Jürgen Fuchs

Jürgen Fuchs
Jürgen Fuchs (1. v. r.) auf einem Liederabend oppositioneller Künstler im Dezember 1989

Jürgen Fuchs (* 19. Dezember 1950 in Reichenbach im Vogtland; † 9. Mai 1999 in Berlin) war ein DDR-Bürgerrechtler und Schriftsteller.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Bereits früh kam Jürgen Fuchs mit der DDR-Obrigkeit in Konflikt. So wurden seine kritischen Meinungsäußerungen während der Studentenproteste und des Prager Frühlings 1968 von der Schulleitung geahndet. 1969 erlangte Fuchs das Abitur. Da ihm der Zugang zum Studium zunächst verwehrt blieb, machte er im selben Jahr zunächst einen Facharbeiterabschluss bei der Deutschen Reichsbahn.

Da ihn die Schulleitung als „politisch unzuverlässig“ bezeichnet hatte, bedurfte es einer Eingabe, ehe er 1971 ein Studium der Sozialpsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena beginnen konnte. 1973 wurde er Mitglied der SED. Er schrieb Gedichte und arbeitete mit dem Arbeitskreis Literatur und Lyrik Jena um Lutz Rathenow zusammen. Nach einem gemeinsamen Auftritt mit Bettina Wegner und Gerulf Pannach, dem Texter der Band Renft, wurde er 1975 aus der SED und der FDJ ausgeschlossen.[1] Kurz vor dem Abschluss – die Diplomarbeit war schon mit „sehr gut“ bewertet worden – wurde Jürgen Fuchs wegen seiner Gedichte und Prosawerke vom Disziplinarausschuss der Friedrich-Schiller-Universität Jena unter Professor Paul zum „Ausschluss von allen Universitäten, Hoch- und Fachschulen der DDR“ verurteilt und politisch zwangsexmatrikuliert. Eine Arbeit als Psychologe war ihm damit nicht mehr möglich.

In Jena hatte Jürgen Fuchs die Psychologiestudentin Lieselotte („Lilo“) kennengelernt, sie heirateten 1974. 1975 kam ihre Tochter Lili zur Welt. Nach seiner politischen Exmatrikulation am 17. Juni 1975 zog die Familie in das Gartenhaus von Katja und Robert Havemann nach Grünheide bei Berlin. Er arbeitete in einer kirchlichen Sozialeinrichtung. Nach Protesten gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann wurde Jürgen Fuchs am 19. November 1976 verhaftet, zwei Tage vor Gerulf Pannach und Christian Kunert, deren Band Renft im Herbst 1975 verboten worden war. Nach neun Monaten Haft im Gefängnis des MfS in Berlin-Hohenschönhausen und internationalen Protesten wurden Pannach, Fuchs und Kunert 1977 unter Androhung langer Haftstrafen zur Ausreise gezwungen und nach West-Berlin entlassen.

In West-Berlin arbeitete Jürgen Fuchs als freischaffender Schriftsteller und seit 1980 auch als Sozialpsychologe im Projekt Treffpunkt Waldstraße, einer Kontakt- und Beratungsstelle für Problemjugendliche. Heinrich Böll, Manès Sperber, Rudi Dutschke, Heinz Brandt, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Adam Zagajewski und Manfred Wilke zählten zu seinen Bekannten. Er engagierte sich in der Friedensbewegung und hielt Verbindung zur unabhängigen Friedens- und Bürgerbewegung in der DDR, zur tschechischen Charta 77 und zur polnischen Solidarność und thematisierte Tabus des realen Sozialismus wie die Staatssicherheit und den Freikauf von Gefangenen. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) leitete 1982 ein Ermittlungsverfahren gegen Jürgen Fuchs ein und setzte ihn und seine Umgebung zahlreichen „Zersetzungsmaßnahmen“ aus. Dazu zählten eine Bomben-Explosion vor seinem Haus 1986 und die Sabotage der Bremsschläuche seines Autos.[2] Planungen der Hauptabteilung VIII des MfS für Observation und Transitverkehr von 1988 sahen selbst die Installation einer radioaktiven Quelle in Fuchs' Wohnhaus durch einen IME vor.[3]

Seit dem Fall der Mauer bemühte sich Jürgen Fuchs besonders um die Aufklärung der Verbrechen des MfS. Er arbeitete seit 1991 zeitweilig im Bereich Bildung und Forschung des Beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, dessen Beirat er 1997 aus Protest gegen die Beschäftigung ehemaliger Stasi-Mitarbeiter verließ. Im selben Jahr erkrankte er an Leukämie.

Aufsehen und Kritik erregte Jürgen Fuchs, als er im Dezember 1991 das, was die Staatssicherheit mit politischer Haft und „Zersetzungsmaßnahmen" gegen wenigstens sechs Millionen Menschen in der DDR bewirkt hatte, mit dem Begriff „Auschwitz in den Seelen“ bezeichnete. Der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann, Sohn des in Auschwitz ermordeten jüdischen Kommunisten Dagobert Biermann wie auch selbst Ziel von „Zersetzungsmaßnahmen“ der Staatssicherheit, verteidigte ihn ausdrücklich.[4]

Fuchs starb 1999 in Folge seiner Leukämieerkrankung. Sein krankheitsbedingter Tod nährte den Verdacht, er sei als Häftling des MfS vorsätzlich Gammastrahlen ausgesetzt worden.[5][6] Sein Freund Wolf Biermann schrieb dazu: „Sein Tod mit 48 Jahren ist eines der Indizien. Fuchs starb an einem Blutkrebs, der auf Strahlenschäden hinweist.“[7] Der damalige Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen Joachim Gauck veranlasste eine wissenschaftliche Untersuchung, die zahlreiche andere missbräuchliche Verwendungen radioaktiver Substanzen durch die Staatssicherheit offenbarte, zum Beispiel die Verstrahlung von Manuskripten des SED-Kritikers Rudolf Bahro.[8]

Ehrungen

In seinem Todesjahr wurde Jürgen Fuchs für sein Lebenswerk postum mit dem Hans-Sahl-Preis ausgezeichnet. Am 20. Dezember 2002 wurde die Straße vor dem Plenarsaal des Thüringer Landtages in Erfurt in Jürgen-Fuchs-Straße umbenannt. In seiner Heimatstadt Reichenbach im Vogtland trägt eine Bibliothek seinen Namen.[9] Am 9. Mai 2011, seinem 12. Todestag, erhielt ein bisher namenloser Platz in Berlin-Dahlem, Königin-Luise-Straße / Ecke Arnimallee, den Namen Jürgen-Fuchs-Platz. Eine Laudatio hielten Wolf Biermann[10] und Ralph Giordano.[11][12][13][14] Am gleichen Tag wurde im Erfurter Landtag im Rahmen einer Gedenkveranstaltung mit Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller eine von Schülern erarbeitete Multimedia-Stele enthüllt.[15][16]

Literarische Figur

  • Der Schriftsteller Reiner Kunze lässt Jürgen Fuchs in einer Geschichte seines 1976 in der Bundesrepublik veröffentlichten Prosabandes Die wunderbaren Jahre auftreten. Darin schildert der Protagonist Jürgen dem Erzähler einen Ausspähungsversuch durch einen weiblichen IM des MfS. Dies geht auf eine wahre Begebenheit zurück.
  • In den Krimis Der Barbier von Bebra (1996) und Der Mullah von Bullerbü (2000) der Schriftsteller Wiglaf Droste und Gerhard Henschel wird Jürgen Fuchs als Figur karikiert, die in ersterem Werk in den Kellern der Gauck-Behörde barbiert und anschließend mittels Ertränkens in einem mit Sulfrin gefüllten Fass umgebracht wird.[17] Jürgen Fuchs war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krebskrank.
  • Nach dem Tod seines Freundes schrieb Wolf Biermann das Lied Jürgen Fuchs und veröffentlichte es auf der CD Paradies uff Erden. Ein Berliner Bilderbogen, LiederProduktion Altona 1999 (Wolf-Biermann-Edition 20).
  • Der mit Jürgen Fuchs befreundete, ausgebürgerte Autor Axel Reitel vertonte 1999 dessen Gedicht "Scheinwerfer" und veröffentlichte es auf seiner CD "ohne anzuklopfen" am 15. Mai 2000.[18]

Auszeichnungen

Werke

Siehe auch

Literatur

  • Jürgen Fuchs/ Klaus Behnke: Zersetzung der Seele. Psychologie und Psychiatrie im Dienste der Stasi, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2010, ISBN 978-3-931705-35-0
  • Herta Müller: Der Blick der kleinen Bahnstationen. Über die literarisch-dokumentarische Wirkung von Jürgen Fuchs, in: Horch und Guck, 18. Jahrgang, Heft 64 (2/2009), S. 60-65 im Netz, abgerufen am 5. Mai 2011.
  • Ehrhart Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 346, 2.  Auflage, Berlin 1998, Bestell–Nr. 1.346, ISBN 3-89331-294-3.
  • Udo Scheer: Jürgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition., Reihe: Inhaftiert in Berlin-Hohenschönhausen. Berlin: Jaron Verlag, 2007. 384 Seiten. ISBN 978-3-89773-573-6.
  • Siegfried Reiprich: Der verhinderte Dialog, Schriftenreihe Havemanngesellschaft Bd. 3, Berlin 1996, ISBN 978-3-9804920-2-7.
  • Doris Liebermann: Was soll ich tun. Jürgen Fuchs, 1968 und das östliche Europa, in: Osteuropa, 58. Jahrgang/ Heft 7/ Juli 2008
  • Lilo Fuchs: "Haltet zusammen und verlasst dieses Land so schnell wie möglich". Tödliche Zersetzung. Unsere Mutter Dorothea Uschkoreit, in: Horch und Guck, Heft 59 (1/2008), S. 44-45 im Netz, abgerufen am 5. Mai 2011.

Einzelnachweise

  1. Vgl. Jürgen Fuchs – Dichter, Psychologe, Bürgerrechtler, Herausgegeben vom Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Berlin 2010, S. 41.
  2. Berlin Street: Persönlichkeiten: Jürgen Fuchs.
  3. BStU, ZA, IM-Akte „Genua“, A 377/81, Bd. 4, Bl. 149, Treffbericht der HA VIII mit IME „Genua“ vom 3. Februar 1988.
  4. Ein öffentliches Geschwür. In: Der Spiegel. Nr. 3, 1992, S. 158–167; hier S. 166 (Wolf Biermann antwortet seinen Kritikern in einem offenen Brief an Lew Kopelew, online).
  5. Peter Wensierski: In Kopfhöhe ausgerichtet. In: Der Spiegel. Nr. 20, 1999, S. 42–44 (online).
  6. Vgl. auch Darstellung bei Udo Scheer: Jürgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition. Reihe: Inhaftiert in Berlin-Hohenschönhausen. Berlin 2007, S. 358 ff.
  7. Wolf Biermann: Der Hass höret nimmer auf. In: Der Spiegel. Nr. 51, 2008, S. 159 (online).
  8. Gauck: Stasi setzte radioaktive Stecknadeln ein. Spiegel Online, 17. März 2000
  9. Jürgen Fuchs Bibliothek
  10. Video von der Rede Biermanns, abgerufen am 9. Mai 2011.
  11. Einweihung Jürgen-Fuchs-Platz
  12. Vernehmungsprotokolle von Jürgen Fuchs
  13. Platz in Berlin erinnert an Jürgen Fuchs Welt online vom 25. April 2011
  14. rbb: Ehrung. Berlin benennt Platz nach Jürgen Fuchs rbb-online vom 9. Mai 2011, abgerufen am 9. Mai 2011.
  15. Frank Quilitzsch: Eine Stele für den stillen Rebellen Jürgen Fuchs, in: TLZ vom 10.Mai 2011, abgerufen am 10. Mai 2011.
  16. mdr-Thüringen Journal: Fernseh-Bericht über die Veranstaltung im Thüringer Landtag, gesendet am 9. Mai 2011, abgerufen am 10. Mai 2011.
  17. Gudrun Schmidt: Viel Lärm um nichts. Rezension von Der Barbier von Bebra, Edition Luisenstadt 1998
  18. http://www.welt.de/print-welt/article536019/Aus_Plauen.html

Weblinks


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