt. Die Radarstationen befinden sich in Oberwesel, gegenüber dem Kammereck, gegenüber der Loreley und an der Signalstation E An der Bank.

Die Anzeigetafeln der Signalstellen zeigen in einem eigenen Signalfeld für jeden der vier Flussabschnitte mit ein bis drei beleuchteten Balken die Größe der Talfahrer an. Dabei bedeutet ein waagerechter Balken, dass keine Talfahrt kommt. Ein Balken schräg zeigt mindestens einen Talfahrer bis 110 m Länge an, zwei Balken in Dachform zeigen mindestens einen Verband bis 110 m oder einen Einzelfahrer über 110 m Länge an. Wenn alle drei Balken leuchten (Dreieck), befindet sich mindestens ein Verband über 110 m Länge in der Talfahrt.

Signalstelle E An der Bank bei St. Goar für die Bergfahrt mit Lotsenmuseum
Signalstelle C Am Betteck für die Bergfahrt
  • Das Bild mit der Anzeigetafel der Signalstelle E An der Bank zeigt an, dass sich mindestens ein zu Tal kommender Einzelfahrer bis 110 m in Abschnitt 4 und mindestens ein Talfahrer über 110 m oder ein Verband bis 110 m in Abschnitt 3 befinden.
  • Das Bild mit der Anzeigetafel der Signalstelle C Am Betteck zeigt mindestens einen Talfahrer bis 110 m in Abschnitt 3 und keine Talfahrt in den Abschnitten 2 und 1 an.

Wahrschau 1910

Mäuseturm 1910 mit Flaggenstöcken für die Wahrschau
Wahrschaustation in Koblenz-Pfaffendorf

In der Rheinschiffahrts-Polizeiverordnung von 1910 ist die Wahrschau auf der Strecke von Bingen bis Sankt Goar geregelt. Wahrschauer waren an folgenden Stellen eingerichtet:

Die zu Berg fahrenden Schiffe wurden durch Aufziehen von Flaggen oder Körben auf die Talfahrt aufmerksam gemacht. Ein zu Tal fahrendes Schiff wurde mit einer roten Flagge angekündigt, ein Schleppzug mit einer weißen Flagge, ein Floß mit einer weißen und einer roten Flagge.

Die Wahrschauer für das zweite Fahrwasser am Binger Loch und für das linksseitige Fahrwasser oberhalb des Kammerecks zeigten anstelle der Flaggen gleichfarbige Körbe.

Wenn am Betteck oder am Bankeck neben der gewöhnlichen Flagge noch eine kleine rote Flagge gezeigt wurde, bedeutete dies, dass sich der angekündigte Talfahrer in Sicht des Wahrschaupostens befindet.

  • Eine weitere Wahrschaustation befand sich in Pfaffendorf vor der Koblenzer Schiffbrücke, die mit Unterbrechungen bis 1947 in Betrieb war. Wenn die Schiffbrücke in Koblenz offen war, gab sie den Schiffen mit einer Fahne die Durchfahrt frei.

Siehe auch

Literatur

  • Günther J. Janowitz: Warum ist es am Rhein so schön, ein Buch für Kenner und Liebhaber ; Technik, Romantik, Natur, Geschichte, Kunst, Schifffahrt in zwei Jahrtausenden ; neuartige Rheinlauf-Karten von Mainz bis Köln. Verlag Sera-Print, Einhausen 2000, ISBN 3926707097
  • Karl-Heinz Lautensack:Rheinschif(f)fahrt gestern und heute. Selbstverlag, ISBN 3-00-012331-8
  • Wasser- und Schifffahrtsdirektion Südwest: Kompendium der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Südwest. Organisatorische und technische Daten, Binnenschifffahrt, Aufgaben, Wasserstraßen. Eigenverlag, Mainz Juni 2007

Weblinks


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