Charismen

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Der Ausdruck Charisma ([ˈçarɪsma oder çaˈrɪsma], von griech. χάρισμα chárisma: „Gnadengabe“, „aus Wohlwollen gespendete Gabe“) findet sich ursprünglich vor allem in der jüdisch-christlichen Tradition (Philo, Septuaginta, Neues Testament) und bezeichnet dort die von Gott dem Menschen geschenkten Güter, wobei durch das Wort das Wohlwollen als Motivation der Gabe betont wird. Der Ausdruck wird dann vor allem bei Paulus für die nichtmateriellen Güter verwendet.

In der Religionswissenschaft wird der Begriff einerseits für die Begabung oder Befähigung zum Empfang von Offenbarungen, Inspirationen oder Erleuchtungen verwendet, anderseits – verbunden mit religiöser Devianz und Innovation – für die Schaffung einer eigenen von einer bestimmten Gruppe anerkannten numinosen Autorität.

An diese Bedeutung schließt sich auch die alltagssprachliche Verwendung des Begriffs an, die unter dem „Charisma“ eines Menschen dessen gewinnende ‚Ausstrahlung‘ bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Religiöser Begriff

Im Neuen Testament und älteren Christentum bezeichnet Charisma die Gaben des Heiligen Geistes an die Christen. Dazu zählen Weisheit, Erkenntnis, Glaube, Prophetie, Krankenheilungen, Wundertaten, Geisterunterscheidung, Zungenrede und Auslegung der Zungenrede. Unter besonderer Betonung einiger dieser Charismen (auch: Charísmata) entstanden in der Neuzeit geistliche Aufbruchsbewegungen wie die charismatische Bewegung oder die Pfingstbewegung. Als Beispiele aus der Bibel mögen folgende Zitate dienen: Mk. 16;17-18: „Diese Zeichen aber werden denen folgen, die glauben: In Meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, sie werden in neuen Sprachen reden, werden Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden. Kranken werden sie die Hände auflegen, und sie werden sich wohl befinden.“ Und 1. Korinther 12,10: "In einem jeglichen erzeigen sich die Gaben des Geistes zum allgemeinen Nutzen. Einem wird gegeben durch den Geist, zu reden von der Weisheit; dem andern wird gegeben, zu reden von der Erkenntnis nach demselben Geist; einem andern der Glaube in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen in demselben Geist; einem andern, Wunder zu tun; einem andern Weissagung; einem andern, Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Sprachen; einem andern, die Sprachen auszulegen. Dies aber alles wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeglichen seines zu, nach dem Er will." Ferner Markus 13,22: "Denn es werden sich erheben falsche Christi und falsche Propheten, die Zeichen und Wunder tun, dass sie auch die Auserwählten verführen, so es möglich wäre." (s. auch Matthäus 24,24)

Manche charismatischen Phänomene wie z. B. der Toronto-Segen haben eine gewisse Ähnlichkeit mit im Osten überlieferten, wie sie beispielsweise bei der Kundalini-Meditation eintreten sollen.

Siehe auch: Noah-Effekt

Sozialwissenschaftlicher Begriff

In der Soziologie nutzte Max Weber den Begriff „Charisma“, um eine der von ihm unterschiedenen drei Formen der Herrschaft zu bezeichnen – neben „traditionaler“ und „rationaler“ Herrschaft (charismatische Herrschaft). Im Anschluss an Weber bezeichnet Charisma eine soziale Beziehung von Herrschaft, welche die Sozialstruktur grundlegend verändert, eine außeralltägliche „revolutionäre Macht“, und zwar so, wie sie von den charismatisch Beherrschten, den Anhängern („Jüngern“), gewertet wird.

„Über die Geltung des Charisma entscheidet die durch Bewährung – ursprünglich stets: durch Wunder – gesicherte freie, aus Hingabe in Offenbarung, Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene, Anerkennung durch die Beherrschten. Aber diese ist (bei genuinem Charisma) nicht der Legitimitätsgrund, sondern sie ist Pflicht der kraft Berufung und Bewährung zur Anerkennung dieser Qualität Aufgerufenen. Diese Anerkennung ist psychologisch eine aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene ganz persönliche Hingabe.“

Wirtschaft und Gesellschaft. Kapitel III. Die Typen der Herrschaft. §10: Charismatische Herrschaft

Die Veralltäglichung des Charismas: Wird die charismatische Beziehung zu einem Dauerverhältnis, ändert sie ihren außeralltäglichen Charakter und wird zu traditionaler oder rationalisierter (legaler) Herrschaft (§11).

In Demokratie in Deutschland hat M. Rainer Lepsius die Anwendbarkeit dieses Erklärungsmodells auf den Führerstaat Adolf Hitlers geprüft. In seiner Arbeit Revolution und Veralltäglichung (1977) hat Dirk Kaesler die Anwendbarkeit dieser Theorie für die Beantwortung der Frage: "Was wird aus Revolutionen?" geprüft; er kam zum Ergebnis, dass Webers Theorie von der Veralltäglichung des Charisma ein brauchbares Analysekonzept für Verständnis und Erklärung postrevolutionärer Prozesse liefert.

Wirtschaftspsychologie

In der Wirtschaftspsychologie findet sich ein Ansatz, der Charismaaffinität und die Wahrnehmung von Charisma in die Nähe des Narzissmus stellt (siehe Dammann, 2007). Wichtig dabei ist, wie sich „Stigma“ und „Charisma“ zueinander verhalten (siehe auch Wolfgang Lipp), und die Möglichkeit der sozialen Reversion bzw. Dramatisierung prototypischer Attribute.

Laut Richard Wiseman verfügt eine charismatische Person über drei Eigenschaften[1]:

  1. Emotionen werden von ihr sehr stark empfunden
  2. Sie ist in der Lage, auch andere Menschen derart starke Gefühle erleben zu lassen
  3. Sie ist resistent gegenüber Einflüssen anderer charismatischer Menschen.[2]

Inzwischen wird in der deutschen Wirtschaftspsychologie (in den USA schon seit den 1980ern) die Idee der charismatischen Führung neu diskutiert. Dafür hat sich der Begriff der „Transformationalen Führung“ etabliert. Transformiert werden sollen die Werte und Motive der geführten Personen. Bass (1985) sieht als wesentliche Faktoren der Transformationalen Führung die vier „I“: Idealized Influence (das eigentliche „Charisma“, fachliche und moralische Vorbildfunktion, soll Vertrauen und Respekt erzeugen), Inspirational Motivation (Begeisterung der Mitarbeiter durch attraktive und überzeugende Visionen, Intellectual Stimulation (Anregung der Mitarbeiter zu innovativem Denken und Infragestellen des Bisherigen) und Individualized Consideration (Coaching der Mitarbeiter, Erkennen ihrer Bedürfnisse und systematische Förderung). Diese Faktoren sollen ihre Wirkung nur gemeinsam entwickeln, nicht, wenn sie einzeln auftreten (Felfe, 2006). Charisma wird hierbei nicht mehr als reine Eigenschaft einer Person verstanden, sondern ist abhängig davon, dass Mitarbeiter ihrer Führungskraft Charisma zuschreiben - der eine findet den Vorgesetzten charismatisch, der nächste vielleicht nicht. Transformationale Führung gilt zumindest in Teilen als trainierbar (Wegge & von Rosenstiel, 2003).

Fußnoten

Literatur

  • Carl Heinz Ratschow, Ludwig Schmidt, Nico Oswald, John H. Schütz, Rudolf Landau: Art. Charisma/Charismen I. Zum Begriff in der Religionswissenschaft II. Altes Testament III. Judentum IV. Neues Testament V. Praktisch-theologisch. In: Theologische Realenzyklopädie 7 (1981), S. 681-698 (Überblick für relig. Verständnis)
  • Kurt E. Becker: „Der römische Cäsar mit Christi Seele“. Max Webers Charisma-Begriff. Frankfurt et al. 1988.
  • Kurt E. Becker: Charisma. Der Weg aus der Krise. Lübbe, Bergisch Gladbach, 1996.
  • Gerhard Dammann: Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage. Fallbeispiele und Lösungswege für eine wirksames Management. Haupt, Bern, 2007.
  • Jörg Felfe: Transformationale und charismatische Führung - Stand der Forschung und aktuelle Entwicklungen. Zeitschrift für Personalpsychologie, 5 (4), S. 163 - 167.
  • Michael Günther: Masse und Charisma. Soziale Ursachen des politischen und religiösen Fanatismus. Peter Lang, Frankfurt a.M. u.a. 2005 ISBN 3-631-53536-8.
  • Dirk Kaesler, Revolution und Veralltäglichung. Eine Theorie postrevolutionärer Prozesse. München, Nymphenburger Verlagshandlung 1977. ISBN 3-485-01844-9.
  • Bernhard Schäfers, Justin Stagl (Hrsg.): Kultur und Religion, Institutionen und Charisma im Zivilisationsprozess. Festschrift für Wolfgang Lipp. Hartung-Gorre, Konstanz 2005
  • Peter Wasem: Charisma - Fluch oder Segen für die Lernende Organisation?. GRIN, Leipzig 2006
  • Wegge, J. & von Rosenstiel, L. (2003) Führung. In: H. Schuler, Lehrbuch Organisationspsychologie, S. 475ff. Hans Huber, Bern.

Weblinks


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