Keilschrift

Keilschrift
Königsliste

Der Ausdruck Keilschrift bezeichnet ursprünglich eine sumerische Bilderschrift, deren Formen durch die Eindrücke eines Schreibgriffels in den noch weichen Beschreibstoff Ton entstanden. Den Namen hat sie von ihren Grundelementen: waagrechte, senkrechte und schräge Keile. Die Keilschrift wurde von zahlreichen Völkern des alten Orients (Sumerer, Akkader, Babylonier, Assyrer, Perser u. a.) in der Zeit von etwa 3000 v. Chr. bis 400 v. Chr. verwendet. Sie entwickelte sich aus einer anfänglichen Bilderschrift zu einer Silbenschrift, aus der auch eine phonetische Konsonantenschrift, die Ugaritische Schrift, entwickelt wurde, bis sie schließlich von anderen Schriftformen (z. B. Phönizische Schrift) verdrängt wurde und in Vergessenheit geriet. Letzte Keilschrifttexte wurden in seleukidischer Zeit verfasst.[1]

Inhaltsverzeichnis

Geschichte und Verbreitung

Die sumerische Keilschrift ist neben den ägyptischen Hieroglyphen die heute älteste bekannte Schrift. Sie entstand etwa um 3150 v.  Chr. in Sumer in Mesopotamien und konnte ihre Vormachtstellung bis etwa 1800 v. Chr. halten. Zunächst begann die sumerische Keilschrift als Bilderschrift, bestehend aus Piktogrammen und Ideogrammen, die in Ton geritzt wurden.

In Kisch wurden Kalksteintäfelchen mit den ältesten Zeichen gefunden. Es waren stark vereinfachte Darstellungen etwa eines Kopfes, eines Dreschhammers, eines Pfeiles, eines Kruges, eines Fußes. Drei Berggipfel standen für Gebirge. Viele Worte entstanden – ähnlich wie heute noch bei den chinesischen Schriftzeichen – durch einfaches Zusammenschreiben solcher Piktogramme. „Weinen“ wurde mit den Zeichen „Auge“ und „Wasser“ ausgedrückt, „Fürstin“ ergab sich aus den Zeichnungen „Frau“ und „Schmuck“. „Strafen“ wurde durch „Stock“ und „Fleisch“ ausgedrückt. „Gebirge“ und „Frau“ ergab „Bergweib“, was Sklavin bedeutete, weil die Sumerer sich wohl Sklavinnen von den umliegenden Bergvölkern besorgten. „Heuschrecke“ stand für „Heuschrecke“, aber auch für „Vernichtung“. Man hatte wohl durch Heuschreckenschwärme abgefressene Felder und Gärten vor Auge. Ein „Stern“ stand für „Stern“, „Himmel“ (sumerisch „an“) und „Gott“ (sumerisch: „dingir“). Eine Essschale stand für Speise. Ein Kopf und eine Essschale steht für „essen“. Diese Piktogrammschrift blieb aber nicht wie in China bei den einfachen und komplexen Zeichenbedeutungen stehen. Das Piktogramm eines Flusses stand für „Wasser“ – sumerisch „a“ –, das aber als Laut „a“ auch „in“ bedeutete. Statt hier ein neues Zeichen für „in“ zu erfinden, verwendeten die Sumerer das Piktogramm „Fluss“ in seiner Lautbedeutung „a“ gleich „in“. Da dieses Schnellverfahren immer öfter verwendet wurde, überwog schließlich die Lautbedeutung der Zeichen. Andere Zeichen stammen von Zählsteinen und waren von Anfang an abstrakt, wie etwa das Kreuz für Schaf[2].

Ihre typische Keilschriftform erhielt diese Schriftart erst um das Jahr 2700 v. Chr., als die altsumerischen Machtzentren Uruk, Ur und Lagash enorm anwuchsen und deren zentrale Tempelbürokratien einen gesteigerten Schreibbedarf entwickelten, der nach einer Rationalisierung des Schreibprozesses verlangte. Geradezu revolutionär kann die neue Technik bezeichnet werden, bei der mit einem stumpfen Schreibgriffel Keile in den noch weichen Ton gedrückt wurden, der anschließend getrocknet oder auch gebrannt wurde.

Wurde die neue Keilschrift zunächst nur von den Sumerern genutzt, gewann sie bei den übrigen Kulturvölkern des alten Orients schnell an Popularität.

Um das Jahr 2350 v. Chr. drang das semitische Volk der Akkader nach Sumer vor, übernahm die Herrschaft über die sumerischen Stadtstaaten und damit auch deren Schrift und Kultur. Unter der akkadischen Herrscherdynastie Sargons von Akkad breitete sich deren Herrschaftsgebiet und damit auch Sprache, Kultur und Schrift weiter aus.

Etwa zur selben Zeit gelangte die Kenntnis der Keilschrift bis nach Syrien in das Reich Ebla, wo sie mit der einheimischen semitischen Sprache, dem Eblaitischen, verwendet wurde.

Bereits ab 2500 v. Chr. löste die Keilschrift im benachbarten Königreich Elam (heutiger Iran) die dort geschriebene proto-elamitische Strichschrift ab, wo sie bis in das Jahr 331 v. Chr. Verwendung fand.

Zovinar-Inschrift, urartäische Keilschrift

Auch die Hethiter, deren indogermanische Sprache sich vom semitischstämmigen Akkadisch sehr unterschied, adaptierten die Keilschrift. Die Hethiter ersetzten zunächst ihre eigenen andersartigen Piktogramme durch die Keilschrift. Dabei verlief die Verbreitung der Keilschrift im Norden bis nach Urartu (Nordosttürkei und Armenien) mit Urartäisch als Landessprache und im Süden bis nach Palästina mit Kanaanäisch als vorherrschende Sprache. Die weiterentwickelte Form der Keilschrift war so anpassungsfähig beim Gebrauch der Symbole als phonetische Zeichen, dass die Schrift in gleicher Weise für die Sprachen der Akkader, Babylonier und Assyrer verwendet werden konnte.

Als Hammurapi 1792 v. Chr. den babylonischen Thron bestieg, bestand Mesopotamien lediglich aus einer Reihe rivalisierender Stadtstaaten. Ihm gelang es jedoch aufgrund seiner Feldzüge, das Herrschaftsgebiet Babylons auf ganz Mesopotamien auszudehnen und weit über die Landesgrenzen hinaus die Sprache und Kultur seines Reiches zu verbreiten.

Mit dem Niedergang des babylonischen und dem Aufstieg des assyrischen Reiches verbreitete sich die Schrift und die Kultur des Zweistromlandes bis in das 7. Jahrhundert v. Chr. von Babylonien und Assyrien über Palästina bis nach Ägypten. In dieser Epoche entwickelte sich die Keilschrift zu ihrer endgültigen Form weiter. Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. drangen langsam neue Schriftsysteme, wie die phönizische oder griechische Lautschrift, nach Kleinasien vor, die nach und nach die Keilschrift verdrängten, bis ihre Kenntnis schließlich vollständig verloren ging.

Keilschrift-Inschrift am Tor der Völker in Persepolis

Eine Sonderform der Keilschrift stellt die persische Keilschrift dar. Zu Beginn der Regierungszeit Dareios I. im Jahr 521 v. Chr. besaßen die Perser noch keine eigene Schrift. Die Verwaltungssprache des persischen Reiches war Elamisch, daneben wurde in Reliefs stets auch eine Übersetzung in Babylonisch angebracht. Dareios I. ordnete die Schaffung einer eigenen persischen Schrift (Altpersisch) an. Die persische Keilschrift war viel einfacher strukturiert (34 Zeichen) als die Keilschriften der Elamer (ca. 200 Zeichen) und Babylonier (ca. 600 Zeichen) und hatte zur besseren Lesbarkeit Worttrenner.

Die persische Keilschrift wurde später (um 400 v. Chr.) durch das Einführen des Aramäischen verdrängt. Der späteste bekannte Keilschrifttext, eine astronomische Tabelle, stammt aus dem Jahr 75 n. Chr.

Entschlüsselung und Übersetzung der Keilschrift

Nachdem der Italiener Pietro della Valle 1621 in einem Brief fünf Keilschriftzeichen von einem Ziegel aus Persepolis mitgeteilt hatte, setzte die Entschlüsselung dieser vereinfachten persischen Keilschrift anhand der Kopien von Inschriften ein, die der Orientforscher Carsten Niebuhr im Jahre 1765 ebenfalls in Persepolis angefertigt hatte. Ihre Veröffentlichung lag den bahnbrechenden Kombinationen des deutschen Philologen Georg Friedrich Grotefend (Göttingen) zu Grunde. Ohne dass er über Kenntnisse von Schrift und Sprache, vor allem aber auch eine parallele Textfassung in anderen Sprachen verfügt hätte, gelang es ihm im Sommer 1802 binnen weniger Wochen, fast ein Drittel des gesamten Zeicheninventars zu entschlüsseln. Das war allerdings nur möglich, weil es sich um recht einförmiges Material handelte, das weitgehend aus Königsnamen mit Filiation und Titulatur besteht, auf die historische Kenntnisse angewandt werden konnten; dementsprechend blieben Grotefend auch die – wenigen – sachlichen Teile dieser Inschriften verschlossen.

Fortschritte ergaben sich zunächst durch die Erforschung verwandter Sprachen (Avestisch und Sanskrit), vor allem durch den norwegischen Philologen Christian Lassen. Die Einsichten in diesem Bereich konnten auf persische Inschriften angewandt werden. Auch hier halfen Namen – diesmal Völkernamen – weiter [3]. Dazu kam vor allem aber weiteres Material, wie es der englische Offizier Henry Creswicke Rawlinson mit der Kopierung (1835–1837) und Veröffentlichung (1846/47 und 1851) der Behistun-Inschrift bereitstellen konnte. Erneut waren es Namen, durch deren Kenntnis die noch fehlenden Zeichen erschlossen werden konnten.

Bei der Inschrift auf dem Felsen von Behistun handelt es sich um eine Trilingue. Die Inschrift von Behistun war für die Entzifferung der Keilschrift gleichbedeutend mit dem Fund des Steins von Rosette für die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen. Nach der Entzifferung des persischen Textes war der Weg frei zur Entzifferung auch der komplexeren Keilschriften in den Sprachen Elams und Babylons.

Durch die Ausgrabungen von Paul-Émile Botta in Khorsabad lagen dem Louvre und durch Austen Henry Layard in Nimrud, Kujundschik (Ninive), Kalah Schergat (Assur) dem Britischen Museum zahlreiche Inschriften vor. So ist es nicht verwunderlich, dass in Frankreich und England großes Interesse an der Entzifferung bestand. 1857 sandte Edwin Norris, der Sekretär der Royal Asiatic Society in London, eine kurz zuvor entdeckte Inschrift aus der Regierungszeit des assyrischen Königs Tiglat-pileser I. an Dr. Edward Hincks, an Sir Henry Rawlinson, Julius Oppert, der in Deutschland geboren war, und den jungen britischen Orientalisten William Henry Fox Talbot. Die Übersetzungen, die diese versiegelt erhielten, wurden von einer Kommission geprüft, in allen Hauptpunkten übereinstimmend befunden und 1857 veröffentlicht (»An inscription of Tiglath Pileser, King of Assyria, as translated by Rawlinson, Talbot, Dr. Hincks, and Oppert«). Die Entzifferung der akkadischen Keilschrift war nunmehr ein fait accompli (Tatbestand)[4].

Anfang des 20. Jahrhunderts entzifferte Bedřich Hrozný die Schriftsprache der Hethiter und legte Grundsteine zur Erforschung von deren Sprache und Geschichte.

Schriftgut

Die frühe sumerische Schriftkultur stand zunächst nur der Tempeladministration zur Verfügung, die sie für das Steuerwesen und die Verwaltung als Instrument staatlicher Kontrolle einzusetzen verstand. Es dauerte sehr lange, bis sich die Keilschrift des gesamten funktionalen Spektrums bemächtigen konnte, das den Schriftgebrauch der antiken Hochkulturen kennzeichnet. Erst nach religiösen und politischen Dokumenten oder privaten Kaufverträgen entstanden wissenschaftliche Schriften und unterhaltende Literatur. Zu den überlieferten Texten gehören Königsinschriften, Epen, Mythen, Hymnen, Wahrsagesprüche und Klagelieder, darunter auch das Gilgamesch-Epos, eine der ältesten überlieferten Dichtungen der Menschheit, und das berühmteste literarische Werk Altbabylons.

Mit der Adaption der Keilschrift durch andere altorientalische Hochkulturen entstand zwischen den Völkern ein erster Briefwechsel, ein Vorläufer des heutigen Postdienstes, wobei die versandten Tontafeln mit Schutzhüllen aus gebranntem Ton versehen wurden.

Es bildete sich der privilegierte Stand des Schreibers heraus, der über das Ansehen eines Aristokraten verfügte und aufgrund seines direkten Zuganges zu wichtigen Informationen zum Teil mächtiger wurde als die meist analphabetischen Herrscher. Schreiberschulen wurden eingerichtet, deren Disziplin und Strenge auch anhand von erhaltenen Hausaufgaben dokumentiert ist.

Schriftentwicklung

1. älteste Form, 2. Hammurapi, 3. Assyrisch, 4. Neubabylonisch (Nebukadnezar II.)

Die Entwicklungsgeschichte der Keilschrift ließ sich über Tontafeln mit Abschriften, welche Tempelschüler bei ihren Lehrmeistern machten, nachvollziehen. Anfänglich handelte es sich bei den Schriftzeichen um Piktogramme, um vereinfachte bildhafte Darstellungen eines Gegenstandes oder Wesens. Beispielsweise steht


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