Schlacht bei Ligny

Schlacht bei Ligny
Schlacht bei Ligny
Teil von: Belgienfeldzug 1815
Datum 16. Juni 1815
Ort Ligny in Wallonien
Ausgang taktischer Französischer Sieg, Strategisches Patt
Konfliktparteien
Flag of France.svg
Frankreich
Befehlshaber
Napoleon crop.jpg
Napoleon Bonaparte
Blücher (nach Gebauer).jpg
Gebhard von Blücher
Truppenstärke
rund 60.800 rund 82.700
Verluste
ca. 11.000 Tote und Verwundete ca. 14.000 Tote und Verwundete

In der Schlacht von Ligny trafen am 16. Juni 1815 – zwei Tage vor der Schlacht bei Waterloo – die französischen Truppen der Grande Armée unter Napoleon auf eine preußische Armee unter dem Kommando des Feldmarschalls Blücher. Ligny war Napoleons letzter Sieg. Er konnte die Truppen Blüchers unter Einsatz der Alten Garde zwar schlagen, aber nicht völlig vernichten. Dies sollte in Waterloo fatale Folgen für ihn haben.

Inhaltsverzeichnis

Napoleons Weg nach Ligny

George-Cruikshank-Karikatur als Reaktion auf Napoleons Rückkehr aus dem Exil

Ermutigt von Meldungen über die wachsende Unzufriedenheit des französischen Volkes mit der Herrschaft Ludwigs XVIII. war Napoleon am 1. März 1815 von seinem Exil auf der Insel Elba nach Frankreich zurückgekehrt. Österreich, Russland, Großbritannien und Preußen hatten sich daraufhin auf dem Wiener Kongress zum militärischen Eingreifen entschieden. Am 25. März erneuerten sie ihre große Allianz von 1814 und verpflichteten sich, eine Armee von insgesamt 700.000 Mann aufzustellen.

Napoleon wusste, dass er einem solchen Heer nichts Gleichwertiges entgegenzustellen hatte und entschied sich für einen Präventivschlag, solange die Armeen der Österreicher und Russen sich noch nicht mit den britischen und preußischen Truppen vereinigt hatten. Zu diesem Zweck baute er bis Mitte Juni ein neues, schlagkräftiges Heer auf und verließ am 12. Juni Paris, um das Kommando über die rund 128.000 Mann starke „Armée du Nord“ zu übernehmen, die er in der Gegend um Beaumont konzentrierte. Seine Zielobjekte waren die britische Streitmacht unter dem Befehl des Herzogs von Wellington, der 35.000 Briten, 41.000 Deutsche (Hannoveraner, Braunschweiger und Nassauer) sowie über 24.000 Niederländer und Belgier bei Brüssel zusammengefasst hatte sowie die von Feldmarschall Blücher befehligte 117.000 Mann starke preußische Armee, die auf der Linie CharleroiNamurLüttich stand.

Die Lage am Morgen der Schlacht

Taktische Karte der Schlacht von Ligny

Am 15. Juni hatte Napoleon die Sambre bei Charleroi überschritten und einen Keil zwischen Wellington und Blücher geschoben. Seine Armee war in drei Teile aufgeteilt: auf dem linken Flügel standen ein Korps und zwei Kavallerie-Divisionen unter dem Kommando Marschall Neys, auf dem rechten Flügel zwei Kavallerie-Korps unter Marschall Grouchy und im Zentrum drei Korps (darunter die Kaiserliche Garde) und Milhauds Kürassiere als Kavallerie-Reserve unter den Augen des Kaisers. Napoleons wichtigstes Ziel bestand darin, die beiden gegnerischen Armeen voneinander getrennt zu halten und einzeln zu schlagen. Zu diesem Zweck sollte Ney gegen die Briten auf Quatre-Bras vorrücken und dort Wellingtons Kräfte binden. Gleichzeitig sollten auf dem anderen Schauplatz die beiden Korps unter General Vandamme und General Gérard die Preußen frontal auf ihrer Verteidigungslinie zwischen Wagnelée, St. Amand und Ligny angreifen, während Grouchy, den linken preußischen Flügel umfassend, auf Sombreffe marschierte. Napoleon selbst wollte im Zentrum auf Fleurus vorstoßen und mit einem finalen Schlag unter Einsatz der Alten Garde die Entscheidung gegen die Preußen herbeiführen. Der Plan einer Trennung der beiden gegnerischen Armeen entsprach damit vollkommen jener Idee, mit der Napoleon ganz zu Beginn seiner militärischen Karriere im Italienfeldzug seine ersten großen Siege errungen hatte, als er am 12. und 14. April 1796 zunächst die Österreicher zu seiner Rechten und am 13. April die Sarden zu seiner Linken getrennt voneinander geschlagen hatte.

Blüchers Truppen bestanden aus dem I. preußischen Korps unter General Ziethen, dem II. Korps unter General Pirch und dem III. Korps unter General Thielmann. Das I. Korps stand in vorderster Reihe und hatte – unterstützt vom dahinter stehenden II. Korps – die Aufgabe, die Dörfer Ligny, Brye und St. Amand zu verteidigen, während das III. Korps den linken Flügel bildete und die Rückzugswege nach Gembloux und Namur deckte. Blücher und Wellington mussten vor allem vermeiden, voneinander getrennt zu werden. Noch am Morgen der Schlacht ritt Wellington deshalb zu einem Treffen mit Blücher bei der Windmühle von Brye und sagte ihm seine Unterstützung durch mindestens ein Korps zu. Nachdem Wellington von seinem Gespräch mit Blücher wieder in Richtung Quatre Bras aufgebrochen war, begann dieser, als Reaktion auf die Truppenbewegungen der Franzosen, Teile seines II. und III. Korps zur Verstärkung des in vorderster Front stehenden I. Korps unter General Ziethen zu beordern. Die von den Preußen eingenommene Verteidigungslinie war zwar insgesamt zu lang für die zur Verfügung stehenden Truppen, für den späten Nachmittag rechnete Blücher jedoch mit dem Eintreffen des IV. Korps unter General von Bülow, das von Lüttich aus in Richtung Südwesten auf ihn zu marschierte.

Bei Ligny standen insgesamt rund 60.800 Franzosen (55.000 Napoleon und 5.800 Grouchy) rund 82.700 Preußen gegenüber:

Napoleons Truppen (Organisation und Stärke)

Französischer Kürassieroffizier

Napoleon

  • Alte Garde (Infanterie) General de division Friant (8.089)
  • Junge Garde (Infanterie) Duhesme (6.860)
  • II. Korps General de division Reille (bei Quatre Bras, außer:)
  • 7. Infanteriedivision General de division Girard (3.941)
  • III. Korps General de division Vandamme (16.128)
  • 8. Infanterie-Division Lefol (5.023)
  • 10. Infanterie-Division Habert (5.439)
  • 11. Infanterie-Division General de division Berthezène (4.468)
  • 3. Kavallerie-Division Domon (1.198)
  • IV. Korps General de division Gérard (14.798)
  • 12. Infanterie-Division Pécheux (4.689)
  • 13. Infanterie-Division Vichery (4.037)
  • 14. Infanterie-Division Hulot (4.138)
  • 7. Leichte Kavallerie-Division General de division Maurin (1.934)
  • IV. Kavallerie-Korps Milhaud (2.701) (Kürassiere)
  • 13. Kavallerie-Division Wathier Saint-Alphonse (1.141)
  • 14. Kavallerie-Division Delort (1.560)

Im Anmarsch

  • VI. Korps Generallieutenant Lobau

Marschall Grouchy

  • I. Kavallerie-Korps Generallieutenant Pajol (2.465)
  • 4. Kavallerie-Division Soult (1.301)
  • 5. Kavallerie-Division Subervie (1.164)
  • II. Kavallerie-Korps Generallieutenant Exelmans (3.332)
  • 9. Kavallerie-Division Strolz (1.606)
  • 10. Kavallerie-Division Chastel (1.726)

Marschall Ney (bei Quatre Bras)

  • II. Korps Generalieutenant Reille
  • III. Kavallerie-Korps Kellermann
  • Leichte Kavallerie-Division der kaiserlichen Garde Lèfebvre-Desnouëttes

Zwischen Quatre-Bras und Ligny

Blüchers Truppen (Organisation und Stärke)

  • 1. Brigade Generalmajor von Steinmetz (7.835)
  • 2. Brigade Generalmajor von Pirch II. (6.876)
  • 3. Brigade Generalmajor von Jagow (6.698)
  • 4. Brigade Generalmajor Henckel von Donnersmarck (4.106)
  • Reserve-Kavallerie Generallieutenant von Röder (2.865)
  • Reserve-Artillerie Major von Rentzell (716)
  • II. Korps Generalmajor von Pirch I (30.026)
  • 5. Brigade Generalmajor von Tippelskirch (6.498)
  • 6. Brigade Generalmajor von Kraft (6.334)
  • 7. Brigade Generalmajor Johann Georg Emil von Brause (6.353)
  • 8. Brigade Generalmajor von Bose (6.072)
  • Reserve-Kavallerie Generalmajor von Wahlen-Jürgass (4.069)
  • Reserve-Artillerie Major Lehmann (700)
  • 9. Brigade Generalmajor von Borcke (6.557)
  • 10. Brigade Oberst von Kemphen (4.130)
  • 11. Brigade Oberst von Luck (4.201)
  • 12. Brigade Oberst von Stülpnagel (6.199)
  • Reserve-Kavallerie Generalmajor von Hobe (2.038)
  • Reserve-Artillerie Major von Grevenitz (419)

Im Anmarsch

Das Schlachtfeld

Umgebungskarte

Das Schlachtfeld von Ligny lag auf der Wasserscheide zwischen den Flüssen Schelde und Maas. Westlich von Fleurus entsprang der Ligny-Bach, der sich in nordöstlicher Richtung durch das kleine Dorf Ligny hindurch bis nach Sombreffe schlängelte. Der Bach war zwar nur wenige Meter breit, an seinen Rändern jedoch stellenweise sumpfig, so dass den Brücken in Ligny und St. Amand eine strategische Bedeutung zukam. Die befestigten Punkte von Bedeutung waren Ligny, St. Amand und Wagnelée, das mit St. Amand durch die beiden Weiler St.-Amand-le-Hameau und St.-Amand-la-Haye verbunden war. Die Gebäude dieser drei Ortschaften – und insbesondere diejenigen Lignys – waren durch ihre feste Bauweise und die sie umgebenden Bäume bestens zur Verteidigung geeignet. Weite Teile des übrigen Schlachtfeldes bestanden aus Feldern, auf denen das Getreide mannshoch stand. Auf einem Hügel nordwestlich von Ligny stand die Windmühle von Brye (auch Mühle von Bussy genannt), die gut als Aussichtspunkt geeignet war und in deren Nähe General Blücher während der Schlacht sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Napoleons Hauptquartier lag bei Fleurus, wo er von der Windmühle von Naveau aus ebenfalls einen guten Überblick über das Schlachtfeld hatte.

Chronologie der Schlacht

Auftakt: Angriff auf St. Amand

Erst als er gegen 14:30 Uhr von Quatre-Bras aus Kanonendonner hörte und damit klar war, dass vom linken Flügel keine Gefahr drohte, konnte Napoleon seinen Angriff gegen die preußischen Linien beginnen. Zudem war Gérards IV. Korps, das von Südwesten in Richtung Ligny vorrückte und eine wichtige Rolle in den Angriffsplänen Napoleons spielte, erst verspätet in Fleurus eingetroffen. Beide Verzögerungen sollten sich später als verhängnisvoll erweisen.

Napoleon begann den Angriff mit einem Artilleriefeuer der bei Fleurus stehenden Garde. Kurz darauf griff Vandammes III. Korps den kleinen Weiler St.-Amand-la-Haye an. Die dort stehenden Preußen der Brigade Jagow konnten der angreifenden Division Lefol nicht standhalten und mussten zurückweichen. Doch nur kurze Zeit später erfolgte der Gegenangriff durch General Steinmetz, der das Dorf mit sechs Bataillonen der 1. Brigade zurückeroberte. Ein erneuter Angriff der Franzosen, bei dem Vandamme seine Truppen durch die Division Girard (Korps Reille) verstärkte, führte zu einem erbitterten Kampf, in dessen Verlauf die Preußen rund 2.500 Mann verloren und St.-Amand-la-Haye aufgeben mussten.

Damit drohte Blüchers rechte Flanke zusammenzubrechen, weshalb er Pirchs 2. Brigade in den Kampf um St.-Amand-la-Haye schickte. Obwohl General Girard hierbei schwer verwundet wurde (er starb am 25. Juni an den Folgen der Verwundung in Paris) konnten die Franzosen ihre Stellung behaupten. Daraufhin beorderte Blücher Teile des von General von Tippelskirch geführten II. Korps zu einem Umfassungsangriff auf die linke Flanke der Franzosen. Die in der Zwischenzeit von Vandamme vor Wagnelée platzierten Verstärkungen verhinderten diesen Plan jedoch, indem sie die auf dem Marsch befindliche Brigade Tippelskirchs aus dem Schutz der Getreidefelder heraus überraschten und in das Dorf zurücktrieben.

Nun verließ Blücher seinen Beobachtungsposten in der Windmühle von Brye und griff persönlich in den Kampf ein. Unter seiner Führung gelang der preußische Gegenangriff auf die in den vorangegangenen Kämpfen stark geschwächten Franzosen, so dass sich St.-Amand-la-Haye wieder in der Hand der Preußen befand. Damit wurden um 17 Uhr immer noch St. Amand, St.-Amand-la-Haye und Wagnelée von preußischen Truppen gehalten.

Die Schlacht um Ligny

Gegen 15 Uhr eröffnete General Gérard mit dem IV. französischen Korps die Schlacht um Ligny. Unter schwerem preußischen Artilleriefeuer gelang der 12. Infanteriedivision unter Baron Pécheux der Einbruch bis zur Kirche des Dorfes. Bei ihrem Vorstoß gerieten die Franzosen jedoch unter heftigen Beschuss von allen Seiten. In kurzer Zeit fielen über 500 Mann, darunter 20 Offiziere, während sich der Rest wieder zurückziehen musste. Daraufhin schickte Napoleon ihm eine Anzahl von 12-Pfünder-Geschützen der Garde zur Unterstützung, die – zusammen mit der Artillerie des IV. Korps – zahlreiche Gebäude Lignys in Brand schossen. Bei dem folgenden erneuten Angriff der Infanterie entbrannte ein erbitterter Häuserkampf, in dessen Verlauf die Preußen, verstärkt durch die 3. Brigade unter General von Jagow, Ligny zurückerobern konnten.

Der preußische Leutnant Gerhard Andreas von Garrelts berichtete später als Augenzeuge von den Qualen, denen die unvermutet in den Mittelpunkt des Schlachtgeschehens geratene belgische Zivilbevölkerung in diesen Stunden ausgesetzt war:

„Ligny stand zur Hälfte in Brand, das alte Schloß loderte in hellen Flammen auf […] Bei dieser Gelegenheit fanden wir noch in einem Hause, worin alle Fenster zertrümmert waren, zwei alte Leute, Mann und Frau, ruhig aber gäntzlich gefühllos und betäubt am Heerde sitzen, ohne Regung, die Ellenbogen auf die Kniee und den Kopf auf die Hände gestützt; uns jammerte das Bild! Wahrscheinlich hatte die Armen das Gefecht überrascht und nun wußten sie nicht, wie sie sich der Gefahr entziehen sollten noch mochten; so sehr uns auch der Tod umstarrte [sic!], so fühlten wir doch herzliches Mitleid mit diesen beiden Alten, aber sie waren nicht zu bewegen, sich von da zu entfernen.“

Die verpasste Chance

Gegen 17 Uhr entschied Feldmarschall Blücher sich zu einem Einsatz des noch frischen II. Korps unter General von Pirch, das er in die Gegend südlich von Brye beorderte. Etwa zur selben Zeit sichtete General Vandamme auf der linken französischen Flanke eine Truppe von 20.000–30.000 Mann in Richtung Fleurus vorrücken, die er fälschlicherweise für den Feind hielt. Napoléon, der gerade im Begriff stand, den entscheidenden Schlag auf das Zentrum vorzubereiten, wurde von dieser Nachricht völlig überrascht. Er hatte um 15:30 Uhr eine handschriftliche Notiz (in der englischsprachigen Literatur als pencil note bezeichnet) an Ney geschickt, wonach dieser das I. Korps unter Marschall Drouet d’Erlon zum Angriff im Rücken der rechten preußischen Flanke beordern sollte. Die von Vandamme gemeldeten Truppen schienen jedoch die linke französische Flanke zu bedrohen. Darüber hinaus konnte es sich – unter Berücksichtigung der Zeit, die der mit der Überbringung der handschriftlichen Notiz beauftragte Comte de la Bédoyère bis zu Ney brauchte – noch gar nicht um Drouet d’Erlons I. Korps handeln. Napoléon wusste allerdings nicht, dass de la Bédoyère das I. Korps zu einem Zeitpunkt erreicht hatte, als d’Erlon gerade in Richtung Quatre Bras vorausgeritten war, um sich dort einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Angesichts der Dringlichkeit, mit der der Kaiser die Verstärkung bei Ligny erwartete, hatte de la Bédoyère das I. Korps unter Überschreitung seiner Kompetenzen nach Osten abdrehen lassen, so dass es schon kurz nach 17 Uhr in Sichtweite Vandammes geriet. Ney, der sich über die Pläne Napoleons zu diesem Zeitpunkt offensichtlich nicht voll im Klaren war, hatte inzwischen von dem Abdrehen des I. Korps erfahren und diesem einen entgegengesetzten Befehl hinterhergeschickt, in dem er Drouet d’Erlon zur sofortige Umkehr nach Quatre-Bras aufforderte. Als Drouet d’Erlon, der seine Truppen inzwischen wieder eingeholt hatte, Neys Order erhielt, ließ er sein Korps – nur wenige Kilometer von Ligny entfernt – erneut wenden und nach Quatre Bras zurückmarschieren, was schließlich zur Folge hatte, dass das I. Korps an diesem Tag nicht mehr in die Kämpfe eingriff.

Die auf französischer Seite hervorgerufene Verzögerung nutzte Blücher aus, indem er einen Angriff auf die linke Flanke der Franzosen befahl. Von seinem Beobachtungsposten in der Mühle von Brye konnte er sehen, wie seine Truppen über St. Amand hinaus nach Westen vorstießen. In diesem Moment erhielt Vandammes Korps jedoch unverhoffte Unterstützung durch Duhesmes Junger Garde. Diese stoppte den gegnerischen Vormarsch und warf die Preußen wieder in ihre ursprünglichen Stellungen zurück.

Preußischer Gegenangriff

Gegen 19 Uhr stellte sich die Situation etwa wie folgt dar: Grouchys Kavallerie hatte Tongrenelle erobert und rückte auf Mont-Potiaux vor, im Zentrum bei Ligny fanden weiterhin heftige Kämpfe statt, während sich die angreifende Junge Garde auf der rechten preußischen Flanke erschöpft zu haben schien. Als Blücher in diesem Moment aus Quatre Bras die Nachricht erhielt, Wellington werde selbst schwer von Ney bedrängt und könne deshalb keinesfalls Unterstützung nach Ligny schicken, entschied er sich zu einem Gegenangriff auf die linke französische Flanke, um hier die Entscheidung herbeizuführen. Zunächst verstärkte er die angeschlagenen Truppen in Ligny, dann sammelte er die letzten zu seiner Verfügung stehenden Reserven und führte persönlich einen Angriff auf St. Amand. Auf diese Weise gelang den Preußen zunächst die Rückeroberung von St.-Amand-le-Hameau. Auf ihrem weiteren Vormarsch wurden sie jedoch von den Jägern der Kaiserlichen Garde westlich von St. Amand zurückgeschlagen und traten einen ungeordneten Rückzug nach St.-Amand-la-Haye an.

Napoleon setzt die Alte Garde ein; Blücher entgeht nur knapp dem Tod

Grenadier der Alten Garde, Ölbild von Edouard Detaille

In dieser Situation entschied sich Napoleon für den finalen Gegenschlag und setzte die Alte Garde, die von Guyot geführte Reserve-Kavallerie der Jungen Garde sowie die schwere Kavalleriedivision Milhauds – rund 2.700 Mann Kürassiere – in Richtung des preußischen Zentrums bei Ligny in Bewegung. Nach einem vom Beschuss der preußischen Artillerie begleiteten etwa zwanzigminütigen Marsch leitete Napoleons eigene Gardeartillerie den Angriff auf die preußischen Stellungen ein. Gegen 19:45 Uhr begannen die beiden Divisionen der Alten Garde den Sturm auf Ligny und die nach fünfstündigem Kampf erschöpften Preußen wichen zurück.

Als Reaktion auf den Ansturm der Garde befahl Blücher nun den Gegenangriff der Reserve-Kavallerie unter Generalleutnant von Röder, bei dem er erneut selbst mitritt. Dabei wurde sein Pferd von einer Kugel tödlich getroffen und der 72-jährige Blücher beim anschließenden Sturz unter ihm begraben. Von den über ihn hinwegreitenden französischen Kürassieren unentdeckt wurde er zwar später von einem seiner Adjutanten, Major von Nostitz, gerettet, war aber genau zu jenem Zeitpunkt außer Gefecht, als die französische Kavallerie den preußischen Gegenangriff zurückschlug.

Rückzug der Preußen

Bereits gegen 20 Uhr meldete Generalmajor Kraft, das Dorf Ligny nicht länger halten zu können. Nur eine halbe Stunde später brach die Alte Garde durch Ligny hindurch. Damit war die Schlacht für die Preußen verloren. Jetzt lastete die Verantwortung der Entscheidung auf Generalleutnant von Gneisenau, der an Stelle des vermissten Blücher den Befehl übernommen hatte. Gneisenau entschied sich zum Rückzug in nördlicher Richtung auf Tilly zu, was zwar die Verbindungslinien zum Rhein bedeutend verlängerte, jedoch die Möglichkeit offenhielt, Wellington im Falle eines französischen Angriffs zu Hilfe zu kommen.

Doch zunächst ging der Kampf weiter. Noch bis drei Uhr morgens hielt Generalmajor von Jagow den kleinen Ort Brye, während die übrigen preußischen Truppen in einem ungeordneten Rückzug nach Norden strömten. Der Einbruch der Dunkelheit verhinderte jedoch die konsequente Verfolgung durch die Franzosen. Darüber hinaus hatte Röders Gegenangriff einem Teil der im Zentrum kämpfenden preußischen Infanterie zur Flucht verholfen. Und die auf den Flanken stehenden Truppen unter Ziethen und Thielemann hatten sich bis zu dem Punkt halten können, als das Zentrum endgültig zusammenbrach. Obwohl etwa 8.000 preußische Soldaten das Durcheinander des Rückzuges zur Desertion nutzten, war die preußische Armee am 16. Juni ihrer Vernichtung entgangen und Napoleons Schlachtplan von Ligny damit gescheitert.

Folgen

Napoleons versäumte Chance einer vollständigen Vernichtung der preußischen Armee hatte maßgeblichen Einfluss auf den weiteren Verlauf des Belgienfeldzuges. Während Grouchy zusammen mit den Einheiten Vandammes und Gérards den Auftrag erhielt, Blücher weiter zu verfolgen, verband sich Napoleon mit den Einheiten von Ney und zog Richtung Norden zum Kampf gegen Wellington, den er am Abend des 17. Juni südlich von Waterloo stellte. Aufgrund des schlechten Wetters und der Erschöpfung seiner Soldaten verschob Napoleon den Angriff jedoch auf die Mittagszeit des nächsten Tages. Diese Verzögerung stellte sich später als verhängnisvoll heraus. Während in Waterloo bereits die Schlacht tobte, gelang es den Preußen nämlich, ihrem Verfolger Grouchy zu entkommen und Wellington im entscheidenden Moment zu Hilfe zu eilen. Damit war der britisch-preußische Sieg am 18. Juni 1815 auch eine indirekte Folge der Ereignisse, die sich zwei Tage zuvor bei Ligny abgespielt hatten.

Nur einen Tag nach seiner Rückkehr nach Paris dankte Napoleon am 22. Juni zugunsten seines Sohnes ab und starb sechs Jahre später in der Verbannung auf St. Helena. Am 8. Juli 1815 kehrte Ludwig XVIII. als König nach Paris zurück. Die Episode der Hundert Tage war beendet.

Militärgeschichtliche Bewertung des Schlachtverlaufs

In ihrer Analyse der Ereignisse vom 16. Juni hat die militärgeschichtliche Forschung verschiedene Theorien darüber entwickelt, warum Napoleons Plan einer vollständigen Vernichtung der preußischen Armee misslang. Am naheliegendsten ist es dabei, der zu langen Bindung der Kräfte Neys bei Quatre Bras die Schuld für das Scheitern zuzuweisen. In den Befehlen, die Ney am Morgen des 16. Juni von Napoleon erhielt, war lediglich von einer Einnahme Quatre Bras' die Rede. Um 14 Uhr schickte Napoleon dann den Befehl an Ney, dieser solle nach der Einnahme von Quatre Bras nach Ligny vorrücken, um dort in die rechte Flanke und den Rücken der Preußen zu fallen. Um 15:15 Uhr ließ Napoleon durch General Soult eine erneute Depesche an Ney schicken, in der er seinen Befehl von 14 Uhr dahingehend präzisierte, dass Ney die britischen Truppen bei Quatre Bras nur mit einem absoluten Minimum an eigenen Truppen aufhalten und stattdessen den größeren Teil seiner Kräfte zur Unterstützung nach Ligny schicken solle. Die bereits erwähnte handschriftliche Notiz von 15:30 (pencil note), die Ney ganz ausdrücklich anwies, das von Südwesten anrückende I. Korps unter Drouet d'Erlon sofort zur Unterstützung nach Ligny zu beordern, kam jedoch nie bei Ney an. Dieses für den Schlachtverlauf nicht unerhebliche Dokument ist jedoch nicht überliefert worden und gab damit der militärgeschichtlichen Forschung Anlass für zahlreiche Spekulationen. Klar ist, dass das Ausbleiben des I. Korps in Ligny den Schlachtverlauf entscheidend beeinflusste. Hätten die frischen Truppen die Preußen gemäß Napoleons Anweisung im Rücken angegriffen, wäre das Schicksal der preußischen Armee besiegelt gewesen und der gesamte weitere Verlauf des Belgienfeldzuges hätte womöglich eine andere Wendung genommen. Die zahlreichen Kommentatoren der Schlacht sehen die Hauptschuld mal bei Ney, dem sie vorwerfen, Napoleons Pläne nicht voll und ganz begriffen zu haben, mal bei Drouet d'Erlon, der es auf seinem Weg nach Ligny versäumte, Kontakt zu den nicht weit von ihm entfernt stehenden Truppen General Vandammes aufzunehmen, oder aber bei de la Brédoyère, als er das I. Korps nach Osten schwenken ließ und damit seine Kompetenzen überschritt. Wieder andere Stimmen meinen, der späte Beginn der Schlacht habe deren Ergebnis schon vorherbestimmt. Welcher der von der militärgeschichtlichen Forschung angeführten Gründe auch immer für den Ausgang der Schlacht bei Ligny ausschlaggebend gewesen sein mag, unbestritten ist, dass das Misslingen des entscheidenden Schlags gegen Blüchers Preußen zwei Tage vor Waterloo schon den Keim für das endgültige Scheitern Napoleons in sich trug.

Rezeptionsgeschichte

Die nachträgliche Heroisierung der Ereignisse in der Schlachtenmalerei des 19. Jahrhunderts. Hier: Leutnant v. Schmeling bei Ligny, nach einem Historiengemälde von Adalbert von Rößler, aus: Bildersaal deutscher Geschichte (Ausgabe von 1899)

Neben einer Fülle von militärgeschichtlichen Abhandlungen, die in ihrer Schilderung und Bewertung der Schlachtereignisse – je nach Nationalität des Autors – zumeist deutlich dem einen oder dem anderen Lager zuzuordnen sind, wurde die Erinnerung an die Napoleonische Ära lange Zeit durch die zahlreichen bildlichen Darstellungen vorwiegend französischer, britischer und deutscher Künstler wachgehalten. Für Frankreich sind vor allem Louis Ernest Meissonier, Jean Baptiste Edouard Detaille, Felix Philipoteaux, Théodore Géricault und Emile Jean Horace Vernet zu nennen, deren Darstellungen einzelner Situationen aus den Feldzügen Napoleons bis heute unsere Vorstellung prägen. In der deutschen Historienmalerei des 19. Jahrhunderts rangierten die Befreiungskriege noch vor den Rückbezügen auf die germanische Zeit und das mittelalterliche Kaisertum an erster Stelle. Motiviert durch ein steigendes Interesse an der nationalen Vergangenheit und in dem Glauben an die Macht der Geschichte entstanden zahlreiche Gemälde, die das Bild vom Kampf der Deutschen in den Kriegen der napoleonischen Ära verklärten und dabei eine Popularität erlangten, die heute kaum noch vorstellbar ist. Die heute verfügbaren Darstellungen zur Schlacht von Ligny stammen also aus einer Zeit, in der sich Vereine die „Förderung des vaterländischen Geschichtsbildes“ zur Aufgabe machten und Prachtbände wie der „Bildersaal deutscher Geschichte“ zum Schmuck bürgerlicher Wohnzimmer gehörten. Während im 19. Jahrhundert wohl vorausgesetzt werden durfte, dass mit Bildunterschriften wie „Leutnant von Schmeling bei Ligny“ beim Betrachter konkrete Vorstellungen zu den Hintergründen der dargestellten Szene abgerufen werden konnten, bleibt dem heutigen Betrachter der Kontext der Darstellung zumeist verschlossen. Keines der Gemälde zur Schlacht von Ligny ist in der breiteren Öffentlichkeit überhaupt noch bekannt. Sowohl in den äußerst zahlreichen Napoleonbiografien als auch in den militärgeschichtlichen Werken zum Feldzug von 1815 finden sich überwiegend Abbildungen, die die zwei Tage später stattfindende Schlacht von Waterloo thematisieren. Dies spiegelt nicht allein den Wandel des öffentlichen Geschichtsbildes, sondern auch den Bedeutungswandel der heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Ereignisse von Ligny wider.

Literatur

Hilfsmittel

  • David G. Chandler: Dictionary of the Napoleonic Wars, New ed., London 1993, ISBN 1-85367-150-9

Moderne Analysen

  • Peter Hofschröer: 1815, the Waterloo campaign, Band 1: Wellington, his German allies and the battles of Ligny and Quatre Bras, London 1998, ISBN 1-85367-304-8 – Der Feldzug von 1815 in einer modernen und fundierten Darstellung von einem Militärhistoriker und Fachmann für die Armeen dieser Zeit. Erarbeitet nach teils bisher unbekanntem Material (Augenzeugenberichte und Regiments-Berichte aus deutschen, britischen und holländischen Archiven). Insgesamt ergibt sich hieraus eine neue Beurteilung des Schlachtgeschehens.
  • Detlef Wenzlik: Waterloo – Der Feldzug von 1815, Hamburg 1997, ISBN 3931482049 – Gesamtüberblick über das Jahr 1815: Wiener Kongress, Hundert Tage, Zusammensetzung der französischen und verbündeten Armee. Der Schwerpunkt liegt auf dem Feldzug in Belgien mit den Schlachten von Ligny, Quatre-Bras, Waterloo und Wavre.
  • Andrew Uffindell: The Eagle's Last Triumph: Napoleons's Victory at Ligny, 1815. Greenhill, London [u.a.] 1994, ISBN 1-85367-688-8.

Ältere Darstellungen

  • Archibald Frank Becke: Napoleon and Waterloo: the emperor's campaign with the armée du nord, 1815. A strategical and tactical study, Bd. 1, London 1914
  • Carl Rudolf von Ollech: Geschichte des Feldzuges von 1815: nach archivalischen Quellen, Berlin 1876
  • Adolf Christian Heinrich Henke: Darstellung des Feldzuges der Verbündeten gegen Napoleon im Jahr 1815. Mit dem Plane der Schlachten bei Ligny und Belle-Alliance, Erlangen 1816 – Eine der ersten der in Deutschland erschienenen Darstellungen. Aus heutiger Sicht wenig ergiebig und stark antifranzösisch geprägt.

Augenzeugenberichte

  • Gerhard Andreas von Garrelts: Die Ostfriesen im Deutschen Befreiungskriege: Geschichte des ehemaligen 3. Westphälisch-Ostfriesischen Landwehr-Infanterie-Regiments, der freiwilligen Jäger, der Cavallerie, des Ersatz- und Reserve-Bataillons seit ihrer Entstehung bis zur Auflösung in den Kriegsjahren 1813, 1814 und 1815, nebst einer allgemeinen Übersicht der Kriegsereignisse dieser Zeit, Neudruck der Ausgabe Leer 1856, Wiesbaden 1981, ISBN 3-88706-020-2 – Garrelts hat als Leutnant selbst in der Schlacht von Ligny mitgekämpft. Das 3. Westfälische Landwehr-Infanterie-Regiment gehörte zur 3. Brigade (Generalmajor von Jagow) des I. preußischen Armeekorps unter Generalleutnant von Ziethen.
  • Friedrich Carl Ferdinand Freiherr von Müffling: Aus meinem Leben, Berlin 1851 – Während der Schlacht von Ligny fungierte Generalmajor Müffling als preußischer Verbindungsoffizier im Hauptquartier Wellingtons.

Weblinks

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