Der Türmer

Der Türmer
Türmerwohnung im Turm der Rostocker Marienkirche.
Türmerzimmer in St. Peter in München (Nachbildung)

Türmer war im Mittelalter die Bezeichnung für einen Wächter, der von einem Turm aus die Umgebung beobachtete. Die Tätigkeit zählte zu den so genannten unehrlichen Berufen.

Inhaltsverzeichnis

Aufgaben

Türmer (auch Turmwächter oder Turmbläser genannt) hatten allgemein die Aufgabe, vom höchsten Turm aus die Stadt oder Burg vor Gefahren zu warnen.

Je nach Gegebenheit wurden dafür Kirchtürme oder Türme der Stadtbefestigung genutzt, innerhalb der Burgen war es meist der Bergfried. Zur Warnung der Bürger nutzten die Türmer entweder ein Wächterhorn, eine Glocke, Signalflaggen oder bei Dunkelheit auch Lampen. Es war durchaus üblich, dass Türmer gleichwohl auch im Turm wohnten. Einer der letzten seiner Zunft, der Munotwächter von Schaffhausen (Schweiz), tut dies immer noch. In Deutschland gibt es noch aktive Türmer auf dem Daniel in Nördlingen, der von 22:00 bis 24:00 Uhr halbstündlich sein So G'sell, so! ruft und auf dem Turm der Lambertikirche in Münster, der täglich außer Dienstags von 21:00 bis 24:00 Uhr halbstündlich mit seinem Horn ein Zeitsignal bläst. Eine weitere Aufgabe des Türmers konnte zudem das stündliche Schlagen einer Glocke zur Zeitangabe sein. Diese Pflicht nimmt auch noch der Türmer auf dem Nordturm der Marienkirche in Krakau wahr. Er bläst außerdem ein Trompetensignal in alle vier Himmelsrichtungen.

Zu den zu meldenden Gefahren gehörten herannahende Truppen und Banden, aber auch Brände, die wegen der Enge der Städte, der weit verbreiteten Holzbauweise und des lange als Brennmaterial verwendeten Torfs, dessen Asche relativ lange nachglüht, sehr gefährlich waren.

Türmer wurden bis Anfang des 20. Jahrhunderts eingesetzt. Heute werden sie in wenigen Städten lediglich im Rahmen des Tourismus beschäftigt.

Das erste deutsche Türmermuseum befindet sich in Vilseck, einer Stadt des Regierungsbezirks Oberpfalz in Bayern.

Historische Überlieferungen

Im Jahre 1467 brannte der Turm der Salvatorkirche in Duisburg aus, nachdem der Turmwächter neben einer brennenden Kerze eingeschlafen war. Eine eigenwillige Ironie, wenn man bedenkt, dass der Türmer auch Brandwächter über der Stadt war.

Tragisch endete 1661 das Schicksal des Türmers von St. Reinoldi in Dortmund, als dessen Kirchturm nach Erdbebenschäden einstürzte. Zwar, so berichten die Stadtchroniken, schaffte er es noch die Passanten unterhalb des Turmes zu warnen, der Wächter selbst fand jedoch den Tod.

In der Hamburger Kirche St. Michaelis versah der Türmer schon im Turm der ersten großen St. Michaeliskirche, die 1750 durch Blitzschlag zerstört wurde, sein Amt. Der damalige Türmer Hartwig Christoffer Lüders schrieb:[1]

„Den 2. März 1750 habe ich den Dienst angetreten, aber nur acht Tage verwaltet, weil den 10. März selbigen Jahres die Kirche samt Thurm durch einen unglücklichen Wetterstrahl in die Asche gelegt ward. Anno 1778 den 14. September habe ich durch die Gnade Gottes erlebt, daß der Knopf und Flügel des neu erstandenen Thurmes ist wieder aufgesetzt, und mit innigster Freude Lob- und Danklieder musicirt.“

Schon einen Monat nach dem großen Unglück ließ der Rat der Stadt auf dem Großneumarkt einen 20 Meter hohen Glockenturm aus Holz errichten, in dem Glocken der kurz vorher wegen Baufälligkeit abgerissenen kleinen St. Michaeliskirche aufgehängt wurden. Von diesem Turm blies der Türmer dann täglich morgens um 10 Uhr und abends um 21 Uhr seinen Choral bis er diesen Dienst wieder vom Turm herab ausüben konnte. Er und seine Nachfolger mussten übrigens noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Teil ihres Einkommens zu Weihnachten mit einer Büchse bei den Gemeindemitgliedern erbitten.

Im Wiener Stephansdom versahen Türmer ab 1534 bis 1955 Dienst, die Brände in der Stadt Wien zuerst den militärischen Einrichtungen und später der Feuerwache meldeten.[2]

Türmer gibt es schon so lange, wie Menschen Türme bauen. Das Choralblasen vom Turm ist aber jüngeren Datums, eine rein protestantische Einrichtung, die erst mit der Reformation aufkam. Dem geblasenen Choral kam eine besondere Bedeutung zu, da es eine Art der Predigt darstellte, die über die Häuser hinweg zu den Menschen hingetragen wurde. Die Gemeinde hörte den Choral und konnte im Hause oder auf der Straße mitsingen oder mitbeten.

Türmer in der Literatur

Im Gesangbuch findet sich noch das Kirchenlied Wachet auf, ruft uns die Stimme des Wächters sehr hoch auf der Zinne.

In der Schweiz bekannt ist das „Lied vom Munotglöckchen“, welches den Liebeskummer des Munotwächters beschreibt.

Ein literarisch berühmtes Türmerlied ist das des Lynkeus, der Türmer in Goethes Faust II: Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, dem Turme geschworen, gefällt mir die Welt. Goethe beschrieb auch in der Ballade „Der Totentanz“ das Schicksal eines Türmers.

Weitere Bedeutungen

„Der Türmer“ war auch der Name einer nationalkonservativen, protestantischen Kulturzeitschrift, die von 1898 bis 1943 in Berlin erschien und lange Zeit von dem Schriftsteller Jeannot Emil Freiherr von Grotthuß herausgegeben wurde (Druck und Verlag von Greiner und Pfeifer, Stuttgart).

Siehe auch:

Quellen

  1. Internetseite der Hamburger Kirche St. Michaelis
  2. Die "Feuerwache" am Turm zu St. Stephan von Heinrich Krenn, Kustos des Wiener Feuerwehrmuseums

Literatur

  • Peter Bahn: „Hört Ihr Leut' und lasst Euch sagen...“. Die Geschichte der Türmer und Nachtwächter. Begleitbuch zur Ausstellung des Museums im Schweizer Hof, Bretten. Bretten 2008, ISBN 978-3-928029-47-6
  • Barbara Polaczek, Johann Wax: Glockenschlag und Hörnerklang. Türmer in der Oberpfalz. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg, 2002, ISBN 3-924350-95-7
  • Friedrich Scheele (Hrsg.), Martina Glimme: Slaept niet die daer waeckt: von Nachtwächtern und Türmern in Emden und anderswo. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung, Veröffentlichungen des Ostfriesischen Landesmuseums und Emder Rüstkammer 11, Oldenburg: Isensee, 2001, ISBN 3-89598-761-1
  • Feuersbrünste – Sturmgeläut: Stadtbrände in Frankfurt am Main. Die Geschichte der städtischen Türmer und der Feuermeldetechnik. Ausstellung zum 1200-Jahre-Jubiläum der Stadt Frankfurt am Main und zum 120-Jahre-Jubiläum der Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main in der Zeit vom 29. Juli bis 30. Oktober 1994 im Pfarrturm der St.-Bartholomäus-Kirche ("Kaiserdom"). Frankfurt, 1994

Weblinks


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