Helmut Wolff (Chirurg)

Helmut Wolff (Chirurg)

Helmut Wolff (* 11. Oktober 1928 in Wolhynien[1]) ist ein deutscher Chirurg und emeritierter Professor der Berliner Universität, dem 1977 in Dresden die erste Lebertransplantation in Osteuropa, 1986 an der Berliner Charité die erste erfolgreiche Herztransplantation und die erste kombinierte Nieren-Pankreas-Transplantation in der DDR gelang.[2] Er war von 1978[1] bis 1992 Direktor des Chirurgischen Zentrums der Charité.[3] Wolff geriet nach der deutschen Wende wegen seiner Tätigkeit als IM Becher für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR in Kritik.[4] Er ist heute Vorsitzender im wissenschaftlichen Beirat der KMG Kliniken[3] und niedergelassener Arzt in Berlin[5].

Biografie

Geboren als Sohn einer osteuropäischen Bauernfamilie[6], die 1939 nach Ostpreußen und dann ins Wartheland zog, ließ sich Wolff nach andauernder alleiniger Reise in Cainsdorf nieder und besuchte die Vorstudienanstalt in Zwickau.[1] Er wollte ursprünglich Landwirt, später Biologe werden, widmete sich aber zwei Wochen nach Studienbeginn auf Rat von Freunden dem Studium der Medizin.[3] Wolff, der in seiner Jugend bereits Mitglied der Antifa-Jugend und bei der Freien Deutschen Jugend war,[6] trat noch vor seinem Studium 1948 in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands ein. Von 1950 bis 1956 studierte er in Dresden und Leipzig. 1967 wurde er Facharzt für Chirurgie.[1] In den 1960er-Jahren experimentierte er mit Lebertransplantationen im Tierversuch und konnte sein Wissen Ende der 1970er-Jahre am Ordinariat für Chirurgie an der Medizinischen Akademie Dresden[7] erfolgreich am menschlichen Patienten umsetzen. 1972 wurde er Leiter der chirurgischen Abteilung in Dresden.[1]

1979 siedelte seine Ehefrau, die er in Westdeutschland kennengelernt hatte, in die DDR über.[8] Seine Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst von 1979 bis Oktober 1989 ist nachweisbar.[9][4] Wolff selbst bestreitet jemals eine Verpflichtungserklärung als IM bei der Staatssicherheit (Stasi) unterschrieben und jemals jemanden ausspioniert zu haben, räumt aber als renommierter Arzt Reisen ins westliche Ausland und entsprechende Berichte an die Personalabteilung des Uniklinikums ein, die offensichtlich der Stasi weitergeleitet worden seien.[10]

Aufgrund seiner medizinischen Erfolge insbesondere im Bereich der Transplantationschirurgie zählte er zu den führenden Medizinern der DDR und findet noch heute wegen einer Gallenblasenoperation Honeckers im Jahr 1998 als dessen Leibarzt Erwähnung. Er war es auch, der zusammen mit seiner Kollegin Hannelore Banaschak, noch vor dem Fall der Berliner Mauer einen Kollegen am Universitätsklinikum der LMU München über Honeckers Krankheitsbild in Kenntnis setzte.[11] Ferner war Wolff von 1981 bis 1984 und von 1986 bis zur Wiedervereinigung Vorsitzender der Ostberliner Gesellschaft für Chirurgie,[12] dem gleichnamigen DDR-Pendant der Berliner Chirurgischen Gesellschaft, stellvertretender Vorsitzender des Rates für Medizinische Wissenschaften der DDR und Leiter der Hauptforschungsrichtung Organtransplantation.[13] Unter der Leitung von Wolff und Moritz Mebel entstand auch das Zentrum für Transplantationschirurgie an der Charité.[14]

Nach dem Mauerfall führte Wolff mit seinem westdeutschen Kollegen Roland Hetzer bereits am 15. Januar 1990 die beiden Teilgesellschaften der Berliner Chirurgischen Gesellschaft wieder zusammen.[15] Nachdem im Oktober 1992 aus Wolffs Akten bei der Gauck-Behörde ersichtlich war, dass er jahrelang Mitarbeiter aus Ost- und Westdeutschland im Dienste der Staatssicherheit observierte, kam er der drohenden Entlassung an der Charité durch einvernehmliche Kündigung zuvor.[6] Seine Nachfolge trat dort kommissarisch für rund zwei Jahre sein ehemaliger Schüler Klaus Gellert an.[16]

Für seine medizinischen Verdienste erhielt Wolff mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Nationalpreis der DDR. 2001 sollte er von der Berliner Chirurgischen Gesellschaft zum Ehrenmitglied ernannt werden, verzichtete aber seinerseits wegen des Protestes von Kollegen[13] gegenüber seiner früheren Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst auf diese Ehrung.[10] Anlässlich seines 75. Geburtstags sollte Wolff 2003 erneut im Rahmen eines wissenschaftlichen Symposiums, einer öffentlich von Gellert im Namen der Berliner Chirurgischen Gesellschaft ausgerichteten Veranstaltung[10] in den Räumlichkeiten der Humboldt-Universität zu Berlin, für sein Lebenswerk geehrt werden. Die Veranstaltung wurde in diesem Falle aufgrund seiner Stasi-Vergangenheit abgesagt.[6]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c d e Hans Lippert: Helmut Wolff, Prof. Dr. med, Dr med hc, emeritus chair and professor of Surgery, Charité, Humboldt University Berlin. (englisch)
  2. Nachbericht: Prof. Dr. med. Dr. h. c. Helmut Wolff zu Gast im KMG Club. Pressemitteilung der KMG Kliniken, 15. Februar 2007
  3. a b c Prof. Dr. med. Dr. h.c. Helmut Wolff
  4. a b Helmut Wollf. In: Der Spiegel. 41/2003, 6. Oktober 2003.
  5. OMR Prof. Dr. med. Helmut Wolff
  6. a b c d Julia Haak: Keine Geburtstagsblumen für Honeckers Leibarzt – Charité sagt Ehrung für Stasi-Informanten ab. In: Berliner Zeitung. 7. Oktober 2003.
  7. Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. habil. Heinz Diettrich. Bundesärztekammer, Mai 2005.
  8. Honeckers Leibarzt, Berliner Kurier, 6. Oktober 2003.
  9. Helmut Wolff. In: Der Spiegel. 6. Oktober 2003.
  10. a b c Ingo Bach, Rosemarie Stein: Zu viel Ehre für Honeckers Chirurg? In: Der Tagesspiegel. Berlin 2003.
  11. Thomas Kunze: Staatschef a.D.
  12. Vorsitzende & Ehrenvorsitzende. 35. Berliner Chirurgentreffen, September 2010, S. 42 (PDF-Datei).
  13. a b Ärzte bei der Stasi: Streit um Ehrung für DDR-Chirurgen. In: Der Tagesspiegel. Berlin.
  14. Detlev Ganten, Karl Max Einhäupl, Jakob Hein (Hrsg.): 300 Jahre Charité- im Spiegel ihrer Institute. S. 194.
  15. Gründung der Chirurgischen Gesellschaft. S. 75.
  16. Werdegang Prof. Dr. Gellert. Sana Klinikum Lichtenberg.

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