Jean Louis Lebris de Kerouac

Jean Louis Lebris de Kerouac
Jack Kerouac circa 1956. Fotografie von Tom Palumbo

Jack Kerouac (eigentlich Jean Louis Lebris de Kerouac; (* 12. März 1922 in Lowell, Massachusetts; † 21. Oktober 1969 in Saint Petersburg) war ein US-amerikanischer Schriftsteller mit franko-kanadischen Wurzeln und einer der wichtigsten Vertreter der Beat Generation.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Gedenkstein in Lowell, Mass. (USA)

Kerouac wurde in eine franko-kanadische Familie geboren, wo er den französischen Dialekt Joual sprach und erst mit seiner Einschulung Englisch lernte. Der frühe Tod seines älteren Bruders Gerard war für den jungen Jack ein tragisches Ereignis, das er in Visions of Gerard zu verarbeiten versuchte.

Seine sportlichen Erfolge brachten ihm 1940 bis 1941 ein Stipendium an der Columbia University in New York City ein, wo er zusammen mit Kommilitonen wie Allen Ginsberg und William S. Burroughs den Ursprung der Beat Generation bildete. Die Beatniks gelten als erste Vertreter des Genres der Popliteratur.

Nach einem Beinbruch verließ Kerouac die Universität und trat der United States Merchant Marine, der US-amerikanischen Handelsmarine, bei, nachdem er bei der US-amerikanischen Kriegsmarine, der United States Navy zurückgewiesen worden war. 1943 konnte er dann doch noch zur United States Navy wechseln, wurde aber im Jahr darauf als paranoid-schizophren[1] eingestuft und aufgrund dieser psychiatrischen Diagnose entlassen. Hinweise auf seine Zeit auf See findet man in The Sea is my Brother.

Zwischen seinen Seereisen blieb Kerouac bei seinen Studienfreunden in New York City. Er traf sich mit Allen Ginsberg, Neal Cassady, Lucien Carr und William S. Burroughs, die ihn beeinflussten und sein autobiografisch gefärbtes Werk prägten.

Es waren die wildesten Jahre von Jack Kerouac: mit Wein, Drogen, sexuellen Abenteuern, und Reisen durch die USA, Mexiko, Nordafrika und Europa. Diese Reisen legten den Grund für seine Romane, die in einem von Drogen und rhythmischer Umgangssprache geprägten Stil geschrieben sind. Auch die Musik des Bebop und der Zen-Buddhismus begeistern ihn; Kerouac bezeichnete in einem Nachruf den Jazzmusiker Charlie Parker als „Buddha“.

Im Jahre 1944 ehelichte er Edie Parker. Diese erste von insgesamt drei Ehen hielt nur zwei Monate. Von 1946 bis 1948 schrieb er den Roman The Town and the City, der 1950 erschien. Dieser erste veröffentlichte Roman erhielt gute Kritiken, verschaffte seinem Autor aber kaum Ruhm.

Zwischen 1947 und 1950 reiste Kerouac mit dem oft als irre bezeichneten (auf jeden Fall galt das für seine Fahrkunst) Neal Cassady kreuz und quer durchs Land. Cassady war für Kerouac die Verkörperung eines romantischen Ideals von Amerika: rastlos, abenteuerlustig, sexuell überaktiv. Ein Cowboy, der das Pferd gegen ein Auto getauscht hat. Kerouac hat selbst nie am Steuer gesessen, er ist immer nur Beifahrer und Beobachter geblieben.

Kerouac fand zunächst keine Sprache für das Erlebte, die wilden Partys, die Rastlosigkeit und künstlerischen Visionen seiner Freunde, das Leben aus Gelegenheitsjobs und Kunst. Erst der frische und ekstatische Stil, in dem Neal Cassady ihm Briefe schrieb, erschien Kerouac als der richtige Zugang zu dem Lebensgefühl, und so entstand 1951 der Roman On the Road (deutsch: Unterwegs), der aber erst 1957 veröffentlicht wurde. Das Manuskript tippte er innerhalb von drei Wochen auf eine lange, aus zurechtgeschnittenen Bögen Zeichenpapier zusammengeklebte Rolle[2] - und nicht, wie es die landläufige Legende wissen will, auf eine Rolle Fernschreiberpapier. So musste er sich während des Schreibflusses nicht mehr um den Papierwechsel kümmern; in einem Brief an Neal Cassady assoziierte Kerouac die lange Papierbahn außerdem mit der titelgebenden Landstraße[3]. Die Rolle wurde am 22.Mai 2001 von dem Multimillionär Jim Irsay bei Christie’s für 2.426.000 Dollar ersteigert[4], mehr Geld als Kerouac je mit seinen Büchern verdient hat. Sie wird manchmal öffentlich ausgestellt.

On The Road war Kerouacs Durchbruch und Höhepunkt seiner Karriere. Damit wurde er zur Zentralfigur der Beat Generation und auch für die Verleger interessant. Für eine Weile konnte Kerouac von seinem Schreiben leben, wenn auch nicht üppig.

Mit dem Ruhm begann auch Kerouacs Niedergang: Von der Kritik ignoriert, zerrissen und verlacht, von Fans verfolgt, die ständig mit ihm trinken und herumfahren wollten, seine Freunde Ginsberg und Burroughs irgendwo unterwegs, versank er zunehmend im Alkohol und flüchtete sich immer öfter in das Haus seiner Mutter. Die Rolle als King of the Beats, die ihm aufgedrängt wurde, stieß ihn immer mehr ab, weil seine Vorstellungen von Literatur und einer unverfälschten, spontanen Schreibweise (spontaneous prose) nicht verstanden wurden. Die Medien sahen nur junge Männer und Frauen, die ein Rumtreiberleben führten, Drogen nahmen und seltsamen Ideen von der Freiheit Amerikas anhingen. Bald schon war die Karikatur der Beats, der bongospielende Rumhänger und Kiffer im Ringelshirt mit Ziegenbart, in Filmen und Fernsehserien zu sehen. Man konnte für Partys „Beatniks“ buchen und dergleichen mehr. Die Kommerzialisierung dieser literarischen Jugendbewegung nahm überhand. Kerouac wurde immer verbitterter.

In den folgenden Jahren konnte Kerouac zwar bereits früher geschriebene Romane wie The Dharma Bums veröffentlichen, schrieb aber kaum Neues. Vor allem beachtete ihn die Literaturkritik weiterhin kaum oder tat seine Bücher als „Geschreibsel“ (Truman Capote) ab. Kerouac litt weiter ständig Geldnot und zog mit seiner Mutter mehrfach von Florida an die Ostküste und wieder zurück. Er trank die ganze Zeit und baute körperlich sichtlich ab.

1966 heiratete er ein drittes Mal, und zwar die Schwester eines Jugendfreundes: Stella Sampas. Mit ihr und seiner Mutter zog er erst in seine Heimatstadt Lowell und dann nach Saint Petersburg in Florida, wo er von Alkohol und anderen Drogen zerstört am 21. Oktober 1969 starb. Kerouacs Beerdigung wohnte unter anderen Bob Dylan bei, sein Grab liegt auf dem Edson Cemetery in Lowell.

Kerouacs Erben

Literaturgeschichtlich war Jack Kerouac Wegbereiter einer neuer Generation von Autoren und Journalisten. Ihr New Journalism greift die Sprunghaftigkeit, Subjektivität und spontane Emotionalität Kerouacs auf, treibt sie weiter oder leitet sie in geregelte Bahnen. Beispiele dafür sind Hunter S. Thompson mit seinen Gonzo-Reportagen in den USA, Jörg Fauser in Deutschland und Marie Luise Kaltenegger in Österreich. In dieser Art war Kerouac ein Erneuerer des literarischen Ausdrucks, der – ähnlich wie John Dos Passos – mehr als einmal dem literarischen Stil frisches Blut gab.

Wie sehr sein Werk andere anregte und belebte, lässt sich erkennen an der Vielzahl von Künstlern unterschiedlicher Stilrichtungen und Kunstformen, die sich ausdrücklich auf Kerouacs Romane bzw. seinen Ruf beziehen:

  • Die Artrock-Gruppe King Crimson zollte Kerouac und seinen Werken Tribut auf ihrem Album Beat, das Lieder wie Neal and Jack and me oder Sartori in Tangier enthält.
  • Das japanisch-französische Nu Jazz Ensemble United Future Organization vertonte auf seinem 1993er CD Debütalbum das Kerouac-Poem Poetry and all that Jazz.
  • Die britische Jazzfunk Band Incognito verwendet auf ihrem Album Life, stranger than fiction einen Auszug einer Tonbandaufnahme, in der Kerouac selbst aus On the road liest.
  • Der Schriftsteller Thomas Pynchon nennt Kerouacs Buch On the Road in dem Vorwort zu seinem Buch Spätzünder eine Offenbarung.
  • Der Schauspieler Johnny Depp bezeichnet On the Road als seinen Koran, der sein Leben verändert habe.
  • Die Münchner Rockband Sportfreunde Stiller widmete ihm das Lied Unterwegs.
  • Clutching at Straws (1987), das vierte Studio-Album der britischen Rock- und Prog-Rock-Formation Marillion, ist fast durchgängig von Leben und Werk Kerouacs inspiriert. So zitiert beispielsweise der Torch Song fast wörtlich aus den ersten Seiten des Klassikers On The Road.
  • T. C. Boyle schrieb eine Kurzgeschichte, in der zwei jugendliche Ausreißer Kerouac Weihnachten im Haus seiner Mutter besuchen und mit ihm eine „echte“ Beatnacht zelebrieren.
  • Die Kölner Rockband BAP veröffentlichte 2008 auf dem Album Radio Pandora das Lied: Wat für e Booch! als Hommage an seinen Roman On the Road
  • Für den amerikanischen Singer/Songwriter Bob Dylan gehört On the Road zu den wichtigsten literarischen Einflüssen (siehe die Dokumentation No Direction Home von Martin Scorsese). Die Philosophie des Song and Dance Man Dylan ist stark geprägt durch den Gedanken des Life on the Road (How does it feel, To be on your own, With no direction home, Like a complete unknown, aus Like a Rolling Stone, 1965)
  • Die franco-amerikanische Band Moriarty führt ihren Namen auf Dean Moriarty aus On The Road zurück.
  • Die australische Band The Go-Betweens schrieb 1987 The House Jack Kerouac built, einen kleinen Hit innerhalb der Independent-Szene.

Zudem gibt es – 1974 von Allen Ginsberg und Anne Waldman gegründet – die Jack Kerouac School of Disembodied Poetics, an der schöpferisches Schreiben gelehrt und geübt wird, als Teil der Naropa University, einer privaten buddhistischen Lehrstätte in Boulder.[5]

Film

Kerouac ist gemeinsam mit Allen Ginsberg, Peter Orlovski, Gregory Corso und anderen Darstellern in Andy Warhols Underground-Film Couch vom Juli 1964 zu sehen.

Werke

Theater

Kerouac hat ein einziges Theaterstück, Beat Generation, geschrieben, dessen Niederschrift im Jahr 2005 auf einem Speicher in New Jersey wiederentdeckt wurde. Im Dezember 2007 fand die deutsche Uraufführung nach einer Übersetzung von Andreas Marber im Schauspiel Köln statt. Der 3. Akt von Beat Generation wurde 1959 von Alfred Leslie in dem mehrfach preisgekrönten Streifen „Pull My Daisy“ verfilmt.

Bücher

  • The Town and the City. 1950
    • dt. Ausgabe (gekürzt): The town and the city. Rowohlt, Reinbek 1984, ISBN 3-499-14971-0
  • On The Road. 1957
    • dt. Ausgabe: Unterwegs. Roman. Rowohlt, Hamburg 1959; Rowohlt, Reinbek 1998 (Neuübersetzung), ISBN 3-499-22225-6
  • The Subterraneans. 1958
    • dt. Ausgabe: Bebop, Bars und weißes Pulver. Rowohlt, Reinbek 1979, ISBN 3-499-14415-8
  • The Dharma Bums. 1958
  • Doctor Sax. 1959
    • dt. Ausgabe: Doctor Sax. Beat-Roman. Heyne, München 1987, ISBN 3-453-35088-X
  • Mexico City Blues: 242 Choruses. 1959
  • Maggie Cassidy. 1959
    • dt. Ausgabe: Maggie Cassidy. Rowohlt, Reinbek 1980, ISBN 3-499-14561-8
  • Tristessa. 1960
    • dt. Ausgabe Tristessa Rowohlt, Reinbek 1965, ISBN 3-499-10725-2
  • Lonesome Traveller. 1960
    • dt. Ausgabe: Lonesome Traveller. Rowohlt, Reinbek 1981, ISBN 3-499-14809-9
  • The Scripture of the Golden Eternity. 1960
    • dt. Ausgabe: Die Schrift der goldenen Ewigkeit. Sadhana-Verlag, Berlin 1980, ISBN 3-922610-02-1
  • Book of Dreams. 1961
    • dt. Ausgabe: Traum-Tagebuch. Maroverlag, Augsburg 1978, ISBN 3-87512-037-X; Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1981, ISBN 3-596-25136-2
  • Big Sur. 1962
    • dt. Ausgabe: Big Sur. Heyne, München 1984, ISBN 3-453-35042-1
  • Visions of Gerard. 1963
  • Desolation Angels. 1965
    • dt. Ausgabe: Engel, Kif und neue Länder. Roman. Melzer, Darmstadt 1967; Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-499-11391-0
  • Satori in Paris. 1966
    • dt. Ausgabe: Satori in Paris. Melzer, Darmstadt 1968; dtv, München 1971, ISBN 3-423-00750-8
  • Vanity of Duluoz. 1968
    • dt. Ausgabe: Die Verblendung des Duluoz. Eine abenteuerliche Erziehung, 1935 - 1946. Melzer, Darmstadt 1969; Rowohlt, Reinbek 1975, ISBN 3-499-11839-4
  • Visions of Cody. 1973

Galerie

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Frederik Hetmann: Bis ans Ende aller Straßen. Die Lebensgeschichte des Jack Kerouac. Beltz und Gelberg, Weinheim/Basel 1989, ISBN 3-407-80689-2, S. 104
  2. Howard Cunnell: Fast This Time. Jack Kerouc and the Writing of On the Road. In: Jack Kerouac: On the Road. The Original Scroll. London 2007, ISBN 978-1-846-14020-4, S. 24
  3. ebd. S. 1
  4. Manuskriptrolle von On the Road bei Christie’s
  5. The Jack Kerouac School of Disembodied Poetics, Website der Jack Kerouac School of Disembodied Poetics


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