Hermeneutik (Methode)

Hermeneutik (Methode)

Die Hermeneutik als Methode ist nur teilweise deckungsgleich mit der philosophischen Hermeneutik. Die hermeneutische Methode bildet vielmehr von den Anfängen der Überlegungen zu einer Theoretisierung des Verstehens und Auslegens an ein Verfahren zur Gewinnung von Erkenntnissen, das weit über die Philosophie hinaus, in verschiedensten Disziplinen und Lebensbereichen angewendet wurde und wird.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines: Grundzüge der Hermeneutik als Methode

Die Hermeneutik ist die Kunst bzw. Theorie des Verkündens, Übersetzens, Erklärens und Auslegens. Während bis zum Beginn der Neuzeit die Wortbedeutung als „Kunst der Auslegung“ überwog, entwickelte sie sich im 17. Jh. zunehmend zu einer Theorie und praktischen Methode der Auslegung.[1]
Disziplinär trat die hermeneutische Methode in ihrer langen Tradition zunächst innerhalb der Theologie und Philologie als Methode zur Auslegung sakraler (Exegese, dogmatisch-theologische Hermeneutik, pastorale und spirituell-mystische Hermeneutik) oder philosophischer Texte und Dichtungen (literarische oder poetische Hermeneutik) in Erscheinung, um zunächst auf Gesetze (juristische Hermeneutik) ausgeweitet zu werden, und schließlich zu Beginn der Neuzeit in eine allgemeine Methode der Wissenschaften überzugehen.[2]
Unter dem Einfluss des neuen Methodenbewusstsein der Neuzeit, das die Objektivität und Freiheit der Wissenschaften von aller subjektiven Willkür zu ihren Grundprinzipien erklärte, kamen verschiedene Bestrebungen auf, die technischen Aspekte der Hermeneutik weiterzuentwickeln und eine allgemeine Auslegungslehre zu entwerfen. Wegweisend für diese Entwicklung waren insbesondere Christian Wolffs Band "Philosophia rationalis sive logica" (1728) sowie Georg Friedrich Meiers „Versuch einer allgemeinen Auslegungskunst" (1757). Dennoch blieb die hermeneutische Methode bis zum 18. Jh. auf die Theologie beschränkt und diente mit ihren überwiegend aus der antiken Rhetorik übernommenen methodischen Grundregeln allein didaktischen Zwecken.[3]

Erst Friedrich Schleiermacher etablierte die Hermeneutik als umfassende Verstehenstheorie: Mit seiner Definition der Hermeneutik als "Kunstlehre des Verstehens" ebnete er den Weg für eine universale Lehre des Verstehens, die in der Folge zur methodischen Grundlage für alle historischen Geisteswissenschaften wurde.[3]

Heute wird die methodische Hermeneutik weit über die Geisteswissenschaften hinaus auch in Disziplinen wie den Sozial- und Kulturwissenschaften als grundlegende Methode angewendet.

Die Hermeneutik als Methode der Wissenschaften

Hermeneutik als Methode der Theologie

Die Hermeneutik blickt auf eine lange Tradition als genuin theologische Methode zurück. Als Kunst der rechten Auslegung der Heiligen Schrift vermittelte sie ursprünglich einen dogmatischen Anspruch.

Eine erste systematische Untersuchung aus christlicher Sicht lieferte Origines, der die spätantike Auslegungsmethode der Allegorese auf die sakrale Auslegung übertrug. In Analogie zu Platons Schichtentheorie, die den Menschen in Körper, Seele und Geist gliedert, unterscheidet er einen somatischen (buchstäblichen), einen psychischen (moralischen) und einen pneumatischen (geistlichen) Schriftsinn. Für die Alte Kirche stellte dieses Interpretationsschema den wesentlichen Leitfaden der Bibelauslegung dar.[4]

Die von Tertullian fortgeführten Überlegungen der Alten Kirche zur Hermeneutik erreichten bei Augustinus ihren Zenit. Insbesondere durch den Band „De doctrina christiana“ des Augustinus erreichte die Hermeneutik schon in patristischer Zeit einen hohen Grad methodischer Bewusstheit. Insgesamt verblieb die mittelalterliche Hermeneutik im Rahmen der durch Augustinus vorgegebenen philosophisch-theologischen Konzeption des Verstehens.[4]

Im Kern der theologischen Hermeneutik der Neuzeit stand die Suche nach einem neuen Verständnis der originalen Quellen. Ihr verdeckter oder entstellter Sinn sollte wieder aufgesucht und erneuert werden. In der frühen Aufklärung strebte die theologische Hermeneutik deshalb schließlich danach, eigene allgemeine Regeln des Verstehens zu entwickeln und auf biblische Texte anzuwenden.[5]

Zentrale Impulse hierfür bezog die Hermeneutik als theologische Methode aus der Reformation mit ihrer Rückwendung zum Wort der Heiligen Schrift. An die Stelle der dogmatischen Überlieferung, des Traditionsprinzips, tritt bei Martin Luther das Schriftprinzip. Nach anfänglicher Anwendung der Allegorese bezog sich Luther ausschließlich auf den Wortsinn und wandte wie Calvin in der Interpretation der Heiligen Schrift bevorzugt klassische philologische Methoden an. Parallel zu der Zurückweisung der Lehre von der Verbalinspiration setzte die Historisierung der Bibel ein, mit der zunehmend auch profane Literatur in den Fokus der Hermeneutik trat. Die Hermeneutik wurde damit im Gefolge der Reformation zu einer historisch-philologischen Arbeitsmethode fortentwickelt. Hierfür ist insbesondere die Arbeit des Juristen Hugo Grotius, der als erster zwischen der historischen und dogmatischen Textinterpretation unterschied, sowie des Theologen Johann Jakob Wettstein, der eine allgemeine historisch-philologische Methodik anstrebte, hervorzuheben.[6]

Mit Schleiermacher fand eine Ausweitung der hermeneutischen Theologie über ihre Fachgrenzen hinaus statt, in deren Gefolge die theologische Hermeneutik lediglich nur noch einen Unterfall einer allgemeinen Hermeneutik bildete. Hieran knüpfen in der Folge Friedrich Lücke, ein Schüler Schleiermachers, David Friedrich Strauss, Ferdinand Christian Baur, Albrecht Ritschl, Johann Christian Konrad von Hofmann, Ernst Troeltsch und Adolf von Harnack an.[7]

Eine Zäsur innerhalb der theologischen Hermeneutik markierte schließlich die Dialektische Theologie, in deren Kontext v.a. Rudolf Bultmann stand. Bultmann knüpfte an Schleiermacher und Wilhelm Dilthey an und vereinte die historisch-wissenschaftlicher Bibelkritik mit theologischen Fragestellungen. Er betonte, dass die Bedingung der Auslegung darin liege, dass Interpret und Autor als Menschen in der gleichen geschichtlichen Welt lebten und sich gemeinsam in einem verstehenden Umgang mit Gegenständen und Mitmenschen befänden.[8]

Hermeneutik als Methode der Philosophie

Die Aufgabe der Hermeneutik im Feld der Philosophie bildet die Praxis und Theorie der Interpretation, die sich auf philosophische Texte bezieht. Davon abzugrenzen ist die hermeneutische Philosophie, die nach den Bedingungen der Möglichkeit des Verstehens und der Verständigung im Reden und Handeln fragt.[9]

Bereits bei Platon und Aristoteles ist der griechische Begriff der hermeneutiké bzw. hermeneias angelegt, wurde jedoch von keinem der beiden systematisch zum Ausgangspunkt einer Verstehenslehre gewählt und fand keinen Eingang in die lateinische Sprache. Vielmehr war es erst Johann Konrad Dannhauer, der den Begriff ins Lateinische übertrug und in den Titel seines für die Entwicklung der Hermeneutik insgesamt zentralen Werkes "Hermeneutica sacra sive methodus exponendarum sacrarum litterarum“ (1654) aufnahm.[10]

Im 17. und 18. Jahrhundert prägten insbesondere Philosophen wie Johann Heinrich Alsted, Franciscus de Sancto, Martin Chladenius und Georg Friedrich Meier die weitere Ausbildung einer hermeneutischen Methode im Feld der Philosophie. Am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert trägt Friedrich Schleiermacher maßgeblich zur Ausweitung der hermeneutischen Methode auf weite Wissensbereiche bei. Er verstand die Hermeneutik als eine systematische Kunstlehre des Verstehens, die die Grenzen der Philosophie und Theologie überschreiten will. Seine These, dass ein Autor nur im Nachvollzog seiner gesamten Lebenssituation verstanden werden könne, bildet einen wichtigen Referenzpunkt für Wilhelm Diltheys Ansatz.[11]
Dilthey zielte auf die systematische Neubegründung der Idee der Geisteswissenschaften als einer verstehenden und beschreibenden Psychologie. Mit dieser psychologischen Wende in der Hermeneutik werden die normativen Ansprüche der bisherigen Tradition aufgegeben. Dilthey gilt als Begründer der Geisteswissenschaften und hat mit seiner Hermeneutik zu ihrer methodischen Fundierung einen wichtigen Beitrag geschaffen. Dilthey konzipierte die Hermeneutik als eine Lehre des Verstehens, deren Gegenstand alle Lebensäußerungen sind. Die hermeneutische Methode erfährt bei ihm somit eine Ausweitung über alle Fachgrenzen hinaus auf prinzipiell alle "Objektivationen des Lebens".[12]

Insbesondere innerhalb der Phänomenologie fand vor dem Hintergrund hermeneutischer Überlegungen eine intensive Rezeption der Schriften Diltheys statt. Auch Hans-Georg Gadamer knüpft mit seiner Arbeit „Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik" (1960) an Dilthey an. Gadamer konzipiert seine Hermeneutik vor dem Hintergrund der Idee, dass die Sinnverständigung mit den Lebenden und das Sinnverstehen der Vergangenheit in eine Wirkungsgeschichte eingebettet seien, die den Lebens- und Erkenntnishorizont des Verstehenden und den Objekt-Horizont umfasse.[13]

Jürgen Habermas entwickelte Gadamers Hermeneutik kritisch fort. Dabei kritisiert er zum einen die Hermeneutik als unkritische Methode, bejaht dem entgegengesetzt jedoch zugleich zum anderen die enge Lebensgebundenheit der hermeneutischen Methode. Zusammen mit Gadamers Beitrag entfaltete Habermas' Konzeption die stärkste Wirkung auf gegenwärtige Überlegungen zu einer hermeneutischen Methode im Kontext der Philosophie.[13]

Hermeneutik als Methode der Rechtswissenschaften

Den Ausgangspunkt der juristischen Hermeneutik bildet das Gesetzeswerk des Kaisers Iustinian I., das im Mittelalter nach Italien und Westeuropa gelangte und dort unter der Bezeichnung „Corpus iuris civilis“ zusammengefasst wurde. Im 14. Jahrhundert begann die Rezeption des Römischen Rechts auch in heutigen deutschen Gebieten. Mit dem Humanismus setzte die Kritik der iustinianischen Rechtsquellen ein, wozu die historisch-kritische Methode einen wichtigen Beitrag leistete. Seit der Rezeption des Römischen Rechts besteht neben der theologischen auch eine rechtswissenschaftliche Hermeneutik. Mit der theologischen Hermeneutik teilte sie die dogmatische Aufgabe, denn es ging ihr nicht nur darum, das römische Recht zu verstehen, sondern auch seine Dogmatik zu erfassen. Im Gegensatz zur theologischen arbeitet die juristische Hermeneutik jedoch mit Dokumenten, die nicht – wie die Bibel – festgeschrieben sind, sondern sich im Wandel der Gesetzgebung verändern können.[14]

Im 16. Jahrhundert begann eine Phase intensiver Überarbeitungen der ursprünglichen Quellen und Entwicklung neuer Gesetze, im Rahmen derer etwa die "Constitutio Criminalis Carolina" (1532) entstand. Insbesondere im Anschluss an die Naturrechtstheoretiker des 17. Jahrhunderts, die eine systematisch-produktive Perspektive einnahmen und die Ausbildung neuer Rechtssysteme anstrebten, wurden im 18. Jahrhundert diverse neue Gesetze konzipiert, wie z.B. das Allgemeine Landrecht in Preußen (1794) oder der französische Code civil (1804).[15]

Mit der Schaffung moderner Gesetzeskodifikationen verlor die Hermeneutik des Rechts ihre vormals dogmatische Aufgabe und wurde zunehmend in das Feld der Rechtsgeschichte integriert. Hierzu trug bereits zu Zeiten der Romantik die Historische Rechtsschule um Carl von Savigny bei, die eine Verbindung der historischen mit der systematischen Methode anstrebte, um eine „positive Rechtswissenschaft“ zu entwickeln.[16]

Hermeneutik in anderen Wissenschaften

Daneben ist die Hermeneutik als Methode auch in anderen Wissenschaften präsent. So etwa insbesondere auch in den Sozial- und Kulturwissenschaften und ihren jeweiligen Wissenschaftszweigen.

Literatur

Hermeneutik als Methode der Philosophie
  • Bühler, Axel: Hermeneutik. Basistexte zur Einführung in die wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Verstehen und Interpretation Heidelberg 2003
  • Figal, Günter: Der Sinn des Verstehens. Beiträge zur hermeneutischen Philosophie. Stuttgart 1996
  • Figal, Günter: Verstehensfragen. Studien zur phänomenologisch-hermeneutischen Philosophie. Tübingen 2009
  • Figal, Günter (Hrsg.): Internationales Jahrbuch für Hermeneutik (IJH). Mohr Siebeck, Tübingen 2002 ff.
  • Gadamer, Hans-Georg & Gottfried Boehm: Seminar: Philosophische Hermeneutik. Frankfurt am Main 1979
  • Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. 1960.
  • Gessmann, Martin: Zur Zukunft der Hermeneutik. Paderborn 2011.
  • Grondin, Jean: Einführung in die philosophische Hermeneutik. 2. überarbeitete Auflage, Darmstadt 2001.
  • Ineichen, Hans: Philosophische Hermeneutik. (Handbuch Philosophie, hg. v. Elisabeth Ströker und Wolfgang Wieland). Freiburg / München 1991.
  • Jung, Matthias: Hermeneutik zur Einführung. Hamburg 2001.
  • Schreiter, Jörg: Hermeneutik – Wahrheit und Verstehen, Berlin 1988.
  • Seiffert, Helmut: Einführung in die Hermeneutik. Die Lehre von der Interpretation in den Fachwissenschaften. Tübingen 1992.
  • Veraart, Albert; Wimmer, Reiner: Hermeneutik, in: Mittelstraß, Jürgen (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2., neubearb. und wesentlich erg. Aufl. Stuttgart 2008, S. 364-370 (= Bd. 3: G – Inn).
  • Vetter, Helmuth: Philosophische Hermeneutik. Unterwegs zu Heidegger und Gadamer. Frankfurt a. M. 2007 (Reihe der Österreichischen Gesellschaft für Phänomenologie; Band 13)
Hermeneutik als Methode der Theologie
  • Döbert, Marcus: Posthermeneutische Theologie: Plädoyer für ein neues Paradigma. Stuttgart 2009.
  • Feil, Ernst: Die Theologie Dietrich Bonhoeffers: Hermeneutik, Christologie, Weltverständnis. 3. Aufl. München 1979.
  • Korsch, Dietrich: Religionsbegriff und Gottesglaube: dialektische Theologie als Hermeneutik der Religion. Tübingen 2005.
  • Lorenzmeier, Theodor: Exegese und Hermeneutik. Eine vergleichende Darstellung der Theologie Rudolf Bultmanns, Herbert Brauns und Gerhard Ebelings. Hamburg 1968.
Hermeneutik als Methode der Rechtswissenschaft
  • Buschendorf, Ernest: Recht, Sinn, Glauben: Vorstudien zu einer Hermeneutik des Rechts. Hamburg 1962.
  • Forsthoff, Ernst: Recht und Sprache: Prolegomena zu einer richterlichen Hermeneutik. Darmstadt 1971.
  • Hegenbarth, Rainer: Juristische Hermeneutik und linguistische Pragmatik ; Dargest. am Beisp. d. Lehre vom Wortlaut als Grenze d. Auslegung. Königstein/Ts. 1982.
  • Müller, Friedrich: Normstruktur und Normativität: Zum Verhältnis von Recht und Wirklichkeit in der juristischen Hermeneutik, entwickelt an Fragen der Verfassungsinterpretation. Berlin 1966.
Hermeneutik als Methode anderer Wissenschaften
  • Greshoff, Rainer (Hrsg.): Verstehen und erklären: sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. München u.a. 2008.
  • Hitzler, Ronald; Honer, Anne: Sozialwissenschaftliche Hermeneutik: eine Einführung. Opladen 1997.
  • Simanowski, Roberto: Textmaschinen - Kinetische Poesie - Interaktive Installation: Studien zu einer Hermeneutik digitaler Kunst. Bielefeld 2010.
  • Trzaskalik, Tim: Literarische Hermeneutik. Hamburg 2010.

Einzelnachweise

  1. vgl. Veraart/Wimmer 2008, S. 364.
  2. vgl. Veraart/Wimmer 2008, S. 364 f.
  3. a b vgl. Veraart/Wimmer 2008, S. 366.
  4. a b vgl. Veraart/Wimmer 2008, S. 365. und Seiffert 1992, S. 18.
  5. vgl. Veraart/Wimmer 2008, S. 365.
  6. vgl. Veraart/Wimmer 2008, S. 365 f. und Seiffert 1992, S. 24 und 26.
  7. vgl. Seiffert 1992, S. 32.
  8. vgl. Seiffert 1992, S. 32 ff.
  9. vgl. Veraart/Wimmer 2008, S. 367.
  10. vgl. Seiffert 1992, S. 17.
  11. vgl. Seiffert 1992, S. 28 ff.
  12. vgl. Seiffert 1992, S. 29. f.
  13. a b vgl. Seiffert 1992, S. 31.
  14. vgl. Seiffert 1992, S. 20 f.
  15. vgl. Seiffert 1992, S. 27 f.
  16. vgl. Seiffert 1992, 34 f.

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