Operation Gomorrha

Operation Gomorrha

Operation Gomorrha war der militärische Codename für eine Serie von Luftangriffen, die von der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg vom 25. Juli bis 3. August 1943 auf Hamburg ausgeführt wurden. Es waren die bis dahin schwersten Angriffe in der Geschichte des Luftkrieges. Befohlen wurden diese Angriffe von Luftmarschall Arthur Harris, dem Oberbefehlshaber des Britischen Bomber Command.

Hamburg nach den Bombenangriffen der Operation Gomorrha

Inhaltsverzeichnis

Namensgebung

Die Bibel berichtet im 1. Buch Mose, 19, 24: Der HERR ließ Schwefel und Feuer regnen auf Sodom und Gomorrha und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner.

Vorgeschichte

Den Luftangriffen ging eine Absprache zwischen den Westalliierten und Stalin voraus. Stalin hatte auf einer zweiten Front im Westen von Deutschland bestanden. Die Westmächte wollten diesen Angriff mit Bodentruppen allerdings noch nicht einleiten und hatten als Kompromiss die Bombardierung deutscher Städte angeboten.

Entscheidend für das Gelingen der Operation Gomorrha waren die von den Briten erstmals eingesetzten Düppel aus Stanniolstreifen (Länge 27 cm), welche die deutschen Funkmessgeräte (Wellenlänge 54 cm) völlig wirkungslos machten.

Das Bombardement

Vorausgehende Bombardierungen: Angriff vom 30./31. Januar 1943
US-Wochenschau "United News" berichtet August 1943 von der Zerstörung Hamburgs.

Im Rahmen der Operation Gomorrha kam es zu fünf Nachtangriffen durch die Royal Air Force und zwei Tagesangriffen durch die United States Army Air Forces (USAAF).

Die Angriffe begannen in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943 mit der Bombardierung Hamburgs durch 791 britische Bomber.[1] Durch Fehlwürfe der Zielmarkierungen (Zielpunkt war die St.-Nikolai-Kirche im Stadtkern) erstreckten sich die Schäden durch 2300 Tonnen Bomben über ein recht weites Gebiet. Trotzdem kam es in der Innenstadt, in Hoheluft, Eimsbüttel und Altona zu ausgedehnten Flächenbränden. Auch einige nordwestliche Vororte wurden getroffen. „Die Zahl der Toten schätzte die Luftschutzleitung auf etwa 1500 […] Genauere Feststellungen für den ersten Großangriff hat es nicht gegeben.“[2] Zwölf britische Bomber kehrten nicht zurück.

Am Nachmittag des 25. Juli 1943 griffen etwa 90 bis 110 US-amerikanische Bomber (91st, 351st, 381st [= 1st combat wing], 303rd, 379th, 384th bomb group [= 41st combat wing]) Industrieanlagen und Ziele im Hamburger Hafen an. Es wurden mehrere Schiffe versenkt und einige Mineralölbetriebe getroffen. Wegen der starken Rauchentwicklung durch den vorausgegangenen Nachtangriff der Royal Air Force konnten vielfach Ziele nicht gefunden werden. Bei diesem ersten Tagangriff warf die USAAF etwa 186 Tonnen Sprengbomben binnen 10 Minuten ab und verlor fünfzehn B-17-Bomber infolge heftiger Abwehrmaßnahmen durch Flak und Jäger. Die 381st bomb group konnte ihre Bomben erst während des Rückflugs zur Nordsee über der kleinen Stadt Heide (Holstein) abwerfen.

Zur gleichen Zeit überflogen am 25. Juli 1943 rund 60 US-amerikanische Bomber (94th, 95th und 100th bomb group [= 13th combat wing] sowie 388th bomb group) den Großraum Hamburg, um Kiel sowie Rerik (Ostsee) zu bombardieren. Vier B-17-Bomber wurden dabei abgeschossen.

Am Mittag des 26. Juli griffen erneut 71 US-amerikanische Bomber Ziele im Hamburger Hafen an. Dabei wurde auch das Kraftwerk Neuhof getroffen. Bei den beiden Tagesangriffen kamen etwa 150 Menschen ums Leben.[3]

Bei dem vierten Angriff im Rahmen der Operation Gomorrha handelte es sich um einen Störeinsatz von sechs britischen Maschinen vom Typ Mosquito in der Nacht vom 26. zum 27. Juli 1943, der nur Sachschaden anrichtete.

Beim zweiten Großangriff der Royal Air Force in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 wurden 739 Bomber eingesetzt. Der Schwerpunkt der Bombenabwürfe lag in den Stadtteilen östlich der Innenstadt. Aus den Flächenbränden bildete sich wegen der ungewöhnlichen Wetterumstände, die in dieser Nacht über Hamburg herrschten, ein Feuersturm. Die orkanartigen Winde, die am Boden auftraten, fachten die umliegenden Brände weiter an. Die Stadtteile Rothenburgsort, Hammerbrook und Borgfelde wurden fast völlig zerstört, auch in Hamm, Eilbek, Hohenfelde, Barmbek und Wandsbek gab es größere Zerstörungen. Etwa 30.000 Menschen verloren bei diesem Angriff ihr Leben.

Während des dritten Großangriffs der RAF in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 1943 kamen 726 Bomber zum Einsatz. Die Bomben fielen hauptsächlich auf die Stadtteile Barmbek, Uhlenhorst und Winterhude. Trotz ausgedehnter Flächenbrände kam es nicht zur Bildung eines Feuersturms, obwohl Barmbek ein ebenso dicht besiedelter und bebauter Stadtteil war wie Hammerbrook. Die Zahl der Opfer kann nur geschätzt werden; eine Quelle geht hier von etwa 1.000 Toten aus.[4]

Die Royal Air Force setzte im Rahmen der Operation Gomorrha in der Nacht des 2. zum 3. August 1943 für den siebten und letzten Angriff 740 Bomber ein, die während eines schweren Gewitters Hamburg erreichten. Die Bombardierung erfolgte daher weitgehend ungezielt und es kam zwar zu mehreren Großfeuern (beispielsweise in der Hamburgischen Staatsoper), aber zu keinen Flächenbränden. Über die Zahl der Opfer dieses Angriffs ist nichts bekannt, sie dürfte aber deutlich geringer sein als beim ersten oder dritten Großangriff der Royal Air Force.

Angriffstechnik

Zur Bombardierung wurde eine Mischung von Luftminen, Spreng-, Phosphor- und Stabbrandbomben verwendet.

Die Luftminen und Sprengbomben deckten dabei durch ihre enorme Druckwirkung gezielt die Dächer der Häuser ab, ließen die Fensterscheiben zerspringen und unterbrachen – sofern sie auf Straßen aufschlugen – oftmals die Wasserleitungen.

Die Phosphorbomben und Stabbrandbomben konnten die nun freiliegenden hölzernen Dachstühle entzünden, wobei sich die Brände über die fast ausschließlich aus Holz bestehenden Treppenhäuser auf die weiter unten liegenden Etagen ausbreiteten und, begünstigt durch die zerborstenen Fensterscheiben, auch genügend Sauerstoff erhielten. Letztendlich führte dies zum vollständigen Ausbrennen der Gebäude.

Die Angriffe beschränkten sich immer auf einen Sektor der Stadt. Zentraler Ausgangspunkt war der rund 147 Meter hohe Turm der Nikolaikirche, deren Ruine nicht wieder aufgebaut wurde und heute als Mahnmal und Dauerausstellung zur Operation Gomorrha dient.

Die vorhandenen Bunker zum Schutz der Bevölkerung konnten zu dieser Phase des Krieges nur noch bedingt Schutz bieten, da während des Krieges immer größere Bomben eingesetzt wurden. Auch führte der Sauerstoffbedarf der Brände zum Erstickungstod vieler Eingeschlossener.

Auswirkungen

Die Anzahl der Opfer der Operation Gomorrha ist nicht genau festzustellen. Bis zum 30. November 1943 waren 31.647 Tote geborgen worden, von denen 15.802 identifiziert werden konnten. Die Hamburger Luftschutzleitung schätzte zu dieser Zeit die Gesamtzahl der Opfer auf 35.000, heutige Beiträge der Geschichtswissenschaft gehen von einer Zahl von etwa 34.000 Toten und 125.000 Verletzten in Folge der Operation Gomorrha aus. Eine ausführliche Darlegung, die sich mit den häufig anzutreffenden höheren Angaben der Opferzahl anhand des vorhandenen Quellenmaterials auseinandersetzt, findet sich in dem Buch von Hans Brunswig.[5]

Es zeigte sich, dass die vorhandenen Bunker und Schutzräume völlig unzureichend waren. Daher wurde eine Evakuierung eingeleitet, die in einigen Stadtteilen, beispielsweise in Barmbek, noch rechtzeitig durchgeführt werden konnte. Alle Bewohner, die nicht unbedingt in der Rüstungsproduktion benötigt wurden, mussten die Stadt verlassen. Kinder wurden im Rahmen der Kinderlandverschickung weitestgehend auf dem Land in Sicherheit gebracht. Insgesamt flohen nach den Angriffen etwa 900.000 Hamburger aus der Stadt in die „Aufnahmegaue“ in Bayern und Ostdeutschland bzw. Polen. Noch im Dezember 1943 waren 107.000 Hamburger in Schleswig-Holstein evakuiert, 58.000 im Gau Bayreuth, 55.000 in Magdeburg-Anhalt, 45.000 in Ost-Hannover und 20.400 in Danzig-Westpreußen.[6]

Nachwirkung

Mahnmal Dulsberg
Gedenktafel an einem während der Operation Gomorrha zerstörten Haus
Mahnmal an der Hamburger Straße

Der Feuersturm zerstörte weite Teile der alten Hamburger Bebauung vollständig, ehemalige Stadtteilzentren wie die Altstadt Altonas existieren ebenso wie auch diverse Baudenkmäler nicht mehr. Einstmals in Straßen voller Altbauten integrierte Gotteshäuser wie die St.-Nikolai-Kirche, St.-Michaelis-Kirche oder die St. Trinitatis-Kirche stehen heute weitgehend isoliert und wurden nach dem Krieg zum Teil nur notdürftig wieder instandgesetzt. Plätze wie den Eimsbütteler Marktplatz gibt es nur noch als Namen auf Erinnerungstafeln oder Straßenschildern, während breite Verkehrswege wie die Ludwig-Erhard-Straße oder die südliche Holstenstraße durch einstmals dicht bebaute Wohngebiete führen. Der Öjendorfer Park, eine hügelige Landschaft im östlichen Hamburger Stadtteil Billstedt, entstand auf den abgeladenen Kriegstrümmern.

In dem damals vollständig zerstörten Stadtteil Hammerbrook, zuvor ein überwiegend von Hafenarbeitern bewohntes Viertel, sind praktisch keine Wohngebäude und Altbauten mehr vorhanden. Stattdessen befinden sich dort fast ausschließlich neu errichtete Gewerbebauten.

Die letzten Bombenbrachen der Operation Gomorrha wurden erst Ende der 1960er-Jahre beseitigt, zahlreiche Fleete wurden mit Trümmerschutt gefüllt und ab den 1950er-Jahren mit Straßen überbaut, insbesondere in der Innenstadt. Die Nachkriegsbauten stehen meist in Zeilenbauweise quer zur Straße und bilden keine zusammenhängenden Baublöcke mehr, damit sollte ein erneuter Flächenbrand verhindert werden.

Für die Stadt Hamburg war die Operation Gomorrha nach 1945 nicht nur städtebaulich von zentraler Bedeutung, der Hamburger Feuersturm von 1943 hat zudem einen besonderen Platz im Gedächtnis der Stadt. Der Historiker Malte Thießen stellte dazu in seiner Studie zum Gedenken an die Operation Gomorrha fest: „Wegen der bis heute sichtbaren Zerstörungskraft waren die Juli-Angriffe – im Gegensatz zu Ereignissen wie der Machtergreifung, dem Attentat vom 20. Juli 1944 oder der "Reichskristallnacht" – von Anfang an als kollektiver Fixpunkt im städtischen Gedächtnis verankert.“[7]

In den vom Bombenkrieg getroffenen Hamburger Wohnvierteln findet man an vielen Nachkriegsbauten Tontafeln mit dem Hamburger Wappen und einer Inschrift mit dem Datum der Zerstörung und des Wiederaufbaus. Sie wurden von der Hamburger Baubehörde für Wohnungen gestiftet, die nach den Zerstörungen 1943 unter finanzieller Förderung der öffentlichen Hand wieder aufgebaut wurden.[8]

Auf der Fußgängerinsel zwischen Hamburger Straße und Oberaltenallee beim Winterhuder Weg erinnert seit 30. Juli 1985 ein Mahnmal der Bildhauerin Hildegard Huza an 370 Menschen, die in der Nacht auf den 30. Juli 1943 in einem nahegelegenen Schutzraum erstickten. Es zeigt einen fast lebensgroßen Menschen aus Stein, der sich in einer Mauerecke schutzsuchend niederkauert.[9]

Auf dem Friedhof Ohlsdorf befindet sich das Massengrab der Bombenopfer mit dem Mahnmal von Gerhard Marcks. Dargestellt ist der Totenfährmann Charon, der ein Brautpaar, einen Mann, eine Mutter mit Kind und einen Greis über den Acheron setzt. Das Denkmal wurde am 16. August 1952 unter starker Beteiligung der Bevölkerung eingeweiht und ist bis heute der Ort für die offiziellen Kranzniederlegungen des Senats.[10]

Siehe auch

Literatur

  • Hans Brunswig: Feuersturm über Hamburg, ISBN 3-613-02367-9
  • Ursula Büttner: „Gomorrha“ und die Folgen. Der Bombenkrieg, In: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hrsg.): Hamburg im „Dritten Reich“, Göttingen 2005, S. 613–631. ISBN 3-89244-903-1
  • Hans Erich Nossack: Der Untergang – literarische Verarbeitung der Luftangriffe.
  • Joachim Szodrzynski: Die „Heimatfront“ zwischen Stalingrad und Kriegsende, In: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hrsg.): Hamburg im „Dritten Reich“, Göttingen 2005, S. 633–685. ISBN 3-89244-903-1
  • Malte Thießen: Eingebrannt ins Gedächtnis. Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende 1943 bis 2005, München 2007. ISBN 978-3-937904-55-9
  • Malte Thießen: Gedenken an „Operation Gomorrha“. Hamburgs Erinnerungskultur und städtische Identität, In: Dietmar Süß (Hg.): Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung, München 2007, ISBN 3-486-58084-1, S. 121–133.
  • Ray T. Matheny: Die Feuerreiter. Gefangen in Fliegenden Festungen, Albrecht Knaus Verlag, ISBN 3-8135-0568-5

Film

  • Der Hamburger Feuersturm 1943, Dokumentarfilm, 120 Min. Regie: Andreas Fischer. Deutschland 2009. Erstausstrahlung: NDR 14. Juli 2009

Weblinks

 Commons: Bombardierung Hamburgs im Zweiten Weltkrieg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Berichte von Zeitzeugen

Quellen

  1. CBS-London Nachrichtenmeldung vom 25. Juli 1943
  2. Hans Brunswig: Feuersturm über Hamburg, Stuttgart 1978, ISBN 3-87943-570-7, S. 206.
  3. Hans Brunswig: Feuersturm über Hamburg, Stuttgart 1978, ISBN 3-87943-570-7, S. 210.
  4. Hans Brunswig: Feuersturm über Hamburg, Stuttgart 1978, ISBN 3-87943-570-7, S. 259.
  5. Hans Brunswig: Feuersturm über Hamburg, Stuttgart 1978, ISBN 3-87943-570-7, S. 400ff.
  6. Ursula Büttner: „Gomorrha“ und die Folgen. Der Bombenkrieg, In: Hamburg im „Dritten Reich“. Hrsg. Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, S. 623.
  7. Malte Thießen: Eingebrannt ins Gedächtnis. Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende 1943 bis 2005, Dölling und Galitz Verlag, München/Hamburg 2007, S. 12. ISBN 978-3-937904-55-9.
  8. Malte Thießen: Gedenken an ‚Operation Gomorrha‘. Zur Erinnerungskultur des Bombenkrieges nach 1945, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 53 (2005), S. 46–61, 2005, S. 46–61. ISSN 0044-2828.
  9. KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Gedenkstätten in Hamburg, Hamburg März 2003, S. 50, ISBN 3-929728-71-0
  10. Malte Thießen: Gedenken an ‚Operation Gomorrha‘. Hamburgs Erinnerungskultur und städtische Identität, in: Dietmar Süß (Hg.): Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung, München 2007, ISBN 3-486-58084-1, S. 121−133.

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