Willi Sitte

Willi Sitte
Willi Sitte mit Erich Honecker bei der Eröffnung der X. Kunstausstellung der DDR

Willi Sitte (* 28. Februar 1921 in Kratzau, ČSR) ist ein bildender Künstler (vor allem Maler) und war lange Zeit Präsident des Verbandes Bildender Künstler (VBK) der DDR.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Willi Sitte wuchs als drittjüngstes Kind als Sohn eines deutschstämmigen Bauern, Gründungsmitglied der KPTsch, und einer tschechischen Mutter mit vier Brüdern und zwei Schwestern auf.[1] Sein Bruder Rudolf Sitte war ebenfalls ein in der DDR tätiger Künstler im Bereich der baubezogenen Kunst.

Ein Toast nach der Auszeichnung Willi Sittes (rechts) mit dem Käthe-Kollwitz-Preis im Jahr 1968, links Werner Klemke, in der Mitte Kurt Schwaen
Tafelbild „Rock-Sänger“ (Reproduktion) von Willi Sitte im Neuen Gewandhaus in Leipzig, 1981
Willi Sittes Elternbildnis (1967) auf einer Briefmarke der DDR.

Sittes Zeichentalent wurde früh vom Zeichenlehrer gefördert. Nach der Schule studierte er ab 1936 an der Kunstschule des nordböhmischen Gewerbemuseums in Reichenberg Textilmusterzeichner und wurde 1940 an die Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei in Kronenburg (Eifel) empfohlen. Seine Kritik an den dortigen Aufgaben führte 1941 zur Einberufung in die Wehrmacht an die Ostfront. Dort erkrankte er an Gelbsucht und wurde nach einem Heimaturlaub nach Italien versetzt. Dort desertierte er 1944 und schloss sich italienischen Partisanen an.

Nach künstlerischen Arbeiten in Mailand, Vicenza und Venedig kehrte Sitte 1946 nach Kratzau zurück. 1947 fand er in Halle (Saale) einen neuen Arbeits- und Wohnort. Hier trat er 1947 in die SED ein. 1951 erhielt Sitte einen Lehrauftrag an der Kunstschule Burg Giebichenstein, 1959 wurde er zum Professor an die Hochschule für Industrielle Formgestaltung Halle (Saale) berufen. Er war damals ein Vertreter der aufmüpfigen, eigenwilligen Kunstszene in Halle (Saale), die Unabhängigkeit von Kulturfunktionären einklagte. Er hatte dadurch Ärger mit seiner Partei, der zeitweise zum Lehrverbot führte. Zu seinen Freunden gehörten damals Christa Wolf, Wolf Biermann, Eva-Maria Hagen, Sarah Kirsch, Rainer Kirsch und andere. Ab 1964 stieg Willi Sitte aktiv in die Politik ein, was zum Verlust einiger freundschaftlicher Kontakte führte.

Willi Sittes Schwimmer auf einer Briefmarke der DDR zu den 22. Olympischen Spielen 1980.

Als Vertreter des sozialistischen Realismus wuchs seit dem Ende der 1960er Jahre seine offizielle Anerkennung. 1969 wurde er zum Ordentlichen Mitglied der Deutsche Akademie der Künste gewählt, was er bis 1991 war. Er war von 1974 bis 1988 Präsident des Verbandes der Bildenden Künstler (VBK-DDR) und seit 1976 Abgeordneter der Volkskammer.

Als Präsident des Künstlerverbandes gelang es Willi Sitte bei den organisierten Verbandsmitgliedern aller Sektionen der Bildenden und Angewandten Kunst sowie der Kunstwissenschaft ein wirksames demokratisches Potential zu entwickeln, das für das damalige gesellschaftliche Bewusstsein in der DDR ungewöhnlich war.

„Mit … seinem kompromißlosen Auftreten bei gleichzeitiger Verbindlichkeit und seiner Aufgeschlossenheit für Neues, was in seinem unerschütterlichen Glauben der Idee des Sozialismus diente, konnte Sitte erreichen, dass die Belange der Kunst unter seiner Präsidentschaft in einem Ausmaß Sache der Künstler wurde, wie das in anderen Bereichen in der DDR nicht möglich war.“

Gisela Schirmer: Zum Selbstverständnis eines sogenannten „Staatskünstlers“ der DDR.[2]

Von 1986 bis 1989 war er Mitglied des ZK der SED. Seit 1985 ist Willi Sitte Mitglied des Weltfriedensrates und seit 2001 Korrespondierendes Mitglied der European Academy of Humanities in Paris.

Seine Produktivität als Maler und Hochschullehrer wurde dadurch nicht verringert. Sein Werk ist von figürlichen Darstellungen bestimmt, oft in geradezu barock anmutenden Formen. Die expressiven Körperdarstellungen als Ausdrucksträger gesellschaftlicher Aussagen und politischer Ideen provozierten oft das Kunstpublikum. Als Hochschullehrer engagierte er sich in der Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses, darunter von 1975 bis 1987 als Direktor der Sektion Bildende und Angewandte Kunst der Hochschule für Industrielle Formgestaltung in Halle.

Willi Sitte lebt und arbeitet in Halle (Saale). Neben Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer gilt er als bedeutendster Maler der DDR. Wegen seines Bekenntnisses zum Kommunismus und seiner Parteikarriere in der SED lösten seine Werke und Ausstellungen nach der Wiedervereinigung bisweilen öffentliche Diskussionen aus. So wurde im Sommer 2001 eine geplante Jubiläumsausstellung des Künstlers zu seinem 80. Geburtstag im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg vom Verwaltungsrat kurzfristig verschoben, weil man Sittes Rolle als DDR-Kulturfunktionär erst noch genauer untersuchen wollte. Sitte sagte daraufhin die bereits vorbereitete Ausstellung ab.[3] Bis heute fließen in Kritiken zu Sittes Werken oft nicht nur künstlerische Aspekte, sondern auch politische Beurteilungen ein. Andererseits sind seine Werke bis heute bei Kunstsammlern und Galerien im Westen Deutschlands und in Westeuropa außerordentlich begehrt. Anlässlich seines 85. Geburtstages wurde in Merseburg am 28. Februar 2006 die Willi-Sitte-Galerie als Stiftung, im Beisein des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Böhmer eröffnet. In diesem Museum ist ein Großteil des Gesamtwerkes Sittes untergebracht.

Ehrungen

Am 14. November 2008 wurde Willi Sitte zum Ehrenbürger der italienischen Stadt Montecchio Maggiore ernannt. Die Auszeichnung erhielt Sitte für seine Verdienste während des Zweiten Weltkrieges in Montecchio Maggiore, wo er sich nach dem Eintreffen mit der Wehrmacht den Partisanen anschloss.[4]

Werke

Schriftliche Unterlagen von Willi Sitte liegen im Archiv für Bildende Kunst des Germanischen Nationalmuseums.

Sittes Hauptwerke versinnbildlichen menschliche Solidarität (wie „Hochwasserkatastrophe am Po“ von 1953), klagen den Krieg an („Massaker II“, 1959) oder die Zweitklassigkeit „Herr Mittelmaß“ (mitunter auch „Herr Dr. Mittelmaß“), richten sich gegen Imperialismus und Faschismus oder rühmen die Arbeiterklasse. Daneben entwickelten sich erotische Motive wie „Drei Grazien in Vitrine“ von 1982 mit üppigen (meist nackten) Frauen zu seinem Markenzeichen.

Internationale Anerkennung fand Willi Sitte unter anderem 1972 auf der 3. Internationalen Grafikbiennale Florenz, wo er mit der Goldmedaille ausgezeichnet wurde, sowie mit der Teilnahme an der documenta 6 in Kassel 1977.

Sein Lebenswerk wurde in einer Stiftung zusammengefasst, die zu seinem 85. Geburtstag am 28. Februar 2006 in einem eigens dafür errichteten Museum mit Galerie in der historischen Domkurie – Nova-Merseburg, Domstrasse 15 – eröffnet wurde.

Werkstandorte (Auswahl)

Buchillustrationen

Literatur

  • Edition Galerie Schwind: Willi Sitte – Gemälde 1950–2002. Leipzig, 2009.
  • Wolfgang Hütt: Willi Sitte. Verlag der Kunst, Dresden 1976.
  • Robert R. Shane: Personal and Political. The Dynamics of East German Art in the Painting of Willi Sitte. In: Art criticism. No. 2, 1980, S. 121–142.
  • Joachim Jahns (Hrsg.): Herr Mittelmaß 1949–1995. Dingsda, Querfurt 1995, ISBN 3-928498-44-4.
  • Horst Kolodziej (Hrsg.): Das Sitte-Verbot. Katalog (k)einer Ausstellung; zum 80. Geburtstag Willi Sittes: Texte, Bilder, Dokumente. GNN, Schkeuditz 2001.
  • Gisela Schirmer: Willi Sitte, Farben und Folgen. Faber & Faber, Leipzig 2003, ISBN 3-936618-16-X.
  • G. U. Grossmann (Hrsg.): Politik und Kunst in der DDR: Der Fonds Willi Sitte im Germanischen Nationalmuseum. ISBN 978-3926982988

Weblinks

 Commons: Willi Sitte – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Zur Herkunft. In: junge Welt, 2009 – Interview mit Willi Sitte
  2. Gisela Schirmer: Zum Selbstverständnis eines sogenannten „Staatskünstlers“ der DDR. In: Gesellsch. z. Schutz v. Bürgerrecht u. Menschenwürde e. V. (Hrsg.): IKARUS. Zeitschrift für Soziale Theorie, Menschenrechte und Kultur. Sonderheft 2001/1, S. 7–22.
  3. siehe LeMO
  4. Naumburger Tageblatt Online

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