Elias (Philosoph)

Elias (Philosoph)

Elias (griechisch Ἠλίας Ēlías) war ein spätantiker Philosoph (Neuplatoniker). Seine Lehrtätigkeit fällt wohl in die Mitte und in die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts. Er gehörte offenbar zur Philosophenschule von Alexandria und schrieb in griechischer Sprache.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Über das Leben des Elias sind keine Angaben überliefert; alle in der Forschung vertretenen Annahmen sind Folgerungen aus Indizien in seinen Werken. Dass er zumindest nominell Christ war, wird aus seinem christlichen Namen erschlossen. Sein Denken ist vom Neuplatonismus, der in der Spätantike dominierenden philosophischen Richtung, geprägt.

Zahlreiche Passagen in Schriften, die teils sicher, teils mutmaßlich von Elias stammen, stimmen mit Stellen in Werken Olympiodoros’ des Jüngeren überein. Olympiodoros war ein prominenter paganer Philosoph; er lehrte in der neuplatonischen Schule von Alexandria. Daher liegt die Annahme nahe, dass Elias ebenfalls in Alexandria gelebt und gelehrt hat und dass er ein Schüler des Olympiodoros war. Spekulativ ist allerdings die Vermutung, dass Olympiodoros Leiter (Scholarch) der Schule war und dass Elias ihm in diesem Amt nachfolgte. Aus Elias’ wahrscheinlicher Teilnahme am Unterricht des Olympiodoros ergibt sich eine ungefähre zeitliche Einordnung seiner philosophischen Aktivität, denn Olympiodoros ist im Jahr 565 letztmals als lebend bezeugt.

Elias trug den Titel apo epárchōn („Apoeparch“, ehemaliger Eparch). Da die Bezeichnung Eparch oft für hohe Verwaltungsbeamte verwendet wurde, hat man vermutet, der Philosoph Elias sei mit einem gleichnamigen Eparchen (Prätorianerpräfekten) Illyriens identisch, der im Jahr 541 als amtierend bezeugt ist. Der Titel „Apoeparch“ wurde im Oströmischen Reich aber auch ehrenhalber an Gelehrte vergeben; daher ist die Folgerung, dass Elias ein Amt ausgeübt hat, nicht zwingend.[1]

Werke

Die Werke des Elias waren wahrscheinlich nicht von ihm zur Veröffentlichung bestimmt. Wie bei vielen spätantiken Schriften dieser Art handelt es sich zumindest teilweise um nicht autorisierte Nachschriften von Schülern aus seinem Unterricht. Mit dieser Einschränkung gelten folgende ihm zugeschriebene Werke als echt:

  • Prolegomena zur Philosophie“, eine anonym überlieferte, aus zwölf Lektionen (práxeis) bestehende Einführung in die neuplatonische Philosophie. Die „Prolegomena“ haben den Charakter eines Protreptikos (einer zur Philosophie ermunternden Schrift); Elias betont den platonischen Gedanken, die Philosophie vergöttliche den Menschen, und preist die philosophische Betätigung enthusiastisch. Mit vielen Zitaten beruft er sich auf Platon, Homer und weitere herkömmliche Autoritäten.
  • Eine Einleitung („Prolegomena“) und ein Kommentar zur Isagoge des Neuplatonikers Porphyrios. Das Werk ist anonym überliefert, wird aber in byzantinischen Scholien mit Angabe des Verfassernamens Elias zitiert.
  • Scholien (Erläuterungen einzelner Textstellen) zu der Schrift De interpretatione (Peri hermēneías) des Aristoteles. Elias ist als Verfasser handschriftlich bezeugt. Die Scholien sind wohl Teile eines verschollenen Kommentars des Elias zu diesem Werk des Aristoteles.
  • Ein Kommentar zu den Analytica priora des Aristoteles, von dem nur der Anfang erhalten geblieben ist. Er ist in der Überschrift als Aufzeichnung eines Schülers aus dem Unterricht des Elias gekennzeichnet.
  • Ein von Elias am Ende seiner Einleitung zur Isagoge erwähnter, ansonsten unbekannter Kommentar zu den Analytica posteriora, der entweder verloren oder bisher nicht identifiziert ist.

Die Authentizität der folgenden Werke ist ungewiss oder sogar zu verwerfen:

  • Ein Kommentar zu den Kategorien des Aristoteles („Erklärung der zehn Kategorien der Philosophie“) mit einer Einleitung in die aristotelische Philosophie. In Alexandria war es üblich, einem Kategorien-Kommentar eine solche Einleitung beizufügen. Dieses Werk ist nicht nur griechisch überliefert, sondern auch in einer unvollständig erhaltenen armenischen Fassung, von der in der einzigen Handschrift Anfang und Ende fehlen. Während in der armenischen Handschrift keine Verfasserangabe zu finden ist, wird das Werk in der griechischen Überlieferung als Nachschrift aus dem Unterricht des Philosophen David, eines anderen Neuplatonikers, bezeichnet. In der Forschung ist umstritten, wer es geschrieben hat. Der Herausgeber Adolf Busse, dem eine Reihe von Philosophiehistorikern folgen, bringt Argumente für eine Zuschreibung an Elias vor; andere Forscher, darunter Ilsetraut Hadot, halten David für den Verfasser.[2] Ein Anhaltspunkt für die Datierung ergibt sich daraus, dass der in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts entstandene Kategorien-Kommentar des Johannes Philoponos zitiert wird.
  • „Prolegomena zur Philosophie Platons“, ein anonym überliefertes Werk, dessen Autor zur Schulrichtung Olympiodoros’ des Jüngeren zählt; er mag ein Schüler des Olympiodoros – vielleicht Elias – oder ein Schüler des Elias gewesen sein.[3]
  • Ein Kommentar zur Isagoge, der in der handschriftlichen Überlieferung teils David, teils Elias zugeschrieben wird, aber in Wirklichkeit von keinem dieser beiden Philosophen stammen kann. Die Bezeichnung des Verfassers als „Pseudo-Elias“ hat sich eingebürgert.[4]
  • „Über die Richtungen“ (griechisch Peri hairéseōn), ein Kommentar zu Galens Schrift De sectis, auf den Elias möglicherweise an einer Stelle seiner „Prolegomena zur Philosophie“ anspielt.[5] Die Bezugnahme ist undeutlich und ansonsten ist über ein solches Werk des Elias nichts bekannt. Jedenfalls ist nicht eine Schrift über Philosophenschulen gemeint.[6]

Lehre

Unklar ist die religiöse Weltanschauung des Elias. Ihrer Bestimmung stehen zwei Schwierigkeiten entgegen. Erstens ist unsicher, ob einschlägige Indizien in dem ihm zugeschriebenen Kommentar zu den Kategorien des Aristoteles verwertet werden können, da die Echtheit des Kommentars strittig ist. Zweitens ist es wahrscheinlich, dass es sich bei einzelnen eindeutig christlichen Bemerkungen in den „Prolegomena zur Philosophie“ um Einfügungen (Interpolationen) handelt, die nicht vom Autor stammen, denn inhaltlich sind sie Fremdkörper. Da der überlieferte Text anscheinend solche Zusätze eines Christen enthält, ist die Authentizität aller christlichen Bezüge in den Werken des Elias fraglich. Möglich ist allerdings auch, dass christliche Bemerkungen, die teils polemisch antipagan formuliert sind und dem sonstigen Inhalt widersprechen, vom Verfasser selbst eingestreut wurden, weil er sich auf diese Weise gegen den Verdacht der Ungläubigkeit absichern wollte.

Sicher ist jedenfalls, dass der möglicherweise mit Elias identische Verfasser des Kategorien-Kommentars die Überzeugung der paganen Neuplatoniker teilt, dass die physische Welt ewig besteht. Er verwirft also implizit die kirchliche Lehre von der Erschaffung der Welt in der Zeit und vom künftigen Weltende. Somit ist davon auszugehen, dass er entweder pagan oder nur sehr oberflächlich christianisiert war. Auch die „Prolegomena zur Philosophie“ sind von paganem Denken geprägt. Daher bezweifelt Christian Wildberg sogar die Existenz eines Philosophen namens Elias; er meint, dass die Elias zugeschriebenen Werke von einem unbekannten paganen Neuplatoniker stammen.[7]

Im Isagoge-Kommentar behauptet Elias, die Vorstellung, dass Gott körperlich ist, sei nicht absurd. Diese für einen Platoniker ebenso wie für einen Christen ungewöhnliche und anstößig klingende Feststellung ist aber nicht so zu verstehen, dass Elias an einen körperlichen Gott geglaubt hat. Vielmehr hat er die Möglichkeit eines materiellen Gottes nur theoretisch untersucht.[8]

Rezeption

In byzantinischen Logik-Kompendien aus der Zeit vom Ende des 6. bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts wurden Texte von Elias und David verwertet. Damals bestand ein Bedarf an knappen zusammenfassenden Darstellungen der aristotelischen Logik, die den Stoff der einschlägigen Lehrschriften der späten alexandrinischen Schule in didaktisch aufbereiteter Form präsentierten.[9]

Textausgaben

  • Adolf Busse (Hrsg.): Eliae in Porphyrii Isagogen et Aristotelis Categorias commentaria. Verlag Georg Reimer, Berlin 1900 (Commentaria in Aristotelem Graeca Bd. 18 Teil 1; kritische Ausgabe der „Prolegomena zur Philosophie“, der Prolegomena und des Kommentars zur Isagoge und des Kategorien-Kommentars)
  • Sen S. Arevšatyan (Hrsg.): Erkasirowt'iwnk' p'ilisop'ayakank'. Haykakan SSH GA Hrat, Erevan 1980, S. 193–300 (Ausgabe der armenischen Fassung des Kategorien-Kommentars)
  • Adolf Busse (Hrsg.): Ammonius: In Aristotelis De interpretatione commentarius. Verlag Georg Reimer, Berlin 1897 (Commentaria in Aristotelem Graeca Bd. 4 Teil 5; darin S. XXVI–XXVIII kritische Ausgabe der von Elias stammenden Scholien zu De interpretatione)
  • Leendert Gerrit Westerink (Hrsg.): Elias on the Prior Analytics. In: Leendert Gerrit Westerink: Texts and Studies in Neoplatonism and Byzantine Literature. Collected Papers. Hakkert, Amsterdam 1980, ISBN 90-256-0765-9, S. 59–72 (kritische Ausgabe)

Übersetzungen

  • Athanase Papadopoulos: Un ouvrage inconnu du philosophe Élie. Un nouveau manuscrit des „Prolégomènes à la philosophie“ de David. In: Revue roumaine des sciences sociales. Série de philosophie et logique 13, 1969, S. 343–353 (enthält S. 349–353 eine französische Teilübersetzung des Kommentars zu den Analytica priora auf der Grundlage einer Handschrift in Bukarest)
  • Olof Gigon (Hrsg.): Aristoteles: Einführungsschriften. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1982, ISBN 3-423-06117-0 (enthält S. 322–343 eine Teilübersetzung der Einleitung zum Kategorien-Kommentar: „Die zehn Hauptpunkte der aristotelischen Philosophie“)

Literatur

  • Richard Goulet: Élias. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 3: d'Eccélos à Juvénal. CNRS Éditions, Paris 2000, ISBN 2-271-05748-5, S. 57–66.
  • Leendert Gerrit Westerink: The Alexandrian commentators and the introductions to their commentaries. In: Richard Sorabji (Hrsg.): Aristotle Transformed. The ancient commentators and their influence. Duckworth, London 1990, ISBN 0-7156-2254-4, S. 325–348.
  • Christian Wildberg: Three Neoplatonic Introductions to Philosophy. Ammonius, David and Elias. In: Hermathena. Nr. 149, 1990, ISSN 0018-0750, S. 33–51.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Für die Identifizierung des Philosophen Elias mit dem Prätorianerpräfekten plädierte Leendert Gerrit Westerink: Elias on the Prior Analytics. In: Mnemosyne 14, 1961, S. 126–139, hier: 127f.; später hat er sich jedoch skeptisch geäußert, siehe Westerink (Hrsg.): Prolégomènes à la philosophie de Platon, Paris 1990, S. XXXIf.
  2. Eine Forschungsübersicht bietet Goulet (2000) S. 58f., 60–65. Siehe auch Valentina Calzolari: David et la tradition arménienne. In: Valentina Calzolari, Jonathan Barnes (Hrsg.): L’œuvre de David l’Invincible et la transmission de la pensée grecque dans la tradition arménienne et syriaque, Leiden 2009, S. 15–36, hier: 29–32; Manea Erna Shirinian: The Armenian Version of David the Invincible's Commentary on Aristotle's Categories. In: Valentina Calzolari, Jonathan Barnes (Hrsg.): L’œuvre de David l’Invincible et la transmission de la pensée grecque dans la tradition arménienne et syriaque, Leiden 2009, S. 89–102.
  3. Siehe dazu die Überlegungen des Herausgebers Leendert Gerrit Westerink: Prolégomènes à la philosophie de Platon, Paris 1990, S. LXXVI–LXXXIX.
  4. Der Kommentar ist herausgegeben von Leendert Gerrit Westerink: Pseudo-Elias (Pseudo-David): Lectures on Porphyry’s Isagoge, Amsterdam 1967. Zur Verfasserfrage siehe Miroslav Markovich: Pseudo-Elias on Heraclitus. In: American Journal of Philology 96, 1975, S. 31–34, Henry J. Blumenthal: Pseudo-Elias and the Isagoge Commentaries Again. In: Rheinisches Museum für Philologie 124, 1981, S. 188–192 und Wanda Wolska-Conus: Stéphanos d'Athènes et Stéphanos d'Alexandrie. Essai d'identification et de biographie. In: Revue des Études byzantines 47, 1989, S. 5−89, hier: 69–80.
  5. Elias, Prolegomena philosophiae Kapitel 3, S. 6 Z. 7–9 Busse.
  6. Leendert Gerrit Westerink: Philosophy and Medicine in Late Antiquity. In: Janus 51, 1964, S. 169–177, hier: 172f.
  7. Wildberg (1990) S. 42–45.
  8. Elias Tempelis: The School of Ammonius, Son of Hermias, on Knowledge of the Divine, Athen 1998, S. 114–116.
  9. Mossman Roueché: Byzantine Philosophical Texts of the Seventh Century. In: Jahrbuch der Österreichischen Byzantinistik 23, 1974, S. 61−76.

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