Pygocentrus

Pygocentrus
Dieser Artikel befasst sich mit den Gattungen der Piranha-Fische; weitere Bedeutungen siehe Piranha (Begriffsklärung)
Piranhas
Piranha

Piranha

Systematik
Teilklasse: Echte Knochenfische (Teleostei)
Überordnung: Ostariophysi
Ordnung: Salmlerartige (Characiformes)
Familie: Echte Salmler (Characidae)
Unterfamilie: Sägesalmler (Serrasalminae)
ohne Rang: Piranhas
Gruppe von Piranhas, Zoo von Antwerpen

Zu den Piranhas [piˈranja] (portugiesisch, aus Tupi) werden fünf südamerikanische Fischgattungen aus der Familie der Salmler (Characidae) und der Unterfamilie der Sägesalmler (Serrasalminae) zusammengefasst. Es handelt sich um zumeist räuberische Fische, die in den tropischen Süßgewässern des südamerikanischen Kontinents vorkommen.

Piranhas sind zumeist hochrückige, seitlich stark abgeflachte Schwarmfische mit sehr scharfen Zähnen. Die Rückenflosse ist oft verhältnismäßig lang. Sie erreichen eine Größe von ca. 15 bis 40 cm.

Piranhas besitzen ein ausgeprägtes Schwarmverhalten. Bei Einzeltieren konnten Panikreaktionen und Stress nachgewiesen werden, während Piranhas in der Gruppe diese Phänomene auch bei der Nähe eines Feindes in einem geringeren Maße zeigen.

Die Lebenserwartung der Piranhas beträgt etwa 15 Jahre. Allerdings können im Aquarium gehaltene Piranhas sogar über 30 Jahre alt werden.

Inhaltsverzeichnis

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet der Piranhas erstreckt sich über den gesamten Orinoco, also vom Norden Südamerikas bis in die subtropischen Bereiche des Rio Paraguay im Süden.

Von den derzeit rund 39 bekannten Arten sind 25 im Amazonasbecken beheimatet, 16 leben im Orinoco, 9 finden sich in den Flüssen Guyanas, 3 im Paraguay-Parana und lediglich 2 im Saõ Francisco. Einige Arten sind räumlich sehr weit verbreitet, wohingegen andere nur lokal vorkommen.

Oft kommen mehrere Arten gleichzeitig im selben Gewässer vor, dabei ist es unerheblich, ob es sich um fließende oder stehende Gewässer handelt. Sieben unterschiedliche Piranha-Arten wurden etwa im Cano Maporal, einem kleinen Fluss in Venezuela beobachtet.[1]

Piranhas als Aquarienfische werden manchmal in fremde Gewässer ausgesetzt, so wurden schon in der Hamburger Alster[2] als auch im rheinländischen Fluss Erft, der durch warmes Grundwasser, das so genannte Sümpfungswasser aus dem Braunkohleabbau gespeist wird, als "Exoten" gefangen. "Vorsicht! Piranhas in der Erft " schockte eine Schlagzeile in der Bild-Zeitung ihre Leser, und tatsächlich zogen Angler in den letzten zehn Jahren insgesamt drei Piranhas oder Verwandte dieser südamerikanischen Fische aus der Erft, zuletzt im September 2002 ein 50 cm langes Exemplar. «Unterhalb der Zuflüsse für das Sümpfungswasser können sich deshalb auch Fische behaupten, die von ihrer Herkunft wärmeres Wasser brauchen», sagte ein Biologe. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass die Tiere von Aquarienbesitzern im Fluss ausgesetzt wurden, die keinen Spaß mehr an den Raubfischen hatten: „Schließlich kann man Piranhas inzwischen problemlos in Zoohandlungen erwerben“. Im Allgemeinen haben Piranhas in den Gewässern der kaltgemäßigten Klimazone jedoch im Winter keinerlei Überlebenschancen.[3]

In den USA ist das Aussetzen von Piranhas gesetzlich verboten, da sich die Tiere in den warmen Gewässern Floridas oder Texas etablieren könnten. 1977 hat man beobachtet, dass sich Piranhas der Art Serrasalmus humeralis in einigen Gewässern Floridas vermehren. Diese Art kann Wassertemperaturen bis minimal 11 °C tolerieren, daraufhin wurden diese Populationen nicht endemischer Fische mit Rotenon vernichtet.[4]

Piranha-Biotope

Die meisten Piranha-Arten leben in den Weißwasserflüssen Südamerikas. Weißwasserflüsse sind sehr nährstoffreiche Fließgewässer, hell gefärbte Lehmwasserflüsse mit feinem suspendiertem Mineralanteil (Feinschluff und Ton), die Farbe reicht vom milchigem gelb-grau oder rötlich-bräunlich durch tropische Rotlehme und ausgeschwemmten Lateritböden. Die Masse des Wasserkörpers eines Weißwasser- oder Lehmwasserflusses ist dunkel oder völlig lichtlos. In den Randzonen „Varzeas“ setzen sich die Trübstoffe ab, so dass das Sonnenlicht mehrere Meter eindringen und das Wasser auf Temperaturen zwischen 26–30 °C aufheizen kann. Somit ist das Wachstum von Wasserpflanzen möglich, es entstehen tierische Nahrungsketten an deren Spitze unter anderem die Piranhas als Raubfische stehen. Typische Weißwasserflüsse sind der Amazonas, Rio Solimões, Rio Paraguay und Rio Paraná, an denen auch die größte Verbreitung von Piranha-Arten zu verzeichnen ist.

In Schwarzwasserflüssen, die durch starkes Eintrüben von organischem Material und Huminstoffen charakterisiert sind, wie dem Rio Negro, kommen Piranhas meist nur in Mischwasserzonen vor, wo aus Nebenflüssen Weißwasser in den Hauptstrom fließt.

Nährstoffreiche Klarwasserflüsse wie der Rio Xingu oder Rio Tapajós, die aufgrund ihrer starken Durchdringung von Sonnenlicht sehr artenreich sind, haben meist nur in der Mischwasserzone mit Weißwasserflüssen größere Piranha-Populationen. Piranhas halten sich dort meist nur in den trüben Mündungsbereichen auf, wo sich Weißwasser mit Klarwasser mischt.

Piranhaschwärme finden sich vermehrt in langsam fließenden Flussbereichen, in toten Flussarmen oder stehenden Gewässern, die nur periodisch bei Hochwasser mit dem Hauptstrom verbunden sind. [5]

Jagd

Unterkiefer von
Pygocentrus nattereri

Sie jagen vor allem Fische und Krustentiere, greifen aber, besonders bei dichter Besiedelung, auch größere Wirbeltiere an, da sie aufgrund ihrer scharfen Zähne in der Lage sind, Fleischstücke aus der Beute herauszureißen. Der Piranha fixiert zuerst die Beute, schießt dann auf sie zu und beißt zu. Anschließend kommt die Rüttelbewegung (wie bei Haien) um das Fleischstück zu lösen. Zum Schluss entfernt er sich von der Beute und schluckt.

In ihrer Heimat übernehmen sie in gewissem Maße die Rolle der "Gesundheitspolizei". Somit erfüllen die Piranhas eine wichtige Funktion zugunsten des ökologischen Gleichgewichtes, weil durch das Vertilgen von Tierkadavern gefährliche Epidemien verhindert werden.

Dabei ist das Aggressionsverhalten der Tiere berüchtigt, es ist bei allen drei Arten sehr ausgeprägt, wobei Serrasalmus als am aggressivsten einzustufen ist.

Zu den natürlichen Feinden der Piranhas zählen Amazonasdelfine, Kaimane, Greifvögel, große Raubfische wie der Arapaima, Riesenotter oder, für ein verletztes Tier, eben auch ihre eigenen Artgenossen. Jedoch ist zu sagen, dass die in Abenteuerromanen und -filmen gezeigte Gefährlichkeit der Tiere maßlos übertrieben ist.

Brutverhalten

Piranhas üben eine intensive Brutpflege aus. Im trüben Weißwasser etwa wird der Laich gern zwischen Wasserpflanzen, teils bis dicht unter der Wasseroberfläche an den Wurzeln der Wasserhyazinthen deponiert. Nach dem Ende des Laichvorgangs übernimmt meist das Männchen die Verteidigung und Versorgung des Geleges und der Larven. Die Brutpflege endet mit Schwimmfähigkeit der Jungfische.

Systematik

Noch vor wenigen Jahren wurden alle Piranhas der Gattung Serrasalmus LaCépéde zugeordnet. Die heute existierenden fünf Piranha-Gattungen bilden innerhalb der Sägesalmler (Serrasalminae) zusammen eine monophyletische Klade, die allerdings erst jüngst erkannt wurde und noch keinen wissenschaftlichen Namen hat.[1]

Gattungen und Arten

  • Catoprion Müller & Troschel, 1844, nur eine Art
    • Wimpelpiranha (Catoprion mento) (Cuvier, 1819) [6]
  • Pristobrycon (Carabitos) [7] relativ seltene und weniger aggressive Piranha-Arten im Unter- und Mittellauf des Amazonas, Guayana-Region und dem Orinocodelta.
    • Pristobrycon aureus (Spix & Agassiz, 1829)
    • Pristobrycon calmoni (Steindachner, 1908)
    • Pristobrycon careospinus Fink & Machado-Allison, 1992
    • Pristobrycon maculipinnis Fink & Machado-Allison, 1992
    • Pristobrycon striolatus (Steindachner, 1908)
  • Pygocentrus [8]
    • Pygocentrus cariba (Humboldt in Humboldt & Valenciennes, 1821),
    • Roter Piranha (Pygocentrus nattereri) (Kner, 1858), damals gebräuchliches Synonym: Rooseveltiella nattereri, andere Namen: Common Piranha, Red Piranha, Piranha Vermelha, Redbelly Piranha, sehr weit verbreitete Art, Einzugsgebiet des Orinoco, Guayana, Amazonas, Paraná (sehr häufig im Pantanal Sumpfgebiet), eingebracht auch in Stauseen Nordost-Brasiliens, Gelber Piranha (Pygocentrus ternetzi), Unterart aus dem Rio Paraná/Argentinien, aufgrund seiner weiten Verbreitung treten zahlreiche Farbvarianten, Synonyme, Lokalrassen und Unterarten auf, peruanische Unterart "Super Red"/"Reticulated Piranha", Größe bis etwa 30 cm, ♂: rötlicher Kehlbereich, ♀: gelblicher gefärbt, Schwarmfisch in Gruppen ab zehn Exemplaren, beliebte Aquarienart, hauptsächlich in Weißwasserflüssen, wenig verbreitet in Schwarzwasserflüssen, hält sich häufig unter Piranheira-Bäumen (Piranhea trifoliata) auf und attackiert ins Wasser gefallene Jungvögel und Insekten, lokal gefürchtet, unter Umständen auch für den Menschen gefährliche Art in Flussregionen, wo Schlachtabfälle eingetragen werden
    • Schulterfleck Piranha (Pygocentrus notatus Lütken, 1875), endemische nur im Einzugsgebiet des Orinoco, des Lago del Guarico und der Überschwemmungssavanne der Llanos vorkommende Art, der "Caribe Colorido" ist am Ende der Trockenzeit ähnlich wie P. cariba gefürchtet
    • Palometa (Pygocentrus palometa) Valenciennes, 1850, Orinoco Flussbecken (Venezuela)
    • São Francisco Piranha (Pygocentrus piraya) (Cuvier, 1819), endemisch, nur im Rio São Francisco-Flusssystem vorkommend, größte Piranha-Art (bis 50 cm), Jungtiere sind an der Unterseite gelblich bis orange gefärbt, potentiell gefährlich
    • Pygocentrus bilineatus (Eigenmann, o. J.), Vorkommen: Rio Aruca in Guayana
  • Pygropristis (nur eine Art)
    • Pygopristis denticulata (Cuvier, 1819) [9]
  • Serrasalmus (Pirambebas) mit derzeit 24 Arten [10] die artenreichste Gattung (Stand: Juli 2006), Untergattung Taddyella charakterisiert durch konvexe Kopf-Körper-Umrißlinie.
    • Serrasalmus altispinis Merckx, Jégu & Santos, 2000
    • Serrasalmus altuvei (Ramirez, 1965)
    • Pirambeba (Serrasalmus brandtii) Lütken, 1875, andere Namen Lake Piranha, White Piranha, Piranha Blanca, Caribito, in einigen Stauseen (Sao Carlos) des Bundesstaates Sao Paulo kam es während der Brutzeit des Pirambeba zu häufigen Beißattacken auf Badende.
    • Serrasalmus compressus Jégu, Leão & Santos, 1991
    • Serrasalmus eigenmanni (Norman, 1929), Vorkommen: Rio Essequibo, Rio Potaro, Rio Tampoc in der Guayana-Region.
    • Serrasalmus elongatus Kner, 1858
    • Serrasalmus geryi Jégu & Santos, 1988
    • Serrasalmus gibbus Castelnau, 1855
    • Serrasalmus gouldingi Fink & Machado-Allison, 1992
    • Serrasalmus hastatus Fink & Machado-Allison, 2001
    • Serrasalmus hollandi (Eigenmann, 1915)
    • Serrasalmus humeralis Valenciennes, 1850
    • Serrasalmus irritans Peters, 1877
    • Serrasalmus maculatus Kner, 1858
    • Serrasalmus manueli (Yepez, Ramirez, 1967)
    • Serrasalmus marginatus Valenciennes, 1837
    • Serrasalmus medinai (Ramirez, 1965)
    • Serrasalmus nalzeni (Fernandez-Yepez, 1969)
    • Serrasalmus neveriensis Machado-Allison, Fink, López Rojas & Rodenas, 1993
    • Serrasalmus nigricans lebt im Amazonas- und Orinocogebiet, wird bis 25 cm lang, die Körperfärbung älterer Exemplare ist überwiegend bläulich bis bläulich-grau.
    • Schwarzer Piranha (Serrasalmus rhombeus) (Linnaeus, 1766)
    • Serrasalmus sanchezi Géry, 1964
    • Serrasalmus scapularis (Günther, 1929), Vorkommen: Rio Essequibo
    • Serrasalmus serrulatus (Valenciennes, 1850)
    • Serrasalmus spilopleura Kner 1858, ursprünglich aus dem Rio Guaporé (Brasilien), fand ideale Lebensbedingungen zum Aufbau von großen Populationen in den Stauseen des Bundesstaates São Paulo (Santa Cruz de Conceição/Rio Mogi-Guacu sowie Itapui und Iacanga am Rio Tiete), gehäufte Unfälle mit Badenden in der Laichzone unter Wasserhyazinthen aus dem Jahre 2002/2003

Die Piranha-Forschung steht noch relativ am Anfang, deswegen ist die eindeutige systematische Zuordnung einiger Arten derzeit noch nicht möglich.

Vorurteile und Legendenbildung

Piranha (Nahaufnahme)

Der Ursprung der vielfältigen und weit verbreiteten Vorurteile bezüglich der Piranhas ist bereits bei den ersten Forschern und Entdeckern zu suchen, die Südamerika bereist haben; Alexander von Humboldt, der Pygocentrus cariba 1821 zuerst beschrieb, fasste seine Charakterisierung folgendermaßen zusammen: „Bei San Fernando auf dem Rio Apure. Am Morgen fingen unsere Indianer mit der Angel den Fisch, der hierzulande Caribe oder Caribito heißt. Er fällt die Menschen beim Baden und Schwimmen an und beißt ihnen oft ansehnliche Stücke Fleisch ab. Ist man anfangs auch nur unbedeutend verletzt, so kommt man doch nur schwer aus dem Wasser, ohne schwere Wunden davon zu tragen. Gießt man ein paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf.[11]

Ähnlich äußerte sich etwa einhundert Jahre später der ehemalige US-amerikanische Präsident Theodore Roosevelt über die Piranhas in seinem 1914 veröffentlichten Bericht über seine Entdeckungsreise durch den Regenwald Brasiliens: „Sie zerreißen und verschlingen bei lebendigem Leibe jeden verletzten Menschen und jedes verwundete Tier; denn Blut im Wasser bringt sie zur Raserei. [12]“ Dr. Herbert R. Axelrod berichtet, dass der brasilianische Ichthyologe Miranda-Ribeiro dem amerikanischen Präsidenten bei seiner Reise durch den Mato Grosso 1913 ein besonderes Schauspiel bot. Im eigens nach ihm benannten Rio Theodore Roosevelt, ein Seitenfluss des Rio Aripuanã, welcher zum Flusssystem des Rio Madeira gehört, wurde ein Flussabschnitt mit Netzen abgedeckt und mit unzähligen von Fischern gefangenen Roten Piranhas besetzt. In diesen abgetrenntem Gewässerabschnitt wurde eine verletzte Kuh hineingetrieben und von den tausenden, durch Klaustrophobie in Panik geratenden Piranhas erst in die Beine gebissen wurde, dann umfiel und schließlich von den Raubfischen, die sich durch die Bauchhöhle fraßen, skelettiert wurde. Beeindruckt durch dieses blutige Schauspiel ließ er diese Piranhaart Serrasalmus roosevelti (jetzt Pygocentrus nattereri) benennen. Diese völlig verfälschte Darstellung des Raubverhaltens von Piranhas ging durch die US-Presse und trug maßgeblich zur Legendenbildung bei.[13]

Der Wissenschaftler Philip Street schreibt 1971 in seinem Werk "Die Waffen der Tiere"[14]: "Der Menschenhai und der Barracuda sind furchterregende Geschöpfe, aber an rasender Wildheit und Gefährlichkeit für den Menschen kommt nichts, was im Meer schwimmt, einem kleinen, in den Flüssen Südamerikas lebenden Fisch gleich. Das ist der Piranha. Er steht mit Recht im Ruf eines Menschenfressers, obgleich seine Länge selten 17,5 cm übersteigt und 25 cm bilden einen Rekord. Der Tod durch den Hai oder den Barracuda ist meist rasch und, verglichen mit dem Piranha, geradezu gnädig zu nennen. Jeder Mensch und jedes Tier, denen das Unglück widerfährt, an einer von diesem blutdürstigen Fisch heimgesuchten Stelle in den Fluss zu fallen, wird buchstäblich bei lebendigem Leibe aufgefressen, Hunderte erscheinen aus dem Nichts, und das Fleisch des Opfers wird in Zehntausenden kleiner Bisse abgefressen, bis nichts übrigbleibt als das nackte Skelett. Das grausige Werk ist kurz. Bei einer neueren Untersuchung wurde der Kadaver eines Schweines von 400 Pfund in einen Fluss herabgelassen, von dem man wußte, dass er von Piranhas wimmelte. Nach 10 Minuten waren nur noch die Knochen übrig. So klein er ist, besitzt der Piranha ein unglaublich scharfes Gebiß, mit dem er einen Finger samt Knochen auf einmal glatt durchbeißen kann. Gewöhnlich ist der Piranha ein geruhsamer Fisch, doch das Erscheinen des Opfers scheint ihn in eine Art von Raserei zu versetzen, und es ist nicht der Hunger allein, der ihn treibt. Lange nachdem sie sich sattgefressen haben, fahren sie mit ihren wütenden Angriffen fort, bis auch nicht das geringste bißchen Fleisch mehr übrig ist; die Abfälle häufen sich am Boden des Flusses, bis die Strömung sie wegschwemmt. Kein Lebewesen entgeht ihrer Aufmerksamkeit, auch keines der eigenen Gattung, und es ist unmöglich, mehr als einen von ihnen in einem Aquarium zu halten."

Jan H. Mol untersuchte 2006 in Suriname Unfälle zwischen Piranhas und Menschen. Untersucht wurden drei Regionen der Flüsse Suriname und Wayambo und es stellte sich heraus, dass die meisten Opfer Kinder waren, die beim Baden von größeren vereinzelten Exemplaren des Serrasalmus rhombeus in die Füße gebissen wurden. Angriffe mehrerer Fische auf Menschen kamen sehr selten vor. Beißattacken erfolgten nur vereinzelt, das Opfer wurde nicht weiter verfolgt. Charakteristisch war, dass fast alle Angriffe zur Trockenzeit statt fanden und in von Essensresten, Fischabfällen und Blut verunreinigten Gewässerzonen.[15]

Die Berichterstattung der spanischen Conquistadoren über Piranhas erzählt von Beißangriffen während der Dschungelkämpfe mit Indiokriegern, einerseits durch das Blut der Gefallenen im Wasser und andererseits durch die rote Beinbekleidung der europäischen Eroberer. Einige Piranha-Arten reagieren aggressiv auf die Farbe Rot. Schwärme von über 30 Piranhas können den Menschen potentiell unter bestimmten Umständen gefährlich werden, doch bislang wurde kein einziger Unfall mit tödlichem Ausgang dokumentiert.

Ein stark überstrapaziertes Bild ist das kranke Rind, das bei einer Flussüberquerung in der Orinoco-oder Amazonasregion stets den Piranhas geopfert werden muss, um die Raubfische vom Rest der Herde abzulenken. Die Vielzahl von Gewässern und die Armut der Rinderhirten führt diese Vorstellung ad absurdum.

Tatsächlich kommt es zu Verletzungen mit Piranhas zumeist nicht im, sondern eher außerhalb des Wassers, wenn man etwa versucht, einen gefangenen Piranha unsachgemäß vom Angelhaken zu lösen.

Besonderheiten

Piranhas im Zoo

Eine besondere Eigenschaft der Piranhas ist ihre extrem schnelle Wundheilung. Diese ist für die Piranhas besonders vorteilhaft, da sie sich oft gegenseitig verletzen, wenn sie über Beute herfallen. Auch angebissene Schwanz- und Rückenflossen wachsen innerhalb kurzer Zeit wieder vollständig nach.

Um einer Verschleppung in einheimische Gewässer vorzubeugen, ist die Haltung des Piranhas in den USA verboten. Im Gegensatz zu den USA wird der Piranha in Südamerika sehr verehrt (siehe unten) und liebevoll Carabito oder Caribe genannt, was so viel wie Kannibale bedeutet.

Diverses

  • Die Gefährlichkeit der Piranhas für den Menschen ist sehr umstritten und keineswegs erwiesen. Die einheimischen Indianer Südamerikas baden bedenkenlos in Gewässern, in denen auch Piranhas vorkommen.
  • Bei verschiedenen südamerikanischen Ureinwohnern ist der Piranha ein beliebter Speisefisch.
  • Ein Brauch einiger einheimischer Indianerstämme besteht darin, nur die Skelette der Toten zu begraben. Dazu werden die Verstorbenen für kurze Zeit an einem Seil ins Wasser gehängt, um als Aasfutter für die Piranhas zu dienen.
  • Vereinzelt sind schon Menschen angegriffen worden, wobei es meist bei kleineren Bisswunden geblieben ist, was mit der Jagdtaktik von Piranhas zu tun hat.
  • Piranhas sind sehr resistent gegenüber Krankheiten, so dass sie problemlos kranke Tiere vertilgen können, was ihre wichtige Rolle im Ökosystem ihres Habitats unterstreicht.

Literatur

  • Günther Sterba: Süsswasserfische der Welt, Urania-Verlag, 1990, ISBN 3-332-00109-4
  • Wolfgang Staeck: Piranhas in Natur und Aquarium - Dichtung und Wahrheit. In Aquaristik Aktuelle Süßwasserpraxis. 3/2007
  • Kai Arendt: Zwei flossenfressende Piranhas aus dem südlichen Südamerika. In Aquaristik Fachmagazin. Nr. 191, Oktober/November 2006
  • Hans Gonella: Faszination Piranha. Bede, 1995
  • Dr. Wolfgang Schulte: Piranhas. Landbuch, 1995
  • U. Saint-Paul, J. Zuanon, M. Correa, M. Garcia, N. Fabre: Fish Communities in Central Amazonian White- and Blackwater Floodplains. In: Environmental Biology of Fishes. 57, 2000, S. 235–250
  • I. Sazima, F. Machado: Underwater Observations of Piranhas in Western Brazil. In: Environmental Biology of Fishes. 28, 1990, S. 17–31
  • W. Fink: Revision of the Piranha Genus Pygocentrus (Teleostei, Characiformes). In: Copeia. 3, 1993, S. 665–686
  • M. Uetanabaro, T. Wang, A. Abe: Breeding Behaviour of the Red-Bellied Piranha Pygocentrus nattereri, in Nature. In: Environmental Biology of Fishes. 38, 1993, S. 369-371
  • B. Putz: Pygocentrus nattereri., Animal Diversity Web online (Zugriff am 21. September 2007)
  • Vidal Haddad jr, Ivan Sazima: Piranha Attacks on Humans in Southeast Brazil. Epidemiology, Natural History, and Clinical Treatment, with Description of a Bite Outbreak. In: Wilderness and Environmental Medicine. 14, Nr. 4, 2003, S. 249–254
  • M. Bates: Südamerika. Flora und Fauna. Time Life International, 1976
  • J. I. Cabrera: La Piranha. E pez más voraz también sirve de alimento de hombre. Geo Mundo, Caracas 1979
  • R. M. Fox: Attack Preferences of the Red-bellied Piranha. o. J.
  • F. Mago-Leccia: Los peces de agua dulce de Venezuela. Caracas 1978
  • G. S. Meyers: The Piranha-Book. Tropical Fish Hobbyist Magazine, New Jersey, 1972
  • M. Stuppi: Piranha - ein Mörderfisch? In: DATZ 1979

Einzelnachweise

  1. a b B. Freeman, L. G. Nico, M. Osentoski, H. L. Jelks und T. M. Collins: Molecular systematics of Serrasalmidae: Deciphering the identities of piranha species and unraveling their evolutionary histories. In: Zootaxa. Nr. 1484, Magnolia Press, 28. Mai 2007, ISSN 1175-5334, S. 1–37 (Onlineversion des Artikels ; Stand: 10. Juni 2007). 
  2. http://www.gflk.de/schute2002/fm_2/take_18.htm Piranhas in der Alster
  3. Quelle: Erftverband, Bergheim
  4. Quelle: http://plants.ifas.ufl.edu/mcfish5c.html
  5. Wolfgang Schulte: Piranhas, Wissenswertes über Verhalten, Pflege und Zucht, 1982
  6. Fishbase Catoprion mento
  7. Fishbase Valid Species of the Genus Pristobrycon
  8. Fishbase Valid Species of the Genus Pygocentrus
  9. Fishbase Pygopristis denticulata
  10. Fishbase Valid Species of the Genus Serrasalmus
  11. Alexander von Humboldt: Südamerikanische Reise. Ullstein, 1976, ISBN 3-79341-230-X
  12. Theodore Roosevelt: Through the Brazilian Wilderness. 1914, Indypublish.com ISBN 1414299788
  13. Quelle: Theodore Roosevelt: Through the Brazilian Wilderness. New York 1914, zitiert nach Herbert R. Axelrod: Breeding Aquarium Fishes. Book 4. TFH, Neptune City/NJ 1976, S. 79-87
  14. Philip Street: Die Waffen der Tiere. 1971
  15. Quelle: Attacks on humans by the piranha Serrasalmus rhombeus in Suriname. Center for Agricultural Research in Suriname (CELOS) and Department of Biology, University of Suriname, Suriname

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