Programm Nord

Programm Nord

Das Programm Nord umfasste regionale strukturpolitische Maßnahmen, die in Schleswig-Holstein in den Jahren von 1953 bis 1988 von der Landesregierung veranlasst und mit Mitteln des Landes und Bundes sowie der Europäischen Gemeinschaft finanziert wurden.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland zeigten sich im Bundesland Schleswig-Holstein im Vergleich zu den anderen Bundesländern erhebliche Strukturschwächen. Der damalige sozialdemokratische Ministerpräsident Hermann Lüdemann wollte diese Schwächen in der Wirtschaftsleistung bereits um 1949 durch die Bildung eines Nordstaates ausgleichen, womit er jedoch scheiterte. Der christdemokratische Ministerpräsident Friedrich Wilhelm Lübke ließ in den Monaten nach seiner Amtsübernahme am 25. Juni 1951 ein erstes Sanierungsprogramm ausarbeiten, das insbesondere die Kreise in Südschleswig berücksichtigen sollte. Dieses Programm richtete sich auch gegen die sogenannte neudänische Bewegung.

Unter dem Eindruck der Schäden durch die Flutkatastrophe von 1953 und angesichts des nicht ausreichenden Schutzes an der schleswig-holsteinischen Westküste wurden die Planungen forciert. Am 24. Februar 1953 faßte die Landesregierung folgenden Beschluss: Die Erschließung der notleidenden Gebiete des Landesteiles Schleswig ist eine im Interesse der Landeskultur vordringlich durchzuführende Aufgabe. Zur Lösung ist ein sogenanntes "Programm Nord" ausgearbeitet worden.[1] Die Umsetzung des Programms endete nach etwa 35 Jahren gegen 1988.

Organisation

Zur Koordination der Maßnahmen wurde die Schleswig-Holsteinische Landgewinnungs- und -erschließungsgesellschaft mit beschränkter Haftung GmbH gegründet, die seit 1970 als "Programm Nord" GmbH firmierte. Die Gesellschafter am Stammkapital von 20.000,00 DM waren bei der Gründung

Im Jahr 1960 reduzierte das Land Schleswig-Holstein seinen Anteil auf 50%. Die drei Kreise stellten als Gesellschafter 15% Anteile zur Verfügung. Diese freien 25% Anteile übernahmen die Kreise Eiderstedt, Norderdithmarschen, Süderdithmarschen, Rendsburg und Schleswig zu je 5%. Insgesamt acht Kreise verfügten nun über einen Gesellschafteranteil von 40%.[2]

Gegenstand der GmbH war gemäß Gesellschaftervertrag die Förderung der Allgemeinheit durch die Gesamterschließung der unentwickelten Räume im Arbeitsgebiet der Gesellschaft, insbesondere die Zusammenfassung der Planungen und Abstimmung aller Maßnahmen, die diesem Zweck dienen, sowie die Koordinierung der Finanzierung und die Mitwirkung an der Geldmittelbewirtschaftung.[2]

Im Gegensatz zur Emsland GmbH übernahm die schleswig-holsteinische Gesellschaft keine unmittelbare Bewirtschaftung des Programms Nord. Die Finanzierungsmittel, die um die Bundesmittel aus dem Finanzausgleich ergänzt wurden, stammten aus dem Haushaltsplan des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Zahlungen konnten jedoch nur im Einvernehmen mit der GmbH geleistet werden.[2]

Maßnahmen

Die damalige geografische und politische Situation Schleswig-Holsteins war durch diese Faktoren gekennzeichnet: Die Lage an der Westküste erforderte wasserwirtschaftliche Abflusseinrichtungen, weil Teilgebiete der Marsch unterhalb des Meeresspiegels liegen. Zugleich sollten sich die Einrichtungen zur Gewinnung von Trink- und Brauchwasser nicht in der Marsch sondern in der Geest befinden, um eine Versalzung des marscheigenen Grundwassers zu verhindern. Die für das Land typische Waldarmut begünstigte eine Sandflucht des Ackerbodens. Besondere politische Probleme ergaben sich aus der großen Zahl der Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Schleswig-Holstein eine neue Heimat suchten. Der Bevölkerungsanstieg von 1939 (1,6 Mio. Einwohner) bis 1948 (2,7 Mio. Einwohner) betrug 1,1 Mio. Einwohner.[3] Aus diesen Gegebenheiten heraus entstand ein Katalog von Maßnahmen, die folgende Infrastrukturbereiche betrafen:

Zu den einzelnen Bereichen existierten spezielle Arbeitskreise. Zu ihren Aufgaben gehörte die Benennung derjenigen Erschließungsräume, die innerhalb Schleswig-Holsteins am meisten benachteiligt waren.

Erschließungsräume

Mit Stand vom 1. April 1960 umfasste das Programm Nord eine Gesamtfläche von ca. 542.300 ha, die in sieben Erschließungsräume aufgeteilt war:[4]

  1. A: Wiedau-Bongsiel
  2. B: Arlau/Husumer Mühlenau
  3. C: Obere Treene
  4. D: Eiderstedt
  5. E: Eiderbecken
  6. F: Dithmarschen ohne Eiderbecken
  7. G: Nordfriesische Inseln und Halligen.

Gemäß der damaligen Kreisaufteilung gehörten zum gesamten Entwicklungsgebiet die Kreise Südtondern, Husum, Eiderstedt, Norderdithmarschen und Süderdithmarschen. Im Wesentlichen kennzeichnete eine natürliche Benachteiligung diese Erschließungsräume. Hierzu zählte insbesondere die sogenannte Wasserhypothek, bei der es sich um Belastungen aus dem Einfluss der Tide handelt.[5]

Projekte

Aus politischen Gründen begann das Programm Nord im ehemaligen Kreis Südtondern, einem Grenzgebiet zu Dänemark. Als ein erstes Projekt wurde der Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog realisiert, dessen Eindeichung 1954 abgeschlossen war. Die landwirtschaftliche Nutzung des Kooges begann 1955; die Besiedlung endete 1959.

Ein weiteres Koog-Projekt an der Nordseeküste war in den Jahren von 1958 bis 1960 die Eindeichung eines 1.200 Hektar großen Gebietes zwischen Fahretoft und Ockholm. Der neue Koog, zu dem auch der Bau des Hafens Schlüttsiel gehört, trägt seit seiner Fertigstellung den Namen Hauke-Haien-Koog. Hier entstanden zehn Aussiedlerhöfe für Landwirte aus der Treeneniederung.

Literatur

  • Claus Bielfeldt u.a. Autoren: Charakter und Nutzen des Landeskulturwerks Programm Nord. Vervielfältigtes Manuskript, Kiel 1957
  • Claus Bielfeldt u.a. Autoren: Landentwicklung als gesellschaftliche Aufgabe. Dargestellt am Beispiel des Programm Nord. Schaper, Hannover 1962
  • Uwe Danker: Programm Nord. In: Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt, Ortwin Pelc (Hrsg.): Schleswig-Holstein Lexikon. 2. Aufl., Wachholtz, Neumünster 2006 ISBN 3-529-02441-4
  • Uwe Danker: Landwirtschaft und Schwerindustrie Schleswig- Holsteins seit 1960. Schlaglichter auf sektoralen Strukturwandel. In: Robert Bohn u.a. (Hrsg.): Demokratische Geschichte. Band 18, 2007, S. 166-216 (siehe pdf-Datei unter Weblinks)
  • Ernst Siegfried Hansen: Kurier der Heimat. Das Spiel um Schleswig zwischen Kapitulation und Programm Nord. Heimat-Verlag, Bielefeld 1955
  • Lutz Lehmann: Schleswig-Holstein unter besonderer Berücksichtigung des Programm Nord. Lang, Frankfurt am Main u.a. 1988 ISBN 3-820-49197-X
  • Programm Nord GmbH: Gezielte Landentwicklung 25 Jahre. Kiel 1979
  • Dietrich Wiebe: Das Programm Nord. Kulturlandschaftswandel durch raumwirksame Staatstätigkeit in Schleswig-Holstein. Schöningh, Paderborn 1979, ISBN 3-506-23532-X
  • Ursula Wenk: Die zentralen Orte an der Westküste Schleswig-Holsteins unter besonderer Berücksichtigung der zentralen Orte niederen Grades. Neues Material über ein wichtiges Teilgebiet des Programm Nord. Geographisches Institut der Universität Kiel, Kiel 1968

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Dietrich Wiebe: Das Programm Nord. Kulturlandschaftswandel durch raumwirksame Staatstätigkeit in Schleswig-Holstein. Schöningh, Paderborn 1979, S. 1.
  2. a b c August Fröbe: Inhalt und Leistung des Programm-Nord 1953 bis 1962. In: Claus Bielfeldt u.a. Autoren: Landentwicklung als gesellschaftliche Aufgabe. Dargestellt am Beispiel des Programm Nord. Schaper, Hannover 1962, S. 88f.
  3. Lemma Flüchtlinge. In: Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt, Ortwin Pelc (Hrsg.): Schleswig-Holstein Lexikon. 2. Aufl., Wachholtz, Neumünster, 2006.
  4. August Fröbe: Inhalt und Leistung des Programm-Nord 1953 bis 1962. In: Claus Bielfeldt u.a. Autoren: Landentwicklung als gesellschaftliche Aufgabe. Dargestellt am Beispiel des Programm Nord. Schaper, Hannover 1962, S. 89f u. Karte Anlage 2.
  5. Claus Bielfeldt u.a. Autoren: Landentwicklung als gesellschaftliche Aufgabe. Dargestellt am Beispiel des Programm Nord. Schaper, Hannover 1962, S. 10.

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