- Grubenpferd
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Grubenpferde wurden im Bergbau unter Tage zum Ziehen von Förderwagen zum Schacht eingesetzt. Sie haben in den Bergbauregionen wesentlich zum industriellen Aufschwung beigetragen.
Inhaltsverzeichnis
Geschichtlicher Überblick
Im deutschen Bergbau wurde bis Mitte des 19 Jahrhunderts die Transporte von Material und Bergbauprodukten ausschließlich durch den Mensch, von so genannten Schleppern, vorgenommen. Mit steigendem Absatz durch die Industrialisierung sowie dem schnelleren Transport über Tage durch Pferdebahnen und später durch Eisenbahnen wuchs der Bedarf auch unter Tage die Transportleistung zu erhöhen. In England wurden hierzu bereits seit 1790 Pferde zum Transport unter Tage eingesetzt, in Deutschland wurden 1835 erstmals Pferde zum Transport unter Tage verwendet. Durch den Einsatz von Elektrizität und Eisenbahnen unter Tage endete ihr Einsatz als Kumpel in Deutschland Anfang der 1970er Jahre.
Britischer Bergbau
Im County Durham werden ab 1790 erstmals nachweislich Pferde unter Tage eingesetzt. Die Spitze des britischen Einsatzes wurde im Jahre 1913 mit 70.000 Tieren erreicht. Die letzten Pferde wurden im britischen Bergbau etwa im Jahre 2000 außer Dienst gestellt.
Saarbergbau
Im Jahre 1835 wurde in der Grube Gerhard und 1842 im Ensdorfer Stollen des Saarbergbaus erstmals die Pferdeförderung eingeführt. Im Königlichen Kohlenrevier Saarbrücken wurden 1875 bereits 600 Pferde eingesetzt. Bis 1904 hatte war die Anzahl bereits auf 1660 Tiere angestiegen. die meisten von ihnen wurden unter Tage eingesetzt.
Ruhrbergbau
In den rheinisch- westfälischen Gruben kommen ab 1840 Pferde zum Einsatz. Ab 1850 werden auf Zeche Hannover und Zeche Amalie und ab 1853 auf Zeche Victoria Mathias Pferde eingesetzt. Von ihrem ersten Einsatz an nimmt deren Verwendung rasant zu. So wuchs von 1878 auf der Zeche Dahlbusch deren Bedarf in acht Jahren auf 100 Tiere die in Ställen unter Tage untergebracht wurden.
Anzahl der eingesetzten Pferde
- Großbritannien
- 1914, 70.000 Pferde
- 1937, 32.000 Pferde
- 1957, 11.000 Pferde
- 1980, 100 Pferde
- 1984, 55 Pferde
Der tatsächliche Bestand dürfte ungleich höher gewesen sein, in den kleinen versteckt liegenden Privatgruben wurde dieser kaum erfasst.
- Oberbergamtsbezirke Dortmund, Breslau, Bonn
- 1913, 11.788 Pferde
- 1920, 5.257 Pferde
- Oberbergamtsbezirk Dortmund
- 1913, ca. 8.000 Pferde
- 1920, 3.712 Pferde
- 1942, 1.005 Pferde
- 1963, 22 Pferde
- Ibbenbüren
- 1916, 98 Pferde
- Ibbenbüren (Ostfeld)
- 1922, 52 Pferde
- 1936, 25 Pferde
- Saarland
- 1875, 600 Pferde
- 1910, 1.634 Pferde
Rassen
Es wurden Tiere eingesetzt mit ruhigem Temperament, gutem Knochenbau und tiefem und geschlossenen Rumpf. In den Anfängen handelte es sich meist um Abkömmlinge regionaler Wildpferdbestände wie den Emscherbrüchern oder teilweise dem Fjordpferd. Die Widerristhöhe sollte nicht mehr als 1,50 m betragen. In den niedrigen Strecken wurden auch kleinere Ponys eingesetzt.
Einsatz und Bedingungen
In den Anfängen des Bergbaus wurde das Fördergut in Karren, Hunten oder Schlepptrögen befördert. Mit größer werdenden Entfernungen wurden in den 1850er Jahren zur Streckenförderung Pferde eingesetzt.
Unterbringung und Verpflegung
Die Pferde wurden zunächst am Schichtanfang mit in die Grube genommen und am Schichtende nach Übertage transportiert. Hierzu verwendete man Förderkörbe, in engen Schächten wurden die Pferde in Schlingen eingehängt. Später wurden Untertage Sammelställe für 30 und mehr Pferde gebaut in die die Pferde nach Schichtende untergestellt wurden. Diese verfügten über Frischluftzufuhr, elektrisches Licht und Wasserleitungen. Gefüttert wurde eine Mischung aus Hafer, Futterbrot, Heu und Streu. Grünfutter wurde in der Regel nicht verwendet. Das Grubenwasser war zum tränken der Tiere nicht geeignet. In still gelegten Strecken gab es Hilfs- oder Notställe in denen die Tier versorgt wurden und um sie, bei Doppelschichten, möglichst nahe der Arbeitsstelle unterzubringen. Diese Ställe verfügten weder über Licht noch Frischluft oder Wasserleitungen. Die klimatischen und räumlichen Bedingungen waren hier äußerst schlecht. Die Ställe wurden mit Sägemehl aus der Bearbeitung des Grubenholz eingestreut. Zur Mäusebekämpfung wurden Katzen, in England auch Terrier, eingesetzt.
Ausrüstung
Zum Schutz vor elektrischen Drähten trugen die Pferde einen Ohrenschutz aus Gummi. In vielen, oftmals flachen Bergwerken wurde ihnen eine Lederkappe als Kopf- und Augenschutz angelegt. Es wurde einfaches Schleppgeschirr verwendet. Wegen möglicher Methangasexplosionen mussten Hufeisen über Tage geschmiedet und angepasst werden. Das Pferd wurde dann unter Tage kalt beschlagen.
Krankheiten und Verletzungen
Die keineswegs artgerechte Haltung, eine hohe Belastung durch Doppelschichten, Wechsel von kalten und warmen Wetterströmen bei verschwitztem Fell und die Staubbelastung hatten Auswirkungen auf das Immunsystem der Tiere. Die häufigsten Krankheiten waren Druse, Rotz, Dämpfigkeit, Koliken, Räude und Bindegewebsentzündungen. Häufig hatten die Pferde unter Verletzungen durch herabhängende Drähte, Nägel und abgesplitterten Holzbalken sowie Quetsch- und Schürfwunden zu leiden. Eine Häufung von Erkrankungen an der Staublunge oder Erblindung durch die Dunkelheit oder den Kohlenstaub konnte nicht nachgewiesen werden. Erblindungen der Pferde wurden zumeist durch Verletzungen an Drähten und Nägeln hervorgerufen.
Genesung
Pferde die erkrankten und wo diese nicht unter Tage ausreichend behandelt werden konnten, wurden zur Erholung auf die Weide bei Vertragsbauern geschickt. Häufig bereicherten sich diese Bauern an den Pferden indem sie diese vor den eigenen Karren spannten und das Kraftfutter für deren eigenen Tiere verwendeten. Um sich wieder an das Tageslicht zu gewöhnen wurden ihnen spezielle Brillen aufgesetzt, die jeden Tag ein wenig mehr Licht an das Auge ließen.
Eigentümer
Die Pferde waren in den meisten Fällen nicht das Eigentum der Gruben, sondern gehörten Verleihfirmen. Diese stellten die für den Betrieb notwendigen Tiere zur Verfügung. So verfügte die Firma Bischoff aus Gelsenkirchen im 19. Jahrhundert alleine über einen Bestand von 13.000 Tieren. Die Zechen kamen für verletzte, lahme und kranke Tiere auf. Todesfälle durch Seuchen und einigen Krankheiten wurden vom Staat entschädigt. Die Bekämpfung von Rotz war Sache der Zechen. Der Verleiher stellte Geschirr, Futter und Medikamente zur Verfügung. Die Arbeitszeiten der Tiere wurden vertraglich festgelegt. Diese sollte eine Schicht am Tag und 27 Schichten im Monat betragen. Da die Betreuung durch die Zechen vorgenommen wurde und die Anzahl der eingesetzten Tiere sehr groß war, war eine umfassende Überprüfung kaum möglich. Im Saarland wurde ab 1893 die Pferdeförderung durch die Gruben vorgenommen. Hierdurch hatten Misshandlungen der Tiere abgenommen, Doppelschichten wurden reduziert, Prämien für Unverletztheit und gutes Aussehen der Pferde wurde gezahlt. Im Gegenzug blieben die Pferde längere Zeit dienstfähig.
Tierschutz
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden bergpolizeiliche Vorschriften zur Pferdeförderung erlassen. In vielen Zechen wurden daraufhin Zehn Gebote zur Unfallverhütung für Pferdeführer aufgestellt, die den Umgang mit den Tieren während der Arbeit regelten. Im Jahre 1933 trat ein neues Tierschutzgesetz in Kraft. Hiernach hätte jedes Pferd nach zwei Jahren ausgewechselt oder eine Erholung über Tage erhalten müssen. Zumindest während des Zweiten Weltkriegs war die Umsetzung eher fraglich. Die untertägigen Arbeitsabläufe und Produktionsprozesse für Mensch und Tier sind mit heutigen Maßstäben an Arbeits- und Tierschutz nicht zu vergleichen. Die Bedingungen der Bergleute waren nicht wesentlich besser.
Die letzten Grubenpferde
- Großbritannien
In den britischen Bergwerken wurden mit fortschreitender Modernisierung die Tiere überflüssig. Mit Produktionsende in den Gruben wurden vor dem Zweiten Weltkrieg teilweise bis zu 30 Pferde unter Tage erschossen. Der National Coal Board errichtete in Pontypridd in den 1960er Jahren ein Erholungszentrum für Pferde, hier waren 2003 noch etwa 10 Pferde untergebracht.
- 1994, die letzten vier Ponys verlassen das Bergwerk Ellington bei Morpeth, Northumberland
- 2000, vereinzelte Grubenponys werden aus Privatminen entlassen
- Deutschland
- Ibbenbüren, 1957, Grubenpferd Hugo fährt im Westfeld nach über Tage
- Ruhrgebiet
- Zeche Westerholt, 1955
- Zeche Ewald, 1959
In Deutschland verließ am 22. Juni 1966 Tobias, das letzte Grubenpferd im Ruhrbergbau, nach zwölf Jahren Dienst als eines der ältesten Grubenpferde die Recklinghäuser Zeche General Blumenthal.[1] Bis zu seinem Tod vier Jahre später lebte der Hengst auf einem Bauernhof. Seit 1995 erinnert ein Modell des Tieres im Anschauungsbergwerk des Deutschen Bergbaumuseums in Bochum an Tobias, der zum Symbol für die Grubenpferde geworden ist.
Auf einigen kleineren Gruben Deutschlands kamen Grubenpferde in Tagesförderbetrieb noch bis Anfang der 1970er Jahre zum Einsatz, so z.B. auf der Grube Wolkenhügel in Bad Lauterberg im Harz.
Einfluss auf Literatur, Musik und Film
- Die kleinen Pferdediebe, Kinofilm, 1976
- Das Grubenpferd, Gedicht von Paul Zech
- Die Ballade von einem blinden Grubenpferd, Vertonung des Gedichts von Carved in Stone
- Hänschen in der Grube, Kinderbuch von Hans Baumann, 1957
Quellen und Belege
Literatur
- Wilhelm Hermann, Gertrude Hermann: Die alten Zechen an der Ruhr. 6. Auflage, aktualisiert von Christiane Syré und Hans-Curt Köster. Langewiesche Nachfolger Hans Köster, Königstein im Taunus 2007, ISBN 3-7845-6994-3
- Emil Stöhr, Emil Treptow: Grundzüge der Bergbaukunde einschließlich der Aufbereitung. Verlagsbuchhandlung Spielhagen & Schurich, Wien 1892, ISBN 978-1142950033
- Joachim Huske: Die Steinkohlenzechen im Ruhrrevier. 3. Auflage, Selbstverlag des Deutschen Bergbau-Museums, Bochum 2006, ISBN 3-937203-24-9
Weitere Belege
- Kumpel auf vier Beinen. Grubenpferde im Ruhrbergbau, abgerufen am 14. August 2011
- Die Geschichte der Grubenpferde, abgerufen am 14. August 2011
- Dirk Theegarten: Das Grubenpferd im rheinisch-westfälischen Bergrevier – ein historischer Rückblick, Ruhr-Universität Bochum, abgerufen am 14. August 2011
- „Grubenpferde“, Zeugen der Zeitgeschichte: Teil 1, Teil 2, abgerufen am 14. August 2011
- ↑ Joachim Huske: Die Steinkohlenzechen im Ruhrrevier. 3. Auflage, Selbstverlag des Deutschen Bergbau-Museums, Bochum 2006, ISBN 3-937203-24-9
Weblinks
Commons: Grubenpferd – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien- 1966 – Das letzte Grubenpferd geht in Rente Beitrag der Aktuellen Stunde vom 22. Juli 2006
- Bild: Grubenpferd am Haken
- Erholungszentrum für Pit ponies in Pontypridd (englisch)
- Die kleinen Pferdediebe in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database
- Pit Pony in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database
Kategorien:- Bergbaugerät
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