Gerhard von Mende

Gerhard von Mende

Gerhard von Mende (* 12. Dezemberjul./ 25. Dezember 1904greg.[1] in Riga; † 16. Dezember 1963 in Düsseldorf) war ein deutschbaltischer Professor. Als Russlandforscher hatte er sich während der NS-Zeit rassenideologisch auf die „turko-tatarischen (sowjetasiatischen) Völker“ spezialisiert (Turkologe) und in der frühen Nachkriegszeit sein Wissen in den Dienst der Bundesrepublik gestellt.

Der Sinologe Erling von Mende ist sein Sohn.

Inhaltsverzeichnis

Universität und Ostministerium

1935 wurde Gerhard von Mende Dozent an der Wirtschaftshochschule in Berlin.[2] 1933 war von Mende Mitglied der SA geworden, die er allerdings drei Jahre später wieder verließ. Trotzdem hatte er in dieser Zeit die Nazi-Ideologie bereits verinnerlicht. Er publizierte Buchrezensionen für nationalsozialistische Publikationen und wurde Berater der Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen, einer Nazi-Elite-Schule.[3] Im Juni 1941 setzte sich Ministerialrat Georg Leibbrandt für eine Tätigkeit von Mendes in dem vom NS-Chefideologen Alfred Rosenberg geleiteten Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) ein, wo Mende von da an als Referatsleiter für den Kaukasus arbeitete (zunächst Abteilung I 5 „Kaukasien“[4], später: Führungsgruppe III „Fremde Völker“). Das Referat stand unter der Leitung des Juristen Otto Bräutigam, einen bedeutenden Verbindungsmann des RMfdbO zum Auswärtigen Amt. In der Folge galt Mende im RMfdbO mehr und mehr als Experte der emigrierten Vertreter der kaukasischen Völker.[5] 1939 erschien sein Buch Die Völker der Sowjetunion. Dieses Buch ist geprägt von rassistischem Antisemitismus, der auf Verschwörungstheorien basiert. Neben einer Serie von kruden Charakterbeschreibungen verschiedener ethnischer Gruppen aus der Sowjetunion enthält das Buch ein Kapitel mit dem Titel Die Juden. In diesem beschrieb von Mende Juden als Gefahr für den Zusammenhalt anderer Volksgruppen.[6] Gemäß der Weltanschauung von Alfred Rosenberg vollzog sich das Denken von Mendes auf rassenideologischer Grundlage. 1942 wurde im Rahmen des Generalplan Ost sein Anliegen deutlich, dass es ihm u.a. um ein psychologisches Verständnis für gesamte Völker in den besetzen Ostgebieten ging; vor allem, um die jeweils als Volk definierten Menschengruppen unter Kontrolle des NS-Staates zu bekommen.[7]

Am 1. Oktober 1941 wurde Mende von der Reichsuniversität Posen auf den Lehrstuhl für Volks- und Landeskunde der Sowjetunion in die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität berufen.[8] Am 20. Januar 1942 nahmen Georg Leibbrandt und Staatssekretär Alfred Meyer, beide ebenfalls Mitarbeiter von Alfred Rosenberg im RMfdbO, an der Wannseekonferenz teil, auf der die Koordination des Massenmordes an den Juden beschlossen wurde.[9] An der ersten Nachfolgekonferenz nahm auch Gerhard von Mende teil.[10] Diese fand am 29. Januar 1942 in den Räumen des RMfdbO auf der Berliner Rauchstraße 17/18 statt.[11] Über den Genozid an der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten war Gerhard von Mende genauestens informiert. Am 7. Februar 1942 verfasste Erhard Wetzel aus dem RMfdbO, der Verfasser des Gaskammerbriefs, einen geheimen Bericht für Otto Bräutigam über eine Besprechung im Berliner RMfdbO über die Frage der rassischen Eindeutschung, insbesondere in den baltischen Ländern. An dieser Sitzung nahm auch Mende teil. Die Teilnehmer kamen zu dem Schluss, „dass bezüglich des Frage des Ostlandes vorher eine genau Überprüfung der Bevölkerung zu erfolgen habe, die nicht als rassische Bestandsaufnahme firmiert werden dürfte, vielmehr als hygienische Untersuchung u. dgl. getarnt werden müsse, damit keine Unruhe in der Bevölkerung entstehe.“[12]

Im Mai 1942 beauftragte ihn das Erziehungsministerium Lehrveranstaltungen zum Themenkomplex „Volks- und Nationalitätenkunde der Sowjetasiatischen Völker“ zu halten.[8] 1943 verlor sein Vorgesetzter im RMfdbO, Georg Leibbrandt, seinen Posten. In der Folge konnte Mende seine Tätigkeit im RMfdbO dennoch fortsetzen. Parallel dazu arbeitete er seit der Entlassung Leibbrandts zusammen mit Fritz Arlt in der Freiwilligen-Leitstelle Ost der SS unter Gottlob Berger.[2]

Am 1. April 1944 wurde Mende auf den zum Ordinariat erhobenen "Lehrstuhl für Volkstumskunde des Ostraumes" in der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität berufen.[8]

Tätigkeiten in der Nachkriegszeit

Noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit war es Gerhard von Mende möglich, sowohl auf seine allgemeinen als auch auf seine ideologischen Wissensbestände zurückzugreifen und in den Dienst der westlichen Alliierten, später dann auch der Bundesregierung zu stellen.[13] Nach 1945 arbeitete er zunächst als Professor für Russlandkunde in der Universität Hamburg.[2] In der Sowjetischen Besatzungszone wurden seine Schriften Der nationale Kampf der Rußlandtürken. Ein Beitrag zur nationalen Frage in der Sowjetunion (= Mitteilungen des Seminars für orientalische Sprachen ; Jg. 39, Beibd.; Weidmann, Berlin 1936) und Die Völker der Sowjetunion (= Geopolitische Schriftenreihe „Völker und Staaten“ 8; Schneider, Reichenau 1939) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[14]

In den Jahren 1955 und 1956 strebte Gerhard von Mende die Gründung einer Hochschule für orientalische und osteuropäische Sprachen an. Das Projekt scheiterte. Erfolg hatte er demgegenüber als Leiter des Forschungsdienstes Osteuropa im Bundesvertriebenenministerium, eine dem Bundesinnenministerium beigeordnete Dienststelle, wo er sein Wissen einsetzen konnte.[13][2]

Necla Kelek hat von Mendes Aktivitäten nach 1945 dargestellt: US-Dienststellen mischten 1951 bei der Gründung einer „Geistlichen Verwaltung der Muslimflüchtlinge“ im Münchener Löwenbräukeller, zuvor ein hervorgehobener NS-Versammlungsort, mit. Ibrahim Gacaoglu, ein von der CIA geführter Muslim, übernahm den Vorsitz des kleinen Vereins, der die vom Krieg übrig gebliebenen Nazi-Muslime (z. B. Truppen der Waffen-SS unter dem ideologischen Einfluss des Mufti) organisieren sollte. Im Hintergrund wirkten fortbestehende Nazi-Seilschaften, wie eben die Mendes, ehemals für den organisatorischen Kontakt zu den Muslimen in der SS und Reichswehr zuständig. Männer wie er, die erfahren waren in der Einschätzung der Muslime und im Umgang mit ihnen, wurden nun wieder gebraucht. Er unterhielt in Düsseldorf ein vom Verfassungsschutz und der Bundesregierung finanziertes geheimdienstliches „Büro für heimatlose Ausländer“ (später nach Mendes Tod „Studiengruppe für Ost-West-Fragen“ mit gleicher Zielsetzung), ein Euphemismus für Leute, die in der Heimat an den eigenen Leuten schwere Kriegsverbrechen begangen hatten und deshalb nicht mehr zurück nach Jugoslawien bzw. in die Sowjetunion oder andere Staaten des Ostens konnten. Ein wichtige Rolle spielte der Vertriebenenminister Theodor Oberländer, im Nationalsozialismus Leiter des „Sonderverbandes Bergmann“, einer Truppe von muslimischen Soldaten der Wehrmacht.

1956 wurde der CIA-Mann Gacaoglu jedoch durch einen „alten Kämpfer“ ersetzt: Nureddin Namangani, Imam und Hauptmann der SS-Sturmbrigade Dirlewanger, die an der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto beteiligt gewesen war. Mende und Oberländer wollten die bisherigen Nazi-Muslime durchaus nicht dem amerikanischen Geheimdienst überlassen.[15]

Von Mende hielt ab Februar 1956 engen Kontakt zur Bundeszentrale für Heimatdienst (ab 1963: Bundeszentrale für politische Bildung), in der er später eine gut dotierte Stelle fand. Im Rahmen des Ost-West-Konflikts richtete er unter dem Vorzeichen einer antikommunistischen Haltung ein Ostkolleg der Bundeszentrale für Heimatdienst in Köln-Lindenthal ein, das am 28. November 1958 seinen Betrieb aufnahm. Erklärtes Ziel dieses Kollegs war die „Organisierung der geistig-politischen Bekämpfung des Kommunismus“. Kritisch ist zu beachten, dass auch seine bisherige Arbeit im RMfdbO auf der Vorstellung gründete, dass der „Kommunismus“ eine vom „Judentum“ produzierte Folge von „völkischer Entartung“ gewesen ist.[16] Seine NS-Position war der Bundeszentrale für Heimatdienst wohlbekannt. Aus diesem Grunde sollte er keine öffentlich sichtbare Spitzenposition im Ostkolleg einnehmen und die angestrebte Position eines Direktors des Amts blieb ihm verwehrt.[13] Bis zu seinem Tod 1963 blieb er jedoch Mitglied des Direktoriums der staatlichen Behörde. Erst viele Jahre nach dem Tod von Mendes wechselte man das Etikett des Ostkollegs zu Ost-West-Kolleg.

Schriften

Unveröffentlicht

  • Archivmaterial der Familie Mende, darin Skript: Kaukasuspolitik. 1951

Literatur

Film

Weblinks

Fußnoten

  1. Eintrag im Taufregister des Doms zu Riga (lettisch: Rīgas Doms)
  2. a b c d H. D. Heilmann: Aus dem Kriegstagebuch des Diplomaten Otto Bräutigam. In: Götz Aly u.a. (Hrsg.): Biedermann und Schreibtischtäter. Materialien zur deutschen Täter-Biographie. Institut für Sozialforschung in Hamburg: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik 4, Berlin 1987, S. 187.
  3. Ian Johnson, A Mosque in Munich. Nazis, the CIA and the Rise of the Muslim Brotherhood in the West, Boston/New York 2010, S. 19
  4. Szeslaw Madajczyk (Hrsg.): Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan. München, New Providence, London, Paris 1994, S. 566.
  5. Rüdiger vom Bruch, Christoph Jahr, Rebecca Schaarschmidt: Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Stuttgart 2005, S. 64. (Angegebene Quelle: BArch R 6/66, Bl. 28–30, 80, 89–94, 120–122.)
  6. Ian Johnson, A Mosque in Munich. Nazis, the CIA and the Rise of the Muslim Brotherhood in the West, Boston/New York 2010, S. 20.
  7. Rüdiger vom Bruch, Christoph Jahr, Rebecca Schaarschmidt: Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Stuttgart 2005, S. 64.
  8. a b c Rüdiger vom Bruch, Christoph Jahr, Rebecca Schaarschmidt: Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Stuttgart 2005, S. 65.
  9. K. Pätzold, M. Weißbecker (Hrsg.): Stufen zum Galgen. Lebenswege vor den Nürnberger Urteilen, Leipzig 1999, S. 40 ff. und J. J. Heydecker / J. Leeb: Der Nürnberger Prozess. Köln 2003, S. 401.
  10. H. D. Heilmann: Aus dem Kriegstagebuch des Diplomaten Otto Bräutigam. In: Götz Aly u.a. (Hrsg.): Biedermann und Schreibtischtäter. Materialien zur deutschen Täter-Biographie, Institut für Sozialforschung in Hamburg: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik 4, Berlin 1987, S. 180 f.
  11. Robert M. W. Kempner: Eichmann und Komplizen. Zürich 1961, S. 165.
  12. Zitiert in: Szeslaw Madajczyk (Hrsg.): Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan. München 1994, S. 41.
  13. a b c Rüdiger vom Bruch, Christoph Jahr, Rebecca Schaarschmidt: Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Stuttgart 2005, S. 66.
  14. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-m.html
  15. Necla Kelek, „Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam“, Kiepenheuer & Witsch Köln 2010. Rezension mit wichtigen Anmerkungen
  16. Zitiert in: Rüdiger vom Bruch, Christoph Jahr, Rebecca Schaarschmidt: Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Stuttgart 2005, S. 66.

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