Kanaanitische Religion

Kanaanitische Religion

Die ugaritischen Mythen stammen aus der Zeit um ca. 1500–1200 v. Chr. und bilden die Grundlage für die Ugaritische Religion. Die ugaritischen Mythologie fußt auf älteren sumerischen und akkadischen Vorstellungen. Auch hethitische und hurritische Einflüsse sind vorhanden.

Der ursprüngliche Haupt-Gott in der Stadt Ugarit ist El (ein Stiergott). Die Götter der Levante werden auch bei den Phöniziern und in den alttestamentlichen Schriften der Bibel erwähnt, so etwa in Zusammenhang mit der Regentschaft Salomons.

Inhaltsverzeichnis

Quellen

Hauptsächlich sind uns die Ugaritischen Mythen von umfangreichen Keilschrifttafel-Funden aus der antiken bronzezeitlich um ca. 1192 v. Chr. zerstörten Stadt Ugarit (Ras Schamra) bekannt. Diese sind vorwiegend in akkadischer Keilschrift aufgezeichnet, zum Teil etwa ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. auch in einem protosemitischen Alphabet. Die Tafeln beleuchten auch die religiösen Vorstellungen dieses Volkes in Sagen und Epen, Mythen, der Gebete, Götter- und Opferlisten der zeremoniellen Texte und Vorschriften. So gibt es Befragungen der Göttern durch Leber-Orakel. Es wurden mehrere Tonmodelle von Schafslebern gefunden, samt Hinweisen, wie diese zu deuten sind. Ausführlich sind Opferzeremonien für verschiedene Götter beschrieben. Sehr genau werden Begräbniszeremonien beschrieben, bei denen auch die Ahnen beschworen wurden. Beschwörungstexte gibt es auch gegen schädliche Naturkräfte, Krankheit, Unfruchtbarkeit, Dämonen, die Folgen von Trunkenheit und Schlangengifte. Diese Einblicke in die Ugaritische Religion sind auch für die Interpretation der Religion von Kanaan bedeutsam.

Regionale Bedeutung

In der Stadt Ugarit wurde als Hauptgott nach El Baal verehrt. Sein Heim war ein Berg nördlich von Ugarit, der den Namen Baal-Zephon trug. Der Ort dürfte durch die Seefahrer der Hyksos, die bereits ca. 1540 v. Chr. bekannt waren, kulturell/religiös stark beeinflusst worden sein, welche Baal in der Form Baal-Zephon/Baal-Hadad verehrten.

Ugarit liegt in Syrien und ist dem aramäischen Kulturkreis zuzurechnen. Die Aramäer stehen den späteren hebräischen Stämmen, zu denen auch die Israeliten gerechnet werden, nahe oder waren ihnen benachbart.

Um ca. 1192 v. Chr. in der späten Bronzezeit wurden die Hügel im Land Kanaan mit hunderten von neuen Orten überzogen, möglicherweise durch die Aramäer. Diese wurden wahrscheinlich wegen der anhaltenden Dürreperiode zur Auswanderung aus ihren Gebieten gezwungen oder sind aus den angrenzenden Wüstengebieten eingewandert. Es ist anzunehmen, dass damit der Baal-Kult eine noch weitere regionale Verbreitung und Blüte in Syrien und Palästina, dem Land Kanaan, erfuhr.

Die Ausdehnung der Besiedlung von Galiläa bis hin zur Wüste Negev beschreibt die Bibel im Buch Josua. Durch archäologische Funde und moderne Textkritik der Bibel ist es wahrscheinlich, dass im eher bäuerlich geprägten Israel des Zeitalters der ersten Epoche der Eisenzeit mit seinen einfachen dörflichen Strukturen der Baalkult weit verbreitet war. Ein toleriertes Nebeneinander der Glaubensströmungen, ein regelrechter Polytheismus, in einer auf vielfältigen Wegen zusammen gekommenen Bevölkerung wird nicht zuletzt durch Zeugnisse in den Quellen gestützt. Eine entscheidende Wende ergab sich erst zu Zeiten des Propheten Elija, der sich vehement gegen die Absicht von Königin Isebel stellt, den Baal-Kult zur Staatsreligion zu erheben. Insbesondere das Nordreich Israel unter der Dynastie der Omriden huldigte einem offiziellen Polytheismus und dem Kult des Baal.

Beendet wurde diese Situation vermutlich durch die Vernichtung des Nordstaates Israel im 8. Jahrhundert v. Chr. durch die Assyrer und durch ein Erstarken des vorher unbedeutenden Staates Juda von Jerusalem im Süden aus mit seinem Jahwe-Kult. Die nationalen Einigungsbestrebungen unter Josia führten dann zur Proklamation des Monotheismus mit Jahwe als einzigem Gott und zur konsequenten Sammlung und Redaktion der biblischen Schriften. In der Folge wurden Polytheismus, Baalkult und Omridenreich regelrecht verteufelt.

Männliche Götter

EL

Schöpfer der Welt und der Menschen, oberster Schiedsrichter und nominell Haupt der Götterfamilie ist der Gott El. Er trägt Beinamen wie z.B. „König“, „der Freundliche“ oder „Stier“. [1] Die Anrufung „Stier-El“ legt nahe, dass sein Symbol der Stier war. Seine Herrschaft ist bleibend und ewig (anders als manche Schöpfergötter anderer Mythen, die später ihre Bedeutung verlieren oder besiegt werden). Er wird aber in Menschengestalt, ruhig und mächtig, in königlichen Gewändern dargestellt. Er wird grauhaarig und mit Bart beschrieben. Ein Inschriftenfragment enthält eine mythische Erzählung: El überrascht am Brunnen zwei Frauen, (Aschera und Schapsu), er schwängert sie. Dadurch entsteht das Götterpaar Schachar (Morgendämmerung) und Schalem (Abenddämmerung). [2] Insgesamt erzeugt er mit Aschera 70 Götter und Göttinnen, darunter viele anonyme Götter, die furchterregende Dämonen sind. Weitere Kinder hat El mit Schapsu (Sonnengöttin) gezeugt; alle Kinder des El werden „Banu-Elima“ (Els Söhne) genannt. Ein typisches Gebet an El lautet:

„Oh El! Oh Söhne Els!
Oh Versammlung der Söhne Els!
Oh Zusammenkunft der Söhne Els

Oh El und Aschirat
Sei gnädig, oh El
Sei Stütze, oh El
El, eile, El,komm schnell
Zur Hilfe Zaphons,
Zur Hilfe Ugarits
Mit der Lanze, oh El,
mit der erhobenen, oh El.
Mit der Streitaxt, oh El,
mit der zerschmetternden, oh El.“

An El als mächtigsten der Götter wendet man sich in großer Not um Hilfe. Sein Name wird in Königsnamen, etwa auch des Staates Ammon, angerufen.

In der Pluralform Elohim (pluralis majestatis zu Herrgott) kommt er zahlreich in der älteren Bibel als einer der Gottesnamen vor.

Bezüge: Er ist sowohl der Göttervater als auch der Vater der Menschheit (ab-adm). Dieses Konzept des Menschen-Schöpfers findet sich später im hebräisch-biblischen Adam, dem ersten Menschen, aber auch schon zuvor im sumerischen Mythos um Adapa.

El (oder Bull-El) lebt in der Tiefe eines Berges oder Gebirges, an der Quelle der zweifachen Tiefe, tehom (ursprünglich babylonische Meeresgöttin Tiamat; im Buch Genesis der Bibel wird Jahwe-Elohim zu Beginn mit tehom - „die Tiefe“, verknüpft), welche die Quelle von Süß- und Salzwasser (Meer) darstellt.

Es besteht hier eine systematische Verwandtschaft mit dem sumerischen Erd- und Quellen-Gott Enki, der in der Unterwelt von Abzu herrschte.

Baal

Stele des Baal, 15.-13. Jahrhundert v. Chr., gefunden am Baaltempel in Ugarit: Baal als Gewitter- und Wettergott: in der rechten Hand die Donnerkeule, links der als Pflanze stilisierte Blitzspeer, Berggott: zu seinen Füßen eine Wellenlinie, die Berge darstellt (sein Sitz ist der Berg Zaphon), die untere Wellenlinie repräsentiert seine Herrschaft über das Meer, nachdem er Yam besiegt hat. Die kleine Figur ist wohl der König von Ugarit. Heute im Louvre, Höhe 142 cm, B 50 cm, T 28 cm

Baal ist der wichtigste Gott im Ugaritischen Mythos, ihm ist auch der umfangreichste Mythenzyklus unter den Keilschriftfunden gewidmet. Er war ursprünglich ein fremder Gott und Sohn von Dagan und Tirosch, wurde aber mit Hilfe Anats in den überkommenen Götterhimmel Kanaans integriert.

Der Gott Baal oder auch Baal-Haddad (kurz Adad) wird mit den Gewitterwolken verknüpft, welche die Erde befeuchten. Indem er die tote Dürre beendet, ist er Spender der Fruchtbarkeit.

Im sumerischen Gilgamesch-Epos wird Baal als Gott dargestellt, dessen Regen irgendwann sogar eine Flut verursachen wird, welche dann die ganze Menschheit vernichtet.

Gewitterwolken werden als Adads Kälber bezeichnet. Der Donner wird als Baals Stimme interpretiert. Er ist auch äußerst dynamisch, mächtig und kampfkräftig. Baal-Haddad wird manchmal auf einem Bullen stehend abgebildet, wobei er Blitze von sich schleudert.

Ein Auszug aus dem den Regengott Baal verherrlichenden Keret-Epos verdeutlicht die überragende Stellung Baals:

„Er goss Öl aus und sagte: ,Erfrische Erde und Himmel‘
Er umkreiste die Ränder des Ackerlandes,
den Emmer im durchfurchten Tiefland.
Auf das Ackerland komme der Regen Baals,
und für das Feld der Regen des Höchsten!
Süß sei für das Ackerland der Regen des Baal,
und für das Feld der Regen des Höchsten!
Süß sei er für den Weizen in der Furche,
im Neubruch [frisch gepflügtes Feld] wie Wohlgeruch,
auf der Ackerfurche wie Kräuterduft!
Es hoben den Kopf die Pflüger,
nach oben die Getreidearbeiter.
Aufgebraucht war nämlich das Brot in ihren Körben,
aufgebraucht der Wein in ihren Schläuchen,
aufgebraucht das Öl in ihren Gefäßen.“

Baal ist der Gott, der für Wasser, Brot, Wein, Öl, Kräuter (als Nahrungsgrundlage für das Vieh) und ihr Gedeihen verantwortlich ist. Hier gibt es deutliche Parallelen zu Psalm 65, in dem diese Eigenschaften Jahwe zugeschrieben werden. Baal wurde besonders in Nordisrael über hunderte von Jahren und noch in biblischer Zeit verehrt. Gegen die Verehrung des Baal wetterten immer wieder die Propheten der Bibel.

(Die unterstellten Feindseligkeiten zwischen Baal und seinem Bruder Yam um die Herrschaft der Erde fand man später in der Beziehung zwischen dem ugaritischen Baal und dem biblischen Yahweh in der Periode von ca. 1200 bis 587 v. Chr. unmittelbar fortgesetzt.)

Baal kämpfte mit seinem Bruder Yam um die Herrschaft der Erde. In den ugaritischen Mythen besiegt Baal den drakonischen Yam. Somit ist Baal am Ende auch der Beherrscher der Meere. Diese Herrschaft sicherte den Hyksos gutes Wetter für die Schifffahrt, was günstig für ihren darauf aufbauenden Seehandel war. Somit war Baal-Hadad für die Hyksos auch der Sturm-Gott.

Nach alternativer Quelle begründete Baal seine Herrschaft über die Welt durch Unterwerfung des widerspenstigen kosmischen Wassers, das durch eine Schlange oder einen Drachen symbolisiert wurde. (Es gibt Psalmen die Yahweh schildern, wie er das Wasser zusammen mit den Drachen Leviathan und Rahab unterwirft.)

Dagan (und Tirosch)

Dagan und Tirosch (Korn und Most) sind ein agrarisches Urgötterpaar aus Halab (Aleppo), das sich ebenfalls in der Nähe von Ugarit sowie Kanaan befand und das in den kanaanäischen Pantheon integriert wurde. In Konkurrenz zu El und Aschera konnten sie kaum Fuß fassen und werden in den Texten kaum erwähnt. Dagan ging später in El auf. Baal war ihr überaus erfolgreicher Sohn.

Yam

Der Meeresgott Yam (Meer) wird auch Nahar (Fluss) genannt und gilt somit als Wasser-Gottheit. Er erhält von El einen neuen Namen: Yaw.

Tsedeq

Für die Kanaaniter war Tsedeq die wohlmeinende Form des Sonnengottes. Dieser mächtige Gott wachte als Richter über die Welt, um versteckte Verbrechen ans Licht zu bringen und um die an Unschuldigen begangenen Übeltaten zu richten.

Kothar

Kothar ist der Gott der Schmiede, der manchmal mit dem griechischen Kinyras, dem Vater/Großvater des Adonis gleichgesetzt wird.

Göttinnen

Anat

Baals Gemahlin ist Anat (auch „Königin des Himmels“ in den Mythen der späten Bronzezeit). Möglicherweise angelehnt an Inana, eine sumerische Himmelskönigin. Sie wird auch Attart-shem-Baal genannt, was bedeutet 'Attart, Name von Baal'. Sie wird also eindeutig Baal zugeordnet.

Andere Quellen bezeichnen sie als Schwester und Gefährtin des Baal.

Aschera

Aschera (teils auch als Athirat bezeichnet), Gattin des Schöpfergottes El, die 70 Götter und Göttinnen gebar, ist Fruchtbarkeitsgöttin. Dementsprechend hoch ist ihre Bedeutung. In einer aramäischen Inschrift wird sie als Göttin von Teman bezeichnet. Dies ist interessant, weil es in Habakuk 3,3 heißt:

„Gott kommt von Teman her.“

Ihr Name (ugaritisch atrt, vermutl. Aschiratu) leitet sich wohl von atr/aschr, also heiliger Ort ab. Ihr Beiname ist „die Heilige“. Verehrt wird sie in einem Kultpfahl, der einen stilisierten Baum (Aschere) darstellt. Der Name aschera kommt rund vierzigmal in der Bibel vor, sowohl als Name der Göttin als auch als Bezeichnung für den Kultpfahl. Zeitweise nahm sie in der Vorstellung der Menschen im Alten Israel die Stelle der Ehefrau von Jahwe ein. So fand sich in Kuntillet 'Adschrud ein Vorratskrug aus dem 8. bis 7. Jahrhundert mit folgender Inschrift:

„… Ich habe Euch gesegnet durch JHWH und seine Aschera.
Amaryo sprach zu seinem Herrn: …
Ich habe dich gesegnet durch JHWH und seine Aschera.
Er möge dich segnen,
und er möge dich behüten,
und er möge sein mit meinem Herrn.“

Auf einer Wand in Chirbet el Kom (nahe Hebron) fand sich folgende Inschrift:

„Uriyahu, der Reiche, hat dies geschrieben:
Ein Gesegneter ist Uriyahu durch JHWH –
aus seinen Bedrängnissen hat er ihn durch Aschera gerettet.
Durch Onyahu.“

In der Bibel wird insoweit erwähnt (1 Könige 15,13), dass Königinmutter Maacha der Aschera ein Standbild errichtet hat. König Manasse (2 Könige 21,7) stellte ein Kultbild der Aschera auf. Die Stelle 1 Könige 18,19 erwähnt 400 Propheten Ascheras, die vom Tisch Isebels essen. König Joschija entfernt aus dem Tempel gemäß 2 Könige 23,4 Gegenstände, „die für den Baal, Aschera und das ganze Heer des Himmels angefertigt worden waren.“

Aschera wurde in einer Ähnlichkeitsbeziehung zu der ägyptischen Göttin Hathor gesehen, sodass sie auch mit deren Attributen, zwei Lotosblüten als Symbole der Fruchtbarkeit dargestellt wird.

Ashtoreth

Yam/Yaws Frau hieß Ashtoreth. Sie wird in einem ägyptischen Papyrus auch bezeichnet als „Die Braut des thyrrenischen Meeres“. (Was auf Kleinasien, Ägäis hindeutet, auch für Yam). Im Alten Testament, wo man sie als Ashtoreth findet, wird vor allem ihr Fruchtbarkeits-Aspekt betont.

Ihre Entsprechung findet Ashtoreth auch in der semitischen Göttin Astarte.

Göttliche Einheiten

Da schon in historischen Quellen oftmals die Götter Baal und Yaw ihrem Wesen nach stark miteinander vermengt sind, werden auch Anat und Ashtoreth gerne als nur eine Person gesehen. Da El als Universalgott allen Göttern innewohnt, findet man in ihm teilweise sogar die Person von Athirat ebenfalls mit eingebunden.

Die Verwendung der ugaritischen Götter als meist zweigeschlechtliche Doppel-Gottheiten (Janus-Kopf) wurde insbesondere während der persischen Periode praktiziert. Beispiele: Ashart-Anat, Ashtart-Yaw, Anat-Yaw (gilt als Sonnengott), Ashim-Bethel, Anat-Bethel (entspricht dem phönizischen Ashtart-Melk) und Ashtart-Eshmun.

Ugaritischer Kultkalender und Opferfeste

Neujahrsfest

Das ugaritische Neujahrsfest begann vor der herbstlichen Tagundnachtgleiche am 1. Tag des letzten Kalendermonats Ra'šu-Yeni, wobei sich der Name des Monats der erste Wein auf die bevorstehende Traubenernte bezieht. Das Neujahrsfest stellte das wichtigste Fest des Jahres dar. Von größter Bedeutung war der Vollmond, der den Beginn der religiösen Kulte einleitete. Am Vorabend des Vollmonds stieg dazu der König auf die Dachterrasse des Palasttempels und opferte den höchsten Göttern. Vorher wurden auf den Dächern der Tempel, Paläste und Häusern symbolische Wohnhütten für die Götter aus abgeschnittenen Ästen erbaut. Am 15. Tag des letzten Monats erfolgte der Auftakt des rituellen Erntedankfestes und die Begrüßung des ersten Weins. Gleiche Hüttenbauten wurden auf den Feldern der Weinreben erstellt, in die die Besitzer der Trauben-Plantagen während der Erntezeit einzogen, um die Weinreben vor den Vögeln zu schützen. Klimatisch war das Fest des ersten Weins mit der beginnenden Regenperiode und der Aussaat verbunden.[3] Bei den Hebräern entspricht das ugaritische Neujahrsfest dem Sukkot-Fest, dessen Ursprung aber anders abgeleitet wird.

Marzihu-Fest

Das marzihu-Fest wurde zu Ehren der Toten gefeiert. Den Auftakt bildete die Einladung der rapi'uma, der Totengeister, die zum symbolischen Festmahl im Tempel des Gottes EL erschienen. Der Gott EL, verkörpert durch den Oberpriester (rab kehenim), sitzt betrunken im marzihu. Neben den Totengeistern erscheint der Unterweltsgott Habay, der vor EL tritt und EL in eine tiefe Ohnmacht fallen lässt. Durch diesen Akt wird die symbolische Verbindung zum Totenreich hergestellt. Anat und Astarte erwecken EL schließlich mit Arzneien aus diesem Trancezustand. Die ugaritische Bevölkerung feierte das marzihu ebenso ausgelassen und volltrunken, um die notwendige Trance zu erlangen. Das marzihu entspricht dem sumerischen Kispu-Fest. Es ist nicht bekannt, in welchem Monat das ugaritische Totenfest gefeiert wurde.[4]

Referenzen in der Bibel und anderern Quellen

In der Bibel-Geschichte um den Empfang der Gesetzestafeln von Jahwe durch Moses am Berg Sinai finden sich zahlreiche Symbole der ugaritischen/kanaanitischen Kulte wieder. Während Mose auf dem von Wolken (Adads Kalb, Baal) verhüllten Berg ist, wird vom Volk am Fuß des Berges ein goldenes Kalb (Baal oder der ägyptische Apis?) errichtet und verehrt. Bei der Rückkehr vom Berg klassifiziert Mose das Kalb als unzulässiges Götzenbild (Monotheismus, 1. Gebot der Bibel im AT: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben) und vernichtet die Statue umgehend.

Die Bibel ist nicht sehr ausführlich, was Baal angeht. Jedoch scheint in dieser Phase aus der ugaritischen Trinität (Bull-El, Baal-Hadad und Yam) im Volk der Wechsel zum Glauben an den alles vereinenden biblischen Gott Yahweh vorgenommen worden zu sein. (Tatsächlich wohl im 7. Jahrhundert unter Joshija). In diesem Sinne werden auf Yahweh alle bekannten Attribute der Gottheiten um Baal-Haddad aus der Region Kanaan übertragen. In den älteren Textschichten trägt der eine Gott noch sämtliche Beischmückungen und Attribute der kanaanitisch-ugaritischen Gottheiten. „Herr der himmlischen Heerscharen“(=El), „Elohim“ (=El), „Zebaoth“ usw.

An späterer Stelle wird in der Bibel aber wiederum scharf abgegrenzt: Jahweh ist eben nicht im Gewitter, im Sturm oder im Erdbeben. Der biblische Gott ist in diesem Sinne also kein paganistischer oder animistischer Gott. Somit kann er auch nicht als eine einfache Summation der ugaritischen Natur-Götter gesehen werden. Er hat nur die Macht über die Natur, aber er ist nicht die Natur selbst.

Aufgrund des monotheistischen Modells des Yahweh-Kultes stellt man mitunter Bezüge zum ägyptischen Gott Aton des Pharaos Echnaton her. Der Yahweh-Kult kennt jedoch keinerlei Sonnenverehrung. Weit eher gibt es diesbezügliche Bezüge zu der Interpretation Amun-Ras zur Zeit der 18. Dynastie, da dieser damals bereits vor Echnaton als der einzige und wahre Urgrund aller Götter, die nichts als seine Gestalten darstellten, angesehen wurde. Er war „der Verborgene“, dessen Namen niemand aussprechen durfte, aber an den jedermann sich selbst zu wenden vermochte (was neu war).

Zwar gibt es nach der Revision des 7.Jahrhunderts noch die Namensähnlichkeit zwischen Yahweh und Yam, doch offenbar ist das und die Feindseligkeit mit Baal auch schon alles, was diese beiden Götter noch gemein haben.

„Die scharfe Auseinandersetzung der Jahwe-Religion mit der kanaanäischen, in der dieses Gottesprädikat besonders beliebt war, hat jedoch seine Ausscheidung aus dem israelitischen Sprachgebrauch zur Folge gehabt, und zwar bis zu dem Grade, daß nun auch die profane Verwendung des Wortes, etwa als ,Mann (Besitzer) eines Weibes‘, ‚Ehemann‘ verpönt wurde (Hos 2,18-19). So nimmt Baal die Bedeutung ,Götze‘ an, und in den häufigen Fällen, wo es im Plural, vielfach in Verbindung mit den ,Astarten‘ (Ri 10,6; 1Sam 7,4), vorkommt, kann ,Baale und Astarten‘ geradezu mit ,männliche und weibliche Götzen‘ wiedergegeben werden.“ (Lit.: RGG3-Artikel)

Die Degradierung Baals ging schließlich soweit, dass man biblisch den Baal mit dem Teufel selbst identifizierte. Baal-Zebaot, oder Baal Zebul der Philister wird zum Beelzebub.

Weitere Schutz- und Hauptgötter in der Region:

  • Baal war der Schutzgott der Kanaaniter,
  • Kemosch war der Schutzgott der Moabiter und deren Gebiet Moab,
  • Melkom gehörte zu den Ammonitern und deren Staat Ammon,
  • (Baal-)Hadad gehörte zu den Aramäern,
  • Melkart gehörte zu Tyros, (weiterhin waren Königsnamen auf Baal und Astarte bezogen)
  • Marduk war der Haupt-Gott von Babylon.

Es war damals typisch, dass der Schutzgott des jeweiligen Volkes alsbald über alle anderen Götter hervorgehoben wurde.

Dies wurde auch Yahweh zuteil, indem man ihn sogar mit El gleichsetzte. Ein gebräuchlicher Beiname von El war Elyon (der Höchste) und wird zum Beispiel so in den Psalmen verwendet, die Yahweh huldigen. Somit steht die Rolle und der Charakter des Gottes Yahweh sogar noch eher in der Tradition des Obergottes El (und weniger der von Baal), der sich wiederum vom sumerischen Gott Enki ableitet.

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. Klaus Koch in Die großen Religionen des Alten Orients und der Antike, Hrsgb. Emma-Brunner Traut, W.Kohlhammer Verlag 1992, S. 75
  2. Klaus Koch in Die großen Religionen des Alten Orients und der Antike, Hrsgb. Emma-Brunner Traut, W.Kohlhammer Verlag 1992, S. 75
  3. vgl. hierzu die Schilderung des ugaritischen Neujahrfests auf Keilschrifttafel KTU 1.41
  4. vgl. hierzu die Schilderung des ugaritischen Totenfests in den rapi'uma-Keilschrifttafeln KTU 1.114 und 1.20-22

Siehe auch

Literatur

Hauptquellen für diesen Artikel (Vorstellung des Pantheons):

  • André Caquot: An den Wurzeln der Bibel; in: Welt und Umwelt der Bibel, Heft 1, 2002, S. 37-42
  • Dirk Kinet: „Baal ließ seine Heilige Stimme erschallen …“ Der theologische Ertrag der religiösen Texte aus Ugarit; in: Welt und Umwelt der Bibel, Heft 1, 2002, S. 43-48
  • Thomas Staubli: Der Baal-Mythos (Der Mythos von Baal und Anat); in: Welt und Umwelt der Bibel, Heft 1, 2002, S. 49
  • Gabriele Theuer: Göttinnen in Ugarit – und im alten Testament?; in: Welt und Umwelt der Bibel, Heft 1, 2002, S. 50-53

weitere Literatur

  • Artikel Baal; in: RGG3 (Elektr.Resource); Berlin: Directmediapublishing, 2004; ISBN 3-89853-412-X
  • Sibylle von Reden: Ugarit und seine Welt; Bergisch-Gladbach: Gustav Lübbe, 1992; ISBN 3-7857-0634-0
  • Manfred Hutter: Religionen in der Umwelt des Alten Testaments; Stuttgart: W. Kohlhammer, 1996; ISBN 3-17-012041-7
  • Herbert Niehr: Religionen in Israels Umwelt; Würzburg: Echter: 1998; ISBN 3-429-01981-8
  • Beltz, Walter: Gott und die Götter, biblische Mythologie; Berlin-Weimar: Aufbau, 19906; ISBN 3-351-00976-3
  • Ranke-Graves: Hebräische Mythologie. Über die Schöpfungsgeschichte und andere Mythen aus dem Alten Testament; Reinbek: Rowohlt, 1994; ISBN 3-499-55411-9.
  • Stephen Herbert Langdon: The Mythology of All Races – Semitic, Bd 5; Boston: Marshall Jones Company, 1931
  • John Gray: The god Yaw in the Religion of Canaan; in: Journal of Near Eastern Studies; Chicago: University Press, 12 (1953); ISSN 0022-2968
  • T. H. Gaster: Myth, Mythology; in: Interpreter’s Dictionary of the Bible; Nashville Tenn.: Abingdon Press, 1962
  • Samuel Noah Kramer, John Maier: Myths of Enki, the Crafty God; New York; Oxford: Oxford University Press, 1989
  • Norman Cohn: Die Erwartung der Endzeit. Vom Ursprung der Apokalypse Übers. Peter Gillhofer & Hans-Ulrich Möhring. Insel, Frankfurt 1997 ISBN 3-458-16880-X (dt. Fassung von: Cosmos, Chaos and the World to Come. The Ancient Roots of Apocalyptic Faith Yale UP, New Haven u.a. 1993 ISBN 0-300-05598-6)
  • N. Wyatt: Religious Texts from Ugarit; Sheffield: Sheffield Academic Press, 1998; ISBN 1-85075-847-6
  • Simon B. Parker: Ugaritic Narrative Poetry; Atlanta: Society of Biblical Literature. Scholars Press, 1997; ISBN 0-7885-0336-7
  • Dennis Pardee: Ritual and Cult at Ugarit; Leiden: Brill, 2002; ISBN 90-04-12657-0

Weblinks


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