Hamiten-Theorie

Hamiten-Theorie

Die Hamitentheorie ist eine in mehreren Teilbereichen der Afrikawissenschaften entstandene Theorie, die die Überlegenheit einer „hamitischen Rasse“ über die negroide Bevölkerung Afrikas postulierte. Begründet wurde diese Theorie von dem englischen Afrikaforscher John Hanning Speke. In Bezug auf die Afrikanische Sprachwissenschaft erweitert wurde sie von Karl Richard Lepsius und Carl Meinhof.

Der Begriff „hamitisch“ oder Hamiten geht auf die biblische Gestalt Ham zurück und bezieht sich auf Völker, von denen man mit Bezug auf die biblische Völkertafel der Genesis glaubte, dass sie von Ham abstammen.

In Russland entstand in dieser Zeit ein ideologisches Gegenstück zur sprachwissenschaftlichen Hamitentheorie: die von Nikolaj J. Marr entwickelte Japhetitentheorie, die die europäischen Völker als Nachkommen von Noachs Sohn Japheth deutete und die ebenso dazu diente, eine zivilisatorische Hierarchie der Völker Russlands zu erstellen.

Die Theorien von der Überlegenheit einer hamitischen Rasse werden heutzutage meistens als der Hamitische Mythos[1]bezeichnet, da sie in Deutschland nach der Nazi-Zeit völlig in Misskredit geraten sind. In den englischsprachigen Ländern, auch in den USA, waren sie sogar bis zur Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner noch relativ weit verbreitet.

In einigen Ländern Afrikas, vor allem in Ruanda, Burundi und umliegenden Ländern wurde die Hamitentheorie im 20. Jahrhundert als Bestätigung mündlich überlieferter Herrschaftsgeschichte verstanden. In den gewaltsamen Auseinandersetzungen seit 1959 spielte der Mythos eine legitimierende Rolle.

Inhaltsverzeichnis

Biblische Theorien

Früher Gebrauch des Begriffs „Hamitisch“

Frühe Interpretationen der Bibel veranlassten viele Gelehrte Europas dazu anzunehmen, dass die gesamte Menschheit auf Noach zurückgeht. Der Bibelvers, der die Söhne Noachs betrifft (Gen 9,18-27 EU), macht keine besonderen Angaben über die „Rasse“ der Söhne, mit Ausnahme von Kusch, dem ältesten Sohn von Ham. Noach verflucht Kanaan (auch ein Sohn von Ham), und sagt, dass dieser samt seinen Nachkommen „Sklave von Sklaven“ sein werde. Hebräische Gelehrte gebrauchten diese Passage, um die israelitische Unterwerfung Kanaans zu rechtfertigen. Diese Gelehrten, die im 6. Jahrhundert n. Chr. wirkten, führten die Idee ein, dass die Söhne Hams schwarze Haut besäßen.

Christliche Gelehrte griffen im Mittelalter diese Idee auf, dass die Söhne Hams durch ihre Sünden "geschwärzt" seien und bezeichneten damit ihren Hauptfeind Islam, die Religion eines "falschen Propheten". Nach heutiger Auffassung waren mit den Arabern die Falschen angesprochen, denn die Nachkommen Sems, des Zweitältesten der drei Söhne Noachs, waren Bewohner des Nordlandes. Die von Sem abgeleitete Klassifizierung Semitisch, welche die islamischen Araber einbezieht, wurde später vom Hamitischen geschieden.

Ägypter als Nachkommen der Hamiten

Nach der napoleonischen Invasion in Ägypten stieg das Interesse der Europäer an diesem Land erheblich. Mit der Entzifferung der Hieroglyphen und dem schnellen Anwachsen von Wissen über das Alte Ägypten interessierten sich europäische Forscher zunehmend für die Ursprünge der Ägypter und ihre Verbindungen zu anderen Völkern in der unmittelbaren und ferneren Umgebung. Die traditionelle biblische Genealogie verknüpfte die Ägypter mit den anderen Nachkommen Hams, insbesondere den dunkelhäutigeren (kuschitisch-sprachigen) Völkern in Äthiopien.

Theologen studierten das Buch Genesis erneut und kamen zu dem Ergebnis, Hams Kinder seien nicht alle verflucht worden, sondern nur Kanaan. Also seien die anderen Kinder Hams einschließlich Kusch und Mizraim nicht verdammt, sondern zu großen Leistungen in der Lage. Diese Gelehrten identifizierten die Ägypter als Nachkommen von Mizraim.

Moderne Hamitentheorien

Die europäische und auch die arabische Überlieferung betonen das "Dunkle" der verfluchten Söhne von Ham.[2] Beide haben dieselbe abrahamitische Wurzel. In der Bezeichnung Afrikas als "der dunkle Kontinent" wird das Adjektiv (dunkle) Ahnung und Vorurteil, im "Mohren" wird das Wort für Dunkel zur Projektion des Fremden. Der Begriff Mohr bezog sich ursprünglich nur auf Bewohner des nicht ganz schwarzen Nordafrika. Dass der Mohr als Maure auch Moslem war, ist für die kulturelle Definition eine sekundäre Eigenschaft. Die Hamitentheorie ist die Bestätigung eines abwertend gemeinten Gegensatzes des Eigenen gegenüber dem Konstrukt aus dunkel und fremd, schwarz und fern. Arabische Sklavenhändler und Europäer, die ab 1500 Sklaven nach Amerika brachten, konnten über dem Mythos von Ham einen "beklagenswerten Zustand" der afrikanischen Gesellschaft feststellen und daraus die moralische Akzeptanz der Verschleppung herleiten.

Hamitentheorie von Speke

Die Aneignung dieser biblischen Welterklärung als Bevölkerungstheorie für Afrika begann mit John Hanning Speke. In seinem Reisebericht von 1863, Die Entdeckung der Nilquellen, wird das Theorieproblem der beginnenden Kolonialzeit bei der Beschreibung der afrikanischen Gesellschaft deutlich.[3] Anstatt wie erwartet auf homogene Volksgruppen zu stoßen, fand Speke im afrikanischen Zwischenseengebiet auf der Suche nach der Nilquelle hierarchisch stark strukturierte Gesellschaften vor. Eine evolutionistische Erklärung hätte bedeutet, den Afrikanern zuzugestehen, sie seien aus ihrer eigenen Geschichte heraus in der Lage gewesen, staatliche Strukturen zu entwickeln. Statt dessen wurde deren Entstehung diffusionistisch erklärt, die sozialen Schichten mussten durch Überlagerung verschiedener Einwanderungswellen entstanden sein. Zugleich wurden soziale Gruppen als Rassen bestimmt.

Die Einteilung der Ethnien nach Sprachen wurde mit der Einteilung nach physiognomischen Merkmalen zusammen gefasst, Kulturmerkmale wurden so aus biologischen Eigenschaften abgeleitet. Ruanda ist das bekannteste Beispiel, auf das dieses Erklärungsmodell angewandt wurde. Dass das Modell hier versagte, da die beiden definierten Volksgruppen Hutu und Tutsi derselben Sprache und Kultur angehörten, wurde zur Kolonialzeit nicht wahrgenommen (Näheres zur Bevölkerungsstruktur in Ruanda).[4] Speke selbst ist das nicht anzukreiden, die geografischen Kenntnisse Ostafrikas zu seiner Zeit waren so lückenhaft wie die über afrikanische Gesellschaften.

Nach seiner Theorie sind Tutsi, sowie die Herrscherschichten (Hima) der anderen Königreiche zwischen Burundi und dem heutigen Uganda von Norden eingewanderte Viehhirten vom Volk der Galla. (Dieser Begriff für in Äthiopien lebende Oromo gilt heute als abwertend.) Vorgefunden hätten sie Ackerbau treibende Bantuvölker, über denen sie zu Herrschern geworden seien. Bei den Herrschern von Buganda (Mutesa I.) und Rumanika, dem Herrscher von Karagwe, einem Teil des Buhaya-Reiches, praktizierte er seine Theorie, um eine Missionierung vorzubereiten. Er erklärte ihnen, sie seien – über christliche Äthiopier zurück zu verfolgen – Nachfahren König Salomos.

Richtig an der Hamitentheorie ist, dass es in Ostafrika Einwanderung von Hirtenvölkern aus dem Norden gab. Warum gerade Nomaden eine staatliche Organisation hätten gründen sollen, erschließt sich dabei nicht. Soziale Differenzierung ergab sich aufgrund wirtschaftlicher Faktoren über einen längeren Zeitraum und nicht durch eine gewaltvolle Überrumpelung.[5]Aus den Führern von Hirten und Bauern bildete sich eine neue Elite heraus, die zu ihrer Legitimierung Unterschiedlichkeit betonte.

Speke konnte auf bereits vorhandene Ursprungstraditionen zurückgreifen, die die Herkunft von Rangordnungen regelmäßig mit Einwanderung erklärten. Die Ursprungslegende erklärte Könige, insbesondere Dynastiegründer, sehr häufig zu Fremden oder stattete sie mit körperlichen Defekten aus, da großer Macht oft etwas gefährlich Grausames anhaftet. Das sollte allerdings als Mythos gesehen werden.

Sprachwissenschaftliche Hamitentheorie

Ab den 1880er Jahren erstrebte man den Beweis der angebliche kulturtragende Rolle der Hamiten im Gegensatz zu der „primitiven negroiden Bevölkerung“ auch durch den Beleg einer hamitischen Sprachfamilie, deren Sprachen sich gegenüber den „Negersprachen“ durch ein „kulturell überlegenes“ Vorhandensein von grammatischem Geschlecht auszeichnen sollten. Entwickelt und verbreitet wurde die hamitische Sprachtheorie von Karl Richard Lepsius und vor allem durch Carl Meinhof. Nachdem die Annahme einer Hamitischen Sprachfamilie durch die Afrikanisten Diedrich Westermann und August Klingenheben in den dreißiger Jahren des 20. Jh. angezweifelt wurde, leitete man die „Überlegenheit der Hamiten“ von da ab vorwiegend aus rein somatischen Merkmalen ab (hellere Hautfarbe, Morphologie). Dennoch bildete das Interesse für Struktur und Verbreitung von Nominalklassensystemen weiterhin und sogar bis heute einen wesentlichen Interessenschwerpunkt der sprachwissenschaftlichen Afrikanistik. Aufgegeben hatte man allein die Idee einer genetisch zusammengehörigen Sprachfamilie und verwendete stattdessen die Vorstellung einer unabhängig von gemeinsamen biologischen Ursprung wirkenden zivilisationsbildenen Kraft. Um sich nach der Entkräftung der Hamitischen Sprachfamilie auch begrifflich von der Sprachwissenschaft zu trennen, ordnete man die betreffenden Bevölkerungsgruppen nunmehr auch unter der Bezeichnungen „Äthiopide Kontaktrasse“, äthiopid oder negroid-orientalid ein, welche aus einer Vermischung der europiden (vor allem orientaliden und mediteraniden) und der negriden Großrasse entstanden seien.

Hamitentheorie als Instrument des Kolonialismus

Schon bald wurde die Hamitentheorie zu einem wichtigen ideologischen Instrument der Kolonialpolitik des Deutsches Kaiserreichs in Afrika. Genauso wie das Britische Commonwealth vertraten sie eine Politik der Indirekten Herrschaft, bei dem ein ausgewähltes Volk oder eine bereits etablierte feudale Schicht in der Kolonie eine von der Kolonialpolitik kontrollierte Stellvertretermacht ausüben sollte. Die deutsche Kolonialpolitik vermehrte dieses Prinzip um das Element einer eigens konstruierten Rassentheorie, die das Recht auf Hegemonie der Hamiten über die nichthamitischen Völker wissenschaftlich "beweisen" sollte.

Im Rahmen dieser Politik wurden zur Ermittlung des Hamitenstatus sowohl sprachwissenschaftliche, als auch rassische und ökonomische Kriterien herangezogen und miteinander kombiniert, wobei es hier und da zu Unstimmigkeiten und entsprechenden erklärenden "Kunstgriffen" kam.

In Deutsch-Ostafrika wurden z.B. die Massai aufgrund von Körperbau und sprachlichen Merkmalen als genuines Hamitenvolk identifiziert. Diese waren aber für die Errichtung eines Systems indirekter Herrschaft politisch und wirtschaftlich nicht in der Lage, so dass man die Erklärung fand, es handele sich um ein aus Gründen widrigen Schicksals zu Unrecht in einen niedrigeren Entwicklungsstand zurückgefallenes Hamitenvolk. Stattdessen wurden die Swahili als nächsthochstehende Kultur als Herrenvolk betrachtet. Im nördlichen Teil hatten die als hamitisch identifizierten Tutsi früher einmal eine soziale Hegemoniestellung gehabt, diese aber bereits an die Hutu verloren. Hier entschied die Kolonialmacht, den Tutsi wieder zu ihrem ursprünglichen Herrenstatus zu verhelfen. Dieser Prozess begann mit deren Missionierung durch die katholischen Weißen Väter und wurde zunächst von der neuen Kolonialverwaltung nach dem Abtritt Ruandas nach dem Ersten Weltkrieg an Belgien fortgesetzt. Erst Mitte der 1950er Jahre wurde eine Bevorzugung der Hutu-Mehrheit eingeleitet.

In Deutsch-Südwestafrika ergaben sich ähnliche Probleme: die aufgrund von Hautfarbe und Grammatik als Hamiten identifizierten Hottentotten spielten zahlenmässig und in Bezug auf Hegomonieerfahrung praktisch keine besondere Rolle, so dass man auf die Owambo als Herrenvolk auswich.

Weniger Probleme ergaben sich in Kamerun und Togoland, wo mit den Douala und den Ewe relativ leicht als solche identifizierbare "Herrenrassen" zur Verfügung standen.

In dem Maße, in dem die hierarchischen Rassentheorien komplexer und verwickelter wurden, wurde der Begriff „hamitisch“ von verschiedenen Autoren unterschiedlich benutzt und auf viele verschiedene Gruppen in unterschiedlichen Gegenden Afrikas angewendet: Äthiopier, Berber, Nubier, Massai, Abessinier, Somali, Fulbe und viele andere.

Hamitentheorie heute

Heute gewinnen Theorien, die von einer kulturellen Beeinflussung der im Süden Afrikas lebenden Völker durch Gruppen aus dem Norden Afrikas sprechen, wieder an Bedeutung, jedoch unter Vermeidung der disqualifizierten Bezeichnung Hamiten. Wichtigste Elemente dieser kulturellen Beeinflussung sind wohl die Rinderzucht mit ihren kulturellen Folgen sowie die Eisenverarbeitung.

Auch in der Afrikanischen Sprachwissenschaft wird die Erforschung der Geschichte von Nominalklassen- und Genussystemen nach wie vor als ein Hauptarbeitsgebiet angesehen. Neu hinzugetreten sind hierbei Fragestellungen aus der Genderforschung. Eine Bezugnahme auf die historische Tradition dieses Forschungsgegenstandes in der Hamitentheorie wird jedoch weitgehend vermieden. Ein Rassenbegriff kommt in dieser Forschung nicht mehr vor, wohl aber ist eine Kompatibilität mit dem Ethniebegriff des neorassistischen Ethnopluralismus gegeben.

Der englische Anthropologe und Zytologe John Randal Baker (1900-1984) griff in seinem Buch „Race“ (Oxford University Press, 1974), in dem menschliche Rassen auf dieselbe Weise wie Unterarten von Tieren klassifiziert werden, auf die Hamitentheorie zurück. Dabei führt er die Gründung der altägyptischen Zivilisation auf europide Äthiopiden (heutige Fellachen) zurück und bezeichnet die meisten afrikanischen Herrscher als äthiopid (heutiges Beispiel: Julius Nyerere).

Einzelnachweise

  1. Die Bezeichnung “Détruire le myth chamitique“ verwendete erstmals der afroamerikanische Anthropologe Saint-Clair Drake 1959 am Zweiten Kongress der „Écrivains et Artistes Noirs” in Paris. Siehe Peter Rohrbacher, Der Hamiten-Mythos. Wien, 2002:223.
  2. David Robinson: Muslim Societies in African History. Cambridge University Press 2004, S.69
  3. John Hanning Speke: Die Entdeckung der Nilquellen. 1864. Hamitentheorie im Nachdruck 1908, S.201-206. Ch.9 History of the Wahuma.
  4. Oder in: Helmut Strizek: Ruanda und Burundi von der Unabhängigkeit zum Staatszerfall. Köln 1996
  5. Albert Kraler: Staatsbildungsprozesse, Migration und Identität in der Großen Seenregion Afrikas.

Literatur

  • John Hanning Speke: "Journal of the Discovery Of The Source Of The Nile. London 1863; Neuauflage "Journal of the Discovery of the Source of the Nile. Illustrate by James Grant". Dover Books on Travel, Adventure. ISBN 0486293041, deutsch als "Die Entdeckung der Nilquellen." Leipzig 1864.
  • Rohrbacher, Peter: "Die Geschichte des Hamiten-Mythos." (Veröffentlichungen der Institute für Afrikanistik und Ägyptologie der Universität Wien; 96 Beiträge zur Afrikanistik; Bd. 71). Wien: Afro-Pub, 2002. ISBN 3-85043-096-0
  • Sanders, Edith: "The Hamitic Hypothesis: Its Origin in Time" in "Problems in African History: The Precolonial Centuries". Ed. Robert O. Collins. New York: Markus Wiener Publishing, 1996. ISBN 1-55876-059-8

siehe auch


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