Zieglersche Anstalten

Zieglersche Anstalten
Standorte der Zieglerschen Anstalten (Landkreise in Baden-Württemberg)

Zieglersche Anstalten e. V. ist ein diakonisches Unternehmen in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins mit Hauptsitz in Wilhelmsdorf.

Die Zieglerschen Anstalten betreiben ein umfangreiches Netz diakonischer Dienste in Baden-Württemberg. Die Einrichtungen arbeiten in den Bereichen Behindertenhilfe, Suchtkrankenhilfe, Altenhilfe, Hilfe bei Hör-/Sprach-Problemen, Jugendhilfe und im Bildungswesen. Sie haben insgesamt etwa 2.000 Mitarbeiter.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Gründung der Zieglerschen Anstalten geht im Jahr 1824 die Gemeindegründung von Wilhelmsdorf durch Pietisten von Korntal voraus. Einher Mit der Gemeindegründung ging eine Arbeit mit Hilfebedürftigen. Der Beginn der diakonischen Arbeit in Wilhelmsdorf wurde am Geburtstag des Württembergischen Königs, 27. September 1830, mit der Eröffnung einerRettungsanstalt für verwaiste und verwahrloste Knabenneben der Dorfschule eingeläutet. Deren Leiter war Schulmeister Heinrich Gottlieb Hiller. Nach seinem Tod 1832 übernahm Johann Martin Stanger die Gemeindeschule und der Rettungsanstalt (Hausvater), die er bis zu seinem Tod im Jahr 1861 leitete. Weitere Anstalten kamen hinzu: 1833 wurde derLindenhof Anstalt für strafentlassene Frauengegründet (wurde 1863 ohne Nachfolgeeinrichtung aufgelöst). 1835 wurde dieRettungsanstalt für Mädchenund einHeim für Kleinkindergegründet (Die Kleinkinder-Anstalt wurde 1840 ohne Nachfolgeeinrichtung aufgelöst). 1837 berief Gottlieb Wilhelm Hoffmann (17711846), der Gründer Korntals und Wilhelmsdorfs, den Taubstummenlehrer August Friedrich Oßwald nach Wilhelmsdorf. Oßwald gründete noch im selben Jahr die ersteOßwald'sche Taubstummenanstalt für Kinder“. Friedrich Wilhelm Thumm (18181889), Lehrer und Orstvorsteher, gründete 1855 dasThumm'sche Tochterinstitut“ (später mitMädcheninternat Zinzendorfhaus“) und Oßwald 1857 dasKnabeninstitut“ (später mitInternat Knabeninstitut“). AusTochterinstitutundKnabeninstitutentwickelte sich 1932 das Gymnasium und 1969 die Realschule.

1873 übernahm Johannes Ziegler (18421907) von Oßwald das vakante Amt der Anstaltsleitung, das dieser aus Krankheitsgründen abgeben musste. Ziegler war erst 1864 nach Wilhelmsdorf gekommen, ehelichte 1868 Oßwalds Tochter Mathilde und übernahm von Thumm das Amt als Ortsvorsteher. Unter Zieglers Tätigkeit als Lehrer, Aufseher, Direktor und Hausvater expandierte die diakonische Arbeit derWilhelmsdorfer Anstalten evangelischer Diakonie: Die Arbeitsfelder wurden stetig erweitert und eine rege Bautätigkeit setzte ein. Im Jahr 1878 fusionierten dieRettungsanstalt für Knabenmit derRettungsanstalt für MädchenzurKinder-Rettungsanstalt“ – heuteKinderheim Hoffmannhaus“.

Ziegler eröffnete 1905 dieTrinkerheilstätte Zieglerstift Haslachmühle“. Aus dieser ersten Therapieeinrichtung für alkoholkranke Männer entwickelte sich 1954 dieFachklinik Höchstenund 1966 dieFachklinik Ringgenhof“. Am 4. September 1907 starb Johannes Ziegler. 1916 erhalten die Anstalten zu Ehren Johannes Zieglers den NamenZieglersche Anstalten“.

Während der NS-Gewaltherrschaft wurden am 24März 1941 19 Patienten aus der damaligen evangelischen Taubstummenanstalt Wilhelmsdorf, trotz der hinhaltenden Verweigerungshaltung des damaligen Leiters Heinrich Hermann, durch dieGrauen BussederGemeinnützige Krankentransport GmbH“ (Gekrat) ins Psychiatrische Landeskrankenhaus Weinsberg deportiert. Unter den 19 Deportierten befanden sich auch zwei Frauen aus der Diakonie Stetten, wo sie bereits zurDesinfektion" ausgewählt, aber vom dortigen Personal versteckt worden waren, nach Wilhelmsdorf gebracht worden. Von den 19 Frauen und Männern, die im Zuge derEuthanasie“-Tötungsaktion T4 in der hessischen NS-Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg an der Lahn vergast werden sollten, kehrte nur Ernst Weiß nach Wilhelmsdorf zurück. Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck war zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen. Eine im Jahr 1985 erstellte Bilderwand erinnert seither im Eingangsbereich des Rotachheims der Zieglerschen Behindertenhilfe an das Geschehene. Der TitelVor Gott ist nicht einer vergessenist angelehnt an Lukas 12,6. Zwei Gedenksteine auf dem Ortsfriedhof erinnern ebenfalls an dieses Geschehen.[1][2]

War der Krieg lähmend für dieZieglerschen Anstaltenwurde 1946 dieHaslachmühlein dieHelferschule für innere Missionumgewandelt. Der evangelische Theologe Gotthilf Vöhringer (18811955) beabsichtigte damit die Ausbildung vonArbeitshelfernin den Heimen für körperlich und geistig Behinderte auf ein solides Fundament zu stellen. 1958 erhielt dieHelferschule Haslachmühleschließlich den NamenGotthilf-Vöhringer-Schule“ (GVS). 1960 folgte die staatliche Anerkennung des AusbildungsgangesArbeitserziehung“, 1968 folgte dieHeilerziehungspflege“. 1972 wurde die Gotthilf-Vöhringer-Schule von der Haslachmühle nach Wilhelmsdorf in das neue Schulgebäude verlegt. Seitdem wuchs die GVS in hohem Maße und bietet heute insgesamt sieben Ausbildungsgänge an vier Standorten an.

DerZieglerstifterwarb in den 1950er Jahren das Anwesen Gansauge auf dem 830 Meter hoch gelegenen Höchsten. Am 22. Mai 1955 wurde dort dieHeilstätte“ (späterFachklinik Höchsten für suchtkranke Frauen“) mit 25 Frauen eröffnet und bis in die 1980er Jahre sukzessive erweitert, baulich wie therapeutisch. 1975 kam dieAussenstelle Bruggenhofhinzu. Da eine bauliche Sanierung der in die Jahre gekommenen Gebäudesubstanz die Kosten eines Neubaus überstiegen entschloss man sich zu einem Neubau am Sonnenhof in Bad Saulgau. Mit dem Spatenstich vom 20. Januar 2009 begann der Bau des mit rund 14 Millionen Euro angesetzte Projektes. Ende November 2010 konnte dieFachklinik Höchsten Bad Saulgaumit 79 Behandlungsplätzen (73 Einzelzimmer und sechs Räume mit der Möglichkeit der Doppelbelegung) für abhängigkeitserkrankte Patientinnen ihren Betrieb aufnehmen.[3] Durch die Restwärme des abgebadeten Thermalwasser der nahe gelegenen Sonnenhof-Therme Bad Saulgau deckt die Klinik rund 27 Prozent ihrer Nutzwärme.[4]

Weiterhin entstanden 1953 dieGehörlosenschule mit Heimund dasHeilerziehungsheim mit Sonderschule“ - seit 1981RotachheimHeim für Mehrfachbehinderte“. Zur Gehörlosenschule kam 1972 dasSprachheilzentrum Ravensburgund daraus 1977 dieSchwergehörigenschule Altshausen“.

Darüber hinaus entstand aus der 1966 aufgelöstenTrinkerheilstätte Zieglerstift Haslachmühlein Kooperation mit derGehörlosenschule mit Heimim Jahr 1966 dieHaslachmühleHeim für Mehrfachbehinderte“.

Mit Beginn des Jahres 2004 haben sich die Zieglerschen Anstalten mit einem weiteren württembergischen Traditionsunternehmen zusammengetan: DieEvangelische Altenheime in Baden-Württemberg gGmbH“, hervorgegangen aus demVerein für Evangelische Altenheime in Württemberg e.V.“. Dieser Verein wurde 1846 alsVerein für die Evangelischen Frauenstifte in Württemberggegründet und ist heute, als die Evangelische Altenheime in Baden-Württemberg gGmbH, der älteste Träger von Altenhilfeeinrichtungen im Land. Namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im damaligen Königreich Württemberg wie der Dichter Gustav Schwab, der Diplomat Christoph von Kölle oder der evangelische Prälat Sixt Karl von Kapff waren Gründungsmitglieder. Als Schirmherrinnen und Protektoren der Frauenstifte fungierten bis 1918 die württembergischen Königinnen.

Suchtkrankenhilfe

2005 feierte die Therapie von abhängigkeitserkrankten Menschen in den Zieglerschen ihr hundertjähriges Bestehen. 1249 Patientinnen und Patienten sind 2009 in sechs Einrichtungen behandelt worden. Jeder ehemalige Patient wird ein Jahr nach seinem Rehaaufenthalt zu seiner gesundheitlichen, sozialen und beruflichen Situationen befragt. Für die in 2008 Entlassenen lag die Abstinenzquote zwischen 55 und 82 Prozent. Die Suchthilfe arbeitet mit drei Kliniken im stationären Rehabereich: Fachklinik Höchsten in Bad Saulgau, Fachkrankenhaus Ringgenhof in Wilhelmsdorf und Rehabilitationszentrum am Bussen in Oggelsbeuren. Weiter gibt es zwei Tagesrehabilitationen in Ravensburg und Ulm im ganztägig-ambulanten Bereich und eine Adaptionseinrichtung in Wilhelmsdorf für suchtkranke Menschen, deren psycho-soziales Umfeld nach erfolgter Therapie weiterhin instabil ist.[5] Hinzu kommt die enge Vernetzung in den regionalen Suchthilfesystemen mit Partnern wie zum Beispiel dem Zentrum für Südwürttemberg.[6] Mit derFachklinik Höchsten Bad Saulgauverließ die Suchtklinik ihre abgeschiedene Lage auf dem Höchsten zugunsten der städtischen Alltagsnähe, die verstärkt in ihr therapeutisches Programm eingebunden wird.[3]

Einrichtungen und Angebote (Auswahl)

Zu den Einrichtungen und Angeboten der Zieglerschen Anstalten gehören u.a.:

  • Zieglersche Anstalten Behindertenhilfe gGmbH:
    • Rotachheim und Rotach-Werkstätten in Wilhelmsdorf (Württemberg)
    • Offene Hilfen mit Betreutem Wohnen in Familien, Familienentlastende Dienste, Freizeitclub und
    • Betreutem Wohnen für Menschen mit Behinderungen in Wilhelmsdorf, Altshausen, Ravensburg
    • Reiseangebote für Menschen mit Behinderungen
    • Haslachmühle mit Heimsonderschule in Horgenzell
  • Zieglersche Anstalten Suchtkrankenhilfe gGmbH:
    • Fachkrankenhaus Ringgenhof in Wilhelmsdorf
    • Fachkrankenhaus Höchsten in Deggenhausertal
    • Frauen-Adaption Oberschwaben in Wilhelmsdorf
    • Rehabilitationszentruma am Bussen - Fachklinik Hohenrodt in Oggelsbeuren
    • Tagesrehabilitation in Friedrichshafen, Ulm und Reutlingen
Martinshaus Kleintobel
  • Gotthilf-Vöhringer-Schule, eine Fachschule für Heilerziehungspflege, Logopädie, Arbeitserziehung und Altenpflege in Wilhelmsdorf und Gammertingen-Mariaberg (gemeinsame Einrichtung der Zieglerschen Anstalten und der Mariaberger Heime e. V.)

Trivia

Seit Oktober 2009 gestalten die Zieglerschen Anstalten den Studiogottesdienst auf Bibel TV. Produziert wird der Gottesdienst in der Kapelle des Fachkrankenhauses für suchtkranke Frauen bei Deggenhausertal, Ortsteil Höchsten. Die Kapelle wurde mit Glasfenstern von Andreas Felger zu denIch bin“-Worten Jesu aus dem Johannesevangelium gestaltet. Die Kapelle ist das jüngste Gebäude eines im 14. Jahrhundert gegründeten Klosters.

Literatur

  • Joseph Gauger: Direktor Ziegler - Ein Erzieher aus Gnaden. Elberfeld 1910
  • Gerhard Döffinger: Johannes Ziegler, Festvortrag. Ravensburg 1993
  • Erhard Kiefner: Friedrich Wilhelm Thumm in Wilhelmsdorf (18181889). Ein schwäbischer Lehrer und Ortsvorsteher. Stuttgart 1904
  • Friedrich Wilhelm Thumm: Durch tiefe Wasser. Geschichte der Gemeinde Wilhelmsdorf. Wilhelmsdorf 1875
  • Wilhelmsdorf 18241974. Herausgegeben von der Gemeinde Wilhelmsdorf und der Evangelischen Brüdergemeinde Wilhelmdorf, Wilhelmsdorf 1974
  • Johannes Ziegler: Wilhelmsdorf. Ein Königskind. Wilhelmsdorf 1904
  • Inga Bing-von Häfen: Die Verantwortung ist schwer: Euthanasiemorde an Pfleglingen der Zieglerschen Anstalten / von Inga Bing-von Häfen. Hrsg.: Die Zieglerschen - Wilmersdorfer Werke ev. Diakonie. - Wilhelmsdorf : Die Zieglerschen, 2011.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band 1. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 105.
  2. Ralf Habich: Die Not des Heimleiters Heinrich Herrmann mit der Ermordung seiner Pfleglinge in Wilhelmsdorf bei Ravensburg. In: DIE ZEIT. 1986 Nr./11 vom 7. März
  3. a b Fachklinik Höchsten Bad Saulgau: Tag der offenen Tür am Samstag, 21 November von 17 bis 17 Uhr. Größtes Bauprojekt der Zieglerschen. In: Südkurier vom 19. November 2010
  4. Karlheinz Fahlbusch/kf: Suchtklinik nur für Frauen. In: Südkurier vom 23. November 2010
  5. Erfolg dank Differenzierung. In: Südkurier vom 19. November 2010
  6. Karlheinz Fahlbusch/kf: Suchthilfe. In: Südkurier vom 23. November 2010

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