Militärseelsorge (Deutschland)

Militärseelsorge (Deutschland)

Der Ausdruck Militärseelsorge bezeichnet die kirchliche Arbeit der beiden großen christlichen Konfessionen Deutschlands in der Bundeswehr. Eine mit der evangelischen und katholischen Militärseelsorge vergleichbare institutionalisierte Seelsorge gibt es für Juden und Muslime in der Bundeswehr bislang nicht.

Militärpfarrer im ISAF-Einsatz

Inhaltsverzeichnis

Bundeswehr

Organisationsbereiche im Geschäftsbereich des BMVg

Die evangelische und die katholische Militärseelsorge in Deutschland sind durch Staatskirchenverträge geregelt. Es handelt sich um eine der sog. „gemeinsame Angelegenheiten“ von Staat und Religionsgemeinschaften (res mixta).

Für die evangelische Kirche wurde 1957 ein Kirchenvertrag geschlossen; für den Bereich der katholischen Kirche gilt das Reichskonkordat aus dem Jahre 1933 zunächst weiter, daneben gibt es ein Gesetz über die Militärseelsorge vom 26. Juli 1957. Die Bestimmungen regeln die kirchliche Betreuung der Berufs- und Zeitsoldaten sowie der Wehrpflichtigen. Dieser Personenkreis gehört während der Dienstzeit nicht zu den örtlichen Gemeinden, sondern zu Militärkirchengemeinden, die von einem Militärseelsorger geleitet werden.

Der Militärseelsorger ist kein Soldat bzw. Kombattant und hat demzufolge auch keinen militärischen Rang. Er ist jedoch während seiner Dienstzeit Angehöriger der Streitkräfte, wird auch aus dem Bundeswehr-Haushalt besoldet, und trägt im Einsatz - wie die Soldaten - den Feldanzug. Statt eines Dienstgradabzeichens tragen die Militärseelsorger zum Feldanzug eine Dienstgradschlaufe mit einem Kreuz auf der Schulter. Sie stehen unter dem besonderem Schutz des Kriegsvölkerrechts. Um dem Militärseelsorger eine ungehinderte Amtsführung zu ermöglichen, hat er ausdrücklich keinen militärischen Vorgesetzten und ist auch nicht in die Hierarchie der Streitkräfte eingebunden.

Vorgesetzte der Militärgeistlichen und der ihnen zur Seite gestellten Pfarrhelfer in den einzelnen Wehrbereichen sind die Militärdekane, die wiederum dem an der Spitze der Militärseelsorge stehenden Militärbischof unterstellt sind. Es gibt je einen evangelischen und einen katholischen Militärbischof; sie üben diese Funktion im allgemeinen im Nebenamt aus.

Zentrale Verwaltungsbehörden sind das evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr und das katholische Militärbischofsamt.

Die Militärseelsorger werden (in der Regel für mindestens 6 Jahre) von ihren Landeskirchen bzw. Diözesen für diesen Dienst freigestellt. Dadurch soll eine intensivere Betreuung der Militärangehörigen (und deren Familien) vor Ort gewährleistet sein; die Militärpfarrer nehmen an Übungen und Auslandseinsätzen der Bundeswehr teil.

Der Deutsche Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes baut seit 2007 ein unabhängiges Soldatenseelsorgeangebot mit Seelsorgern auf, die in ihrem Alltag nicht mit der Bundeswehr verbunden sind. Kooperationspartner ist das Military Counselling Network, das vom Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee vor allem als Anlaufstelle für amerikanische Soldaten gegründet wurde.[1]

Geschichte

Seit dem Altertum sind religiöse Kulthandlungen vor und nach kriegerischen Auseinandersetzungen bekannt. Die Griechen hatten Feldprediger, die beteten und Gelübde machten und die Soldaten mit Worten und Kampfliedern zu Tapferkeit und Gehorsam anspornten. Die Römer gaben dem Priester des Kriegsgottes Mars zwölf junge Männer bei, mit denen er die römischen Truppen begleitete. Bei kriegerischen Auseinandersetzungen schleuderte der Priester die erste Lanze ins feindliche Gebiet. In den festen Römerlagern gab es eigene Kulträume mit Opferaltar; die mobilen Truppen führten ein Kultzelt mit sich. Zeugnisse einer christlichen Militärseelsorge finden sich aus der Zeit seit dem Mailänder Edikt von 313 n. Chr. Kaiser Konstantin nahm Bischöfe im Feldzug gegen die Perser mit und ließ Waffen und Feldzeichen mit dem Kreuzzeichen versehen. Nach der Christianisierung der germanischen Völker sind in deren Heeren Priester zu finden, die teils Waffendienst, teils seelsorgerliche Aufgaben ausübten. Beim ersten deutschen Nationalkonzil 742 wurde den Geistlichen mit wenigen Ausnahmen die Teilnahme an Kriegen und das Waffentragen verboten. Karl der Große übernahm die Einrichtung, den in den Krieg ziehenden Heeren Feldgeistliche beizugeben. Diese Militärseelsorge beschränkte sich aber zeitlich jeweils auf die Dauer eines Feldzuges. Erst mit der Entwicklung des Landsknechtwesens und erster Ansätze zu einem stehenden Heer wurde die Militärseelsorge zu einer ständigen Einrichtung. Die Priester standen unter Eid und waren der militärischen Disziplin unterworfen. Einen Aufschwung nahm die Militärseelsorge im 16. Jahrhundert mit der Einrichtung eines eigenen Generalvikariats für die Armee. Mit der Reformation kam es zu einer konfessionellen Differenzierung.

Königreich Preußen

Die Organisation der Militärseelsorge im preußischen Heer orientierte sich an den Gegebenheiten des landesherrlichen Kirchenregiments. Die Feldgeistlichen befanden sich in drei Hierarchieverhältnissen:

  • militärisch waren sie dem Befehlshaber unterstellt
  • die äußere Gestaltung ihrer geistlichen Tätigkeit wurde von einem übergeordeneten Geistlichen (Feldinspektor/Feldpropst) überwacht, der als Vertretung des Landesherrn und dessen Summepiskopat handelte.[2]
  • bezüglich der rechten Lehre (also inhaltlich) war der Feldgeistliche gegenüber den Kirchenbehörden verantwortlich.[3]

Die in den Garnisonen entstehenden Personalgemeinden der Soldaten und ihrer Angehörigen wurden zeitweilig herausgelöst aus der Landeskirche und einer eigenen Kirche zugeordnet mit eigenem Konsistorium als oberstem Verwaltungsorgan. 1811 wurde diese "Militärkirche" aufgelöst und mit der Landeskirche verschmolzen, an die Stelle des Konsistoriums trat (zumindest in Friedenszeiten) der Oberkirchenrat. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde diese Verschmelzung wieder aufgehoben und die Militärseelsorge wurde wieder in eine eigene Verwaltungs- und Leitungsstruktur ausgegliedert.

Diese Ausgestaltung betraf zunächst nur die preußische, evangelische Landeskirche. Eine katholische Militärseelsorge war auch vorhanden, gleichrangig behandelt wurde sie ab 1848.

Die Berufung der Militärgeistlichen erfolgte durch den Kommandanten. Beauftragt mit der Ausübung wurden wahlfähige Kandidaten des Predigtamts oder bereits angestellte Geistliche. Neben den hauptamtlichen Militärgeistlichen wurde die Militärseelsorge in kleinen Garnisonen geeigneten Zivilgeistlichen nebenamtlich übertragen.
Die Militärpfarrer zählten zu den oberen Militärbeamten im Offiziersrang; sie waren - wenn sie sich im Ornat befanden - von Unteroffizieren und Mannschaften militärisch zu grüßen.

Die einzelnen Ämter in ihrer hierarchischen Gliederung (evangelisch und katholisch):

"Die Feldgeistlichen sollten den Soldaten ins Gewissen reden und ihnen den Militärdienst als eine unvermeidliche, für den Bestand des preußischen Staates wichtige Sache erscheinen lassen."[4]

Nach der Reichsgründung von 1871 und mit der Militärischen Dienstordnung des Jahres 1902 erfolgte die Einrichtung einer für Preußen und alle übrigen deutschen Staaten einheitlichen Militärseelsorge. Bayern, Württemberg und Sachsen behaupteten zunächst noch ihre eigene Organisation der Militärseelsorge. Sie wurde jedoch während des Ersten Weltkrieges dem preußischen Modell angeglichen. In dieser Form bestand die im 19. Jahrhundert geschaffene Organisationsform der Militärseelsorge bis zum Ende des Ersten Weltkrieges fort.

DDR

In der DDR gab es keine Militärseelsorge.

Siehe auch: Evangelische Militärseelsorge, Feldprediger, Seelsorge, Militärordinariat, Armeeseelsorger in der Schweiz

Einzelnachweise

  1. http://www.versoehnungsbund.de/soldatenseelsorge/sose.html
  2. „Das kleine Buch vom Deutschen Heere“, Leipzig 1901, Seite 120
  3. Werkner, Militärseelsorge S. 22.
  4. Karl Gass: Der Militärtempel der Hohenzollern, Berlin 1999, S. 82

Literatur

  • Angelika Dörfler-Dierken: Zur Entstehung der Militärseelsorge und zur Aufgabe der Militärgeistlichen in der Bundeswehr, Forschungsbericht 83 des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, März 2008 PDF
  • Jörg Ennuschat: Militärseelsorge: verfassungs- und beamtenrechtliche Fragen der Kooperation von Staat und Kirche. Staatskirchenrechtliche Abhandlungen Bd. 27, Berlin: Duncker & Humblot, 1996. ISBN 3-428-08657-0
  • Jörg D. Krämer: Militärbischöfe in der Bundesrepublik Deutschland - Geschichte und Organisation. Infobrief der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags, April 2010 PDF
  • Jaqueline-Ines Werkner: Soldatenseelsorge versus Militärseelsorge: evangelische Pfarrer in der Bundeswehr. Forum Innere Führung Bd. 13, Baden-Baden: Nomos, 2001. ISBN 3-7890-7392-X

Weblinks

 Commons: Militärseelsorge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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