Große Brennnessel

Große Brennnessel
Große Brennnessel
Große Brennnessel (Urtica dioica)

Große Brennnessel (Urtica dioica)

Systematik
Eurosiden I
Ordnung: Rosenartige (Rosales)
Familie: Brennnesselgewächse (Urticaceae)
Tribus: Urticeae
Gattung: Brennnesseln (Urtica)
Art: Große Brennnessel
Wissenschaftlicher Name
Urtica dioica
L.
Blühende Urtica dioica.
Brennhaare am Blattstängel einer Urtica dioica, die Köpfchen sind erahnbar.
Großer Horst

Die Große Brennnessel (Urtica dioica) ist eine Art in der Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae).

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die Große Brennnessel ist eine ausdauernde, zweihäusige Pflanze, die Wuchshöhen von 30 bis 300 Zentimeter erreicht. Der aufrechte, unverzweigte oder verzweigte Stängel ist stark kantig und hat einen Durchmesser von 3 bis 5 Millimeter. Über ihr kräftiges Rhizom bildet sie Ausläufer und kann so zu großen Horsten heranwuchern. Neben den kieselsäurehaltigen Brennhaaren ist sie zusätzlich mit kurzen, grauen Borstenhaaren und am Stängel und den Blattstielen mit Flaumhaaren besetzt.

Die Blätter stehen gegenständig, die Blattstiele sind in der Regel weniger als ein Drittel so lang wie die herzförmige, zugespitzte Spreite. Diese ist matt, oberseits dunkelgrün und unterseits behaart, zwischen 6 und 20 Zentimeter lang und 2 bis 13 Zentimeter breit. Der Blattrand ist gesägt, selten doppelt gesägt.

Blütezeit ist von Juli bis Oktober. Die linealisch-pfriemlichen Nebenblätter sind frei, der Blütenstiel meist kürzer als der Blütenstand, eine Rispe. Die radiärsymmetrischen Blüten sind unscheinbar grünlich oder bräunlich. Die männlichen Blüten sind aufrechtstehend, das Perigon bis zur Mitte gespalten, der Zipfel am Ansatz am breitesten. Die weiblichen Blüten hängen oder sind zurückgebogen, die äußeren Blütenhüllblätter linealisch bis schmal spatelförmig oder lanzettlich und 0,8 bis 1,2 Millimeter lang, die inneren Blütenhüllblätter eiförmig bis breit eiförmig, 14 bis 1,8 Millimeter lang und 1,1 bis 1,3 Millimeter breit. Der Fruchtknoten ist oberständig.

Die Frucht ist eine eiförmige bis breit-eiförmige Nussfrucht, 1 bis 1,3 (selten bis 1,4) Millimeter lang und 0,7 bis 0,9 Millimeter breit. Die Samen haben eine TKM von 0,14 Gramm und sind frostkeimend [1].

Die Chromosomengrundzahl beträgt x=13 [1].

Vorkommen

Die Große Brennnessel ist überall auf der Nordhalbkugel abseits der Tropen und arktischer Regionen heimisch [2].

Die Pflanze ist ein typischer Stickstoffzeiger und wurde durch die Eutrophierung und Entwässerung von Auwäldern und besonders im Saumbereich der Wälder oft übermäßig stark gefördert [3].

Ökologie

Raupe des Tagpfauenauges beim Abfressen eines Brennnesselblattes

Die Fruchtreife erfolgt von September bis Oktober, die Früchte werden sehr vielseitig als Ballon- oder Flügelflieger, als Schwimmer oder auch als Anhafter im Tierfell verbreitet [3].

Die Große Brennnessel dient zahlreichen Schmetterlingsraupen als Nahrungspflanze[4], Arten wie Kleiner Fuchs und Tagpfauenauge sind monophag, ernähren sich also fast ausschließlich von ihr. Auch für die Gepunktete Nesselwanze ist sie eine wichtige Nahrungspflanze.

Inhaltsstoffe

Kraut und Blätter enthalten zahlreiche Inhaltsstoffe, als wichtigste Skopoletin und β-Sitosterin, daneben 1 bis 2% Flavonoide (Quercetin-, Kämpferolglykoside), 1 bis 4% Silikate und neben weiteren Stoffen Vitamin C. Die Wurzel enthält zusätzlich 0,1% eines spezifischen Lektins, des sogenannten „Urtica dioica Agglutins“. Der Brennsaft enthält Histamin, Acetylcholin und Serotonin. [1]

Systematik

Das Artepitheton verweist auf die Zweihäusigkeit der Pflanze [3]. In Mitteleuropa werden zwei Unterarten der Großen Brennnessel unterschieden:

  • Urtica dioica subsp. dioica: Blattspreiten mit Brennhaaren, vor allem auf den Nerven mehr oder weniger behaart. Der unterste Blütenstand entspringt am 7. - 14. Stängelknoten. Sie kommt in frischen bis feuchten Staudenfluren, Auen- und Erlenwäldern und Ruderalflächen vor. Das Verbreitungsgebiet entspricht dem der Art. Die Chromosomenzahl beträgt 48 bzw. 52.[5]
  • Urtica dioica subsp. subinermis (R. Uechtr.) Weigend (Syn. Urtica dioica subsp. galeopsifolia auct. non (Wierzb. ex Opiz) Chrtek)[6]: Blattspreiten ohne Brennhaare, mindestens unterseits aber dicht behaart. Der unterste Blütenstand entspringt am 13. - 20. Stängelknoten. Das Verbreitungsgebiet umfasst vermutlich das submediterrane bis temperierte Europa. In Mitteleuropa kommt sie selten in Erlenwäldern und im sumpfigen Flussufer von Rhein, Main und Donau vor, die Verbreitung ist nur wenig bekannt. Die Chromosomenzahl beträgt 26.[5]

Nutzung

Pharmakologie und Kosmetik

Große Brennnessel in Form der Blattdroge (Urticae folium)

Als Heildroge werden frische oder getrocknete Brennnesselblätter (Urticae folium), getrocknetes Brennnesselkraut (Urticae herba) und getrocknete Wurzel (Urticae radix) verwendet. Sie werden als Tees, Extrakte oder Fertigpräparat angewandt. [1]

Für die Blätter bzw. das Kraut ist bei innerer Anwendung ein leicht diuretischer Effekt belegt, innerlich wie äußerlich werden sie auch gegen rheumatische Erkrankungen eingesetzt. Extrakte der Wurzel werden zur Linderung von Miktionsbeschwerden in den Anfangsstadien der benignen Prostatahyperplasie gebraucht, welcher der enthaltenen Wirkstoffe dafür verantwortlich ist, ist noch unklar. In der Volksmedizin und der Homöopathie existieren noch weitere Nutzungen, deren Wirkung unbelegt ist. [1]

In der Kosmetikindustrie dienen aus der Brennnesselblättern oder -wurzeln[7] erzeugte Bereitungen als Zusatz zu Shampoos, Haarwässern und Haarwuchsmitteln, da sie die Durchblutung des Haarbodens stärken. [1]

Fasernutzung

Siehe Hauptartikel Fasernessel

Die Große Brennnessel war bis ins 18. Jahrhundert wegen ihrer Bastfasern eine wichtige Faserpflanze, vorzüglich geeignet beispielsweise für feste Stoffe, Netze oder Stricke, geriet aber wegen ihrer mangelnden industriellen Verarbeitbarkeit ins Vergessen. Eine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezüchtete Konvarietät mit hohem Faseranteil, die Fasernessel Urtica dioica convar. fibra, wurde im Rahmen des neu erwachten Interesses an alternativen Faserpflanzen in den 1990ern wiederentdeckt und züchterisch weiterbearbeitet. In Deutschland wird unter anderem diese Fasernessel heute im Vertragsanbau für die Firma Stoffkontor in Lüchow kultiviert, die die Fasern zur Textilherstellung nutzt. Ein finnisches Projekt nutzt zu diesem Zweck reine Wildtypen.

Sonstige Nutzung

Brennnesselabkochungen werden wegen der enthaltenen Kieselsäure gern als Pflanzenstärkungsmittel gegen saugende Insekten eingesetzt, eine Jauche ist ein wertvoller Dünger.

Die jungen Triebe der Brennnessel ergeben ein nahrhaftes, wohlschmeckendes Wildgemüse. Das Kraut eignet sich auch als Futter für Schweine, Rinder, Schafe und insbesondere Geflügel [1].

Anbau

Für den gezielten Nutzanbau von Brennnesseln erfolgt im Mai entweder eine Aussaat oder die Pflanzung von Rhizomen bzw. vorgezogenen Jungpflanzen in das Freiland. Die Brennnessel kann ein- oder mehrjährig angebaut werden. Sollen die Blätter verwendet werden, erfolgt die Ernte mit Schneidladern während der Vollblüte der Pflanzen zwischen August und Oktober. Beim Anbau zur Fasergewinnung muss mit der Ernte bis zum Blühende abgewartet werden. Pro Hektar Anbaufläche lassen sich zwischen 20 und 40 t Feuchtmasse (FM) bzw. 2,5 bis 4 t Droge erzielen.[8]

Nachweise

  • Erich Götz: Pflanzen bestimmen mit dem PC. Eugen Ulmer, Stuttgart 2003, ISBN 3-8252-8168-X. 
  • Werner Rothmaler (Begr.), Rudolf Schubert, Eckehart J. Jäger, Klaus Werner (Hrsg.): Exkursionsflora von Deutschland. Bände 1–4, Gustav Fischer Verlag, Jena u.a. 1994-1996, ISBN 3-334-60831-X, S. 150. 
  • David E. Boufford: Urticaceae. In: Flora of North America Editorial Committee (Hrsg.): Flora of North America North of Mexico Volume 3: Magnoliidae and Hamamelidae. Oxford University Press, New York u.a. 1997, ISBN 0-19-511246-6, S. 402.  (online).) (Beschreibung)

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g Herbert Hanus, Ernst Robert Keller: Ölfrüchte, Faserpflanzen, Arzneipflanzen und Sonderkulturen. In: Klaus-Ulrich Heyland (Hrsg.): Handbuch des Pflanzenbaues. 4, ISBN 3-8001-3203-6, S. 364–365. 
  2. Chen Jiarui, Ib Friis, C. Melanie Wilmot-Dear: Urtica. In: Wu Zhengyi, Peter H. Raven, Deyuan Hong (Hrsg.): Flora of China Volume 5: Ulmaceae through Basellaceae. Science Press u.a., Beijing u.a. 2003, ISBN 1-930723-27-X, S. 82. , (online).)
  3. a b c Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands. 6. völlig neu bearb. Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2005, ISBN 3-494-01397-7. 
  4. Gaden S. Robinson, Phillip R. Ackery, Ian J. Kitching, George W. Beccaloni, Luis M. Hernández: HOSTS – a Database of the World's Lepidopteran Hostplants. (Vollständige Liste online)
  5. a b Werner Rothmaler (Begr.), Eckehart J. Jäger, Klaus Werner (Hrsg.): Exkursionsflora von Deutschland. Band 4. Gefäßpflanzen: Kritischer Band. 10., bearb. Auflage. Elsevier, Spektrum Akademischer Verlag, München, Heidelberg 2005, ISBN 3-8274-1496-2. 
  6. Maximilian Weigend: Die Erben Pokornys – Ein Beitrag zur Abgrenzung der Sippen Urtica galeopsifolia und Urtica pubescens in Mittel- und Osteuropa. In: Hoppea. Band 66, 2005, S. 101–118.
  7. zur Verwendung der Wurzel in der Kosmetikindustrie: Klaus-Ulrich Heyland (Hrsg.): Spezieller Pflanzenbau. 7. Auflage, Ulmer, Stuttgart 1952/1996, ISBN 3-8001-1080-6, S. 264
  8. Klaus-Ulrich Heyland (Hrsg.): Spezieller Pflanzenbau. 7. Auflage, Ulmer, Stuttgart 1952/1996, ISBN 3-8001-1080-6, S. 264

Weblinks

 Commons: Große Brennnessel – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
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