Niederfränkisch

Niederfränkisch
Verbreitung des Niederfränkischen inklusive des heute als Südniederfränkisch bezeichneten niederfränkisch-ripuarischen Übergangsbereich in Limburg. Der ripuarisch-basierte Dialekt von Kerkrade und Umgebung wird nicht dargestellt.
Deutsche Mundarten seit 1945 (das niederfränkische Sprachgebiet liegt oberhalb der maken-machen-Linie)

Niederfränkisch ist eine Sammelbezeichnung für eine Gruppe von Kontinental-Westgermanische Dialekten des westgermanischen Dialektkontinuums. Seine Mundarten werden in den Niederlanden, im nördlichen Belgien (Flandern), im nordöstlichen Gebiet Frankreichs, im westlichen Deutschland (Niederrhein), aber auch in Suriname, Südafrika und Namibia gesprochen.

Inhaltsverzeichnis

Begrenzung

Die genauen sprachlichen Grenzen sind heute umstritten. Historisch gesehen lag das Niederfränkische nördlich der Benrather Linie und westlich der Einheitsplurallinie, die an der IJssel verläuft und dort ziemlich genau mit der Grenze der zwei gelderischen Niederquartiere Arnheim und Nimwegen übereinstimmte. Doch heute ist diese Einheitspluralline so weit abgeschwächt, dass die Dialekte des Ost- und West-Veluws, die sich westlich der IJssel befinden, inzwischen dem Niedersächsischen zugerechnet werden.

Die Dialektgruppe ist im Südwesten durch den französischen Sprachraum begrenzt. Die Küstendialekte bilden dagegen den Übergang zum Friesischen und weisen insofern ein starkes friesisches Substrat auf, das nach Norden hin weiter zunimmt. Das Holländische weist das stärkste Substrat unter den niederfränkischen Dialekten auf, darunter am meisten das Stadtfriesische. Das Seeländische weist in seinem an Belgien grenzenden Küstengebiet ein starkes Substrat des Westflämischen auf.

Verbreitung

Das staatsübergreifende Hauptverbreitungsgebiet des Niederfränkischen liegt in den Niederlanden und in Belgien (Flandern); des Weiteren in der Region Dünkirchen in Frankreich und im nordwestlichen Rheinland in Deutschland.

Die niederfränkischen Dialekte Deutschlands werden wegen ihrer Ortslage auch als Niederrheinisch bezeichnet und die jeweiligen Ortsdialekte umgangssprachlich als „Platt”, wissenschaftlich meist „Ortsname-er Platt”. Sie werden heute als Übergangsdialekte zwischen dem Niederländischen auf der einen und dem Niederdeutschen auf der anderen Seite betrachtet.

Niederfränkisch unterscheidet sich von den übrigen fränkischen Dialekten durch die weitgehende fehlende zweite (oder hochdeutsche) Lautverschiebung. Breite dialektale Übergangsgebiete gibt es zum Ripuarischen, Niedersächsischen und zum Friesischen (siehe Dialektkontinuum). Nur im unmittelbaren Grenzgebiet zum Mittelfränkischen erscheint t häufig als z oder s.

Niederfränkische Dialekte werden heute noch vorwiegend in den Regionen westlich von Rhein und IJssel in den Niederlanden, im flämischen Teil Belgiens, aber auch am Niederrhein in Deutschland gesprochen. Am stärksten sind die niederfränkischen Dialekte noch bei den Flamen verbreitet.

Gliederung

Niederfränkische Varietäten verändern sich aufgrund des bis heute bestehenden Dialektkontinuums ständig. Durch den Einfluss der jeweilige Dachsprache in Deutschland (Deutsch) und in den Niederlanden (Niederländisch) sind die örtlichen Mundarten in ihrer dialektalen Ausprägung stark bedrängt und die Zahl der muttersprachlichen niederfränkischen Dialektsprecher verringert sich von Generation zu Generation.

Hinzu kommt, dass die verschiedenen niederfränkischen Ortsdialekte in den Niederlanden sich weniger ausgeprägt vom Standard-Niederländischen unterscheiden, als beispielsweise die niedersächsischen oder die friesischen Mundarten in den Niederlanden und daher einem stärkeren Verdrängungsdruck durch die niederländische Dachsprache unterliegen.

Zum Niederfränkischen zählt man heute die folgenden Varietäten, von denen zwei den Status von National- und Schriftsprachen haben:

  • Afrikaans (in Südafrika und Namibia)
  • Negerholländisch (kreolisiertes Niederländisch, das zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert auf den westindischen Jungferninseln St. Thomas und St. Jan gesprochen wurde.)
  • Ceylon Dutch (kreolisiertes Niederländisch, das zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert auf dem heutigen Sri Lanka gesprochen wurde. Gilt auf der Insel seit 1907 als ausgestorben.)

Von ihrer Herkunft her müssten aber auch Teile deutscher Mundarten zum Niederfränkischen gerechnet werden:

  • Kleverländisch, das lange Zeit dem Niederländischen ausgesetzt war.
  • Verschiedene Bergische Dialekte, die durch die sogenannte „Kölner Expansion“ stark dem Ripuarischen ausgesetzt waren und damit heute zwischen dem Ripuarischen und dem eigentlichen Niederfränkischen stehen.

Eine genauere Beschreibung des Niederrheinischen erfolgt im nächsten Abschnitt.

Niederrheinisch

Niederfränkische Dialekte begegnen uns auch in Deutschland. Diese befinden sich in Nordrhein-Westfalen. Und zwar beiderseits des unteren Niederrheins, westlich der niedersächsisch-niederfränkischen Dialektscheide. Das ist eine Linie, die etwa westlich von BocholtEssenWuppertal-BarmenWipperfürth verläuft und nördlich der sogenannten Uerdinger Linie, der nördlichsten Linie des Rheinischen Fächers, die im Norden von Krefeld-Uerdingen den Rhein überschreitet. Ferner gehören auch die ostbergischen Dialekte (Velbert-Langenberg, Wuppertal-Elberfeld, Gummersbach) dazu.

Die letzteren liegen in einem schmalen Streifen östlich dieser Uerdinger Linie, die, nachdem sie den südlichsten Stadtbezirk Duisburgs durchschreitet, in süd-östlicher Richtung weiter verläuft, und in der Nähe von Wipperfürth auf die Benrather Linie trifft und zusammen mit dieser in ihrem weiteren Verlauf Richtung Osten die Grenze zwischen den niederdeutschen und hochdeutschen Mundarten markiert. Als Sprachgrenze zum Westfälischen, das zur niedersächsischen Dialektgruppe gehört, gilt die sich nach Norden abschwächende Einheitsplurallinie.

Der so abgegrenzte niederrheinische und ostbergische Bereich wird in der jüngeren Dialektgeografie zuweilen auch mit dem Namen Kleverländisch bezeichnet.

Das sogenannte „niederfränkische Übergangsgebiet” zwischen der Uerdinger und der Benrather Linie weist sowohl mittel- als auch niederfränkische und an der westfälischen Grenze bereits niedersächsische Eigenheiten auf:

Einordnung des Niederfränkischen

Beim Niederfränkischen handelt es sich um eine Familie eng verwandter westgermanischer Dialekte. Ordnet man die Dialekte einer Dachsprache zu, ist dies bei den niederfränkischen Mundarten das Niederländische. Aus niederfränkischen Mundarten sind Niederländisch und das in Südafrika verbreitete Afrikaans entstanden.

In der früheren Sprachwissenschaft war es üblich, unter Verabsolutierung des Merkmals der fehlenden hochdeutschen Lautverschiebung das Niederfränkische als einen Zweig des Niederdeutschen zu betrachten, gemäß der Stammbaumtheorie von August Schleicher. So wurden die in Deutschland beheimateten ostniederfränkischen Dialekte, wie z.B. das Kleverländische, demzufolge manchmal noch als „niederdeutsche Dialekte“ bezeichnet. Heute gilt diese Stammbaumtheorie bei renommierten Germanisten allerdings vielfach als veraltet und wird im Wesentlichen nur noch in der teilwissenschaftlichen Sekundärliteratur vertreten und verwendet.

Sprachhistorisch betrachtet gehen die niederfränkischen Mundarten auf die alten Dialekte der Salfranken zurück, deren Dialekte während des Mittelalters in unterschiedlichem Maße von der fortschreitenden hochdeutschen Lautverschiebung beeinflusst und ausdifferenziert wurden. Somit gliederte sich das ehedem einheitliche fränkische Sprachgebiet in Niederfränkisch, Ripuarisch (dazu gehört das Kölsche) und Moselfränkisch. Die weiter südlich gelegenen rheinfränkischen und süd-/ostfränkischen Mundarten wurden stark vom Alemannischen beziehungsweise Bairischen beeinflusst und haben ihren sprachlichen Charakter noch wesentlich stärker verändert.

Die niederfränkischen Dialekte sind im Gegensatz zum Ripuarischen um Köln, Bonn, Aachen und (zu einem geringeren Teil) im südlichen Bergischen Land nicht oder nur teilweise von der hochdeutschen Lautverschiebung erfasst worden, weshalb sie heute weitgehend denselben Lautstand aufweisen wie das Niedersächsische und das Niederländische.

Das „Düsseldorfer Platt" zeigt neben einigen angrenzenden (süd)niederfränkischen Dialektvarianten geringfügige hochdeutsche Einflüsse („t" am Wortanfang wird zu „z" verschoben; z.B.: „zwei" statt üblicherweise „twee"; „p" und „k" im Wortinneren bleiben auch nur teilweise unverschoben; z.B.: „lope" = laufen, „make" = machen, was auf den Einfluss über den Rhein gekommener Handelsreisender zurückgeführt werden kann). Somit unterscheiden sich die von der Struktur her doch so ähnlichen rheinischen Dialekte um Köln und Düsseldorf erheblich im Lautstand.

Die Dialekte von Mönchengladbach und eines Teils seiner Umgebung sind relativ stark ripuarisch beeinflusst. Sagt man beispielsweise im Kleverländischen und im Niederdeutschen „hebbe(n)“ oder „höbbe(n)“ für haben, heißt es dort, wie im mittelfränkischen „han“.[1] Das Ostbergische weist in Langenberg sowohl die Formen „han“ und „häw(we)“ auf, je nachdem auf welcher Seite des Deilbachs es sich befindet.

Das Kleverländische, das Ostbergische, sowie das Südniederfränkische (Limburgisch in Deutschland) werden oftmals auch als „niederländische Mundarten" bezeichnet, da der sprachliche Abstand zur hochdeutschen Standardsprache (Deutsch) wesentlich ausgeprägter ist als zum Niederländischen.

Sprachgeschichte

Einige der niederfränkischen Dialekte, besonders Holländisch und Brabantisch, haben die niederländische und flämische Schriftsprache entscheidend geprägt.

Die ursprünglichen niederfränkischen Dialekte wurden oder werden aufgrund der zunehmenden Mobilität der Menschen von regionalen Varianten der Standardsprache verdrängt. Wie gesagt, ist in Deutschland der sprachliche Unterschied des „niederfränkischen" Platt zur hochdeutschen Schriftsprache größer als zum Niederländischen, was wiederum die Mundarten insbesondere im niederländischen Sprachraum „verwässert".

Im Zuge der Ostsiedlung ab dem ausgehenden Mittelalter gelangten auch niederfränkische, genauer gesagt niederländische Mundarteinflüsse, ins Ostniederdeutsche, besonders ins Märkisch-Brandenburgische, weil viele Altsiedler aus Flandern zuzogen. Diese wurden in seltenen Einzelfällen später wieder in die umgekehrte Richtung mitgenommen, so entstand zum Beispiel das Hötter Platt. [2]

Siehe auch

Literatur

  • Arend Mihm: Sprache und Geschichte am unteren Niederrhein. In: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 115, 1992, ISSN 0083-5617, S. 88–122.
  • Arend Mihm: Rheinmaasländische Sprachgeschichte von 1500 bis 1650. In: Jürgen Macha, Elmar Neuss, Robert Peters (Hrsg.): Rheinisch-Westfälische Sprachgeschichte. Böhlau, Köln u. a. 2000, ISBN 3-412-06000-3, (Niederdeutsche Studien 46), S. 139–164.

Einzelnachweise

  1. Vgl. hierzu: Kurt-Wilhelm Graf Laufs: Niederfränkisch-Niederrheinische Grammatik - für das Land an Rhein und Maas. Seite 6. Niederrheinisches Institut, Mönchengladbach, 1995. ISBN 3-9804360-1-2
  2. Peter Honnen, Cornelia Forstreuter: Sprachinseln im Rheinland. Eine Dokumentation des Pfälzer Dialekts am unteren Niederrhein und des „Hötter Platt“ in Düsseldorf-Gerresheim. — „Rheinische Mundarten“, Band 7, Rheinland-Verlag, Köln 1994. Mit einer CD. ISBN 3-7927-1456-6

Weblinks


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