Torture Porn

Torture Porn

Torture Porn (deutsch: Folter-Porno), seltener auch Torture Horror, ist ein relativ junges Subgenre des Horrorfilms.[1] Merkmal des Torture-Porn-Films ist, dass Folter, explizite Gewaltdarstellungen, Erniedrigungen und Verstümmelungen nicht wie auch bei anderen Filmen am Rande der Handlung vorkommen, sondern diese weitgehend bestimmen. Dabei dienen diese innerhalb der Handlung keinem höheren Zweck, wie zum Beispiel der Bestrafung oder der Erzwingung von Geständnissen, sondern sind praktisch Selbstzweck.[2]

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Regisseur Eli Roth (Mitte) und der Cast von Hostel bei der Premiere in Prag (2006)

Die Ursprünge des Torture-Porn gehen bis in die 1970er und 1980er Jahre zurück. Damals waren sie als Subgenre des Grindhouse kommerziell wenig erfolgreiche und billige Produktionen, wie beispielsweise Die Rache der Kannibalen (1981, Regie: Umberto Lenzi). Rückblickend können diese Filme jedoch auch als Torture Porn angesprochen werden.[2]

Der Begriff „Torture Porn“ selbst wurde 2006 von dem US-amerikanischen Filmkritiker David Edelstein geprägt. Er trug zudem als Erster die spezifischen Merkmale des Subgenres zusammen. Edelstein stellte fest, dass eine ganze Reihe von Filmen der jüngeren Vergangenheit wie The Devil’s Rejects (2005, Regie: Rob Zombie), Saw (2004, Regie: James Wan), Wolf Creek (2005, Regie: Greg McLean), Hostel (2005, Regie: Eli Roth) und sogar Die Passion Christi (2004, Regie: Mel Gibson) einen hohen Grad von Sadismus beinhaltet hätten und diesen in einer brutalen Szenerie explizit zur Schau gestellt hätten. Diese Filme hätten im Gegensatz zu ihren Vorgängern jedoch ein wesentlich größeres Budget und hätten damit schließlich den Mainstream erreicht. Ein weiterer Unterschied zu früheren Horrorfilmen wie Scream (1996, Regie: Wes Craven) bestünde darin, dass hier nicht Teenies von maskierten Mördern für vermeintliche Verfehlungen, wie zum Beispiel ihren Hang zur Promiskuität, bestraft würden, sondern normale, völlig schuldlose Alltagsmenschen grundlos angegriffen würden. Das letzte Opfer hätte außerdem bisher den Mörder fast immer besiegt (Final Girl), doch nunmehr würde das Böse am Ende triumphieren. Selbst am Ende des Films Hostel, lasse die Erkenntnis, dass man sich in einer Welt potentieller Serienkiller befinde, ein echtes „Happy End“ nicht zu.[3]

Manche Autoren meinen, dass die Welle der neuen Porn-Torture-Filme bereits mit der Neuverfilmung von The Texas Chainsaw Massacre (2003, Regie: Marcus Nispel) begonnen habe.[2] Andere wiederum vertreten die Ansicht, dass Ansätze dieses Trends bereits einige Jahre zuvor in europäischen Filmen wie Tras el cristal (1987, Regie: Agustí Villaronga) oder Funny Games (1997, Regie: Michael Haneke) zu finden wären. Und selbst davor seien schon Klassiker wie Beim Sterben ist jeder der erste (1972, Regie: John Boorman) und Das letzte Haus links (1972, Regie: Wes Craven) mit sehr ähnlichen Motiven gedreht worden.[4][5] Es wird jedoch seitdem einheitlich betont, dass das eigentlich neue Phänomen in der Tatsache liege, dass diese Filme nicht mehr nur Billigproduktionen seien, sondern aufwändige Leinwandspektakel mit entsprechender medialer Aufmerksamkeit:

„Aus den Schmuddelecken der Videotheken wurde die brutale Ikonografie des Siebziger- und Achtziger-Jahre-Horrors in den Mainstream des 21. Jahrhunderts gespült, was hartgesottene Genre-Exegeten ebenso beschäftigt wie besorgte Medienwächter.“

David Kleingers[6]

Erklärungen

Steffen Geil stellte fest, dass es in den Torture-Porn-Filmen zwar primär um „die Angst vor körperlicher Versehrtheit, Schmerzen und letztendlich vor dem Tod“ ginge, dass der aktuelle Trend dahin jedoch eher im zeitgenössischen „Schönheits- und Gesundheitswahn“ zu suchen sei. Außerdem sei das Thema “Folter” in den Medien durch Guantanamo und Abu Ghraib sehr präsent. Auch andere Mainstream-Filme wie Casino Royale (2006, Regie: Martin Campbell) oder Syriana (2005, Regie: Stephen Gaghan) würden deshalb vermehrt Folter beinhalten, wenn auch nur als Nebenaspekt.[7] Franz Everschor, der Korrespondent des “film-dienst”, hatte schon zuvor diese Ansicht vertreten und die Geschehnissen auf den Leinwänden als „Reflex auf reale Ereignisse“ bezeichnet.[8] Auch Regisseur Eli Roth wurde nicht müde, immer wieder zu betonen, dass der Film Hostel eine Reaktion auf die politische Lage der USA sei.[9]

Edelstein hatte darauf hingewiesen, dass aktuelle TV-Serien wie 24 Folter geradezu rechtfertigen und popularisieren würden. Er ging jedoch insofern weiter, als er davon ausging, dass diese Filme den Zuschauer trotzdem persönlich ansprächen: „Als potentielle Opfer fürchten wir Serienkiller, aber dennoch wollen wir uns mit ihrer Macht identifizieren.“[3] Zur Erklärung führte er eine Theorie an, welche der Schriftsteller Will Self 1996 in dem Aufsatz “The American Vice” formuliert hatte. Dieser meinte, dass Folterszenen eine Art “moralische Entrückung” hervorrufen würden:

„Wir verlieren den Sinn dafür, welchen Standpunkt wir einnehmen. Des Sadisten, der foltert? Des Polizisten [, welcher im gewählten Beispiel Reservoir Dogs das Opfer ist]? Des unbeteiligten Komplizen? Es ist dieses Schwanken im Standpunkt, welches dem Zuschauer den ‘Schwarzen Peter’ der Mitschuld zuschiebt. Denn in einer solchen Situation gibt der Autor die moralische Verantwortung für das, was auf der Leinwand geschieht an den Zuschauer ab - oder schiebt sie ihm eher unter.“

Will Self[10]

Bewertungen

Darren Lynn Bousman, Regisseur der Saw-Filme

Die Torture-Porn-Filme wurden meist über das Ausmaß an Brutalität vermarktet, welches in ihnen zu sehen sei. So wurde Hostel als ein Film „bislang unbekannter Grausamkeit und Perversion“ beworben.[11] In einigen Orten mussten die expliziten Werbeplakate für die Filme Hostel 2 (2007, Regie: Eli Roth) und Captivity (2007, Regie: Roland Joffé) aufgrund massiver Kritik wieder entfernt werden. Auch die Trailer dieser Filme in denen zum Beispiel versprochen wurde „There is a place where your darkest, sickest fantasies are possible, where you can experience anything you desire“ wurden scharf kritisiert.[12] Die ersten Vertreter der neuen Welle des Torture-Porn stellten sehr gute kommerzielle Erfolge dar. Hostel kostete 5 Millionen Dollar und spielte 80 Millionen ein. Saw kostete 1,2 Millionen Doller und konnte sogar 100 Millionen einspielen. Die Fortsetzung Saw III erreichte mit 164 Millionen Doller immerhin noch das 16-fache der Produktionskosten.[5] Eine Untersuchung aus dem Jahr 2009 kam jedoch zu dem Ergebnis, dass die Torture-Porn-Filme als kommerzielle Erfolge langfristig noch hinter den einschlägigen älteren Subgenres des Horrorfilms rangierten.[13]

Die Macher der Saw-Fortsetzungen lehnten es hingegen ab, dass ihre Filme zum Torture-Porn-Genre zählen würden. Regisseur Darren Lynn Bousman meinte: „Nehmen Sie irgendeinen der Saw-Filme, es gibt in ihnen immer eine moralische Botschaft ... Denken Sie sich alle Blutszenen weg und sie haben immer noch einen Film, während bei vielen anderen Horrorfilmen, bei denen Sie sich alle Blutszenen wegdenken, nichts mehr übrig bleibt. Und ich denke, das ist es, was die Saw-Filme so gut macht.“[14] Die Meinungen über die Torture-Porn-Filme gehen weit auseinander. Stephen King verteidigte 2007 den Film Hostel 2 - gute Kunst würde die Menschen immer dazu bringen sich unwohl zu fühlen.[15] George A. Romero hingegen gab zu: „Ich versteh die Torture-Porn-File nicht. Ihnen fehlt die Metapher.“[16] Josh Whedon hingegen zählte 2007 zu den engagiertesten Aktivisten gegen die Werbekampagnen der Torture-Porn-Filme: „Es kein buchstäbliches Zeichen für den Untergang der Menschlichkeit. Es ist Teil eines Kreislaufs der Gewalt und Frauenfeindlichkeit, der denjenigen Menschen, die es sehen, etwas wegnimmt.“[17]

Fußnoten

  1. Steffen Hantke (Hrsg.): American Horror Film: The Genre at the Turn of the Millennium. University Press of Mississippi, 2010, S. 36, 48.
  2. a b c Steffen Geil: Torture Porn - Die Renaissance des Folterns. In: Inge Kirsner, Michael Wermke (Hrsg.): Passion Kino - Existenzielle Filmmotive im Religionsunterricht und Schulgottesdienst. Göttingen 2009, S. 122.
  3. a b David Edelstein: Now Playing at Your Local Multiplex: Torture Porn. In: New York Magazine. 28. Januar 2006.
  4. Lars-Olav Beier: Mordsspaß im Schlachthof. In: spiegel-online.de, 24. Juli 2006.
  5. a b Steve Murray: 'Horror porn' a bloody success. 7. Juni 2007.
  6. David Kleingers: Wiederkehr der Schauermär. In: spiegel-online.de, 13. Juni 2007
  7. Steffen Geil: Torture Porn - Die Renaissance des Folterns. In: Inge Kirsner, Michael Wermke (Hrsg.): Passion Kino - Existenzielle Filmmotive im Religionsunterricht und Schulgottesdienst. Göttingen 2009, S. 121f.
  8. Franz Everschor: “Torture Porn” - Folterszenen in Film und Fernsehen werden zum heißen Eisen. In: film-dienst. 61 (2007), Nr.6, S.48f.
  9. David Kleingers: Massaker im Multiplex. In: spiegel-online.de, 25. April 2006.
  10. Will Self: The American Vice. In: Karl French (Hrsg.): Screen Violence. London 1997.
  11. Reinhold Zwick: Dunkel, hässlich und voller List? - Gesichter des Bösen im Film. In: Eva Marsal, Regina Speck (Hrsg.): Gut / Böse - Ein Januskopf? Frankfurt am Main 2008, S. 99.
  12. Kira Cochrane: For your entertainment. In: The Guardian. 1. Mai 2007.
  13. Steffen Hantke (Hrsg.): American Horror Film: The Genre at the Turn of the Millennium. University Press of Mississippi, 2010, S. 48.
  14. Kara Warner: Saw IV Press Conference.
  15. Marc Olsen: Stephen King on the artistic merits of torture porn. In: Los Angeles Times. 14. Juli 2007.
  16. Katrina Onstad: Horror Auteur Is Unfinished With the Undead. In: New York Times. 10. Februar 2008.
  17. Warren Kinsella: Torture porn's dark waters. In: National Post. 7. Juni 2007.

Literatur

  • David Edelstein: Now Playing at Your Local Multiplex: Torture Porn. In: New York Magazine. 28. Januar 2006.
  • Franz Everschor: “Torture Porn” - Folterszenen in Film und Fernsehen werden zum heißen Eisen. In: film-dienst. 61 (2007), Nr.6, S. 48f.
  • Steffen Geil: Torture Porn - Die Renaissance des Folterns. In: Inge Kirsner, Michael Wermke (Hrsg.): Passion Kino - Existenzielle Filmmotive im Religionsunterricht und Schulgottesdienst. Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-58004-2, S. 121–135.
  • Steffen Hantke (Hrsg.): American Horror Film: The Genre at the Turn of the Millennium. University Press of Mississippi, 2010, ISBN 978-1-60473-453-9.

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