Leopold Gasser

Leopold Gasser

Leopold Gasser war zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie eine der angesehensten Waffenfabriken und Weicheisengießereien. Die Standorte waren in Wien-Ottakring und St. Pölten.

Geschichte

Weicheisengiesserei von Leopold Gasser in St. Pölten (um 1900)
Die Waffenfabrik in Wien (um 1900)
Rast & Gasser M1898

Leopold Gasser begann seine Tätigkeit im Jahre 1862 in einer kleinen Werkstätte ohne Motor, in der ihm drei bis vier Gesellen zur Seite standen.[1] Sein Hauptaugenmerk richtete der Meister auf die Erzeugung von Revolvern, in der er bald eine solche Meisterschaft bekundete, dass ein von ihm konstruierter Revolver als Ordonnanzwaffe in der österreichisch-ungarischen Armee, der k.k. Landwehr, bei der k.u. Landwehr (Honvéd) und der Marine eingeführt wurde. Ein Modell war die Rast & Gasser M1898.

Als infolge dessen die Aufträge des Hofes sich immer mehr steigerten und die verfügbaren Hilfskräfte zur Ausführung alles übernommenen ärarischen Lieferungen unzugänglich erschienen, sah sich Gasser zur Anschaffung von Dampfmaschinen veranlasst. Bald hatten sich jedoch die Gasser'schen Erzeugnisse durch ihre ausgezeichnete Konstruktion und Ausführung einen solchen Ruf erworben und häuften sich die Aufträge in solchem Maße, dass zur Bewältigung der erforderlichen Leistung eine neuerliche Vergrößerung der maschinellen Einrichtung sich als notwendig erwies und nach ungefähr zehn Jahren die erste Dampfmaschine bereits durch eine von 40 HP ersetzt werden musste. Aus der einst so unscheinbaren Werkstätte wurde allmählich ein mächtiges Fabrikanwesen, dessen Leistungen den Ruf der Firma Gasser in weite Ferne trugen. Um 1900 war der maschinelle Apparat der Fabrik derart eingerichtet, dass in derselben jede Waffe in allen ihren Teilen hergestellt werden konnte.

Im Jahre 1874 wurde die Fabrik mit der Lieferung von Revolvern für die montenegrinische Regierung betraut. Durch die gesteigerte Produktion konnte auch nach dem Balkan und das Osmanische Reich exportiert werden.

Ihre Leistungsfähigkeit zeigte die Firma nicht nur in der Erzeugung der für Regierungen und Behörden (wie z. B. für die gesamte Sicherheitswache von Wien und vielen anderen Städten) bestimmten Revolver und Waffenbestandteile, sondern auch in der Fabrikation von Luxusrevolvern, Jagdgewehren, usw. welche ebenso für den heimischen Bedarf, wie auch für das Ausland in großer Menge geliefert werden. Der bedeutende Produktionsumfang der Fabrik erhellt aus der Tatsache, dass die Erzeugung jährlich an 30.000 Revolver umfasste, neben welcher eine umfangreiche Fabrikation von Gewehren und sonstigen Waffen und Waffenteilen einherging. Die Fabrik besaß eine eigene Schießstätte, in welcher sämtliche Schusswaffen ohne Ausnahme nach der Scheibe eingeschossen wurden, bevor sie zum Verkaufe gelangten. Seit dem Jahre 1873 besaß die Firma für den Detailverkauf ihrer Erzeugnisse eine Niederlage am Kohlmarkt 8 im 1. Wiener Bezirk.

Sämtliche Arbeitsräume waren im sanitären Interesse der Arbeiter, deren die Fabrik zeitweise bis zu 500 beschäftigte, wie nicht minder im Interesse einer exakten Ausführung der Arbeiten mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet.

Durch die stetige Prosperität des Unternehmens sah sich die Firma bald veranlasst, an eine Erweiterung ihrer Erzeugungsstätten zu schreiten. So wurde 1870 in St. Pölten eine ehemalige Kattunfabrik mitsamt Wasserwerk erworben, wo anfangs mittelst Fallhämmer und Friktionspressen die Schmiedearbeiten für die Wiener Fabrik vorgenommen wurden. Die reichlich vorhandene Wasserkraft fand aber damit nicht ihre völlige Ausnützung. Um diese, wie auch die großen Räumlichkeiten, besser zu verwerten, ging die Firma 1879 an die Errichtung einer Weicheisengießerei.

Die Gießerei lag am Rand der Stadt St. Pölten, besaß eine Wasserkraft von 50 HP, 12 Schmelzöfen, 14 Temperöfen und zwei Kupolöfen. Sie beschäftige zur Jahrhundertwende etwa 300 Arbeiter und war damit die größte Fabrik der Stadt. Sie waren zum großen Teil in den zur Fabrik gehörigen Baulichkeiten, in geräumigen, allen sanitären Anforderungen entsprechenden Wohnungen untergebracht. Das Werk verfügte auch über eine eigene wohlgeschulte und mit den neuesten Geräten ausgerüstete, aus 25 Mann bestehende Feuerwehr. Das Werk wurde 1903 vom Stammwerk organisatorisch getrennt und in St. Pöltner Weicheisen-, Stahlgießerei Leopold Gasser umbenannt.

Der Absatz der Gasser'schen Gusserzeugnisse beschränkte sich nicht auf das Inland, sondern erstreckte sich auch auf Deutschland, Italien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Russland usw.

Die Leistungen der Firma Leopold Gasser fanden bei vielen Anlässen von maßgebender Seite Anerkennung. So wurde dem Nachfolger von Leopold Gasser, seinem Bruder Johann Gasser, das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. Im Jahre 1893 wurde er vom Kaiser mit dem Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens ausgezeichnet. Viele andere Auszeichnungen, wie die Verleihung des fürstlich montenegrinischen Danilo-Ordens, der silbernen Medaille des Niederösterreichischen Gewerbevereins, sowie zahlreiche erste Ausstellungspreise und ehrende Anerkennungen gaben Zeugnis von dem hohen Ansehen, dessen sich die Firma Leopold Gasser im In- und Auslande erfreute.

Revolver von Gasser gehören heute zu Sammlerobjekten und werden auf Auktionen gehandelt.[2] In der Dauerausstellung des Heeresgeschichtlichen Museum in Wien werden mehrere Gasser-Fabrikate gezeigt. Besonders beachtenswert ist dabei ein Prunkrevolver, der Kronprinz Rudolf von Gasser gewidmet wurde.[3]

Einzelnachweise

  1. Leopold Gasser, in: Die Gross-Industrie Oesterreichs. Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum Seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Oesterreichs 1898. Band 3. Weiss, Wien 1898, S. 145–146.
  2. Revolver, Gasser - Wien. Dorotheum, 7. November 2009, abgerufen am 18. Jänner 2010 (Mit Foto vom Revolver).
  3. Manfried Rauchensteiner, Manfred Litscher (Hrsg.): Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien. Graz, Wien 2000 S. 58.

Literatur

  • Joschi Schuy: Gasser-Revolver. Lebenswerk einer österreichischen Büchsenmacherfamilie. Druckerei Trauner, Linz, 1992.
  • Gerhard Stadler, 2006: Das industrielle Erbe Niederösterreichs, Kapitel Gasser-Fabrik, S. 597–598. ISBN 3-20577460-4

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