Johannes (Evangelist)

Johannes (Evangelist)
Tilman Riemenschneider: Johannes sinniert über seinem Evangelium

Der Evangelist Johannes ist der Hauptautor des Johannesevangeliums. Die christliche Tradition setzt ihn mit dem Apostel Johannes als dem Lieblingsjünger Jesu gleich und sieht in ihm auch den Verfasser der Johannesbriefe und der Offenbarung. In der historisch-kritischen Forschung ist diese traditionelle Auffassung stark umstritten. Diese Auseinandersetzung ist als „johanneische Frage“ in die Forschungsgeschichte zum Johannesevangelium eingegangen.[1]

Inhaltsverzeichnis

Historische Zeugnisse

Im Johannesevangelium

Im Johannesevangelium wird als Autor des Textes der namenlose „Lieblingsjünger“ Jesu (Joh 21,24 EU) genannt:

Petrus wandte sich um und sah, wie der Jünger, den Jesus liebte, (diesem) folgte. Es war der Jünger, der sich bei jenem Mahl an die Brust Jesu gelehnt und ihn gefragt hatte: Herr, wer ist es, der dich verraten wird?
... dieser Jünger ist es, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist. (Joh 21,20.24 EU)

Bezeugt das Schlusskapitel des Evangeliums so zwar ausdrücklich die Verfasserschaft des „Lieblingsjüngers“, so unterbleibt jedoch eine Identifikation mit dem Apostel Johannes. Außerdem scheint hier eine Verfassergruppe als ein „Wir“ zu sprechen, die sich vom Autor des Haupttextes Joh 1-20 unterscheidet. Auffällig ist, dass im Gegensatz zu den synoptischen Evangelien im gesamten Johannesevangelium der Name des Apostels Johannes niemals erwähnt wird. Wenn von „Johannes“ geschrieben wird, so handelt es sich immer um Johannes den Täufer. Die „Söhne des Zebedäus“ – bei den Synoptikern als Jakobus und Johannes bekannt (Mk 1,19 EU) – tauchen erst in 21,2 EU auf, jedoch werden sie auch dort nicht namentlich genannt. Daher wird angenommen, ein johanneischer Kreis, der auch für die Anfügung des Schlusskapitels 21 an einen bereits bestehenden Text verantwortlich war, habe mit dem Lieblingsjünger eine Gestalt aus der intimsten Nähe Jesu als Zeugen und unbestrittene Autorität in den Vordergrund gestellt. Dafür spricht auch, dass das Evangelium nicht nur am Schluss in Joh 21,24 EU, sondern bereits im Prolog von einem „Wir“ spricht (Joh 1,14.16 EU), womit Augenzeugen von Jesu Auftreten gemeint sind. Jedenfalls weist so das Johannesevangelium selbst auf die Autorität eines herausragenden Zeugen hin, auf den sich die Mitglieder der johanneischen Gemeinde mit Nachdruck berufen.

In der frühen Kirche

Die frühesten Nachrichten über die Wirksamkeit eines Jüngers und Apostels Johannes außerhalb des Neuen Testaments finden sich in den Schriften des Bischofs Irenäus von Lyon (um 135-202), die auch vom Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea (um 260-337) zitiert werden. Irenäus war in seiner Jugend ein Schüler von Polykarp von Smyrna (69–155), der – so schreibt Irenäus – seinerseits ein Schüler des Apostels Johannes war. Nach dieser frühen Quelle vom Ende des 2. Jahrhundert ist Johannes der Apostel zugleich der Verfasser des Evangeliums:

Zuletzt gab Johannes, der Jünger des Herrn, der auch an seiner Brust ruhte, selbst das Evangelium heraus, als er sich in Ephesus in der Asia aufhielt (Irenäus, Adv Haer III 1,1, zitiert auch bei Eusebius, Hist Eccl V 8,4)

Hier werden vier Feststellungen getroffen, die die christliche Tradition maßgeblich geprägt haben:

  1. der Apostel Johannes ist der Lieblingsjünger
  2. der Apostel Johannes ist daher der Autor des Evangeliums
  3. das Evangelium wurde während des Aufenthaltes des Johannes in Ephesos - also zu seinen Lebzeiten - veröffentlicht
  4. das Johannesevangelium ist nach den synoptischen Evangelien geschrieben worden („zuletzt“).

Eusebius liegt auch daran, die Abweichungen zwischen dem Johannesevangelium und den synoptischen Evangelien zu erklären. So behauptet er:

Johannes erzählt also in seinem Evangelium das, was Christus getan hatte, noch ehe der Täufer ins Gefängnis geworfen wurde; die übrigen drei Evangelisten aber berichten die auf die Einkerkerung des Täufers folgenden Ereignisse (Eusebius, Hist Eccl III 24,13).

Ebenfalls aus dem ausgehenden 2. Jahrhundert dürfte der Kanon Muratori stammen, der von der Entstehung des Johannesevangeliums berichtet:

Das vierte der Evangelien, des Johannes, [eines] von den Jüngern. Als ihn seine Mitjünger und Bischöfe aufforderten [aufzuschreiben], sagte er: Fastet mit mir von heute ab drei Tage, und was einem jeden offenbart werden wird, wollen wir einander erzählen. In derselben Nacht wurde dem Andreas, einem der Apostel, offenbart, daß Johannes in seinem Namen ... alles niederschreiben sollte, und alle sollten es überprüfen ... Was wir gesehen haben mit unseren Augen und mit den Ohren gehört haben und unsere Hände betastet haben, das haben wir euch beschrieben. Denn damit bekennt er [sich] nicht nur als Augen- und Ohrenzeuge, sondern auch als Schriftsteller aller Wunder des Herrn der Reihe nach.[2]

Die christliche Tradition füllt also mit Berufung auf Johannesschüler oder andere Apostel die Leerstelle im Evangelium mit der Person des Apostels Johannes aus.

Die „johanneische Frage“

Das Schweigen des Johannesevangeliums über die Identität des Lieblingsjüngers ist der eigentliche Anlass für die „johanneische Frage“. Sie kritisiert die traditionelle Auffassung und führt dazu folgende Argumente an:

  • Die frühchristlichen Zeugnisse scheinen (zu) sehr bemüht zu sein, nicht nur den Apostel Johannes als Verfasser herauszustellen und zu legitimieren, sondern auch die Unterschiede zwischen Johannes und den Synoptikern nachträglich auszugleichen. Der apologetische Charakter dieses Unternehmens scheint deutlich. Das Zeugnis des Kanon Muratori hat zu sehr legendarischen Charakter, als dass man es für historisch zuverlässig halten könnte.[3]
  • Nach einer alternativen Tradition aus dem Markusevangelium (Mk 10,35-41 EU) könnte der Apostel Johannes wie auch sein Bruder Jakobus bereits früh das Martyrium erlitten haben. Da Markus auf dieses Ereignis bereits zurückzublicken scheint, wäre der Tod des Johannes spätestens vor dem Jahr 70 als Datum der Abfassung des Markusevangeliums anzusetzen. Nach dieser Auffassung könnte der Apostel nicht in hohem Alter in Ephesus gestorben sein.[4]
  • Es ist schwer vorstellbar, dass auf die Benennung eines Apostels und intimen Jüngers Jesu verzichtet wird, wenn dieser tatsächlich der Hauptautor des Evangeliums wäre.[6]
  • Andererseits vermutet man, dass der Autor deshalb nicht benannt wird, weil er keine apostolische Autorität besaß und daher nicht allgemein anerkannt war.[7] Dadurch wäre die Identifizierung mit dem Apostel Johannes ausgeschlossen.
  • Schließlich wird dem Lieblingsjünger eine reale Existenz ganz abgesprochen und in ihm eine literarische, fiktive Gestalt gesehen.[8]

Alle diese Argumente sind jedoch keineswegs zwingend. Ein Martyrium des Apostels Johannes wird zwar aus dem Markusevangelium geschlossen, ist aber nicht eigens belegt und daher unsicher. Ein Schweigen sonstiger Texte über den Apostel Johannes kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Insofern kann man nicht behaupten, das Zeugnis der frühen Kirche vor allem mit Ignatius und Eusebius sei widerlegt. Ihre Angaben lassen sich allerdings auch nicht durch unabhängige Quellen verifizieren, so dass letztlich offen bleiben muss, ob der Evangelist Johannes tatsächlich mit dem Apostel Johannes identisch ist.

Der Evangelist und die Johannesbriefe

Der Evangelist Johannes gilt auch traditionell als Verfasser der drei „Johannesbriefe“ (1 Joh EU; 2 Joh EU und 3 Joh EU).

Für den 1. Brief ist das weitgehend unbestritten. Dafür werden auch innere Gründe, vor allem die Ähnlichkeiten in der Sprache angeführt. Dieses Bild gilt jedoch nicht in gleichem Maße für den 2. und 3. Johannesbrief. Sie stammen zwar wohl beide aus einer Hand, diese ist aber kaum identisch mit der Hand des Evangelisten.[9] Vor allem ist es die Selbstbezeichnung als „Presbyter“ („Ältester“), die eine Verfasserschaft des „Lieblingsjüngers“ - wie im Evangelium - nicht nahelegt. Teilweise wird in der Forschung auch für alle drei Briefe eine Autorschaft des Evangelisten und vor allem des Apostels Johannes rundweg abgestritten.[10] Alle drei Briefe sind aber wohl zumindest in der gleichen „johanneischen Schule“ entstanden, wahrscheinlich in Ephesus.

Der Evangelist und die Offenbarung

Der Evangelist gilt daneben auch traditionell als Verfasser der Offenbarung des Johannes. Diese Auffassung stützt sich vor allem auf Offb 1,1 EU:

Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, damit er seinen Knechten zeigt, was bald geschehen muss; und er hat es durch seinen Engel, den er sandte, seinem Knecht Johannes gezeigt.

Außer dieser Namensübereinstimmung gibt es kaum Anhaltspunkte für eine Identität. Der Apostel Johannes wird aber bereits im 2. Jahrhundert als Verfasser angenommen und mit dem Evangelisten gleichgesetzt, so vor allem von Eusebius, der sich wiederum auf Irenäus (Adv Haer V, 30,3) bezieht:

Es wird erzählt, dass in dieser Verfolgung der Apostel und Evangelist Johannes, der noch lebte, verurteilt wurde auf der Insel Patmos zu verweilen wegen seines Zeugnisses für das göttliche Wort (Hist Eccl III 18,1)

Diese Auffassung hat schon im 3. Jahrhundert bei Dionysius von Alexandria († 264) zu Kritik geführt. Er schrieb im 3. Jahrhundert:

Völlig anderer und fremder Art ist gegenüber diesen Schriften [dem Evangelium und den Briefen des Johannes] die Apokalypse. Es fehlt jede Verbindung und Verwandtschaft. Ja, sie hat sozusagen kaum eine Silbe damit gemein. Auch enthält weder der Brief - vom Evangelium nicht zu reden - irgendeine Erwähnung oder einen Gedanken der Apokalypse noch die Apokalypse vom Briefe, ... (zitiert nach Eusebius, Hist Eccl VII 25).[11]

In der Offenbarung wird zwar vier Mal der Name ihres Verfassers als „Johannes“ angegeben (Offb 1,1 EU; Offb 1,4.9 EU; Offb 22,8 EU), dieser hat aber wohl nichts mit dem Evangelisten gemein außer dem von der kirchlichen Tradition vermuteten Namen. Darüber hinaus scheint sich der Verfasser auch selbst von den Aposteln zu unterscheiden (Offb 18,20 EU; Offb 21,14 EU).[12] Heute wird eine Verfasserschaft des Evangelisten auch für die Offenbarung in der wissenschaftlichen Forschung weitgehend ausgeschlossen. Die Exegese unterscheidet also den Johannes der Offenbarung sowohl vom Evangelisten als auch vom Apostel Johannes.[13]

Chronologie

Das Johannesevangelium liefert für die Frage nach den chronologischen Daten des Evangelisten die entscheidendsten Hinweise. Das Papyrusfragment P52, das in Ägypten gefunden wurde, ist das älteste bekannte Textzeugnis des Johannesevangeliums. Es wird etwa auf die Zeit zwischen 100 und 150 nach Chr. datiert.[14] Zu diesem Zeitpunkt muss das Evangelium demnach existiert haben und so verbreitet gewesen sein, dass es bis nach Ägypten gelangen konnte. Wenn der Hauptautor ein Jünger Jesu war und das Todesjahr Jesu etwa in das Jahr 30 n. Chr. fiel, wird der Evangelist bis längstens etwa gegen Anfang des 2. Jahrhunderts gelebt haben.

Aus inneren Gründen wird von der Mehrzahl der Forscher eine Abfassung des Evangeliums vor dem Jahr 70 n. Chr. ausgeschlossen. Der Autor blickt demnach auf eine historische Situation der weitgehenden Entfremdung zwischen johanneischer Gemeinde und dem Judentum zurück, wie sie nur nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 denkbar ist.[15] Daher setzt man die Abfassungszeit des Evangeliums auf das Ende des 1. oder den Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr.

Dieser Schluss wird von den frühkirchlichen Zeugnissen über die Identität des Apostels Johannes mit dem Evangelisten bestätigt. Bei Irenäus heißt es:

Und alle Presbyter, die in Asien bei Johannes, dem Jünger des Herrn, zusammengekommen waren, bezeugen, dass Johannes dies überliefert hat. Denn er blieb bei ihnen bis in die Zeit Trajans (Irenäus, Adv haer II, 22,5).

Eusebius berichtet unter Berufung auf Irenäus ebenfalls über den Tod des Apostels in Ephesus unter Kaiser Trajan (Eusebius, Hist Eccl III, 23,3). Die Amtszeit Trajans dauerte von 98 bis 117, so dass der Evangelist frühestens 98 gestorben sein könnte. Diese Angabe entspricht dem chronologischen Rahmen, den auch das Evangelium setzt. Es gibt allerdings neutestamentlich keine Hinweise auf einen Aufenthalt des Apostels Johannes in Kleinasien. Vor allem die Apostelgeschichte und der Brief des Paulus an die Epheser wissen davon nichts.

Ort

Der Evangelist hat zweifellos intensive Kenntnis der geographischen, religiösen und soziologischen Verhältnissen in Palästina zur Zeit Jesu. Das zeigt sich auch in seiner Darstellung der Chronologie der Passion Jesu, die noch am wenigsten widersprüchlich ist. Aufgrund seiner stark semitisch beeinflussten griechischen Sprache kann man davon ausgehen, dass er in Palästina aufgewachsen ist,[16] es sich also um einen im jüdischen Mutterland geborenen Juden handelt. Die Aussagen des Evangeliums über den „Lieblingsjünger“ werden somit durch literarische Beobachtungen gestützt. Für einen späteren Aufenthalt des Evangelisten in Ephesus in Kleinasien gibt es im Evangelium oder im 1. Johannesbrief jedoch keine klaren Anhaltspunkte. Dies alles spricht eher gegen eine Entstehung in griechisch-heidenchristlichem Kontext in Ephesus. Von K. Wengst wird darüber hinaus eingewandt, dass sich die historischen Hintergründe der johanneischen Streitgespräche mit „den Juden“ vor allem im syrisch-palästinischen Gebiet abgespielt haben dürften, und man daher auch annehmen könne, dass das Evangelium hier entstanden sei, der Evangelist sich also noch in seinen späten Jahren in Palästina aufgehalten habe.[17] Dieser Schluss ist jedoch nicht zwingend, denn für die literarische Gestaltung eines Konflikts muss man keineswegs vor Ort sein; ebenso wenig ist es ausgeschlossen, dass ein palästinischer Jude sich später in Kleinasien niederlässt.

Daher bleiben für die Frage nach dem weiteren Aufenthalts- und Sterbeort des Evangelisten gegenüber den aus dem Evangelium gewonnenen Erkenntnissen die Hinweise der frühchristlichen Autoren stehen, die den Apostel Johannes mit dem Evangelisten identifizieren. Hier liefert wiederum Irenäus die entscheidende Aussage für Ephesus als letzten Aufenthalts- und dann auch Sterbeort:

Auch die von Paulus gegründete Kirche in Ephesus, in welcher Johannes ständig weilte bis in die Zeit Trajans, ist eine treue Zeugin der apostolischen Überlieferung’’ (Adv haer III, 3,4).

Eine Entscheidung in der lokalen Zuordnung ist angesichts dieser unterschiedlichen Sichtweisen nicht möglich.

Der Evangelist in der christlichen Tradition

Der Lieblingsjünger an der Brust Christi (Johannesminne), Bodenseegebiet, um 1310.

Die christliche Tradition hat durch ihre Identifikation des Evangelisten mit dem Apostel Johannes seit den ersten Zeugnissen von Irenäus und Eusebius erheblichen Einfluss auf das Bild des Evangelisten gehabt. Dieser Einfluss hat sich nicht nur in vielen schriftlichen Belegen seit der Zeit der Kirchenväter, sondern auch in der bildenden Kunst mannigfach niedergeschlagen.

Der Apostel Johannes und der Lieblingsjünger im Neuen Testament

Der Apostel Johannes war nach synoptischem Zeugnis (Mk 1,19-20 EU) der jüngere Bruder des Apostels Jakobus des Älteren. Beide wurden gemeinsam von Jesus berufen während sie ihrem Beruf als Fischer – zusammen mit ihrem Vater Zebedäus – nachgingen. Daher werden sie in der Überlieferung auch als „Söhne des Zebedäus“ bezeichnet. Sie stehen bei den Synoptikern zusammen mit Petrus in besonders enger Beziehung zu Jesus (Mk 9,2 EU;14,33 EU).

Im Johannesevangelium wird nichts über die Berufung der Zebedäus-Söhne erzählt. Allerdings tauchen sie im Schlusskapitel auf neben zwei weiteren namenlosen Jüngern (Joh 21,2 EU). Später wird ein Jünger aus diesem Kreis als „Lieblingsjünger“ bezeichnet (21,7 EU), ohne dass eine Beziehung zu den Zebedäus-Söhnen hergestellt würde. So bleibt eine Identifizierung möglich, ist aber nicht zwingend.

Verglichen mit den Zebedäus-Söhnen bei den Synoptikern steht der Lieblingsjünger im Johannesevangelium in noch intimerer Nähe zu Jesus. Das zeigt sich an den folgenden Stellen, die von ihm sprechen:

  • er liegt beim gemeinsamen Mahl der Jünger vor der Passion an der „Brust“ Jesu und wird in dieser Szene zum ersten Mal bezeichnet als „der Jünger, den Jesus liebte“ (Joh 13,23 EU)
  • er steht zusammen mit Maria, der Mutter Jesu, unter dem Kreuz und erhält von Jesus einen besonderen Fürsorgeauftrag ihr gegenüber (19,26 EU)
  • er kommt zusammen mit Petrus als einer der ersten zum Grab Jesu (20,2 EU) und wird so zum Zeugen der Auferstehung
  • er identifiziert den auferstandenen Jesus vor den Jüngern (21,7 EU)
  • er wird am Schluss des Evangeliums nicht nur als dessen Autor herausgestellt (21,24 EU), sondern von Jesus auch mit einer besonderen Prophezeiung ausgezeichnet (21,20-23 EU).

Diese Charakterisierungen im Johannesevangelium führten in Zusammenschau mit der synoptischen Tradition zu der hohen Wertschätzung, die der Evangelist und Apostel in der Überlieferungsgeschichte gewonnen hat. So gilt er neben Paulus wohl als prägendste Persönlichkeit unter den neutestamentlichen Autoren.

Kreuzigung Christi von Mathias Grünewald, Der Evangelist Johannes unter dem Kreuz

Spätere Überlieferungen zum Evangelisten

Weitere Zeugnisse über das Leben des Evangelisten sind von den kirchlichen Schriftstellern aus den ersten Jahrhunderten überliefert. Nachdem er Palästina verlassen habe, soll er das Evangelium in Kleinasien verkündet und sich in Ephesus niedergelassen haben, wo er auch gestorben sei.[18]

Auf die Identifizierung mit dem Autor der Offenbarung geht die Tradition zurück, der Apostel und Evangelist sei unter Kaiser Domitian (81-96 nach Chr.) auf die Insel Patmos verbannt worden, die südwestlich von Ephesus in der Ägäis liegt. Heute noch wird dort eine „Johannesgrotte“ als eines der wichtigsten Heiligtümer der griechisch-orthodoxen Kirche verehrt. Dort soll der Apostel der Legende nach die Offenbarung verfasst haben. Nach dem Tode Domitians soll er aus der Verbannung nach Ephesus zurückgekehrt sein und dort sein Evangelium niedergeschrieben haben. Nach dieser Tradition starb Johannes in Ephesus unter Kaiser Trajan, im dritten Jahr seiner Regierung. Demnach wäre das Todesjahr auf 100 oder 101 nach Chr. zu datieren. Nach Eusebius, der sich insoweit auf einen Brief von Bischof Polykrates an Papst Viktor I. beruft, wurde Johannes auch in Ephesus begraben (Hist Eccl III 31,3). Über der als Grab des Evangelisten geltenden Stätte ließ Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin der Große, eine Kirche bauen. Kaiser Justinian ersetzte sie durch einen monumentalen Prachtbau, dessen Reste noch heute besichtigt werden können.

Bedeutung von der Väterzeit bis heute

Unbestritten ist die schriftstellerische und theologische Leistung des Evangelisten als Autor des vierten Evangeliums, das einen ganz eigenständigen und theologisch stark reflektierten Weg der Darstellung christlicher Glaubensinhalte geht. Hieronymus liefert die folgende Deutung des Adlers als Symbol des vierten Evangelisten:

Johannes erhielt den Adler, weil er im Prolog über das Wort, das am Anfang bei Gott war, höher steigt als die anderen und sich in die höchsten Regionen aufschwingt, so wie ein Adler sich zur Sonne erhebt.[19]
Der Evangelist mit dem Attribut des Adlers (Corregio, 1520)

Darüber hinaus gilt der Evangelist und Apostel Johannes als kirchliche Autorität. Zu seinen Schülern gehörten der Überlieferung nach die Bischöfe Polykarp von Smyrna, Ignatius von Antiochia, Papias von Hierapolis sowie der Bischof Bucolus von Smyrna. Über Johannes schrieb der Kirchenvater Augustinus (354 - 430 n. Chr.):

Unter den ... vier Büchern eines Evangeliums hat der heilige Apostel und Evangelist Johannes, welcher gemäß seiner geistigen Erkenntnis dem Adler verglichen wird, höher und weit erhabener als die anderen drei seine Verkündigung erhoben und dadurch auch uns erheben wollen. (Tract. 36. in Joh. Nr. 1)

Diese Wertschätzung wird heute auch z. B. von Papst Benedikt XVI. geteilt, der sich zur „johanneischen Frage“ eigens geäußert hat und daran festhalten will, dass der Evangelist als Lieblingsjünger und Apostel Johannes Augenzeuge des historischen Geschehens um Jesus gewesen sei und diese Erinnerung in die kirchliche Tradition hineingetragen habe.[20]

Gedenktag

Der Gedenktag des Apostels und Evangelisten Johannes ist in der katholischen und der evangelischen Kirche der 27. Dezember. Die orthodoxe Kirche feiert den Heiligen am 8. Mai.

Literatur

  • Charles K. Barrett: Das Evangelium nach Johannes. Göttingen 1990, ISBN 3-525-51623-1
  • Klaus Berger: Im Anfang war Johannes. Datierung und Theologie des vierten Evangeliums. Stuttgart 1997, ISBN 3-7918-1434-6
  • Ingo Broer: Einleitung in das Neue Testament. Studienausgabe Band I+II. Würzburg 2006, S. 189-215, ISBN 3-429-02846-9
  • Christian Dietzfelbinger: Das Evangelium nach Johannes. Zürich 2004, ISBN 3-290-14743-6
  • Erhard Gorys: Lexikon der Heiligen. dtv, 2. Aufl., München 1998, ISBN 3-423-32507-0
  • Manfred Görg: Art. Offenbarung des Johannes, in: Neues Bibel-Lexikon. Hrsg. von M. Görg und B.Lang, Bd.III. Zürich 2001, Sp. 21-26, ISBN 3-545-23076-7
  • Martin Hengel: Die Johanneische Frage. Ein Lösungsversuch, mit einem Beitrag zur Apokalypse von Jörg Frey. Tübingen 1993 = WUNT 67, ISBN 3-16-146292-0
  • Hans-Joachim Klauck: Art. Johannesbriefe, in: Neues Bibel-Lexikon. Hrsg. von M. Görg und B.Lang. Bd.II. Zürich 1995, Sp. 350-353, ISBN 3-545-23075-9
  • Joachim Kügler: Der Jünger, den Jesus liebte. Literarische, theologische und historische Untersuchungen zu einer Schlüsselgestalt johanneischer Theologie und Geschichte. Mit einem Exkurs über die Brotrede in Joh 6, Stuttgart 1988 = SBB 16, ISBN 3-460-00161-5
  • Lorenz Oberlinner: Art. Johannes (Apostel), in: Neues Bibel-Lexikon. Hrsg. von M. Görg und B.Lang. Bd.II. Zürich 1995, Sp. 350-353, ISBN 3-545-23075-9
  • Joseph Ratzinger: Jesus von Nazareth, Freiburg 2007, ISBN 3-451-29861-9
  • Rudolf Schnackenburg: Das Johannesevangelium, Teil 1-3, Freiburg, Basel, Wien 1965-1992
  • Hartwig Thyen: Das Johannesevangelium. Tübingen 2006 = HNT 6, ISBN 3-16-148485-1
  • Klaus Wengst: Bedrängte Gemeinde und verherrlichter Christus. Ein Versuch über das Johannesevangelium, München 1990, ISBN 3-459-01861-5

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Johannes, der Evangelist – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Vgl. M. Hengel, Die Johanneische Frage
  2. Kanon Muratori, Zeile 9-16
  3. R. Schnackenburg, Johannesevangelium, Bd. 1, S. 69
  4. L. Oberlinner, Johannes (Apostel), Sp. 351
  5. C.K. Barrett, Das Evangelium nach Johannes, S. 139
  6. M. Hengel, Die johanneische Frage, S. 18-19
  7. M. Hengel, Die johanneische Frage, S. 19-20.
  8. So z.B. H. Thyen, Das Johannesevangelium, S. 794: „der geliebte Jünger [ist] der fiktionale, von dem realen Evangelisten geschaffene, erzählte und erzählende Evangelist im Evangelium“; vgl. auch J. Kügler, Der Jünger, den Jesus liebte
  9. I. Broer, Einleitung in das Neue Testament, S. 243-247
  10. H.-J. Klauck, Art. Johannesbriefe, Sp. 355
  11. Thomas Söding; Robert Vorholt (17. Juli 2010): „Im Anfang war das Wort“ · Das Johannesevangelium (Deutsch) (PDF) S. 15. Ruhr Universität Bochum, Katholisch-Theologische Fakultät, Lehrstuhl Neues Testament. Abgerufen am 12. Juli 2011., siehe dazu auch: Eusebius von Cäsarea; Dionysius (1. Januar 2008): Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica) (Deutsch). Universität Freiburg, CH, Griechische Patristik und orientalische Sprachen. Abgerufen am 12. Juli 2011.
  12. C K. Barrett, Das Evangelium nach Johannes, S. 117
  13. M. Görg, Art. Offenbarung des Johannes, Sp. 22
  14. John Rylands University Library Manchester: 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts
  15. K. Wengst, Bedrängte Gemeinde, S. 75-122
  16. I. Broer, Einleitung in das Neue Testament, S. 208-215
  17. K. Wengst, Bedrängte Gemeinde, S. 158-179
  18. S.o. die Zeugnisse von Irenäus und Eusebius
  19. Hieronymus, Vorwort zum Matthäus-Kommentar
  20. J. Ratzinger, Jesus von Nazareth, S. 260-280

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