KHM 88

KHM 88

Das singende springende Löweneckerchen ist ein Märchen (Typ 425c nach Aarne und Thompson), das in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 88 enthalten ist (KHM 88).

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Als ein Mann seine drei Töchter fragt, was er ihnen von der Reise mitbringen soll, will die älteste Perlen, die zweite Diamanten, die jüngste aber, die ihm am liebsten ist, ein singendes springendes Löweneckerchen (Lerche). Er findet es nach langer Suche auf einem Baum bei einem Schloss im Wald, aber es wird von einem Löwen bewacht, der ihm den Vogel und das Leben nur lässt für das Lebewesen, was ihm daheim zuerst begegnet. Der Mann lässt sich von seinem ängstlichen Diener überreden, obwohl er schon fürchtet, dass das seine jüngste Tochter sein wird, die ihm entgegenläuft. Sie freut sich über das Geschenk und tröstet ihn, sie werde schon gesund heimkommen.

Sie heiratet den Löwen, der ein verzauberter Prinz und nachts Mensch ist. Sie besucht die Hochzeit ihrer ältesten Schwester. Als ihre zweite Schwester heiratet, besteht sie darauf, dass er mitgeht, obwohl er fürchtet, wenn der Strahl einer Flamme ihn berühre, würde er für sieben Jahre zu einer Taube. Sie meint das Unglück abzuwenden mit einem Saal aus dicken Mauern, aber die Holztür bekommt einen Sprung.

Sieben Jahre folgt sie der Taube, die alle sieben Schritte einen roten Blutstropfen und eine weiße Feder fallen lässt, bis sie verschwindet. Sie fragt die Sonne und den Mond um Rat, die ihr ein Kästchen und ein Ei für die Not geben. Auf Rat des Nachtwinds geht sie zum Roten Meer, wo der Südwind den Löwen im Kampf mit einem Lindwurm gesehen hat, der eine verzauberte Königstochter ist und den sie mit der elften Rute vom Ufer schlägt. So besiegt ihn der Löwe und beide werden wieder Mensch, aber die Königstochter kommt ihr zuvor, nimmt den Mann in den Arm und fliegt mit ihm auf dem Greif weg.

Die Verzweifelte geht weit bis zu dem Schloss, wo die zwei anderen heiraten sollen. In dem Kästchen liegt ein Kleid so schön wie die Sonne, als sie es anhat will die Braut es als Hochzeitskleid kaufen. Sie antwortet: „Nicht für Geld und Gut, aber für Fleisch und Blut.“ Sie darf eine Nacht in der Kammer des Bräutigams schlafen, aber die Braut gibt ihm einen Schlaftrunk, so dass er ihr Jammern nicht hört. Als sie aber für die Henne und die zwölf goldenen Küken aus dem Ei des Mondes nochmal zu ihm darf, nimmt er den Schlaftrunk nicht. Sie fliegen auf dem Greif über das Meer, wo sie aus der Nuss, die sie vom Nachtwind bekommen hat, zur Rast einen Baum wachsen lässt, heim zu ihrem Kind.

Interpretation

Das Löweneckerchen, laut Text eine Lerche, erklärt Walter Scherf als „Geistchen“.[1] Der Baum, in dessen Krone der Geist wohnt, kann als Baum des Lebens verstanden werden, die Nuss, aus der er neu wächst, wegen ihrer genitalähnlichen Form als Symbol der geschlechtsreifen Frau (vgl. KHM 113 De beiden Künigeskinner, KHM 127 Der Eisenofen). Die Schlange (Drache, Lindwurm) ist oft schatzhütendes Ungeheuer (KHM 105, 201, 210; siehe auch Schatten (Archetyp)). Sie ersteht bei Häutung wieder. Die geisthütende Löwenhaut dagegen wird abgelegt (vgl. KHM 101 Der Bärenhäuter, KHM 108 Hans mein Igel) und gibt eine friedliche Taube frei.

Des Vaters Schuld, der das bescheidene Geschenk nicht findet und seine Tochter versetzt, wird anfangs durch deren Duldsamkeit kompensiert. Nach ihrem Fehler tritt zur Ambivalenz des Löwen, der sich nur nachts zeigt, das dualistische Bild der Schlange, die zu ihrem zweiten Ich wird. Die Beziehungskonstellation lässt an eine Borderline- und eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung denken (vgl. Echo und Narziss), was sich in dieser Fassung mit dem Depressionsbild der Suchwanderung abwechselt.

Märchenforscher sehen als Kernmotiv die Tierehe und ihr Ende durch Tabubruch der Frau. Alle anderen Elemente kommen auch in etwas verschiedenen Erzählungen vor. Die Verwendung des Anfangs (drei Wünsche der Töchter) ist vielleicht beeinflusst von Jeanne-Marie Leprince de Beaumonts Die Schöne und das Tier, das Schlagen des Lindwurms mit einer bestimmten Rute von König Lindwurm.

Tiefenpsychologische Deutung Hedwig von Beits

Das Märchen beginnt mit der üblichen Vierheit aus Vater und drei Kindern, hier geschlechtlich gemischt. Aus Sicht der Tochter ist der Vater damit die vierte, unbewusste Funktion, und als solcher funktionsgleich mit seinem Mitbringsel, ihrem Wunsch nach dem Animus. Dieser hat als Löwe zunächst triebhafte Natur, die aber zum Licht strebt, Symbol sich läuternden erotischen Begehrens. Gleichzeitig erscheint er im Licht des Tagbewusstseins nichtmenschlich, es entwertet seinen magischen Aspekt. Die Conjunctio, die Vereinigung extremer Gegensätze, findet auf unbewusster Ebene statt und hat eine natürliche Dauer, die nicht vom profanen Bewusstsein gestört werden darf, das nie über Gegensätze hinauskann.

Die Taube ist seelischer, flüchtiger und unfassbarer als der Löwe, bis auch diese Ahnung sich verliert. Sonne, Mond, Wind und Sonnenvogel gab es auch in antiken Mysterienkulten, sie sind wohl, wie auch Ei, Nuss und Meeresboden, Bilder des Selbst. Die Heldin wird vom Nachtwind (andere Fassungen: Nordwind, also wieder der vierte, nefaste) ans Weltende getragen und vom Wundervogel zurück, d.h. die dortigen Vorgänge spielen sich in einer bewusstseinsfernen seelischen Wirklichkeit ab. Die Entfaltung des an sich außerzeitlichen Selbst in der Zeit gelingt durch den dämonisch-leidenschaftlichen Tierprinzen, der erst den Antrieb zum Bewusstsein gibt.

Von Beit untersucht auch Varianten. So ist der Wunsch der jüngsten Tochter sehr vielfältig abgewandelt, aber immer ein bedeutendes Symbol, z.B. jeden, den ihr das Schicksal gäbe, und wenn es auch ein lahmer Hund wäre, ein Eichhörnchen namens Sorge und Leid, ein goldener Kranz, eine scharlachrote Blume. Das Tabu kann ein Rede- oder Frageverbot sein oder ein Versprechen, rechtzeitig wiederzukommen, zu warten, ihn beim Fest nicht zu erkennen, nicht mit den Eltern allein zu sprechen, nichts aus dem Elternhaus mitzubringen, nichts daheim zu vergessen, nichts zu tun, ohne vorher zu fragen, nicht das Haus zu verlassen, seltener eine verbotene Türe (was besser in den Märchentyp vom Mädchenmörder passt, AaTh 312: 46, 62a). In von Amor und Psyche beeinflussten Fassungen überreden die neidischen Schwestern die Braut, ihn mit einer Ampel zu beleuchten. Die Wachstropfen stehen dann in Beziehung zu den Blutstropfen. Manchmal ist gar keine Wiedergutmachung möglich oder sie muss etwa lang gehen, ohne zu schlafen oder die Beine zu biegen oder einen Berg mit angeschweißten Klauen besteigen. Die Erlösung erfolgt fast immer wie hier durch Gaben, die in allen Varianten mit Spinnen, Weben und Schneidern zu tun haben. Selten sind die Geber die eigenen Kinder. Immer erkauft sie damit drei Brautnächte, meist muss sie ihn auch wecken.

Motivvergleiche (Grimms Märchen)

Grimms Anmerkungen

Das Märchen ist in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm seit dem zweiten Teil der Erstauflage 1815 (da Nr. 2) an Stelle 88 enthalten. Die Fassung stammt von Dortchen Wild. Es ist aus Grimms Sammlung das klarste Exemplar vom Typ Frau sucht ihren Mann (AaTh 425), neben Der Eisenofen. Schon ihre Anmerkungen weisen auf die hohe Verbreitung und Varianz hin, die um Apuleius' Amor und Psyche kreist, und erzählen eine Fassung nach, die sie im ersten Teil nur der Erstauflage 1812 noch als Von dem Sommer- und Wintergarten abdruckten (KHM 68a) sowie eine dritte Erzählung aus dem Hanöverischen:

Ein Rabe hilft dem Jäger Wild zu schießen, damit die Königstöchter genesen, und fordert eine zur Frau. Die Jüngste kommt mit in sein Schloss. In ihrem Schlafzimmer hängt ein Spiegel, der zeigt, was daheim geschieht. Als ihre mitgebrachte Zofe gegen Verbot des Raben hineinsieht, zerreißt er sie und schickt die Braut fort. Er gibt ihr eine Feder. Sie muss Treue geloben. Sie tauscht Kleider mit einer Alten und arbeitet als Magd bei einer bösen Frau. Wenn die Arbeit zu schwer ist oder Männer sie bedrängen, nimmt sie die Feder. Damit tut sich die Arbeit von allein und die Männer stellen sich selbst bloß, prügeln sich gegenseitig und danken ihr noch. Nach sieben Jahren holt ihr Prinz sie ab.

In Die Schöne und der Drache aus Die junge Amerikanerin (Ulm, 1765) ist das Tier ein Drache, sie hat einen Wunschring und ist ohne es zu wissen Tochter einer Zauberin. Sie zählen noch viele Quellen auf (auch KHM 127), u.a. Das singende und klingende Bäumchen aus der Braunschweiger Sammlung, das sie bei der Namensgebung beeinflusste. Weiterhin weisen sie auf Federnelfen im Volksglauben hin, die einen Tropfen von Jesu Blut im Herzen haben, auf Parzival und auf Erzählungen von Zwergen, die über Schäden in ihren Gärten erzürnt sind.

Moderne Adaptation

  • Patricia McKillip erzählt die Geschichte wieder als The Lion and the Lark
  • Gertrud Fussenegger, umstrittene Autorin: Das Zauberschloss. Ein Märchen in Reimen, zum Vorlesen und Nachspielen Langen Müller, München 2006 ISBN 3784430694. Mit Zeichnungen ihrer Tochter Ricarda Dietz

Bühnenstück

  • Eine musikalische Version von Das singende springende Löweneckerchen, geschrieben von Dieter Stegmann and Alexander Bermange, wurde auf den Brüder-Grimm-Märchenfestspielen 2004 aufgeführt.
  • Barbara Honigmann: Das singende springende Löweneckerchen (ab 6. J.) Theaterstück. In: Spielplatz Bd. 3. Fünf Theaterstücke für Kinder. Hg. Marion Victor, Verlag der Autoren, Frankfurt 1990 ISBN 3886611078

Verfilmung

"Der Prinz hinter den sieben Meeren" (DEFA-Spielfilm, DDR 1982)

Wohl angelehnt ist: Das singende, klingende Bäumchen (DEFA-Spielfilm, DDR 1957, Regie: Francesco Stefani, 70 min.)

Literatur

Primärliteratur

  • Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. S. 437-443. Düsseldorf und Zürich, 19. Auflage 1999. (Artemis & Winkler Verlag; Patmos Verlag; ISBN 3-538-06943-3)
  • Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart 1994. S. 164-168, S. 480-481. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-003193-1)

Sekundärliteratur

  • Scherf, Walter: Das Märchenlexikon. Zweiter Band L-Z. S. 1122-1127. München, 1995. (Verlag C. H. Beck; ISBN 3-406-39911-8)
  • Röhrich, Lutz: Drache, Drachenkampf, Drachentöter. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 3. S. 787-820. Berlin, New York, 1991.
  • Taloş, Ion: Löwe. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 8. S. 1207-1215. Berlin, New York, 1996.
  • Meinel, Gertraud: Nuß. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 10. S. 159-164. Berlin, New York, 2002.

Deutungen

  • Von Beit, Hedwig: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von «Symbolik des Märchens». Zweite, verbesserte Auflage, Bern 1965. S. 52-92.
  • Kast, Verena: Mann und Frau im Märchen. Eine psychologische Deutung. 2. Auflage, München 1988. S. 77-99. (dtv; ISBN 3-530-42101-4)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Scherf, Walter: Das Märchenlexikon. Zweiter Band L-Z. S. 1123. München, 1995. (Verlag C. H. Beck; ISBN 3-406-39911-8)

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