Cristian Mungiu

Cristian Mungiu
Cristian Mungiu (2007)

Cristian Mungiu (* 27. April 1968 in Iași) ist ein rumänischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Einem breiten Publikum wurde er durch seinen Spielfilm 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (2007) bekannt, der unter anderem mit der Goldenen Palme der Filmfestspiele von Cannes und dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Cristian Mungiu wurde 1968 in Iași, im Nordosten Rumäniens geboren. Der Arztsohn studierte Englische Literatur an der Universität seiner Heimatstadt. Daraufhin arbeitete Mungiu einige Jahre als Lehrer, Journalist und Radiomoderator,[1] ehe er sich dazu entschloss Filmwissenschaft an der Hochschule für Theater und Film in Bukarest zu studieren. Sein Filmstudium schloss er im Jahr 1998 ab. Im selben Jahr war er als erster Regieassistent an den Dreharbeiten zu dem in Rumänien abgedrehten kanadischen Abenteuerfilm Teen Knight – Zurück ins Mittelalter beteiligt, dem wenig später der Posten als zweiter Regieassistent bei Radu Mihaileanus vielfach prämierten Weltkriegsdrama Zug des Lebens (1998) folgte.

Zwei Jahre später versuchte sich Mungiu als Filmregisseur an ersten Kurzfilmdramen, darunter Zapping, Nici o întâmplare und Corul pompierilor für die er auch die Drehbücher verfasste und arbeitete in der Werbebranche.[2] Ersten Erfolg als Filmemacher ebnete ihm im Jahr 2002 sein erster Spielfilm Okzident, eine zwischen Komödie und Drama angesiedelte Sozialstudie über die Zukunftshoffnungen junger Menschen im postkommunistischen Rumänien. Die Variety wies auf den unauffälligen schwarzen Humor in der ersten Hälfte des Films hin, der die einzelnen Handlungsstränge zusammenhalten und eine historische Perspektive verleihen würde und lobte Okzident für sein robustes Schauspielensemble aus Theater- und Leinwandakteuren.[3]

Der Film war 2002 bei den Filmfestspielen von Cannes in der Reihe Quinzaine des Realisateurs vertreten,[4] wurde auf dem Filmfestival von Thessaloniki und ein Jahr später auf dem Festival International du Films d'Amour im belgischen Mons mit Preisen ausgezeichnet. 2005 folgte mit Lost and Found ein über das Thema „Generation“ handelnder Kompilationsfilm mit Kurzfilmen junger Nachwuchsregisseure aus Osteuropa, zu dem Cristian Mungiu, auf Einladung der Kulturstiftung des Bundes,[1] die Episode Turkey Girl (dt. Titel: Das Mädchen und der Truthahn) beisteuerte. Hier stellte der Filmemacher eine junge Rumänin in den Mittelpunkt, die die teure Operation ihrer Mutter in Bukarest unter anderem durch das Versetzen ihres geliebten Truthahns zu finanzieren versucht.

Mungiu im Jahr 2008

Seinen Durchbruch als Filmregisseur feierte Cristian Mungiu, der mit der Bukarester Mobra Films über eine eigene Produktionsfirma verfügt,[2] 2007 mit seinem zweiten Spielfilm 4 luni, 3 săptămâni și 2 zile (dt.: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage). Das Werk zeigt vor dem Hintergrund des Ceaușescu-Regimes im Jahr 1987 die Geschichte zweier rumänischer Studentinnen (gespielt von Anamaria Marinca und Laura Vasiliu) auf, die sich mit dem Problem einer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert sehen. 4 luni, 3 săptămâni și 2 zile erlebte seine Welturaufführung 2007 auf den 60. Filmfestspielen von Cannes, wo der Film im Wettbewerb um die Goldene Palme vertreten war. Für das von deutschen Filmkritikern als „magenerschütternd“[5], „beklemmend“, „stark“ und „großartig besetzt“[6] bewertete Drama, Teil einer geplanten Reihe mit dem Titel „Geschichten aus dem Goldenden Zeitalter“,[2] gewann Mungiu den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritiker und als erster rumänischer Filmregisseur die Goldene Palme für den besten Film des Festivals. Wenige Monate später wurde Mungius Film als offizieller rumänischer Beitrag für die Nominierung um den besten nichtenglischsprachigen Film bei der Oscar-Verleihung 2008 ausgewählt und gewann den Europäischen Filmpreis 2007 in den Kategorien Film und Regie.

Bei der Auswertung von 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage in Rumänien sah sich Cristian Mungiu mit dem Problem der geringen Zahl an Kinos konfrontiert. Daraufhin beschloss er seinen Film mit einer aus Deutschland geliehenen Projektionsausrüstung selbst zu vertreiben. Durch private Spenden finanzierte er einen Wohnwagen, der die größeren Städte Rumäniens anfuhr, in denen es keine Filmtheater mehr gab.[7]

2009 blickte Mungiu mit der Komödie Amintiri din Epoca de Aur (dt.: „Geschichten aus dem Goldenen Zeitalter“) erneut auf die Ceaușescu-Jahre zurück. Der mit vier weiteren Regisseuren inszenierte Film feierte seine Premiere auf den 62. Filmfestspielen von Cannes 2009, wo dieser eine Einladung in die Nebensektion Un Certain Regard erhielt. „Die ersten rumänischen Filme über den Kommunismus, die direkt nach dem Fall der Berliner Mauer gemacht wurden, waren sehr schlecht - die Figuren nichts weiter als Sprachrohre für die Ansichten ihrer Regisseure. Heute machen wir Filme über diese Epoche mit sehr viel weniger Zorn. Der Humor hat den Rumänen geholfen, diese Zeit zu überstehen, also ist Humor, haben wir gedacht, auch eine mögliche Art, darauf zurückzublicken, so Mungiu.[8] 2010 folgte die Arbeit am Drehbuch für Bogdan George Apetris Spielfilm Periferic.

Filmografie

Filmregisseur

  • 2000: Zapping (Kurzfilm)
  • 2000: Nici o întâmplare (Kurzfilm)
  • 2000: Corul pompierilor (Kurzfilm)
  • 2002: Okzident (Occident)
  • 2005: Lost and Found (Episode: Turkey Girl)
  • 2007: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (4 luni, 3 săptămâni și 2 zile)
  • 2009: Amintiri din Epoca de Aur

Drehbuchautor

  • 2000: Zapping (Kurzfilm)
  • 2000: Nici o întâmplare (Kurzfilm)
  • 2000: Corul pompierilor (Kurzfilm)
  • 2002: Okzident (Occident)
  • 2005: Lost and Found (Episode: Turkey Girl)
  • 2007: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (4 luni, 3 săptămâni și 2 zile)
  • 2009: Amintiri din Epoca de Aur

Filmproduzent

  • 2005: București-Berlin (Kurzfilm)
  • 2009: Amintiri din Epoca de Aur

Auszeichnungen

Europäischer Filmpreis

  • 2007: Bester Film, Beste Regie, sowie Nominierung in der Kategorie Bestes Drehbuch für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Weitere

Argentinean Film Critics Association Award

  • 2008: Bester ausländischer (nicht-spanischsprachiger) Film für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Internationale Filmfestspiele von Cannes

  • 2007: Goldene Palme und FIPRESCI-Preis für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

César

  • 2008: nominiert in der Kategorie Bester ausländischer Film für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Chlotrudis Awards

  • 2009: Bestes Originaldrehbuch und nominiert in der Kategorie Beste Regie für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

David di Donatello

  • 2008: nominiert in der Kategorie Bester Film der Europäischen Union für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Goya

  • 2009: Bester europäischer Film für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Hollywood Film Festival

  • 2007: Hollywood World Award für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Independent Spirit Awards

  • 2008: nominiert in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

London Critics Circle Film Awards

  • 2008: nominiert in der Kategorie Beste Regie für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Los Angeles Film Critics Association

  • 2007: Bester fremdsprachiger Film für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Mar del Plata Film Festival

  • 2006: nominiert in der Kategorie Bester Film für Lost and Found

Festival International du Films d'Amour de Mons

  • 2003: Bester Film und Prix Meuter-Titra für Okzident

Festival Internacional de Cine de Donostia-San Sebastián

  • 2007: FIPRESCI-Film des Jahres für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Sofia International Film Festival

  • 2003: FIPRESCI-Preis für Okzident
  • 2005: Silberne Seemöwe für Lost and Found
  • 2008: Bester Balkan-Film für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Stockholm Film Festival

  • 2007: Bronzenes Pferd für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Thessaloniki Film Festival

  • 2002: Publikumspreis, nominiert in der Kategorie Bester Film für Okzident

Transilvania International Film Festival

  • 2002: Transilvania Trophy für Okzident

Turia Award

  • 2009: Bester fremdsprachiger Film für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b vgl. Kappert, Ines: Der geschickte Geschichtenerzähler. In: die tageszeitung, 29. Mai 2007, Themen des Tages, S. 2
  2. a b c vgl. Cristian Mungiu, überraschender Sieger der Filmfestspiele in Cannes. In: Süddeutsche Zeitung, 29. Mai 2007, Meinungsseite, S. 4
  3. vgl. Young, Deborah: Occident. In: Daily Variety, 7. Juni 2002, Section, S. 28
  4. vgl. Lueken, Verena: Cristian Mungiu : der Gewinner der Goldenen Palme bei faz.net
  5. vgl. Filmkritik zu 4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile bei faz.net
  6. vgl. Filmkritik zu 4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile bei welt.de
  7. vgl. Filmporträt von 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage und Interview mit de Regisseur bei epd-film.de
  8. vgl. Was ist bloß mit den Ungarn los?. In: Die Welt, 29. Dezember 2009, S. 25

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