Fränkische Sprachen

Fränkische Sprachen

Fränkische Sprachen ist ein Sammelbegriff für die westgermanischen Sprachen und Dialekte, die ihren Ursprung im Osten des Fränkischen Reiches haben.

Dazu zählen:

  1. Die Niederländische Sprache und Afrikaans; niederfränkische Mundarten, z. B. Rheinmaasländisch);
  2. Mundarten (Dialekte) des Westmitteldeutschen; Siebenbürgisch-Sächsisch
  3. Ostfränkische und südfränkische Mundarten (Dialekte) - im Übergangsbereich vom mitteldeutschen zum oberdeutschen Sprachgebiet.

Unter Sprachwissenschaftlern gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, ob und inwieweit die fränkischen Sprachen und Mundarten tatsächlich eine Sprachfamilie darstellen. Dazu müsste in sprachvergleichenden Untersuchungen der – bis jetzt fehlende – Nachweis gelingen, dass sich die heutigen fränkischen Mundarten sprachgeschichtlich aus einem ursprünglichen Fränkisch entwickelt haben (siehe unter Franken (Volk)).

Verbreitung der Fränkischen Sprachen und Dialekte im niederländischen und niederdeutschen (gelb), mitteldeutschen (grün) und oberdeutschen (blau) Sprachraum

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Manche fränkischen Mundarten gehen vielleicht auf salfränkische Dialekte des frühen Mittelalters zurück. Am ursprünglichsten zeigt sich das altfränkische Sprachgut noch in den niederfränkischen und mittelfränkischen (Ripuarisch, Moselfränkisch) Mundarten. Das weiter südlich gesprochene Rheinfränkisch sowie die oberdeutschen fränkischen Dialekte (Süd-, Ostfränkisch) gerieten unter den starken Einfluss alemannischer und, im Falle des Ostfränkischen, bairischer Dialekte. Sie haben mehr Gemeinsamkeiten mit den südlichen Nachbarmundarten als mit den ursprünglichen fränkischen Idiomen an Mittel- und Niederrhein, und werden deshalb mit jenen auch zu den oberdeutschen Dialekten zusammengefasst. Dies dürfte allerdings auch daran liegen, dass diese Regionen vor der fränkischen Eroberung und Kolonisierung von alemannischen und bairischen Siedlern, aber auch anderen Überbleibseln der Völkerwanderung besiedelt worden waren, die im Rahmen der Eingliederung ins Fränkische Reich nicht einfach vertrieben, sondern in dieses integriert wurden, wodurch sich die oberdeutschen Mischdialekte der fränkischen Neusiedler und der unterworfenen Altsiedler elbgermanisch-suebischer Herkunft gebildet haben dürften.

Das große Ausbreitungsgebiet der fränkischen Mundarten zeigt die Bedeutung des Fränkischen für die Herausbildung einer gemeinsamen deutschen Verkehrssprache. Unter der Herrschaft der Franken bildete sich das mittelalterliche deutsche Staatswesen heraus, es entstanden Kanzlei- und Ausgleichssprachen zwischen den verschiedenen Stammesterritorien. Die Franken waren es auch, die sämtliche im (ost)fränkischen Reichsgebiet siedelnden westgermanischen Großstämme einten und somit den Grundstein für die Herausbildung eines gemeinsamen deutschen Volkes legten. Die anderen im heutigen deutschen Sprachgebiet siedelnden germanischen Stämme, die Sachsen (Alt-, heute Niedersachsen, nicht jedoch die Bewohner im gleichnamigen Bundesland), Baiern (oder Bajuwaren), Alemannen (früher einheitlich Schwaben/Sueben), Hessen und Thüringer (deren ursprüngliche Sprachen weitgehend verlorengingen) übernahmen strukturgebende Elemente aus der fränkischen Sprache und beeinflussten das Fränkische rückwirkend weit über seine Randgebiete hinaus.

Durch die Entstehung diverser Mischmundarten verlor das Fränkische seine Einheitlichkeit. Die seit dem 6. Jahrhundert von Süden her vordringende Hochdeutsche Lautverschiebung hob aus dem zuvor einheitlichen Sprachraum verschiedene Dialektregionen mit unterschiedlichem Lautstand heraus. Das führte zu einer Auffächerung fränkischer Mundarten in niederdeutsche, mitteldeutsche und oberdeutsche Varianten. Diese Einteilung, insbesondere die zwischen Mitteldeutsch und Niederdeutsch, sagt jedoch nichts über das Verwandtschaftsverhältnis der jeweiligen Mundarten im Grenzgebiet aus. Diese Gliederung folgt rein lauttechnischen Gesichtspunkten, während der Wortschatz in den mittel- und niederfränkischen Dialekten noch heute weitgehend übereinstimmt.

Die Unterscheidung der fränkischen Idiome nach dem Lautstand bzw. dem Grad des Vordringens der 2. Lautverschiebung führte zu einer allgemein akzeptierten Grobeinteilung (Rheinischer Fächer). Dennoch fällt die Grenzziehung schwer, weil im Übergangsgebiet zwischen Mittel- und Oberdeutsch bzw. Mittel- und Niederdeutsch oft mehrere Lautvarianten in ein und derselben Gegend parallel verwendet werden.

Z. B.: mitteldt. „Pund“ / oberdt. „Pfund“, mitteldt. „loffe“ (laufen) / niederdt. „lope“, mitteldt. „losse“ (lassen) / niederdt. „late“

Gliederung fränkischer Sprachen, Dialekte und Mundarten

Eine Besonderheit des Fränkischen ist, dass sich seine Dialekte über den gesamten nieder-, mittel- und oberdeutschen Sprachraum erstrecken:

Fränkisch im Niederdeutschen: Niederfränkisch

Das Niederfränkische hat die deutsche Lautverschiebung nicht mitgemacht – es wird deshalb zu den niederdeutschen Mundarten gezählt. Nur im unmittelbaren Grenzgebiet zum Mittelfränkischen erscheint t häufig als z oder s.

Fränkisch im Mitteldeutschen: Westmitteldeutsche Sprachen

Im Mittelfränkischen ist die deutsche Lautverschiebung noch nicht so weit fortgeschritten wie im Rheinfränkischen. t und k am Wortende (z. B. „wat“ / was, „ik“ / ich) sowie p am Wortanfang und -ende (z. B. „pan“ / Pfanne, „op“ / auf) bleiben unverschoben. Schriftdeutsches „vorderes“ ch (/ç/) wird anderweitig fast im gesamten Rheinland als ʃ („sch“) ausgesprochen (Mittel- und Rheinfränkisch, Südniederfränkisch)

Das Rheinfränkische hat die deutsche Konsonantenverschiebung fast im selben Maße wie das Standarddeutsche mitgemacht. Nur p am Wortanfang bleibt unverschoben (z. B.: „Pund“ / Pfund, „Peffer“ / Pfeffer). Typisch für das Pfälzische und seine Nachbarmundarten ist das (alemannische) š vor Konsonanten am Wortende („fascht“, „Poscht“, „Kaschte[n]“). Es tritt auch im Südfränkischen auf.

Ostfränkisch und Südfränkisch

  • Ostfränkisch ist aus der Verschmelzung fränkischer, thüringischer und bairischer Dialekte entstanden; die Stämme trafen im Maingebiet aufeinander und besiedelten das Hinterland gemeinschaftlich. Ostfränkisch spricht man im fränkischen Landesteil Bayerns, also im Wesentlichen in den Regierungsbezirken Ober-, Mittel- und Unterfranken; die Grenze zum Bairischen bilden Fichtelgebirge, Altmühl und die südliche und mittlere Fränkische Alb. Die Grenze zum Hessischen verläuft durch den Spessart. In Baden-Württemberg spricht man es im Hohenloher Land um Crailsheim und Künzelsau sowie im Taubergrund um Tauberbischofsheim und Wertheim. Ostfränkische Mundarten spricht man überdies in ganz Südthüringen (Thüringen südlich des Rennsteigs), in der südlichen Rhön, auch auf der hessischen Seite und im sächsischen Vogtland und Erzgebirge. Das Ostfränkische wird heute umgangssprachlich schlicht als „Fränkisch“ bezeichnet. Es gibt jedoch keinen einheitlichen „fränkischen“ (ostfränkischen) Dialekt, bestimmte Begriffe werden oft von Ort zu Ort sehr unterschiedlich bezeichnet. Beispiel: Madla (Nürnberg), Madli (Fürth), Meula (Alfeld bei Hersbruck) für Mädchen – das alles im Umkreis von rund 30 km.
  • Südfränkisch ist eine Gruppe uneinheitlicher Übergangsdialekte des nördlichen Baden-Württemberg, im Grenzgebiet zwischen ober- und mitteldeutschem Sprachraum. Sie entstanden im Spannungsfeld zwischen Schwäbisch-Alemannisch, Rheinfränkisch und Ostfränkisch. Die diversen Idiome sind räumlich eng begrenzt und werden um die Zentren Karlsruhe, Pforzheim und Heilbronn sowie im Kraichgau gesprochen. Im Enztal südlich von Pforzheim, wo Fränkisch und Schwäbisch aufeinander stoßen, spricht man Enztalfränkisch oder Enztalschwäbisch (beide Bezeichnungen sind üblich). Ursprünglich war dieses Gebiet ganz fränkisch und Teil des frühmittelalterlichen Herzogtums Franken. Die Dialekte rund um Mosbach und Buchen werden ebenfalls der südfränkischen Gruppe zugerechnet; die Grenze zum Kurpfälzischen ist nicht genau definiert.

Süd- und Ostfränkisch haben die deutsche Lautverschiebung (Konsonantenverschiebung) im selben Maße mitgemacht wie das Standarddeutsche und werden daher zu dem oberdeutschen Mundarten gerechnet, mit der Ausnahme des Konsonanten „b“, der im Südfränkischen noch als „w“ erhalten ist (haben= hawwe; hinüber= ’niewer; schreiben= schreiwe). Vom Vokalstand her sind sie zwar (in der Regel) mitteldeutsch, zeigen jedoch in den Randgebieten ansatzweise Vokaldiphtongierung.

Literatur

  • S. Hughes: Bilingualism in North-East France with specific reference to Rhenish Franconian spoken by Moselle Cross-border (or frontier) workers [1]
  • Horst Haider Munske, Robert Hinderling u.a. (Hrsg.): Bayerischer Sprachatlas. 6 Regionalteile. Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben, Sprachatlas von Mittelfranken, Sprachatlas von Unterfranken, Sprachatlas von Nordostbayern, Sprachatlas von Niederbayern, Sprachatlas von Oberbayern. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996 ff.
  • Wörterbuch von Mittelfranken. Eine Bestandsaufnahme aus den Erhebungen des Sprachatlas von Mittelfranken. Zusammengestellt von Gunther Schunk, Alfred Klepsch, Horst Haider Munske, Karin Rädle und Sibylle Reichel. Würzburg: Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, 218 S., ISBN 3-8260-1865-6; 2. durchges. Auflage, Würzburg, 2001
  • Handwörterbuch von Bayerisch-Franken (HWBF). Kurzes Auswahlwörterbuch der Dialekte, die in den Regierungsbezirken Oberfranken, Mittelfranken und Unterfranken des deutschen Bundeslandes Bayern gesprochen werden. von Alfred Klepsch (Autor), Eberhard Wagner (Autor). Verlag Fraenkischer Tag GmbH., Bayreuth 2007, 640 S., ISBN 978-3936897524. 3. unveränderte Auflage
  • Sprachatlas von Mittelfranken. Hrsg. von Horst Haider Munske und Alfred Klepsch. Bd 1. Einführung. Von Alfred Klepsch unter Mitarbeit von S. Reichel, S. Arzberger, T. Heyse, A. Mang, H.H. Munske, K. Rädle, S. Rigoll, G. Rost, C. Rudisch und C. Schlichte. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 2003. ISBN 3-8253-1422-7
  • Sprachatlas von Mittelfranken. Hrsg. von Horst Haider Munske und Alfred Klepsch. Bd 2.1 Mittelhochdeutsche Langvokale und Diphthonge. Karten und Kommentare. Bd 2.2 Beleglisten. Von S. Arzberger, A. Klepsch, A. Mang, K. Rädle, S. Reichel, S. Rigoll, G. Rost und C. Rudisch. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 2004. ISBN 3-8253-1422-7

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