Partnerwahl

Partnerwahl
Brautwerbung. Bild aus einem persischen Manuskript (zwischen 1556 und 1565)

Partnerwahl bezeichnet einen Prozess, in welchem Menschen Beziehungspartner auswählen. In diesem Prozess spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle, darunter sexuelle Attraktivität, Erwägungen bezüglich des Lebensplans, der Empfindungen, Erfahrungen und habituellen Ähnlichkeiten.

Es existieren verschiedene theoretische Ansätze der Partnerwahl:

  • Die evolutionärpsychologische Theorie der sexuellen Strategien (Sexual Strategies Theory) (z. B. Buss, 1989; Buss & Schmitt, 1993): wenn das Ziel der Partnerwahl die Fortpflanzung sei, argumentiert Buss (1989), dann dienen Partnerwahlstrategien dazu, optimale Partner zu identifizieren, um durch erfolgreiche Fortpflanzung und Sicherung des Überlebens die genetische Fitness der eigenen Nachkommen zu erhöhen.
  • Dagegen stellen die sozialpsychologischen Rollentheorien (Social Role Theories) (z. B. Eagly, 1987) das soziale Umfeld als entscheidendes Kriterium für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Partnerwahl dar. Insbesondere sei die Art der Arbeitsteilung in einer Gesellschaft und daraus resultierende Geschlechterrollen für die Partnerwahlkriterien von Männern und Frauen entscheidend.
  • Weitere Modelle sind das Komplementaritätsmodell von Winch (1958), das Phasenmodell von Saxon (1968), die Instrumentalitätstheorie von Centers (1975), das Psychoanalytische Modell von Jung (1978), das Altruismusmodell von Kirchler (1989) sowie das Stufenmodell von Klein (1991).

Inhaltsverzeichnis

Sozialpsychologische Ansätze

Social Role Theories

Die Geschlechterrollen von Mann und Frau am Beispiel der Arnolfini-Hochzeit von Jan van Eyck (1396-1441)

Anders als im evolutionspsychologischen Ansatz sollen geschlechtsspezifische Verhaltensweisen von der Anpassung (Sozialisation) an unterschiedliche Geschlechterrollen, die eine Gesellschaft bereithält, abhängen. Je ungleicher die sozialen Positionen von Mann und Frau in einer Gesellschaft seien, umso stärker weichen die Verhaltensweisen voneinander ab. Laut den Social Role Theories (Eagly, 1987; Eagly, Wood & Diekman, 2000) entwickelt sich diese Geschlechterhierarchie durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich. Soziale Rollen definieren sich als „Sammlung von Überzeugungen und Ansichten, die die Mitglieder einer Gesellschaft mehrheitlich teilen und die sich darauf beziehen, wie sich eine Person, die eine bestimmte soziale Position innehat, verhält oder verhalten sollte“ (Eagly et al., 2000). Da beide Geschlechter unterschiedliche Rollen wahrnehmen, passen sie ihre Verhaltensweisen auch in der Partnerwahl an. In Studien wurde nachgewiesen, dass Frauen in vielen Kulturen über weniger Macht und Einfluss sowie Ressourcen als Männer verfügen, da durch die spezifische Arbeitsteilung Frauen überwiegend Haushaltsarbeiten und geringer entlohnte Beschäftigungen ausüben. Daraus resultieren unterschiedliche Rollenverteilungen und -erwartungen, die Eagly (2000) als „resource provider“ (Ernährer) und „homemaker“ (Hausfrau) bezeichnet.

Als soziale Rollentheorie ist auch die Hypothese von Wellek (1963) zu verstehen, wonach die Partnerwahl nach einer komplementären Geschlechtsrollenidentifikation orientiert ist, sodass Frauen mit sehr weiblicher Geschlechtsrollenidentifikation (z. B. 90 % weiblich, 10 % männlich) Männer mit einer komplementären männlichen Geschlechtsrollenidentifikation (z. B. 10 % weiblich, 90 % männlich) präferieren, sodass sich die männlichen und weiblichen Anteile immer auf 100 % addieren. Umgekehrt suchen dieser Hypothese zufolge Personen mit weniger akzentuierter sexueller Rollenidentifikation ebenso ihresgleichen.

Siehe auch: Rollentheorie

Homogamie und Heterogamie

Partnerwahl findet zudem neben dem Aspekt der physischen Attraktivität auch nach Kriterien wie Ähnlichkeit, Sympathie und Komplementarität statt. Man unterscheidet zwei Hypothesen zur Partnerwahl:

  • Die Homogamie-Hypothese besagt, dass Partner nach ähnlichen Kriterien ausgesucht werden, so dass möglichst gleiche Bedingungen (Abstammung, Alter, Bildungsniveau, sozialer Status, finanzielle Lage, Hobbys, politische Neigung, Religion) in eine Partnerschaft eingebracht werden. Darüber hinaus existiere ein Endogamie-Prinzip, nach dem die Partnerwahl von Kultur- und Subkulturähnlichkeiten mitbestimmt wird.
  • Die Heterogamie-Hypothese vertritt die Meinung, dass Gegensätze sich anziehen, dass man also hauptsächlich einen Partner sucht, der die entgegengesetzten Charaktereigenschaften in eine Partnerschaft einbringt.

Empirische Untersuchungen zeigen, dass vor allem die Homogamie-These zutrifft. Der amerikanische Verhaltensforscher Steven Reiss hat im Jahr 2000 mit seinem auf Überlegungen William McDougalls aus dem Jahre 1932 basierendem Modell der Kausalattribution empirisch belegt, dass Partnereigenschaften im Bereich der existenziellen Wertvorstellungen und sozialen Normen homogam, im Bereich der Hobbys und Interessen heterogam ist. Mit Hilfe einer umfangreichen Untersuchung durch Befragung von über 6.000 Männern und Frauen aus den USA, Japan und Kanada, die das menschliche Verhalten auf 16 relevante Lebensmotive zurückführt, entwickelte er eine komplexe, nicht hierarchische Ordnung homogamer Grundmotive des Menschen, welche anschließend relativ populär geworden ist. Haben Partner bei den untersuchten grundlegenden Normen überwiegend gleiche oder ähnliche Wertvorstellungen, ist die Wahrscheinlichkeit überzufällig hoch für eine stabile Beziehung. Die Soziologie beschreibt darüber hinaus, dass Beziehungen, die über mehr als eine soziale Schicht hinweg begründet werden, unterdurchschnittlich stabil sind.

Soziale Schließung

Mit dem Begriff der Sozialen Schließung werden in der Soziologie homogame Tendenzen in einen Zusammenhang mit Sozialstruktur gebracht.

Bei den meisten Paaren in Deutschland verfügen beide Partner über einen gleichen oder ähnlichen Bildungsabschluss. Das Statistische Bundesamt (Destatis) teilt zum Weltbildungstag am 8. September 2008 mit, dass 2007 bei 61 % der Paare ein gleicher Bildungsabschluss vorlag. Nur in dreißig Prozent der Fälle hatte der Mann einen höheren Bildungsabschluss als die Frau und nur bei 9 % der Paare war es umgekehrt. Analysiert wurden hier Ehepaare und nichteheliche Lebensgemeinschaften. Bei den bildungsgleichen Paaren besaßen

  • Zwei Drittel (67 %) einen mittleren Bildungsstand (berufsqualifizierende Abschlüsse und/oder das Abitur beziehungsweise die Fachhochschulreife),
  • 19 % einen hohen Bildungsstand (akademischer Abschluss oder einen Meister-/Techniker- oder Fachschulabschluss),
  • 15 % einen niedrigen Abschluss (Haupt-/Realschule, Polytechnischer Oberschule und kein beruflicher Abschluss sowie Personen ohne Bildungsabschluss).[1]

Ansatz der Evolutionären Psychologie

Dem theoretischen Ansatz der Evolutionären Psychologie zufolge suchen Menschen sich evolutionsbedingt Sexualpartner aus, die eine möglichst hohe Überlebenswahrscheinlichkeit der eigenen Nachkommen bieten können. Der Ansatz basiert auf Charles Darwins Theorie, dass Lebewesen nach Produktion möglichst vieler, überlebensfähiger Nachkommen streben und bezieht sich auf heterosexuelle Paarbildungen sowie der Vermutung, dass Anpassungsleistung auf die Zeit unserer Vorfahren zurückgehen und bis heute weitervererbt werden. Die Anwendung der Evolutionstheorie auf die menschliche Psychologie ist jedoch umstritten. Die Fortpflanzung als Ziel einer Partnerwahl wird zudem nach Meinung der Kritiker überbewertet.

Sexual Strategies Theory

Höhe der elterlichen Investition

Trivers (1972) definierte seine Theorie über elterliche Investition und sexuelle Selektion folgendermaßen: Elterliche Investition ist jegliche Form der Investition in Nachkommen, welche die Möglichkeit ausschließt in andere Nachkommen zu investieren.

Sie beinhaltet investierte Zeit, Energie und die zur Sicherung des Überlebens der Nachkommen erbrachten Anstrengungen, insbesondere auf Kosten des Wettbewerbs um andere Partner. Sie stellt demnach auch eine Verminderung des eigenen Reproduktionswertes wie Fruchtbarkeit und Paarungserfolg dar. Das Geschlecht, welches mehr in Nachkommen investiert, hat bei der Partnerwahl die höheren Ansprüche und ist in der Partnerwahl sorgfältiger bzw. wählerischer. Buss (2000) schloss daraus, dass derjenige auserwählt wird, der am ehesten die Bedürfnisse des umworbenen Partners erfüllt. Frauen, die mehr investieren, gewichten kulturübergreifend den ökonomischen Status bei potentiellen Partnern höher als Männer. Die Höhe der Investition in Nachkommen unterscheidet sich demnach zwischen Mann und Frau. Während ein Mann theoretisch unbegrenzt Nachkommen zeugen kann, investiert die Frau mit der Schwangerschaft ungleich mehr. Deshalb achtet aus evolutionärer Sicht der Mann im Bindungs- und Fortpflanzungsverhalten eher auf Quantität, während für die Frau die Qualität eine größere Rolle spielt.

Partnerpräferenzen

Weibliches Schönheitsideal der Hochrenaissance
La Velata von Raffael (1516)

Nach Buss und Schmitt (1993) entwickelten sich bei Frauen vor allem Präferenzen, die einen Mann als Ernährer und Beschützer kennzeichnen, unter anderem den sozialen Status eines Mannes und die Ressourcen, über die er verfügt. Im Vergleich zu Männern sollen sich Frauen zu Partnern hingezogen fühlen, die ein nonverbales Dominanzverhalten zeigen. Insbesondere sollen hochgewachsene Männer mit athletischem Körperbau als attraktiv gelten, wichtiger seien jedoch Merkmale, die auf Reife, Intelligenz, Verlässlichkeit und Ehrgeiz hinweisen (Vermögen, berufliche Position, Statussymbole). Frauen könnten aufgrund Schwangerschaft und Stillzeit schwerer Ressourcen anlegen und bevorzugen daher ältere, wohlhabendere Partner mit hohen sozialem Status, der eine Familie langfristig ernähren kann (maximale Versorgungsleistung). Männer hingegen sollen kulturübergreifend die physische Erscheinung und Attraktivität von Frauen höher einschätzen, die einen hohen Reproduktionswert und Fruchtbarkeit der Partnerin vermittelt, das heißt sie würden Frauen mit hohem reproduktivem Wert bevorzugen, da diese zeitlich befristet sei (maximales Fortpflanzungspotential). Männer würden instinktiv den reproduktiven Wert der Frauen nach dem physischen Erscheinungsbild, d. h. Körperbau, glatte Haut, glänzende Augen und nach dem Verhalten, z. B. körperliche Aktivität und Gestik bewerten.

Siehe auch: Geschlechtertheorien in der Evolutionären Psychologie, Attraktivitätsforschung und evolutionäre Ästhetik

Historisches

Individuelle und kollektive Partnerwahl

In den westlichen Staaten herrscht heute die individuelle Partnerwahl vor. Das heißt, ein junger Mensch wählt seinen Partner oder seine Partnerin aufgrund von romantischer Liebe. Historisch betrachtet ist das nicht die Norm. Noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurde die Entscheidung zur Verheiratung zweier junger Leute in weiten Teilen Europas entweder von der Familie der beiden oder von der Dorfgemeinschaft als Kollektiv getroffen.

Wenn die Familien den Partner für ihr Kind wählten, so achteten sie vor allem darauf, dass er aus möglichst vermögender Familie kam. Außerdem sollte er oder sie gesund und fähig zu harter Arbeit sein. Da der Wunsch nach einem Stammhalter bestand, sollte die Frau jung sein. Auf die gegenseitige Sympathie beider Partner wurde damals keine Rücksicht genommen. Unter Großbauern waren Verwandtenhochzeiten üblich. So wollte man den Besitz in der Familie behalten. Im frühen 18. Jahrhundert waren fast 50 % der Frauen aus ratsfähigen Familien mit einem Verwandten verheiratet (meist mit einem Cousin zweiten oder dritten Grades). In weiten Teilen Europas waren Heiratsverbote üblich. Das heißt die Obrigkeit konnte zwei jungen Leuten die Hochzeit verbieten, wenn ihre materiellen Aussichten zu schlecht waren. Allerdings lagen solchen Verboten teils auch direkte wirtschaftliche Interessen der Herrschaft zugrunde, und sie waren zudem nicht immer auch praktisch durchsetzbar.[2] Noch weiter ging die kollektive Einmischung in die Partnerwahl in Norddeutschland und Schweden. Dort ließ die Gemeinschaft die jungen Leute eine Reihe von Prüfungen bestehen, bevor sie um einen Partner werben durften.[3]

Übergang von der kollektiven zur individuellen Partnerwahl

Im Zuge der industriellen Revolution fing dies in Europa an, sich zu ändern. Die ersten Zeichen der Veränderung zeigten sich in der neu entstehenden Industriearbeiterschaft. Die Industriearbeiter nahmen sich mehr und mehr die Freiheit der autonomen Partnerwahl. Auch uneheliches Zusammenleben und vorehelicher Geschlechtsverkehr waren häufig vorzufinden. Das ländliche Proletariat machte es den Industriearbeitern nach. Im alten Mittelstand jedoch wurden die jungen Leute nach wie vor von ihren Familien verheiratet; vorehelicher Geschlechtsverkehr war noch immer tabuisiert. Erst nach und nach änderte sich das. In zahlreichen nichtwestlichen Gesellschaften herrscht heute noch das kollektive Modell der Partnerwahl vor.[3]

Literatur

  • Aries, Ph., Duby, G. (Hg., 1989): Geschichte des privaten Lebens. Frankfurt/M., Bd. 1-5
  • Borscheid, P. (1983): Geld und Liebe. Zu den Auswirkungen des Romantischen auf die Partnerwahl im 19. Jahrhundert. In: Borscheid, P. u.a. (Hg.): Ehe, Liebe und Tod. Studien zur Geschichte des Alltags. Münster, S. 112-134
  • Buss, David M.& Schmitt, D.P. (1993). Sexual strategies theorie: An evolutionary perspective on human mating. Psychological Review, 100, S. 204-232.
  • Eagly, A. H. (1987). Sex differences in social behaviour: A social-role interpretation. Hills-dale, NJ: Erlbaum.
  • Eagly, A. H. & Wood, W. (1991). Explaining sex differences in social behavior. Personality and Social Psychology Bulletin, 17, 306-315.
  • Eagly, A. H., Wood, W. & Diekman, A. B. (2000). Social role theory of sex differences and similarities
  • Hejj, Andreas (1996): Traumpartner - Evolutionspsychologie der Partnerwahl, ISBN 3540605487
  • Langthaler, Werner (2001): Partnererkennung, Flirt und unsere zweite Nase. Waxmann Verlag, Münster/New York, ISBN 3893258329
  • Pollmer, U., Fock, A., Gonder, U., Haug, K. (2001): Liebe geht durch die Nase. Was unser Verhalten beeinflusst und lenkt. Kiepenheuer und Witsch, Köln, ISBN 3462030116
  • Wellek, A. (1963). Psychologie (Dalp-Taschenbücher; 372 D). Bern: Francke.


Quellen

  1. Statistisches Bundesamt Deutschland: Bei sechs von zehn Paaren haben beide Partner gleichen Abschluss
  2. vgl. etwa Staatliche Archivverwaltung Baden-Württemberg: Der Landkreis Tübingen. Amtliche Kreisbeschreibung, Band I, 1967, S. 224: "Ursprünglich wollte man durch die Verhinderung der Ehen mit Ungenossen (…) den Untergebenenverband aufrecht erhalten, was sich als unmöglich erwies (…) [I]m allgemeinen kam man bei Übertretung der Heiratsverbote milde weg.
  3. a b alles aus: Shorter, Edward: Die Geburt der modernen Familie; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1977

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