Weiße Stadt

Weiße Stadt
Blick entlang der Aroser Allee Richtung Norden

Die „Weiße Stadt“, auch Schweizer Viertel genannt, ist eine typische Wohnsiedlung der 1920er-Jahre in Berlin.

Der Bezirk Reinickendorf erwarb nach dem Ersten Weltkrieg großflächige Gebiete, die für Siedlungs- und Grünflächennutzung gedacht waren. Bezirksamt und Wohnungsbaugesellschaften versuchten gemeinsam, der Wohnungsnot zu begegnen.

Die Planungen für die Großsiedlung „Schillerpromenade“ begannen bereits vor dem Ersten Weltkrieg, aber ein abschließendes städtebauliches Konzept wurde erst für die Bauausstellung von 1931 entwickelt. Unmittelbar südlich der Dorfaue sollte eine Straße angelegt werden, die wie eine Magistrale die Siedlung erschließt. Diese Straße (Schillerpromenade), die heutige Aroser Allee, wurde zusammen mit dem sie umgebenden Straßennetz bis 1914 fertiggestellt. Erst 1928 bewilligte die Stadt Berlin ein Sonderprogramm zur Errichtung der Siedlung Schillerpromenade, die im Volksmund wegen des hellweißen Verputzes „Weiße Stadt“ genannt wurde. Die Bezeichnung „Schweizer Viertel“ bürgerte sich aufgrund der entsprechenden Straßennamen ebenfalls im Volksmund ein.

Die Siedlung Schillerpromenade entstand unter Leitung von Stadtbaurat Martin Wagner, der ebenfalls für die Ausführung der Hufeisensiedlung in Britz, der Siemensstadt in Spandau und der Onkel-Tom-Siedlung in Zehlendorf verantwortlich war. Wagner, der 1933 von den Nationalsozialisten entlassen wurde und in die Türkei emigrierte, brachte 1928 die Magistratsvorlage zur Verabschiedung eines 15 Mio. Mark umfassenden Sonderprogramms ein. Die städtebauliche Planung und der Entwurf der Siedlung lagen bei den Architekten Bruno Ahrends, Wilhelm Büning und Otto Rudolf Salvisberg, die Stadtbaurat Martin Wagner zur Verwirklichung moderner städtebaulicher Vorstellungen auswählte. Die Straßenplanung wurde von Entwürfen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg übernommen, als das Land der zukünftigen Siedlung noch weitgehend aus Feldern bestand. Für die Planung und Gestaltung der Garten- und Grünflächen zeichnete der in Potsdam geborene Gartendirektor Ludwig Lesser verantwortlich; er war der erste freischaffende Gartenarchitekt Deutschlands, der in Reinickendorf (Frohnau, Hermsdorf, Wittenau), aber auch in Dahlem, Wannsee und im Umland städtebaulich und – vor allem in Bad Saarow – gartenarchitektonische Akzente setzte. 1919 zum Präsidenten der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft ernannt, gehört er zu den Pionieren des Rundfunks mit einer eigenen Sendung. 1939 musste er wegen seiner jüdischen Herkunft Deutschland verlassen und lebte bis zu seinem Tod in Schweden.

1929–1931 entstanden an der Aroser Allee durch die Gemeinnützige Heimstättengesellschaft Primus mbH auf einer großzügig mit Grünzügen durchsetzten Fläche 1286 Wohnungen in drei- bis fünfgeschossiger Rand- und Zeilenbauweise. Die Einwohnerdichte liegt mit 200 Einwohnern pro Hektar (Stand 1987) relativ hoch. Die durchschnittliche Wohnfläche beträgt nur 50 Quadratmeter, doch die Wohnungen sind mit Bad, WC, Loggia und zu 98 % mit Zentralheizung ausgestattet.

Die Siedlung mit ihrem charakteristischen weißen Erscheinungsbild entstand in Anlehnung an den Baustil der Neuen Sachlichkeit. Es gab eine ausgeklügelte Infrastruktur mit einem Heizkraftwerk, zwei Gemeinschaftswaschküchen, Kindergarten, Ärztehaus, Apotheke und 24 Ladengeschäften. Zu der Siedlung gehörte eine Volks- sowie eine Jugendverkehrsschule. Viele infrastrukturelle Erweiterungsbauten fielen der Weltwirtschaftskrise in den späten zwanziger Jahren zum Opfer; erst seit 1951 wurde die Weiße Stadt vergrößert.

Zu den markantesten Bauten gehört das über die Aroser Allee gebaute „Brückenhaus“, ein von Otto Rudolf Salvisberg entworfenes fünfgeschossiges Laubenganghaus. Nicht zuletzt durch diesen markanten Bau ist die Weiße Stadt zu einem Synonym für modernes Wohnen in Reinickendorf geworden: Für Alt-Reinickendorf, das von modernisierten Bauernhäusern, Industriebetrieben, Mietskasernen und dem Geschäftszentrum Residenzstraße geprägt ist, bietet die Weiße Stadt einen neuen Akzent der städtebaulichen Architektur.

Im Juli 2008 wurde die Weiße Stadt als eine von sechs „Siedlungen der Berliner Moderne“ in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Sonstiges

Ein Spielplatz trägt den Namen des Volksschriftstellers Karl May; in der Genfer Straße ist Hauptsitz des 1891 gegründeten Sportvereins Reinickendorfer Füchse e.V.

Literatur

  • Norbert Huse (Hrsg.): Siedlungen der zwanziger Jahre – heute. Vier Berliner Großsiedlungen 1924–1984, Berlin 1984, ISBN 3-89087-012-0
  • Architekturwerkstatt Helge Pitz, Winfried Brenne: „Weiße Stadt“ in Reinickendorf. Dokumentation der 50jährigen Geschichte, Erarbeitung des Originalzustandes sowie der Grundlagen für zukünftige Maßnahmen dieser unter Denkmalschutz stehenden Siedlung aus den Jahren 1929–1931. Berlin 1981

Weblinks

52.56916666666713.3527777777787Koordinaten: 52° 34′ 9″ N, 13° 21′ 10″ O


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