Geschichte der Stadt Bruchsal

Geschichte der Stadt Bruchsal
Michaelsberg (Michelsberg)

Die Geschichte der Stadt Bruchsal beginnt bereits im 4. Jahrtausend vor Christus, als es eine Ansiedlung auf dem Michaelsberg gab (Michelsberger Kultur).

Inhaltsverzeichnis

Anfänge bis 1. Jahrtausend n. Chr.

Die älteste Ansiedlung ist im Jahre 640 bei der heutigen Peterskirche nachweisbar. Erstmals urkundlich erwähnt wird Bruchsal 976 anlässlich des Besuchs Königs Otto II. als bruhosella inter paludes = Königshof (oder Wohnsitz) zwischen den Sümpfen erwähnt, wobei althochdeutsch 'bruho', 'bruoc' = Bruch, Sumpf und 'sella' = Wohnsitz, Halle bedeutet. 966 erwähnt Otto der Große in einer Urkunde die heutige belgische Hauptstadt Brüssel als "Bruocsella" mit derselben Bedeutung. Der Namen änderte sich im Laufe ca. 900 Jahren von Bruhosella über Bruohsele, Bruohsela, Brochsale, Broxole, Brucsel, Brusela, Bruoselle, Bruhsel, Bruchsel (16. Jahrhundert), Prussel zu Bruchsal. 980 rasten Otto II., seine Frau Theophanu und Gefolge vom 8. bis 11. Oktober in Bruchsal im Königshof. 985 eignet Herzog Otto sich Bruchsal im salischen Kirchenraub an.

Mittelalter

Im Jahr 1002 nimmt Heinrich II. in Bruchsal die Unterwerfung seines Rivalen Herrmann von Schwaben entgegen. 1056 schenkt Heinrich III. dem Bischof von Speyer (Konrad I.) die Ansiedlung. Die Stadt verbleibt beim Bistum Speyer bis zur Säkularisation 1802 und wird Sitz eines Verwaltungsbezirks, der zunächst nur das eigentliche Stadtgebiet umfasst. 1067 wohnt Heinrich IV. zeitweise in Bruchsal.

Bei dem Ortsteil Helmsheim befand sich auf dem "Schlossbuckel" eine Burg, die Burg Helmsheim.

1248 wird Bruchsal erstmals als Stadt bezeichnet, 1278 die Kirche St. Peter erstmals erwähnt, 1320 diese und der Königshof (Schloss) nach Beschädigung wieder neu aufgebaut, 1358 der Bergfried erbaut, und 1452 die Stadtmauer vollendet. 1460 finden in Bruchsal erste Münzprägungen statt.

16.–18. Jahrhundert

Der Untergrombacher Bauernführer Joß Fritz, Holzschnitt von Albrecht Dürer

1502 wählt der erste Bauernaufstand (Bundschuh-Bewegung) unter Joß Fritz aus Untergrombach Bruchsal zum Angriffsziel. Durch Verrat werden die Anführer gefasst, zehn im Schlosshof des alten Schlosses enthauptet. Joß Fritz entkommt in den Südschwarzwald. Der Bauernaufstand erreicht 1525 seinen Höhepunkt. Teuerung, Hungersnot und Pest tragen zum Aufstand auch der Bürger bei. Der Aufstand wird von den Truppen des Kurfürsten und Erzbischofs niedergeschlagen. Die bekannten Bauern-Anführer Hall, Wurm und der Pfarrer Anton Eisenhut werden gefasst und im Schlosshof enthauptet.

Im Dreißigjährigen Krieg wird Bruchsal 1622 von Mansfeld-Truppen verwüstet. 1644 plündert die französische Garnison aus Philippsburg Bruchsal, auch 1676 wird die Stadt durch die Franzosen teilweise zerstört, und am 10. August 1689 unter dem Befehl des französischen Generals Duras erneut beschossen und total zerstört. Bruchsal zählt noch 130 Einwohner.


Am 24. April 1711 weilt Prinz Eugen von Savoyen in Bruchsal. 1716 übersiedelt der Bischof von Speyer, Heinrich von Rollingen, ins Bruchsaler Schloss. Damit wird Bruchsal Residenzstadt des Fürstbistums Speyer. Die Stadt wird gleichzeitig Sitz des Vizedomamts, welches das größte rechtsrheinische Amt des Fürstbistums darstellt. 1719 wird Kardinal Damian Hugo von Schönborn neuer Fürstbischof. Unter seiner Verwaltung entstehen durch die Pläne Balthasar Neumanns unter anderem ab 1722 das neue Barock-Schloss und ab 1742 die Peterskirche. Franz Christof von Hutten, der Nachfolger Schönborns, vollendete 1743 die umfangreichen Baumaßnahmen der Barockstadt Bruchsal, darunter auch Damianstor und Kaserne. Um 1755 wird auf seine Veranlassung hin das heutige Schönborn-Gymnasium eingerichtet. 1770 tritt der neue Bischof Graf Damian August Philipp Karl von Limburg-Stirum sein Amt an. Bruchsal zählt jetzt 6.000 Einwohner.

1796 besetzen französische Truppen die Stadt.


19. Jahrhundert

1803 gingen die kirchlichen Besitzungen durch die Säkularisation an Baden über. Das bisherige Vizedomamt Bruchsal innerhalb des Bistums Speyer wurde in die beiden badischen Ämter Stadtamt Bruchsal und Landamt Bruchsal aufgeteilt, welche 1807 zum Oberamt vereinigt, 1809 wieder in ein Stadt- und ein erstes sowie ein zweites Landamt geteilt und 1819 erneut zum Oberamt Bruchsal vereinigt wurden.

1806 bezog Markgräfin Amalie von Baden (1754-1832), aus dem Hause Hessen-Darmstadt, seit 1801 Witwe, das Bruchsaler Schloss (bis 1823). Sie bekam acht Kinder, darunter sechs Töchter und galt als Schwiegermutter Europas:

  • Ihr Sohn (der zweite Sohn verstarb nach sechs Monaten), der spätere Großherzog Karl, wurde auf Weisung Napoleons mit Stéphanie de Beauharnais, einer Nichte seiner Gattin Joséphine verheiratet. Stephanie gebar 1812 einen Sohn, der neugeborene Prinz verstarb nach 14 Tagen – daraus entstand die Kaspar-Hauser-Legende. Dass Markgräfin Amalie über diese Erbfolge nicht begeistert war, ist dagegen keine Legende.
  • Ihre Tochter Luise wurde die russische Zarin Elisabeth, mit Alexander I. verheiratet.
  • Ihre Tochter Friederike wurde Königin von Schweden (ab 1807 Asyl in Bruchsal) - mit Gustav IV. Adolf verheiratet.
  • Ihre Tochter Maria war mit Friedrich Wilhelm, Herzog von Braunschweig verheiratet.
  • Zwei andere Töchter waren mit den Regenten von Bayern und Hessen-Darmstadt verheiratet.

Nach dem Ende Napoleons weilten 1815 der russische Zar, der Fürst Metternich, der König von Preußen, sowie dessen Sohn, der spätere Kaiser, bei Amalie im Bruchsaler Schloss.

1841 wurde die Eisenbahnlinie Heidelberg-Bruchsal-Karlsruhe fertiggestellt.


Café Achteck, das frühere Zuchthaus und die heutige Justizvollzugsanstalt Bruchsal

1848/49 streifte die badische Revolution Bruchsal nur am Rande. Während die Revolutionäre (Struve, Brentano, Goegg und andere) sich im Schloss versammelten und berieten, befreiten die Bürgerlichen Inhaftierte aus dem kurz zuvor fertiggestellten Zuchthaus. Im alten Schloss (Psycha, Seilersbahn) wurden während des Zweiten Weltkrieges und danach Hinrichtungen mittels Fallbeil vollzogen. Das heutige Gefängnis (Café Achteck) dient als Sicherungsstätte, vor allem für Schwerverbrecher und verurteilte Terroristen (RAF). Am 23. Juni 1849 wurden bei dem Gefecht bei Ubstadt die Aufständischen von Kronprinz Wilhelm (Kartätschenprinz) zurückgeschlagen.

1856 wurde die Gasbeleuchtung eingeführt. Bruchsal erhielt die badische Guillotine. 1864 wurde das Oberamt Bruchsal mit dem aufgehobenen Amt Philippsburg zum Bezirksamt Bruchsal vereinigt, das zum neu gebildeten Kreis Karlsruhe gehörte. Am 1. Juni 1869 wurde die älteste deutsche Eisenbahnsignalfabrik (Schnabel-Henning) gegründet, die später durch Siemens & Halske übernommen wurde.

1870/71 ließ der Deutsch-Französische Krieg Bruchsal zum wichtigen Eisenbahnknotenpunkt werden. 1881 erhielt die jüdische Gemeinde eine neue Synagoge. Künstlerisch ausgestaltet wurde diese durch den gebürtigen Bruchsaler Kunstmaler Leo Kahn. Die industrielle Revolution führte insbesondere durch die Eisenbahn, den Tabak- und Hopfenanbau zu wirtschaftlichem Aufschwung. 1889 wurden die ersten Telefon-Anschlüsse verlegt.


20. Jahrhundert und Gegenwart

Gedenktafel für jüdische Opfer der Naziherrschaft in Untergrombach

1906 wurde das Fürst-Styrum-Hospital gebaut, 1908 der städtische Schlachthof eröffnet. 1914 ließ der Erste Weltkrieg Bruchsal zur Durchgangsstation für Nachschub werden. 1919/20 wurde die Stadt mit Strom versorgt.

Die Machtübernahme der Nazis 1933 wurde in Bruchsal von der Bevölkerung größtenteils stumm hingenommen. Politische Gegner der Nationalsozialisten und Juden verloren ihre Arbeitsplätze in der Bruchsaler Stadtverwaltung und wurden durch regimetreue Mitarbeiter ersetzt. Oberbürgermeister Meister und Bürgermeister Mehner konnten zunächst ihre Ämter weiter ausüben, bevor sie im Juli 1933 entlassen (Meister) bzw. im Januar 1934 (Mehner) in den Ruhestand versetzt wurden.

Zwischen dem 22. Juni 1944 und dem 20. März 1945 wurden in der Richtstätte in der Seilersbahn 55 Personen mit dem Fallbeil hingerichtet. Im Bürgerpark der Stadt Bruchsal, der sich auch über den Bereich der ehemaligen Richtstätte erstreckt, wurde für die Hingerichteten, unter denen sich auch Mörder, Totschläger und Spione befanden, ein Denkmal errichtet. Zwischen dem 10. November 1945 und dem 15. März 1946 richteten die Amerikaner 13 sogenannte "Fliegermörder" im Hof des Bruchsaler Gefängnisses am Galgen hin.[1]

1934 wurde die Autobahn Heidelberg–Bruchsal gebaut. 1936 wurde das Bezirksamt Bruchsal um einige Gemeinden des aufgelösten Bezirksamtes Bretten vergrößert. 1938 wurde die große Synagoge zerstört (heute befindet sich an dieser Stelle das Feuerwehrhaus). Seit 1966 erinnert eine Gedenktafel an dieses Geschehen. Am 22. Oktober 1940, im Zuge der Deportation der badischen Juden, wurde auch die jüdische Bevölkerung von Bruchsal nach Gurs deportiert. Viele waren zu diesem Zeitpunkt allerdings schon ausgewandert. In Bruchsal lebten insgesamt noch 90 Juden. 1939 wurde aus dem Bezirksamt Bruchsal der Landkreis Bruchsal, dem bis zum Beginn der Gemeindereform 1970 insgesamt 38 selbständige Städte und Gemeinden angehören. Am 1. März 1945 kurz vor 14.00 Uhr tötete ein Bombenangriff der USAAF mit 116 schweren Bombern um mehr als 1.000 Menschen und zerstörte unmittelbar vor Kriegsende (die Alliierten standen bereits am Rhein, 20 km entfernt) die komplette Innenstadt sowie das Schloss der damals 12.000 Einwohner zählenden Stadt. Am 2. April 1945 rückten Verbände der 1. Französischen Armee kampflos in Bruchsal ein. Vergewaltigungen und Plünderungen waren in den folgenden Tagen Alltag für die Bevölkerung.

Nachdem die Einwohnerzahl 1955 die 20.000er-Grenze überschritten hatte, wurde Bruchsal am 1. April 1956 Große Kreisstadt. 1971 bis 1974 wurden fünf Nachbargemeinden eingemeindet, darunter die beiden Städte Heidelsheim und Obergrombach. Am 1. Januar 1973 wurde im Rahmen der baden-württembergischen Kreisreform der Landkreis Bruchsal aufgehoben. Sein Gebiet wurde dem Landkreis Karlsruhe zugeordnet. Bruchsal verlor die Eigenschaft einer Kreisstadt, bleibt aber Mittelzentrum innerhalb des Oberzentrums Karlsruhe.

Literatur

  • Thomas Adam: Kleine Geschichte der Stadt Bruchsal. Braun, Karlsruhe 2006, ISBN 3-7650-8339-9 (Reihe „Regionalgeschichte – fundiert und kompakt“).
  • Johannes M. Goldschmit: „In unserer sonst so ruhigen Stadt …“. Revolution 1848/49 in Bruchsal. verlag regionalkultur: Ubstadt-Weiher, 1998. ISBN 3-929366-83-5
  • Jürgen Stude: Geschichte der Juden in Bruchsal. verlag regionalkultur: Ubstadt-Weiher, 2007. ISBN 978-3-89735-441-8
  • Alexia Kira Haus: Bruchsal und der Nationalsozialismus. Geschichte einer nordbadischen Stadt in den Jahren 1918–1940. verlag regionalkultur: Ubstadt-Weiher, 2001. ISBN 978-3-89735-190-5
  • Birthe Kundrus (Hrsg.): Die Deportation der Juden aus Deutschland: Pläne – Praxis – Reaktionen 1938–1945. Göttingen, 2004.

Einzelnachweise

  1. Rainer Kaufmann: Sailersbahn - ein Weg Geschichte. Bruchsal 1989, dort S. 286 - 293. Dass auch diese Zahlen umstritten sind geht aus dem aktuellen Beitrag der Bruchsaler Rundschau hervor, die von 46 Hinrichtungen spricht. "Trauerspiel mit Rollenwechsel hinter hohen Mauern - Verworrene Vorgänge im Bruchsaler Gefängnis zum Kriegsende 1945" BNN, 17. April 2009 S. 13. Dort auch Verweis auf die amerikanischen Hinrichtungen zwischen 1945 und 1946.

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