St. Nicolai (Lemgo)

St. Nicolai (Lemgo)
St. Nicolai in Lemgo

St. Nicolai ist die evangelisch-lutherische Stadtpfarrkirche in Lemgo. Sie wurde 1210 als Basilika begonnen und ab 1300 zur Hallenkirche umgebaut. Geweiht ist die Kirche – wie in vielen norddeutschen Kaufmannsstädten – dem Hl. Nikolaus, dem Schutzpatron der Seefahrer und Fernkaufleute, da Lemgo eine Hansestadt war. Die Kirche wurde grundlegend restauriert.

Inhaltsverzeichnis

Außenbau

Am Außenbau fällt zunächst die Doppelturmfront mit den unterschiedlich hohen Turmhelmen auf, die die Stadt schon von weitem kenntlich machen und somit ihr Wahrzeichen sind. Für Stadtkirchen ist eine solche Zweiturmfassade ungewöhnlich, da diese in den meisten Fällen nur Kloster-, Stifts- oder Domkirchen zustand. Die Fassade der Lemgoer Stadtkirche dokumentiert mit ihren zwei Türmen die Ansprüche, die die Bauherren stellten, die Herren zur Lippe. Auch hier zeigt sich die Machtdemonstration in der Architektur.

Vom spätromanischen Vorgängerbau ist noch ein sehr schönes Querhaus-Portal übrig geblieben, an dem erkennbar ist, dass der romanische Rundbogen langsam in den gotischen Spitzbogen übergeht.

Innenraum

Der Innenraum von St. Nicolai ist in hellen Farben gehalten und enthält einige bedeutende plastische Kunstwerke. Eines fällt besonders auf, das Grabmal des Franz von Kerssenbrock. 1597 schuf der Lemgoer Bildhauer Georg Crosman diese aufwendige Taufanlage mit dem umlaufenden reichen Brüstungsgitter. 1863 wurde sie vor das Kerssenbrock-Epitaph im Südost-Chor versetzt und verlor dabei eine Seite der Einfassung.

Hier befindet sich ein besonders reichhaltiges Beispiel für die Renaissance-Dekoration auf deutschem Boden. Das prunkhafte Aussehen soll nicht als Barock verstanden werden – der Stil ist immer noch Renaissance. Für die einzelnen Elemente gilt das, was für den Rathauserker insgesamt gilt: glatte Flächen, geometrisch scharfe, klare Muster in der Ebene, nicht in der Tiefe wie beim Barock, die Detailformen für sich sind prägnant als Einzelformen kenntlich usw. Allerdings sorgt diese dichte Zusammenstellung der Einzelformen für eine Unübersichtlichkeit, die nur aus der Barockkunst bekannt ist. Dieses Werk stammt jedoch bereits aus dem Jahr 1597, und die Barockzeit begann in Deutschland erst um 1660, nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Orgel

Die Orgel wurde 1968 von dem Orgelbauer Gustav Steinmann (Vlotho) mit 40 Registern auf drei Manualen und Pedal erbaut. 2009 wurde das Instrument im Zuge der Kirchenrenovierung überarbeitet und um ein Register und einen Zimbelstern erweitert Außerdem wurde eine elektronische Setzeranlage neu gebaut. Es hat heute 41 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen elektrisch.[1]

I Rückpositiv C–
Rohrflöte 8′
Quintade 8′
Prinzipal 4′
Nachthorn 4′
Nasat 22/3
Schwiegel 2′
Terz 13/5
Sifflöte 1′
Scharff IV-V 1′
Rohrschalmey 8′
Tremulant
II Hauptwerk C–
Quintade 16′
Prinzipal 8′
Spillpfeife 8′
Viola da Gamba 8′ 2009
Oktave 4′
Spitzgambe 4′
Quinte 2′
Oktave 2′
Blockflöte 2′
Mixtur IV-VI
Tonus fabri II
Fagott 16′
Trompete 8′
Zimbelstern 2009
III Brustwerk C–
Holzgedackt 8′
Rohrflöte 4′
Prinzipal 2′
Quinte 1′
Terzzimbel III-IV
Regal 16′
Krummhorn 8′
Tremulant
Pedal C–
Prinzipal 16′
Subbaß 16′
Oktave 8′
Gedackt 8′
Oktave 4′
Pommergedackt 4′
Flachflöte 2′
Rauschbaß IV
Posaune 16′
Trompete 8′
Clarine

Glocken

Betglocke mit Trettbrett und Glockenklöppel (vor der Sanierung)
Feuerglocke und Glockenstuhl
(vor der Sanierung)

Im Südturm (kirchlicher Turm) hängen drei mittelalterliche Glocken. Die beiden größeren Glocken zählen wegen ihrer Klangschönheit mit der Glocke im Stumpfen Turm von St. Johann zu den wertvollsten Denkmälern ihrer Art in Westfalen und zu den schönsten Glockenpaaren des 13. Jahrhunderts.[2]

Sie sind vollkommen schmuck- und inschriftslos und wurden vermutlich im Zusammenhang mit dem Bau der beiden Westtürme gegossen, da sie zu groß wären, um sie durch die Schallöffnungen zu transportieren, was sie zudem vor ihrer Zerstörung in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts bewahrte. Der massive Holzglockenstuhl trägt die Jahreszahlen 1681 und 1758. Vor dem Einbau des elektrischen Läuteantriebes wurden die Glocken mithilfe von Trittbrettern in Schwung gebracht, von denen eines am Joch der Betglocke vorhanden ist. Diese zwei Glocken sind der Rest eines vermutlich vierstimmigen Geläutes. Eine dritte Glocke aus dem 14. Jahrhundert hing bis 1860 im Nordturm und wurde im Ersten Weltkrieg zerstört. Sie war angeblich ein Werk des in Lippe anzutreffenden Meisters Grawick.[3]

Die vierte Glocke ist noch vorhanden. Die kleine Glocke gelangte einst mit dem Bau des Turmhelmes dorthin – ein nachträglicher Einbau wäre wegen ihrer relativen Größe unmöglich gewesen – und fungierte seit dem Einbau der Turmuhr, die 1577 erstmals nach einer Reparatur erwähnt wurde, als Stundenschlagglocke. Dass die Glocke wesentlich älter sein muss, bezeugte ihre Abnutzung am inneren Schlagring; sie diente vor der Turmuhr als Läuteglocke.[4]

Nach ihrer Restaurierung wurde sie in den Südturm – ein Stockwerk unterhalb des Glockenstuhles von Betglocke und Feuerglocke – gehängt, um das bestehende Glockentorso zu ergänzen. Im Zuge der Sanierung erhielten die beiden großen Glocken neue, weichere Klöppel. Eine neue Läuteordnung wird konzipiert werden. Am 3. Adventssonntag 2008 um 09:35 Uhr erklangen zum ersten Mal alle drei Glocken zusammen. Als Ersatz für die kleine Glocke goss die Glockengießerei Rudolf Perner in Passau eine kleinere, neue Uhrglocke. Sie hängt starr im Gebälk der Nordturm-Laterne und gibt die vollen Stunden an. Ihre Inschrift lautet: „Die Zeit verrinnt – Ich schlage Euch die Stunde. Alte Hansestadt Lemgo – Verein Alt Lemgo“.[5]

Ferner beherbergt der Nordturm („Spielturm“) als Eigentum der Stadt ein Glockenspiel. Das in den 1930er Jahren von der Glockengießerei Rincker in Sinn gegossene Glockenspiel wurde im Jahre 1948 von der gleichen Gießerei auf 17 Glocken erweitert. Der Anschlag erfolgt elektromagnetisch über Lochstreifen. Täglich von 8 bis 22 Uhr – alle zwei Stunden – spielt es Melodien, die der Jahreszeit angepasst sind. Heute sind 22 Glocken installiert. Bei Bedarf sind diese auch über einen Spieltisch ansteuerbar, der sich neben der Automatik im benachbarten Ballhaus befindet.

Glockendaten

Übersicht über die drei Glocken des Südturmes.[6]

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Durchmesser
(mm)
Masse
(kg)
Schlagton
(HT-1/16)
Glockenstuhl
 
1 Betglocke 13. Jh. unbekannt 1382 1715 es1 0+3 Südturm, oben
2 Feuerglocke 13. Jh. unbekannt 1364 1860 ges1 −3 Südturm, oben
3 ehemalige Uhrglocke[6] 13./14. Jh. unbekannt 970 660 as1 0+7 Südturm, Mitte

Literatur

  • Joachim Huppelsberg: Lemgoer Kirchen (Lippische Sehenswürdigkeiten, Heft 4). Lemgo 1977, Seite 4-16
  • St. Nikolai in Lemgo. Von Ulf-Dietrich Korn. Berlin 1989
  • Großmann, G. Ulrich: Östliches Westfalen. Köln [1983] 2. Auflage 1984. (DuMont Kunst-Reiseführer), S. 261, Abb. 115-117,119; Farbtafel 24,26;

Einzelnachweise

  1. Nähere Informationen zur Geschichte der Orgel von St. Nicolai
  2. Claus Peter: Die deutschen Glockenlandschaften. Westfalen. Deutscher Kunstverlag, München 1989, S. 40.
  3. Vgl. mit der kleinen Glocke von 1398 im Stumpfen Turm von St. Johann.
  4. Claus Peter: Die Turmuhr von St. Nicolai zu Lemgo und ihre Restaurierung. In: Westfälisches Amt für Denkmalpflege (Hrsg.): Denkmalpflege in Westfalen-Lippe. Heft 1/04, 2004, S. 10–15 (PDF; 1,8 MB).
  5. Lippe-News.de (21. Oktober 2008)
  6. a b Claus Peter: Drei Glocken des 13. Jahrhunderts wieder vereinigt. Zur Restaurierung des Geläuts der Nikolaikirche zu Lemgo. In: LWL-Amt für Denkmalpflege in Westfalen im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen–Lippe (Hrsg.): Denkmalpflege in Westfalen-Lippe. Bauten der 1920er bis 1950er Jahre. 16. Jahrgang, Heft 2/10, Ardey-Verlag, Münster 2010, S. 75.

Weblinks

52.0277038.902316

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