Assessment (Psychologie)

Assessment (Psychologie)

Assessment (engl. Beurteilung) ist die Erfassung von psychologischen und anderen Merkmalen zu einem praktischen Zweck, der eine rationale Entscheidung verlangt. Assessment vermeidet absichtlich den medizinisch geprägten Begriff Diagnostik (psychologische Diagnostik).

Inhaltsverzeichnis

Definition

Diagnose (griechisch “hindurch erkennen”) heißt in der Medizin Erkennen und Benennen der Krankheit aufgrund von Symptomen und Befunden; durch die Differentialdiagnose wird die Unterscheidung ähnlicher Krankheitsbilder vorgenommen. Das diagnostische Vorgehen strebt immer eine positive Diagnose an, denn das Erkennen der zugrundeliegenden Krankheit erschließt dann systematisch das vorhandene Wissen über Krankheitsursachen, typischen Verlauf und wirksamste Therapie. Demgegenüber hat psychologische Diagnostik (früher auch: Psychodiagnostik) eine unschärfere Bedeutung, denn psychologische Methoden dienen, auch in der Klinischen Psychologie, oft nur zur Beschreibung individueller Unterschiede. Die Fragegestellungen betreffen Schule, Personalauswahl, Arbeitswelt, Weiterbildung, Beratung und Begutachtung, so dass hier die medizinisch beeinflusste Begriffsbildung störend ist. Deswegen wird auch in der Differenziellen Psychologie und Persönlichkeitsforschung zunehmend der Begriff Assessment verwendet. In der angloamerikanischen Fachliteratur ist der Begriff Assessment in Buchtiteln und Zeitschriften der Psychologie weitaus geläufiger als Diagnosis. [1] Maßgeblich war lange Zeit das Lehrbuch von Jerry S. Wiggins (1973): Personality and prediction. Principles of personality assessment.

Inzwischen ist auch die Bezeichnung Assessment Center in der Personalpsychologie üblich. – Das ambulante Assessment als psychologisch bzw. psychophysiologisch orientierte Untersuchung im alltäglichen Leben knüpft an die Tradition des in den 1970er Jahren eingeführten Behavioral Assessment (Erfassung des Verhaltens im weitesten Sinn) an.

Assessmenttheorie

Die Assessmenttheorie verbindet die Praxisfelder der Angewandten Psychologie systematisch mit den Grundlagen der Differenziellen Psychologie und den möglichen Assessmentstrategien (Untersuchungsplänen). Ein typisches Assessmentproblem lautet: Soll die begrenzte Zahl von Studienplätzen in der Medizin aufgrund von Abiturnoten, Zufallsprinzip, Eignungstests oder Bewerbungsgesprächen vergeben werden? Welche Informationen gewährleisten eine rationale Entscheidung? Wie sind die Erfolgskriterien definiert, und was ergeben empirische Bewährungskontrollen (Evaluation)? Welcher Entscheidungsnutzen und welche Kosten sind festzustellen?

Assessmentstrategien legen als Untersuchungspläne das Ziel, die Methoden (wie Interview, Tests, Verhaltensbeobachtungen) und die statistische Auswertung der Datenerfassung fest. Zuvor muss jedoch sorgfältig das theoretische Konstrukt bestimmt werden: welche Fähigkeit, welche Persönlichkeitseigenschaft, welche Zustandsänderung, welche Veränderung aufgrund der Teilnahme an einem Training oder einer Behandlung sind gemeint? Geht es um die zeitlich und situativ stabilen Persönlichkeitseigenschaften (Statusdiagnostik) oder um Entwicklungsverläufe und um die Veränderungen aufgrund von Training und Therapie (Prozessdiagnostik, siehe Psychologische Diagnostik)? Durch Auswahlentscheidungen wird die qualifizierteste Person für eine ausgeschriebene Stelle bestimmt oder eine Person, jener Behandlung bzw. Therapie zugewiesen, die am geeignetsten erscheint.

In der Differenziellen Psychologie wurden seit William Stern und Raymond B. Cattell zahlreiche typische Assessmentstrategien entwickelt, um die inter- und intraindividuelle Variabilität des Verhaltens unter den Perspektiven von Personen, Situationen, Variablen, Wiederholungen und Wechselwirkungen (siehe Persönlichkeitseigenschaften) zu untersuchen. Carver und Scheier (1988) haben ihr Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie Perspectives on personality so angelegt, dass die enge theoretische und methodische Beziehung zwischen Persönlichkeitstheorie und spezieller Methodik deutlich wird: z. B. Henry A. Murray und der Thematische Auffassungstest, George A. Kelly und der Rollen-Konstrukt-Test, Hans J. Eysenck und Persönlichkeitsfragebogen bzw. Methoden der Psychophysiologie – Persönlichkeitstheorie als Assessmenttheorie und Assessmentstrategie als empirische Interpretation (Operationalisierung) der Persönlichkeitstheorie.

Psychologisches Assessment soll systematische Beschreibung, Gruppenbildung, Klassifizierung, Auswahl (Platzierung), Veränderungsmessung, Vorhersage (Prognose), Bewährungskontrolle (Evaluation) leisten. Wichtig sind hier auch die Prinzipien der Testkonstruktion (siehe psychologischer Test), die Entscheidungstheorie und die Fehlerquellen psychologischer Beurteilungen, die praktischen Zuordnungsregeln bei einer Klassifizierung, der gesamte diagnostischer Prozess und die Prinzipien der Qualitätssicherung in der Psychologischen Diagnostik.

Das psychologische Assessment soll eine rationale, empirisch begründete Entscheidung ermöglichen. Wie viel besser ist diese Entscheidung im Vergleich zu einem Verfahren ohne solche Hilfen, d.h. nach Zufallsprinzip oder Intuition? Lohnen sich die Kosten? Für welche Entscheidung nutzt z.B. die Untersuchung des Intelligenzquotienten im Vergleich zu den Schulzeugnissen? Was nutzt ein Persönlichkeits-Gutachten für die Personalauswahl oder für die Auswahl einer Psychotherapie? Diesen kritischen Fragen kann nur durch empirische Nachweise aufgrund von Evaluationen (Bewährungskontrollen) begegnet werden.

Das Konzept des Entscheidungsnutzens ist in der Psychologie vor allem von Cronbach und Gleser (1965) im Rahmen der Zuordnungs- und Klassifikationsstrategien (psychologische Diagnostik, diagnostische Urteilsbildung) entwickelt worden. Der Gesamtnutzen ist nicht ausschließlich materiell gemeint, sondern sollte sich auf umfassende Nutzenschätzungen durch Experten und Betroffene stützen. Solche Abwägungen bleiben jedoch immer fragwürdig, denn sie enthalten Verallgemeinerungen, die nicht allen Einzelpersonen gerecht werden, und der grundsätzlich mögliche Schaden einer Entscheidung ist noch schwieriger zu erfassen als der Nutzen. Eine faire Bewertung würde hier einen Prozess sozialer Urteilsbildung aller Beteiligten erfordern.

Literatur

  • Manfred Amelang, Lothar Schmidt-Atzert: Psychologische Diagnostik und Intervention. 4. Auflage, Springer-Verlag, Heidelberg 2006, ISBN 3-540-28462-1.
  • Charles S. Carver, Michael F. Scheier: Perspectives on personality. 5th ed. Allyn and Bacon, Boston 2004, ISBN 0-205-37576-6.
  • Lee J. Cronbach, Goldine C. Gleser: Psychological tests and personnel decisions. 2nd ed. University of Illinois Press, Urbana, Ill. 1965, ISBN 0-252-00003-X.
  • Stephen N. Haynes: Behavioral Assessment. Wiley, Hoboken, NJ. 2004. ISBN 0-471-41613-4.
  • Michel Hersen (Ed.): Clinician's handbook of adult behavioral assessment. Elsevier Academic Press, Amsterdam 2006, ISBN 0-12-343013-5.
  • Walter Mischel: Personality and assessment. Wiley, New York 1996, ISBN 0-8058-2330-1.
  • Werner Sarges (Hrsg.): Management-Diagnostik (3. Aufl.), Göttingen 2000: Hogrefe. ISBN 3-8017-0740-7.
  • Society for Personality Assessment: Standards for Education and Training in Psychological Assessment: Position of the Society for Personality Assessment. In: Journal of Personality Assessment, 2006, Volume 87(3), 355–357.
  • Rolf-Dieter Stieglitz: Diagnostik und Klassifikation psychischer Störungen. Göttingen: Hogrefe., Göttingen 2000, ISBN 978-3-17-018944-7.
  • Jerry S. Wiggins: Personality and prediction: Principles of personality assessment. Addison-Wesley, Reading. MA. 1973.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Society for Personality Assessment, Journal of Personality Assessment, European Journal of Psychological Assessment

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