Heilige Pusinna

Heilige Pusinna
Der Turm des Herforder Münsters St. Marien und Pusinna

Die Heilige Pusinna galt bis zur Reformation als die Schutzpatronin von Herford. Die heilige Jungfrau wurde im 5./6. Jahrhundert bei Corbie in Frankreich geboren.

In ihrem Elternhaus lebte Pusinna (lateinisch für „das Mädchen“) zusammen mit ihren Schwestern Liutrud und Menechildis sowie drei weiteren Schwestern enthaltsam und gottesfürchtig. In späteren Jahren zog sie sich als Einsiedlerin auf ihr Erbgut „vicus bausionensis“ (Binson) in der Nähe von Châlons-en-Champagne bei Corbie zurück, wo sie auch starb. Ihre Gebeine wurden im Jahr 860 aus ihrer Einsiedelei in Binson in das Stift Herford überführt, das später den Namen „St. Marien und Pusinna“ erhielt. Dass die Reliquie in den Besitz des Damenstiftes gelangte, war dem Engagement der Äbtissin Haduwy (Hedwig) und ihres einflussreichen Bruders, des Grafen Cobbo der Jüngere, zu verdanken, die verwandtschaftliche Beziehungen zum Hofe des westfränkischen Königs Karl der Kahle hatten.

Die Herforder Reichsabtei hatte mit der Translation der Gebeine der hl. Pusinna vergebens erhofft, durch den Besitz ihrer Reliquien an Bedeutung zu gewinnen und ein florierendes Wallfahrtswesen initiieren zu können. Um die Pusinnenverehrung auf eine breitere Basis zu stellen, wurden auch Teile der Reliquien an das Herforder Tochterkloster Wendhusen im heutigen Thale abgegeben. Von dort sollen die Reliquien später in die Reichsabtei Quedlinburg gelangt sein.

Die Historikerin Bodarwé sieht die Gründe dafür, dass der Pusinnenverehrung längerfristig kein größerer Erfolg beschieden war, zum einen an ihrer farblosen Lebensgeschichte, die keine markigen Wunder und denkwürdigen Taten vermerkt. Vita wie Translationsbericht schildern Pusinna als vorbildliche Gottgeweihte, weniger ihre Wundertätigkeit als ihr gottgefälliger Lebenswandel zeichnen sie aus. Sei eigneten sich für stiftisch orientierte Frauengemeinschaften wie Herford, Wendhausen und Quedlinburg als Vorbild. Zum anderen dürfte jedoch auch von Bedeutung gewesen sein, dass Herford bereits in ottonischer Zeit von jüngeren Konventen wie Gandersheim, Quedlinburg oder Essen in den Schatten gestellt worden war, die andere Heilige bevorzugten und kultisch förderten. So blieb Pusinna letztlich auf den Rang einer Lokalheiligen beschränkt. [1]

Bei der Fertigstellung des Turmes des Herforder Münsters 1490 wurden Teile der Gebeine der hl. Pusinna gemeinsam mit einer Beglaubigungsurkunde der Herforder Fürstäbtissin und des Rates der Stadt in den Turmknauf eingeschlossen. Die Reliquien und die Urkunde wurden 1854 bei einer Renovierung des Turmes wieder gefunden und nach Abschluss der damaligen Arbeiten auf Beschluss des Presbyteriums der ev.-luth. Münsterkirchengemeinde wieder in den Turmknauf eingeschlossen.[2]

Teile der Reliquien der hl. Pusinna, die sich vormals im Besitz des Herforder Damenstiftes befanden, werden heute in der katholischen Kirche St. Johannes Baptist in Herford aufbewahrt. Sie befinden sich seit der Restaurierung der Kirche 2007/08 in einem schwarzen Schrein unter dem Flügelalter im Chorraum der Kirche. Diese Reliquien waren 1949 wieder nach Herford gelangt, nachdem sie 1939 in der Kirche von Heddinghausen (Sauerland) in einer versiegelten Umhüllung gefunden worden waren. 1677 hatte die Herforder Fürstäbtissin Elisabeth von der Pfalz dem Fürstbischof Ferdinand II. von Paderborn diese Reliquien aus dem noch vorhandenen Münsterschatz geschenkt. Nur diesem Umstand ist ihre Rettung zu verdanken. Am 9. Januar 1944 erfolgte eine Teilung der Reliquien zwischen dem Paderborner Dom, der kath. Pfarrkirche in Herford und Marsberg-Heddinghausen.[3]

Gedenktag ist der 23. April.

Literatur

  • Beumann, Helmut, Pusinna, Liutrud und Mauritius. Quellenkritisches zur Geschichte ihrer hagiographischen Beziehungen, in Heinz Stoob (Hg.), Ostwestfälisch-weserländische Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde, Münster 1970, S. 17-29.
  • Bodarwé, Katrinette, Pusinnna. Ein Spiegel jungfräulichen Lebens, in: Gabriele Signori (Hg.), Heiliges Westfalen. Heilige, Reliquien, Wallfahrt und Wunder im Mittelalter, Bielefeld 2003, S. 32-44
  • Cohausz, Alfred, Der einstige Schatz der Herforder Münsterkirche, in: Westfälische Zeitschrift 139 (1989), S. 213-218.
  • Rüthing, Heinrich, Libera ecclesia Hervordensis. Glaube und Kirche im Mittelalter, in: Theodor Helmert Corvey u.a. (Hg.), 1200 Jahre Herford. Spuren der Geschichte, Herford 1989, S. 283-292.

Quellen

  1. Bodarwe 2003, S. 2
  2. Rüthing 1989, S. 283f.
  3. Neue Westfälische, Artikel "Restaurierte Kirche in liturgischem Licht" vom 17.05.2008.

Weblinks


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