Pange lingua

Pange lingua

Pange lingua (lateinisch für „Besinge, Zunge!“) sind die Anfangsworte und zugleich der Titel des berühmtesten eucharistischen Hymnus, der dem Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225–1274) zugeschrieben wird. Sie gehen auf den gleichnamigen Kreuzhymnus Pange lingua des Venantius Fortunatus zurück und finden sich in zahlreichen weiteren mittelalterlichen Gedichten zitiert. Thomas von Aquin übernahm auch Vers- und Strophenaufbau von diesem Hymnus, allerdings verwendete er, wie zu seiner Zeit bereits üblich, anstatt des quantitierenden trochäischen Versmaßes der Antike einen akzentuierenden Trochäus mit Reimversen.

Das Pange lingua des Thomas von Aquin wird vor allem zur Feier des Fronleichnamsfestes und am Gründonnerstag gesungen. Seine Schluss-Strophen Tantum ergo und Genitori werden auch sonst beim sakramentalen Segen gesungen, zur Aussetzung des Allerheiligsten.

Auch evangelische Komponisten wie Dietrich Buxtehude haben den Text als musica sub communione (Musik zur Austeilung des Abendmahls) vertont (BuxWV 91).

Aufbauend auf das Kyrie der Missa Pange lingua von Josquin Desprez wurde das „Do-Re-Fa-Mi-Re-Do“-Thema der dritten Zeile des Hymnus zu einem der meistverarbeiteten der Musikgeschichte. Simon Lohet,[1] Michelangelo Rossi,[2] François Roberday,[3] Johann Caspar Ferdinand Fischer,[4] Johann Jakob Froberger,[5][6] Johann Caspar von Kerll,[7] Johann Sebastian Bach,[8] Johann Joseph Fux komponierten Fugen darüber, und durch Fux' ausführliche Ausarbeitungen zu dem Thema im Gradus ad Parnassum[9] wurde es zum Lehrbeispiel für angehende Komponisten, unter ihnen auch Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Jupiter-Thema aus den ersten vier Noten besteht.[10]

In der Orgelliteratur des 20. Jahrhunderts schuf Johann Nepomuk David ein Pange lingua (1928). Zoltán Kodály schrieb 1929 ein "Pange Lingua" für gemischten Chor und Orgel.

Inhaltsverzeichnis

Text und Übertragungen

Der lateinische Text des Pange lingua von Thomas von Aquin findet sich z.B. im Gotteslob unter Nr. 544. Im Folgenden wird er von der Übertragung von Heinrich Bone (1847), wie sie im Gesangbuch Gottesdienst steht, begleitet. Das Gotteslob enthält ebenfalls eine komplette Übertragung, und zwar von Maria Luise Thurmair. Zusätzlich ist dort eine weitere Übertragung von Friedrich Dörr angegeben, allerdings nur für die meistgesungenen Strophen, nämlich die fünfte und sechste, die unter dem Namen Tantum ergo bekannt sind. Beide Übertragungen weichen weiter vom Urtext ab als die von Heinrich Bone. (Sie können hier aus Copyright-Gründen nicht wiedergegeben werden.)

Thomas von Aquin 1263/64 Heinrich Bone 1847
Pange, lingua, gloriosi
Corporis mysterium,
Sanguinisque pretiosi,
quem in mundi pretium
fructus ventris generosi
Rex effudit Gentium.
Nobis datus, nobis natus
ex intacta Virgine,
et in mundo conversatus,
sparso verbi semine,
sui moras incolatus
miro clausit ordine.
In supremae nocte coenae
recumbens cum fratribus
observata lege plene
cibis in legalibus,
cibum turbae duodenae
se dat suis manibus.
Verbum caro, panem verum
verbo carnem efficit:
fitque sanguis Christi merum,
et si sensus deficit,
ad firmandum cor sincerum
sola fides sufficit.
Tantum ergo Sacramentum
veneremur cernui:
et antiquum documentum
novo cedat ritui:
praestet fides supplementum
sensuum defectui.
Genitori, Genitoque
laus et jubilatio,
salus, honor, virtus quoque
sit et benedictio:
procedenti ab utroque
compar sit laudatio.
Amen.
Preise, Zunge, das Geheimnis
dieses Leibs voll Herrlichkeit
und des unschätzbaren Blutes,
das, zum Heil der Welt geweiht,
Jesus Christus hat vergossen,
Herr der Völker aller Zeit.
Uns gegeben, uns geboren
von der Jungfrau, keusch und rein,
ist auf Erden er gewandelt,
Saat der Wahrheit auszustreun,
und am Ende seines Lebens
setzt er dies Geheimnis ein.
In der Nacht beim letzten Mahle
saß er in der Jüngerschar.
Als nach Vorschrift des Gesetzes
nun das Lamm genossen war,
gab mit eigner Hand den Seinen
er sich selbst zur Speise dar.
Und das Wort, das Fleisch geworden,
schafft durch Wort aus Brot und Wein
Fleisch und Blut zur Opferspeise,
sieht es auch der Sinn nicht ein.
Es genügt dem reinen Herzen,
was ihm sagt der Glaub allein.
Darum lasst uns tief verehren
ein so großes Sakrament;
dieser Bund soll ewig währen,
und der alte hat ein End.
Unser Glaube soll uns lehren,
was das Auge nicht erkennt.
Gott, dem Vater und dem Sohne
sei Lob, Preis und Herrlichkeit
mit dem Geist im höchsten Throne,
eine Macht und Wesenheit!
Singt in lautem Jubeltone:
Ehre der Dreieinigkeit!
Amen.

Hörproben

Literatur

  • Guido Maria Dreves, Clemens Blume: Ein Jahrtausend lateinischer Hymnendichtung. Eine Blütenlese aus den Analektika Hymnika mit literarhistorischen Erläuterungen. O.R. Reisland, Leipzig 1909, Teil I, S. 36–37, 355–377.
  • Gottesdienst. Gebets- und Gesangbuch für das Erzbistum München und Freising. München, Verlag J. Pfeiffer, 1958.
  • Siegbert Rampe: Vorwort zu Froberger, Neue Ausgabe sämtlicher Werke I, Kassel etc. 2002, S. XX, XLI (FbWV 202).
  • William Klenz: Per Aspera ad Astra, or The Stairway to Jupiter; The Music Review Vol. 30 Nr. 3, August 1969, S. 169–210.

Einzelnachweise

  1. Fuga Undecima, CEKM 25, S. 23
  2. Versetto quinto tono II, CEKM 15, S. 51
  3. Fugue 12me., Heugel LP 44, S. 68
  4. Fuga E aus Ariadne Musica
  5. FbWV 202, FbWV 404
  6. Rampe
  7. Canzona 4, DM 1204, S. 12
  8. BWV 878
  9. Mizler-Übersetzung, Tafeln XXIII, XXIV, XXVII, XXIX, XXX
  10. Klenz S. 169 “Well known to students of counterpoint as an imposed cantus firmus, this sequence of notes is one of the most gnomic groupings of tones ever devised by Western music”.

Siehe auch

Weblinks


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